Eine Frau bleibt in einer unterirdischen Mall in Taipei stehen. Eigentlich gibt es keinen Grund dafür. Menschen drängen vorbei, Regenschirme tropfen auf glatte Kacheln, Geschäfte und Imbisse reihen sich aneinander. Über allem das Licht der Displays. Auf einem davon sitzt eine Frau. Überlebensgroß, hell erleuchtet. Novana braucht einige Sekunden, bis sie erkennt, wen sie dort sieht.
Es ist ihre Mutter.
Achtzehn Jahre zuvor hat March ihre Tochter in Deutschland zurückgelassen. Nun begegnet Novana ihr nicht auf einer Straße, nicht an einer Haustür und auch nicht zufällig in einem Café. Sie begegnet zunächst einem Bild von ihr. Die private Abwesenheit der Mutter ist öffentlicher Sichtbarkeit gewichen.
Mit dieser Szene beginnt Leh-Wei Liaos Debütroman „Glaszeit“, der am 19. August 2026 erscheint und bereits für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 nominiert ist. Es ist ein Roman über eine Mutter und ihre Tochter, über eine neue Liebe, Medizin und Kunst, über Taipei und die politische Gefährdung Taiwans. Vor allem aber zeichnet sich schon in den vorliegenden Passagen eine Frage ab: Was bedeutet es, einen Menschen wirklich zu sehen?
Eine Ärztin, die Distanz gelernt hat
Novana ist Kinderärztin und arbeitet auf einer Neugeborenen-Intensivstation in Taipei. Sie versorgt Frühgeborene, die in Inkubatoren liegen und teilweise nicht selbstständig atmen können. Als der Roman einsetzt, hat sie bereits Entscheidungen getroffen, die nach Neuanfang klingen: Sie hat sich von ihrem langjährigen Partner getrennt und Deutschland verlassen.
Doch Neuanfänge haben die lästige Eigenschaft, dass die Vergangenheit gelegentlich mitreist.
Novana hat früh gelernt, Extremsituationen mit Distanz zu begegnen. In ihrem Beruf ist diese Fähigkeit nützlich. Die Ärztin muss beobachten, entscheiden und handeln können, während vor ihr ein winziger Körper um elementare Funktionen kämpft. Privat bekommt dieselbe Distanz eine andere Bedeutung. Denn Novana ist selbst ein verlassenes Kind.
Der Romananfang macht daraus zunächst keine psychologische Erklärung. Liao arbeitet mit Wahrnehmung und Körpergedächtnis. Als Novana March auf dem Display erkennt, zerfällt die Gegenwart in kurze Erinnerungsschübe. „Ich bin drei. Ich bin sechs. Ich bin acht.“ Gerüche, Berührungen, Farben und Atemnot kehren zurück. Die Vergangenheit wird nicht ordentlich erzählt. Sie fällt ein.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
March, die verschwundene Mutter
March ist taiwanische Künstlerin. Sie hat Novana allein großgezogen und sie schließlich verlassen. Besonders konfliktträchtig ist, was danach geschieht: March macht den Akt des Verlassens zum Gegenstand ihrer Kunst.
Damit entsteht ein Machtverhältnis, das über einen gewöhnlichen Mutter-Tochter-Konflikt hinausweist. Wer darf eine gemeinsame Verletzung erzählen? Wem gehört die Erinnerung daran? Und was geschieht, wenn die Person, die gegangen ist, aus diesem Fortgehen Kunst macht?
Dass Novana ihre Mutter zunächst als öffentlich ausgestelltes Bild wiedersieht, bekommt vor diesem Hintergrund besonderes Gewicht. March war für die Tochter unsichtbar geworden und ist nun kaum zu übersehen.
Liao interessiert sich nach eigener Aussage für das Sehen und Gesehenwerden. Gesehen zu werden bedeute zu existieren und sei eine Voraussetzung für das Überleben. Diese Idee verbindet mehrere Ebenen des Romans. Die Frühgeborenen sind vollständig auf die Aufmerksamkeit anderer angewiesen. Novana hat als Kind das Verschwinden der mütterlichen Aufmerksamkeit erlebt. Und Taiwan steht in Liaos Konzeption für ein Land, dessen politische Existenz international immer wieder aus dem Blick gerät.
