Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ – unter der Oberfläche der Gegenwart

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Ein Bruder konserviert in Moskau Lenins Leichnam, während seine Schwester in Berlin mit einer Sanierung kämpft, die ihr Zuhause unbewohnbar macht. Valeria Gordeevs Debütroman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ verbindet eine auseinandergeratene Familiengeschichte mit politischen Verwerfungen und dem Wunsch, selbst dem Tod noch die Bedingungen vorzugeben. Seine Bilder führen dabei tief in eine Vergangenheit, die sich den Ordnungsversuchen der Gegenwart entzieht.

Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle Valeria Gordeev S. FISCHER

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Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle: Roman | Shortlist Deutscher Buchpreis 2026. Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2026

Eine Brache im Süden von Moskau, durchzogen von Trampelpfaden, mit aufgestapelten Bienenkästen und dem Schatten einer kleinen Wolke: Unter der Überschrift „Archeology TV“ und dem Zusatz „live“ führt Valeria Gordeev auf ein Gelände, dessen unscheinbare Oberfläche bald einer verwickelten Geschichte weicht. Zwischen Klatschmohn, Quecken und Lupinen arbeiten zwei Technikerinnen, während eine Kamera das abgesteckte Wiesenstück aus großer Höhe erfasst und die Untersuchung des Bodens zur moderierten Übertragung wird.

Was unter der Grasnarbe liegt, soll sichtbar werden, doch die Bilder müssen erst hergestellt werden. Messwerte werden berechnet, Farben gewählt, Einstellungen verändert, und mit jedem Eingriff wächst neben der Anschaulichkeit auch die Frage, wie zuverlässig diese Ansicht der Vergangenheit eigentlich ist.

Geschichte hält sich nicht an ihre Schichten

Die Erzählstimme spricht als ein „Wir“, das Geräte bedient und sein Publikum durch die entstehenden Bilder führt. „Um hier unten etwas sehen zu können, müssen wir es selber herstellen“, heißt es, und in diesem Satz liegt zugleich eine Beschreibung des Erzählens: Vergangenheit hinterlässt Spuren, doch ihre Darstellung verlangt Entscheidungen darüber, was hervortreten soll und wie die einzelnen Funde miteinander verbunden werden.

Zunächst scheint der Boden eine lesbare Ordnung zu besitzen, in der frühere Flussläufe, Siedlungen und Wetterereignisse ihren Platz haben. Dann genügt eine Verschiebung des Bildausschnitts, um diese Übersicht zu zerstören. Eine deutsche Stabbrandbombe steckt im Ton, ein Pepsi-Kronkorken liegt im Geschiebe eines eiszeitlichen Stroms, eine Flügelmutter hat sich mit einem fossilen Schneckenhaus verkeilt.

Gordeevs Bilder entstehen aus solchen Zusammenstößen von Zeiten, Materialien und Bedeutungen. Krieg, Konsum und Erdgeschichte geraten aneinander, während die korrodierte Bombe ihre gefährliche Ladung bewahrt. Was vergangen ist, bleibt wirksam, und was sich sauber einordnen lassen sollte, taucht am falschen Ort wieder auf.

Eine Sprache, die ihre Gewissheiten zurücknimmt

Die Sprache folgt dieser Bewegung, indem genaue Benennungen in Aufzählungen übergehen und längere Sätze Ablagerungen und Katastrophen zusammenschieben. Die knappe Materialfolge „Torf und Ton, Sand und Stein“ gibt dem Abstieg einen Rhythmus, während Hochwasser, Missernten und Dürren eine Geschichte entstehen lassen, deren vermeintliche Ordnung sofort wieder fragwürdig wird.

Auf die Feststellung, alles habe seine Ordnung, folgt ein nachgeschobenes „Scheint es“, das die eben gewonnene Sicherheit mit zwei Worten zurücknimmt. Auch die beiläufige Enttäuschung möglicher Zuschauer, die auf einen Maulwurf gehofft haben, verschiebt den Ton zwischen wissenschaftlicher Demonstration und Unterhaltung.

