Alice Horáčkovás „Geteiltes Haus“: Dort nicht mehr zu Hause, hier nicht angekommen
Zwei Freundinnen, ein Dorf im Riesengebirge und eine Herkunft, die über das Bleiben entscheidet: Alice Horáčkovás Roman „Geteiltes Haus“ führt in eine deutsch-tschechische Lebenswelt, deren Verbindungen Krieg und Nationalismus zerreißen. Im Mittelpunkt stehen der Verlust der Heimat – und die Erfahrung, auch unter vermeintlich Gleichen fremd zu sein.
Anežka schreibt einen Brief. Sie lebt nun in Bayern, in einem kleinen Zimmer, und zählt auf, was ihr fehlt: ein Kissen, ein Federbett, eine Tasse. Ihre Freundin Zdenka ist in Benetzko geblieben. Zwischen ihnen liegen eine Grenze und die Frage, wie es so weit kommen konnte. Die ausgewiesene Deutsche begegnet in Deutschland keiner selbstverständlichen Zugehörigkeit. Dort gilt sie als „Böhmacke“. Die gemeinsame Sprache genügt offenbar nicht.
Heimat kann man verlassen müssen, lange bevor man aufhört, dort zu Hause zu sein. Anežka ist unter Deutschen und bleibt eine Fremde. Die Herkunft, die sie aus Benetzko ausschließt, verschafft ihr in Bayern noch keinen Platz. Dort nicht mehr zu Hause, hier nicht angekommen: Dazwischen liegt ein Leben, das sich mit einem neuen Wohnort nicht einfach neu beginnen lässt.
Zwei Freundinnen und die Grenzen der Zugehörigkeit
Horáčková erzählt von Zdenka und Anežka, die in Benetzko im Riesengebirge aufwachsen, die eine tschechisch, die andere deutsch. Man kennt sich, heiratet, arbeitet und streitet miteinander. Die nationale Zugehörigkeit verschwindet darüber keineswegs; sie wird bei Volkszählungen abgefragt, beim Schulbau verteidigt und selbst in einem Streit um einen Hund namens Masaryk verhandelt. Das gemeinsame Leben enthält die Gegensätze, an denen es später zerbrechen wird.
Die Freundinnen werden auch Schwägerinnen. Anežka heiratet Hans Hollmann, Zdenka dessen Bruder Vinzenz. In der Darstellung des tschechischen Originalverlags Argo verbinden sich persönliche Wünsche, Geld und familiäre Interessen mit der politischen Entwicklung. Beide Brüder treten später der NSDAP bei. Vinzenz handelt aus Überzeugung; Hans nutzt die Verhältnisse, um eine jüdische Textilfabrik zu erwerben. Verwandtschaft schützt hier weder vor Gegensätzen noch vor Beteiligung an Verbrechen.
Das Wort Heimat verführt dazu, die Vergangenheit nachträglich aufzuräumen. Zurück bleiben die Häuser, die Landschaft und die Menschen, die man vermisst. Die Angst am eigenen Küchentisch gerät leichter aus dem Blick. Doch der Verlust macht das frühere Leben nicht unschuldig, und dessen Härte macht den Verlust nicht weniger schmerzhaft.
Auch ein hartes Zuhause kann fehlen
Bereits die frühen Familienszenen verweigern eine ungetrübte Dorfidylle. Kinder sollen ihren Vater aus dem Wirtshaus holen. Albert ignoriert sie, stößt seine Frau weg und folgt schließlich seiner Mutter. Beim anschließenden Essen schlägt er Emil; später greift er nach einer Eisenkette. Der Humor der Wirtshausszene steht unmittelbar neben einer familiären Gewaltordnung.