Der Roman scheint diese These allerdings komplizierter anzulegen, als sie zunächst klingt. Denn gesehen zu werden bedeutet nicht automatisch, erkannt zu werden.
Novana sieht March und erkennt sie erst Sekunden später. Vor dem Spiegel ihrer Wohnung erschrickt sie regelmäßig vor einer vermeintlich fremden Frau, bis sie sich selbst erkennt. Der Blick kann Nähe herstellen. Er kann aber ebenso Fremdheit erzeugen.
Glas, Spiegel, Displays
Schon in den bekannten Passagen fällt auf, wie konsequent Liao Oberflächen arrangiert.
Da ist das leuchtende Werbedisplay mit March. Da sind Inkubatoren. In Novanas Wohnung steht ein Tisch aus schwarz getöntem Glas. Neben dem Bett befindet sich ein großer Spiegel. Bodentiefe Fenster treffen auf dunkelgraue Blackout-Vorhänge.
Überall könnte man sehen. Überall gibt es zugleich etwas, das trennt, verdunkelt oder den Blick zurückwirft.
Deshalb wäre es zu einfach, das Glas des Titels ausschließlich als Symbol für die „Fragilität des Lebens“ zu verstehen. Glas ist auch Grenze. Es kann schützen, ohne Nähe zu ermöglichen. Ein Frühgeborenes liegt sichtbar im Inkubator und ist dennoch durch eine Scheibe von seiner Umgebung getrennt.
Diese Ambivalenz scheint zu Novana zu passen. Auch sie hat sich eine Form des Schutzes geschaffen, die auf Distanz beruht.
Ihre Wohnung in Taipei wirkt entsprechend weniger wie ein Zuhause als wie eine sorgfältig ausgestattete Zwischenstation. Glänzende Oberflächen, Türcode, Boxspringbett, Fernseher, begehbarer Kleiderschrank. Die zu Schwänen gefalteten Handtücher auf dem Bett sehen einander nicht an. Selbst die Hotelromantik hat hier offenbar ihre Kommunikation eingestellt.
Sihan und die Möglichkeit von Nähe
Dann begegnet Novana bei einem Karaokeabend Sihan.
Sihan ist Aktivistin und engagiert sich für Taiwans Demokratie. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Liebesbeziehung. Damit tritt eine andere Form der Nähe in Novanas Leben – eine, die zugleich von politischen Bedingungen abhängig ist.
Liao betont, dass diese Beziehung persönlich und politisch zugleich sei. Sihans Engagement bestimmt, „wie und ob“ die beiden Frauen zusammen sein können. Gerade dieses „ob“ dürfte für den Roman entscheidend sein. Die politische Situation Taiwans wäre dann nicht lediglich Hintergrund einer Liebesgeschichte. Sie greift in deren Zukunft ein.
Ob Sihan dabei als eigenständige, widersprüchliche Figur bestehen kann oder zu viele Funktionen zugleich tragen muss – Liebe, Aktivismus, Demokratie, Gefährdung, emotionale Öffnung –, wird erst die vollständige Lektüre zeigen können.
Gerade hier sollte eine Buchvorstellung noch kein Urteil vorwegnehmen.
Taipei schaut zurück
Bemerkenswert ist bereits die Darstellung Taipeis.
Liao beschreibt eine Stadt der Gegensätze, ohne diese Gegensätze groß auszurufen. Stahlgerüste stehen neben glatten Fassaden. Lastwagen tragen HD-Werbung durch den Verkehr. Musik dringt aus Geschäften. Betonmischer drehen sich im Feierabendstau. In schmalen Gassen hängen Stromleitungen schief, Waschwasser läuft auf die Straße, Lieferroller von foodpanda und Uber Eats stehen vor Häusern.
