Geht man heutzutage auswärts essen, kommt man nicht umhin, die Tischgespräche anderer Menschen anzuhören. Nicht, weil man diese klandestin belauscht, sondern weil die Leute an den Nachbartischen – in der Regel die vielfach beschriebenen und viel zitierten alten weißen Männer – einem ihre Gedankengänge in entsprechender Lautstärke quasi aufzwingen. Geschimpft und gehetzt wird bei Tisch zur warmen Mahlzeit gegen Asylanten (das neutralere Wort Flüchtling wird nie verwendet), gegen die Bundesregierung oder die Politik im Allgemeinen, gegen die Ukraine („Das ist nicht unser Krieg!“) und natürlich auch gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien mit all den Zumutungen, die dieser mit sich bringt („Verspargelung der Landschaft durch Windräder!“). Der menschengemachte Klimawandel wird in Frage gestellt, wenn nicht gar geleugnet („Heißzeiten gab es schon immer!“), der elitengesteuerte Große Bevölkerungsaustausch emsig erörtert, naive Gutmenschen werden geschmäht (Grüne, Linke, Flüchtlingshelfer). Diese zornigen alten weißen Männer, die so oder ganz ähnlich reden, rechnen sich selbst der politischen Mitte oder der schweigenden Mehrheit zu (obwohl sie ja gar nicht schweigen, sondern so laut reden, dass es vor ihren wirren Gedanken kein Entrinnen gibt). Die einzige Partei, die diese angeblich mittigen Bürger jetzt noch ernst nehmen und wählen wollen, ist die selbsternannte Alternative, die die Narrative und Stereotype der alten weißen Männer eins zu eins bedient. Stolz wird verkündet, bereits einen Aufnahmeantrag bei der A-EF-DE gestellt zu haben.
Im prahlerischen Tonfall, damit es auch ja jeder mitbekommt („Das wird man wohl noch sagen dürfen!“), bekennen sich diese Mitte-Spießer zu einem deutschen Vaterland, das nur Ihresgleichen einschließt und alles Ausländische, Jüdische und Queere radikal ausgrenzt. Beschworen wird häufig die Republik zu Zeiten Adenauers, als angeblich noch jede und jeder wusste, wo sein Platz war (der Platz der Frauen war damals brav der Herd), es noch keine lästigen Genderdiskussionen („Gender Gaga“) und feministischen Aufschreie gab und man es mit der Aufarbeitung der Hitler-Jahre noch nicht so ernst nahm. Ach, was waren das für goldene, was waren das für rosige Zeiten!
Worüber diese alten zornigen weißen Männer in ihren bequemen Stühlen und der wohligen Wärme des Gastraums nie debattieren: Dass die Flüchtlinge meist vor Krieg und Terror fliehen, der nur allzu oft auch von deutschen Waffen befeuert wird; dass ihr eigener ignoranter und verschwenderischer Lebensstil dazu beiträgt, dass sich die Erde immer stärker erwärmt und die Menschen im Globalen Süden schlicht keinen lebenswerten Lebensraum mehr haben; dass ihre heiß-und-innig geliebte A-EF-DE, ihre vermeintlich völkischen Retter, in weiten Teilen offen rechtsextrem ist, sie also wissentlich Nazis wählen; dass sie zudem eine Partei wählen, die ein neoliberales Wirtschaftsprogramm hat und zum Beispiel gegen den Mindestlohn agitiert, wodurch sie dem sogenannten „kleinen Mann“ erheblich schaden würde; dass überhaupt der Kapitalismus und unser westlicher Wachstumsfetisch Kern allen Übels sind; etc. pp.
All das denkt man sich als aufgeklärter, vernünftiger Demokrat, zahlt, steht auf, geht – und lässt die alten weißen Männer weiterschimpfen. Bis zum nächsten Mal, denkt man sich, dann werde ich ganz sicher widersprechen! Ja, ganz sicher!