Ein Mensch muss sein früheres Leben nicht für glücklich halten, um dessen Verlust zu empfinden. Vertrautheit entsteht auch unter schwierigen Bedingungen: Man kennt die Stimmen, die Erwartungen, die Wege und die Menschen, denen man besser ausweicht. Schon bei den Hollmanns verteilt sich die Freiheit höchst ungleich. Albert beansprucht das letzte Wort, während Amalie für die Versorgung der Kinder einstehen muss. Wer ein Haus zusammenhält, ist darin noch lange nicht frei. Gerade deshalb wäre es zu einfach, Heimat nur als einen Ort der Geborgenheit zu beschreiben.
Wenn Herkunft über das Bleiben entscheidet
Mit dem Ende der Habsburgermonarchie und der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ändern sich die staatlichen Verhältnisse. Deutsch-tschechische Konflikte bestehen neben Versuchen politischer Zusammenarbeit. In den dreißiger Jahren gewinnt die Sudetendeutsche Partei an Einfluss und wird zum Instrument Hitlers. Auf das Münchner Abkommen 1938 folgen die Besetzung der abgetretenen Grenzgebiete, Verfolgung und erzwungene Flucht. Nach dem Krieg werden die meisten Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die vertrauten Orte bleiben bestehen, während für viele ihrer Bewohner das Recht erlischt, dort weiterzuleben.
Die nationalsozialistischen Verbrechen und das Leid der später Vertriebenen gehören zu dieser Geschichte, ohne einander aufzuheben. Herkunft allein sagt nichts über die Schuld eines Menschen aus; ein erlittener Verlust wiederum beantwortet nicht die Frage nach seiner Verantwortung. Innerhalb einer Familie können die Antworten weit auseinanderliegen.
Benetzko bleibt der Ort, auf den sich Anežkas Sehnsucht richtet. Zdenka ist noch dort, die gemeinsame Vergangenheit lässt sich im Brief aufrufen; zugänglich wird sie dadurch nicht wieder. Ein Ort kann auf der Landkarte unverändert vorhanden und für den Menschen, der ihn verlassen musste, dennoch verloren sein. Die Entfernung lässt sich messen. Was zwischen dem früheren Zuhause und dem neuen Leben liegt, kaum.
Ein Dorf in kurzen Kapiteln
Horáčková setzt schon am Anfang kurze Kapitel nebeneinander und wechselt zwischen den Figuren. Zdenkas Geburt, Vinzenz’ Bild von sich selbst und der Alltag der Hollmanns führen in dieselbe Lebenswelt, ohne sie aus einer einzigen Perspektive zu erzählen. Das Dorf entsteht aus benachbarten Erfahrungen. Nähe bedeutet dabei keineswegs, dass alle dasselbe sehen oder voneinander dasselbe wissen.
Die Bewegung zwischen den Figuren passt zu einer Geschichte, in der Zugehörigkeit innerhalb derselben Familie unterschiedlich ausfällt. Sie lenkt den Blick auf die Beziehungen: Wer ist mit wem verbunden, wer verfügt über wen, wer kann sich entziehen? Auch der Heimatverlust erhält dadurch verschiedene Bedeutungen. Für die eine bleibt ein vertrauter Mensch erreichbar, für die andere nur seine Adresse. Der Brief zwischen Anežka und Zdenka hält diese ungleiche Nähe fest.
Familiengeschichte gegen das Vergessen
Horáčkovás Roman hat einen familiären Ausgangspunkt. Erinnerungen, Fotografien, Zeitungen und Archivfunde bilden seine Materialgrundlage. Die tschechische Originalausgabe „Rozpůlený dům“ erschien 2022; die deutsche Übersetzung von Sophia Marzolff liegt seit August 2026 vor.
Tschechien ist vom 7. bis 11. Oktober 2026 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Horáčkovás Familiengeschichte führt dabei zu einer Vergangenheit, die sich durch nationale Zuordnungen nur unzureichend erzählen lässt. Wer durfte bleiben, wer musste gehen, und was wusste man später noch voneinander? Die Fragen reichen über das Ende eines Krieges hinaus.
Anežkas Brief erreicht die Freundin. Eine Verbindung besteht noch. Ein Brief kann über die Grenze gelangen; ob ein Mensch ihr folgen darf, ist eine andere Frage.
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