Daneben richtet sich der Blick auf ein Fischotterweibchen und seine Jungtiere, schließlich auf die Überreste einer Jägerin. Die Wirbelsäule des Tieres krümmt sich zum Fragezeichen, und die Fragen setzen sich in den vermuteten Lebensgeschichten fort. Über Schmuck, Glücksbringer und Todesumstände lässt sich nachdenken; zuverlässig bestimmbar bleibt die Knochendichte. Die Erzählstimme erzeugt Nähe und begrenzt zugleich ihren Anspruch auf Wissen.

Konstantin und Lada zwischen Berlin und Moskau

Mit dieser Bewegung zwischen Bewahren, Rekonstruieren und Kontrollieren lässt sich auch die Familiengeschichte betrachten. Konstantin und Lada haben den Kontakt verloren, und seit Kriegsbeginn versteht Lada umso weniger, weshalb ihr Bruder in Moskau geblieben ist. Während sie in Berlin mit einer Sanierung kämpft, die ihr Wohnhaus unbewohnbar macht, arbeitet Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor, dessen Aufgabe die Konservierung von Lenins Leichnam ist.

Die Geschwister trennen 17 Jahre und viele Kilometer, doch verbunden bleiben sie durch einen mysteriösen Patenonkel, einen russischen Oligarchen, der das Altern und schließlich das Sterben überlisten möchte. Seine Vorhaben bringen beide in Schwierigkeiten und verbinden Lebenswelten, die zunächst kaum weiter auseinanderliegen könnten.

Dabei begegnen sich eigentümliche Formen des Umgangs mit Vergänglichkeit: Ein politischer Körper wird vor dem Verfall geschützt, ein Wohnhaus durch seine Erneuerung unbewohnbar, und ein vermögender Mann möchte die Endlichkeit zur lösbaren technischen Aufgabe erklären. Die Frage nach Kontrolle reicht damit von historischen Hinterlassenschaften bis in die privaten Lebensbedingungen der Figuren.

Zwischen Lesen, Betrachten und Sichverlieren

Auch die Gestaltung des Buches verlangt, bei der Sache zu bleiben, während sie den Blick immer wieder vom Fortgang der Erzählung wegführt: Wechselnde Textanordnungen und die dazwischentretenden Zeichnungen der Autorin verändern den Rhythmus der Lektüre und lassen den Leser zwischen Lesen, Betrachten und Ablenkung pilgern. Wer einer Spur folgt, kann an der nächsten bereits die Orientierung verlieren, sodass sich die Unübersichtlichkeit der erzählten Welt bis in die Bewegung über die Seiten fortsetzt.

Groteske zwischen Macht und menschlicher Endlichkeit

Die Jury des „aspekte“-Literaturpreises verortet Gordeevs Roman in der Tradition der russischen grotesken Literatur und würdigt ihn als „außerordentlich bilderreiches, kaleidoskopartig erzähltes Debüt“. Krieg, Gewalt und Diktatur verbinden sich nach ihrer Einschätzung mit einer Erzählweise, die auch grotesk komische Züge entwickelt.

Die Bildwelt von „Archeology TV“ macht diese Verbindung anschaulich: Die Dinge lassen sich vermessen, doch ihre Geschichten entziehen sich dem vollständigen Zugriff. Gerade neben dem Ehrgeiz, Naturgesetze auszuhebeln, erhält diese Grenze Gewicht. Wer über Dauer verfügen möchte, trifft auf eine Welt, in der schon die Vergangenheit ihre Ordnung nicht zuverlässig bewahrt.

Valeria Gordeevs ausgezeichnetes Debüt

Valeria Gordeev wurde 1986 in Tübingen geboren und arbeitet als Schriftstellerin und Illustratorin. 2023 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr Debütroman enthält Zeichnungen der Autorin, wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2026 ausgezeichnet und steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Mit dem am 2. Oktober bekannt gegebenen „aspekte“-Literaturpreis kommt eine weitere Auszeichnung hinzu. Die Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Preises findet am 8. Oktober 2026 auf der Frankfurter Buchmesse statt; am folgenden Abend stellt das ZDF die Autorin in seiner Kultursendung vor.

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Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle: Roman | Shortlist Deutscher Buchpreis 2026. Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2026

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