Novana geht durch diese Stadt und verliert sich darin.
Interessant wird es dort, wo ihr eigener Blick unsicher wird. In den Gassen hat sie das Gefühl, in private Räume einzudringen. Sobald Bewohnerinnen sie ansehen, fühlt sie sich selbst „persönlich gemeint“. Taipei bleibt also nicht einfach Objekt ihrer Beobachtung. Die Stadt blickt zurück.
Und dann stehen dort überall die Schilder.
Air Defense Shelter.
Menschen auf Piktogrammen laufen im Falle eines Luftangriffs Treppen hinunter. Viele dieser Figuren sind bereits ausgeblichen.
Hier tritt die politische Bedrohung Taiwans in den Roman, ohne dass jemand einen Vortrag über Geopolitik halten müsste. Der mögliche Krieg gehört zur Infrastruktur des Alltags. Zwischen Lieferrollern, Häusern und Straßen befindet sich bereits die Wegbeschreibung für den Ernstfall.
Das ist ein starkes Bild gerade deshalb, weil es beinahe beiläufig bleibt.
Die unsichere Zukunft Taiwans
Liao hat Taiwan bewusst als Schauplatz gewählt. Im Interview zum Roman erklärt sie, der Konflikt um die taiwanische Souveränität sei akut; ihr sei wichtig, dass das Land nicht vergessen werde.
„Glaszeit“ verbindet diese politische Unsicherheit offenbar mit seinen privaten Geschichten. Die Bedrohung einer Demokratie steht nicht separat neben Novanas Familiengeschichte und ihrer Beziehung zu Sihan. Sie berührt dieselbe Frage nach Sichtbarkeit, Schutz und prekärer Existenz.
Das Frühgeborene muss gesehen werden, um zu überleben. Ein verlassenes Kind erlebt, was es bedeutet, aus dem Blick eines anderen Menschen zu verschwinden. Sihan kämpft um politische Sichtbarkeit und Zukunft. Taiwan wiederum steht unter dem Druck einer Bedrohung, die im Alltag gegenwärtig ist, selbst wenn gerade nichts geschieht.
Liao verbindet damit sehr unterschiedliche Größenordnungen: Körper und Staat, Mutter und Tochter, Liebesbeziehung und internationale Politik.
Ob diese Konstruktion im vollständigen Roman organisch bleibt, ist eine der Fragen, die seine Lektüre beantworten muss.
Licht und Dunkel
Neben dem Sehen zeichnet sich ein zweites Motiv ab: Licht.
March erscheint hell erleuchtet auf dem Display. Novanas erstes Wort soll „Guang“, Licht, gewesen sein. Zugleich erinnert sie sich an den Satz: „Nur im Dunkeln hörst du auf zu weinen.“
Damit verweigert sich das Licht einer einfachen positiven Bedeutung. Sichtbarkeit kann lebensnotwendig sein und trotzdem schmerzen. Dunkelheit kann Unsichtbarkeit bedeuten und zugleich Schutz gewähren.
Auch darin liegt eine Verbindung zur Medizin. Novana arbeitet mit Körpern, deren Existenz von genauer Beobachtung abhängt. Gleichzeitig reagiert ihr eigener Körper auf die wiederkehrende Vergangenheit mit Atemnot, Druck und dem Gefühl des Erstickens.
Das medizinische und das private Leben stehen sich damit nicht einfach gegenüber. Sie scheinen ineinander gespiegelt.
Ein auffallend gebautes Debüt
Aus den bislang vorliegenden Passagen lässt sich noch keine abschließende Rezension von „Glaszeit“ schreiben. Dafür fehlen der vollständige Roman, seine Entwicklung und vor allem die Erfahrung, ob seine Motive über eine ganze Erzählung hinweg tragen.
Doch die Anlage lässt sich bereits erkennen.
