Irgendwann werden die Antworten kürzer. Aus langen Gesprächen wird ein knappes „Okay“, aus gemeinsamen Nachmittagen ein rasches Verschwinden hinter der Zimmertür. Es sind keine dramatischen Szenen, sondern leise Verschiebungen. Genau dort beginnt Simone Buchholz ihren Essay Über Söhne.
Der Titel weckt zunächst große Erwartungen. Man denkt an ein Buch über Jungen, über Männlichkeit oder über die gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart. Tatsächlich erzählt Buchholz etwas viel Kleineres – und gerade deshalb etwas Überzeugenderes. Sie schreibt über ihren Sohn Rocco. Über eine Kindheit zwischen Spielplatz, Kita und Fiebernächten, über Schulzeit, Kampfsport und Pubertät. Vor allem aber schreibt sie über den Versuch, einem Menschen beim Erwachsenwerden nahe zu bleiben.
Ein schmales Büchlein für einen Nachmittag
Mit seinen gerade einmal 96 Seiten ist Über Söhne eher ein literarischer Essay als ein klassisches Buch. Man liest dieses schmale Büchlein beinahe in einem Zug. Die Sprache ist klar, humorvoll und frei von jeder literarischen Eitelkeit. Buchholz erzählt so, als säße man mit ihr am Küchentisch und hörte ihr zu.
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Über Söhne kein Buch über Erziehung, sondern über das Wachsenlassen ist. Buchholz erzählt von einem Jungen, der Dinosaurier, Monster und Godzilla liebt, der Wohnungen auf den Kopf stellt und sich jeder Schablone entzieht. Mit Lakonie, Humor und großer Zärtlichkeit begleitet sie ihn durch Kindheit, Schulzeit und Pubertät – immer mit dem Vertrauen, dass Kinder nicht nach unseren Erwartungen, sondern nach ihrer eigenen Natur groß werden.
Gerade diese Leichtigkeit macht den Reiz des Essays aus. Erinnerungen wechseln sich mit Gedanken ab, kleine Episoden öffnen größere Fragen. Wie verändert sich die Beziehung zwischen Mutter und Sohn? Wann beginnt Loslassen? Und wie begleitet man einen jungen Menschen, ohne ihn ständig erklären zu wollen?
Simone Buchholz bleibt Beobachterin
Wer Simone Buchholz bislang vor allem als Autorin ihrer vielfach ausgezeichneten Chastity-Riley-Krimis kennt, wird ihren Ton sofort wiedererkennen. Auch hier vertraut sie weniger der Handlung als der Beobachtung. Sie beschreibt Menschen mit Wärme, Ironie und einer großen Genauigkeit für scheinbar nebensächliche Momente.
Kartoffelbrei im Gesicht eines Kleinkindes.
Eine Erzieherin mit pinken Haaren.
42,2 Grad Fieber mitten in der Nacht.
Ein Gespräch auf dem Spielplatz.
Aus solchen Bildern entsteht nach und nach ein Essay, der weniger argumentiert als erzählt. Buchholz entwickelt keine Theorie. Sie sammelt Erfahrungen. Gerade deshalb wirken ihre Beobachtungen glaubwürdig.
Erwartungen und Wirklichkeit
Besonders eindrücklich wird der Essay dort, wo die Leichtigkeit Risse bekommt. Aus dem neugierigen Jungen wird ein Schüler, der plötzlich an sich zweifelt. Stundenlang stillsitzen, funktionieren, Erwartungen erfüllen – all das fällt ihm schwer. Buchholz erzählt diese Erfahrungen ohne Anklage. Sie macht daraus keine Abrechnung mit dem Bildungssystem und auch keine allgemeine Diagnose über Jungen.
Vielmehr beschreibt sie etwas, das weit über ihre eigene Geschichte hinausweist: die Erfahrung, nicht in jedes Raster zu passen. Erwartungen und Wirklichkeit klaffen oft auseinander – nicht nur für Kinder, sondern auch für ihre Eltern.
Der Alltag erzählt mehr als jede Theorie
Natürlich stehen über dem Buch die großen Fragen unserer Zeit. Wie wachsen Jungen heute auf? Welche Vorstellungen von Männlichkeit tragen sie mit sich? Welche Rolle spielt Feminismus dabei?
Buchholz streift diese Themen, ohne sie in den Mittelpunkt zu stellen. Sie interessiert sich weniger für gesellschaftliche Schlagworte als für den Alltag. Für den Moment, in dem sie ihrem kleinen Sohn verspricht: „Wenn du Feuer bist, dann bin ich deine freiwillige Feuerwehr.“ Für die Pubertät, in der plötzlich auch einmal die Polizei vor der Tür steht. Und für den jungen Erwachsenen, der inzwischen selbst Kinder im Kampfsport trainiert und dabei feststellt, wie schwierig Erziehung eigentlich ist.
Diese Szenen erzählen mehr über das Erwachsenwerden als jede theoretische Debatte.
Wo der Essay Fragen offenlässt
Vielleicht trägt das Buch seinen Titel etwas größer, als es sein Inhalt einlöst. Eigentlich müsste es Über meinen Sohnheißen. Denn Simone Buchholz schreibt nicht über Jungen im Allgemeinen, sondern über einen einzigen Jungen – ihren eigenen.
Das schmälert den Essay nicht. Im Gegenteil. Gerade weil Buchholz beim Konkreten bleibt, entzieht sie sich den schnellen Verallgemeinerungen, die viele Debatten über Jungen und Männlichkeit prägen. Gleichzeitig bleibt dadurch manches offen. Die gesellschaftlichen Fragen werden angerissen, aber nicht weiter entfaltet.
Vielleicht fehlt dem Buch nur eine letzte Perspektive: der Blick auf die Erwachsenen selbst. Wir sprechen häufig darüber, was aus unseren Söhnen werden soll. Seltener fragen wir, welche Vorstellungen wir ihnen schon früh mitgeben. Kinder wachsen nicht nur in einer Gesellschaft auf. Sie wachsen ebenso in den Erwartungen ihrer Eltern.
Gerade diese offene Frage begleitet einen noch eine Weile, nachdem das schmale Büchlein längst ausgelesen ist.
Über die Autorin
Simone Buchholz, geboren 1972 in Hanau, gehört zu den profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre vielfach ausgezeichnete Krimireihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, deren lakonischer Stil und präzise Gesellschaftsbeobachtung ihr eine treue Leserschaft eingebracht haben.
Neben Kriminalromanen veröffentlicht Buchholz Essays, Kolumnen und literarische Prosa. Ihre Texte zeichnen sich durch einen klaren Rhythmus, feinen Humor und einen genauen Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen aus. Mit Über Söhne legt sie einen sehr persönlichen Essay vor, der autobiografische Erinnerungen mit Fragen nach Elternschaft, Nähe und dem Erwachsenwerden verbindet – leise, warmherzig und ohne den Anspruch, allgemeingültige Antworten zu liefern.
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