Leh-Wei Liao arbeitet mit kurzen Schnitten, Erinnerungsfragmenten, sensorischen Aufzählungen und wiederkehrenden Bildern. Glas, Spiegel, Displays, Licht, Atem, Körper und Blicke bilden ein enges Netz. Vergangenheit und Gegenwart liegen dabei nicht ordentlich hintereinander. Sie können gleichzeitig auftreten.
Gerade darin liegt aber auch eine offene Frage. Die Motivarchitektur von „Glaszeit“ ist auffallend sorgfältig gebaut. Fast alles scheint miteinander kommunizieren zu können. Ein solches Verfahren kann große formale Geschlossenheit erzeugen. Es kann Figuren aber auch unter den Druck setzen, Bedeutung tragen zu müssen.
March und Sihan werden dafür besonders interessant sein. Die eine verbindet Mutterschaft, Verlassen und Kunst. Die andere Liebe, Aktivismus und die politische Zukunft Taiwans. Novana steht zwischen ihnen und hat ausgerechnet Distanz zu einer Fähigkeit gemacht.
Vielleicht liegt dort das eigentliche Versprechen dieses Romans.
Nicht einfach in der Frage, ob Menschen einander lieben oder verlassen. Sondern darin, wie viel Abstand zwischen zwei Menschen liegen kann, während sie sich noch sehen.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
„Parasiti“ von Alisha Gamisch: Was sich in einer Familie einnistet
Deutscher Buchpreis 2026: Die SWR-Favoriten stehen fest
Zeit der Monster: Şeyda Kurt schreibt einen Roman über eine Gesellschaft im Ausnahmezustand
Ronja von Rönne: Alles Liebe – Wenn Geschichten die Wirklichkeit verändern
Simone Buchholz: Über Söhne – Kleine Geschichten über das Großwerden
Petra Morsbach: Orion
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Oisín McKenna: Hitzetage – Wenn die Zukunft zu warm wird
Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und das lange Echo einer Familie
Benjamin von Stuckrad-Barre: Udo Fröhliche
Daniel Kraus’ „Angel Down“ – Der Krieg frisst die Sprache
Stimmen ohne Zentrum: Robert Seethalers „Die Straße“ als Roman der verpassten Geschichten
Jennette McCurdy: Half His Age
Das letzte Kind hat Fell von Tessa Hennig – Wenn der Ruhestand plötzlich bellt
Judith Hermanns: Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Aktuelles
„Glaszeit“ von Leh-Wei Liao: Leben hinter durchsichtigen Wänden
Autaria wird neuer Sponsor des Selfpublisher-Verbands
Karolyn Ciseau: „… to Kill a Monster. Dragonblood Academy“ – Wenn Vertrauen gefährlicher wird als ein Drache
Kräutertee und Wadenwickel – Wenn die Hausapotheke wieder in die Küche zieht
Thomas Mann im Kino: „Vaterland“ – eine Rückkehr in das Land der Wörter
„Parasiti“ von Alisha Gamisch: Was sich in einer Familie einnistet
Tony Tulathimutte: „Fiasko“ – Jeder ist die Hauptfigur seiner Zurückweisung
Produktivität um jeden Preis? Patrick Peters über die Grenzen der Selbstoptimierung
Erin A. Craigs „Ein Haus aus Salz und Tränen“ zwischen Märchen, Gothic Horror und weiblicher Selbstbehauptung
Ada Caine: „Eine echte Komtess“ – Ein Sommer zwischen den Ständen
Die Krone von Eilidion (The Crown of Eilidion)
Wer hat Angst vorm Märchen?
Böse Stunde von Catherine Shepherd – Wenn die Zeit zur Tatwaffe wird
Hotlist 2026: Dreißig Bücher gegen die Gleichförmigkeit
Als wir träumten von Clemens Meyer
Rezensionen
Die Psychiaterin von Freida McFadden: Ein Haus voller Stimmen – und keine davon sagt die ganze Wahrheit
Nachtschatten von Kristina Ohlsson: Ein atmosphärischer Schwedenkrimi zwischen Familiengeheimnissen und tödlichen Wahrheiten