Geschichte wird nicht nur dadurch geschrieben, was überliefert wird. Sie entsteht auch durch das, was verschwindet. Besonders Frauen wurden über Jahrhunderte beschrieben, beurteilt und zu Figuren gemacht, während ihre eigene Stimme erstaunlich häufig fehlte. Aus einer unangepassten Frau konnte eine Verrückte werden, aus einer Überlebenden eine Legende. Manchmal genügte ein Erzähler.
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova: Was der Wald über Frauen erinnert
Jarka Kubsova macht genau diese Verschiebung zum Zentrum ihres Romans „Im Licht des neuen Tages“. Nach „Bergland“ und „Marschlande“ erzählt sie erneut von Frauen, deren Leben durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt werden. Diesmal führt die Spur in den böhmischen Wald, zu einer Schriftstellerin mit tschechischen Wurzeln und zu Viktorka – einer Frau, die durch Božena Němcovás berühmten Roman „Babička“ Teil der tschechischen Literaturgeschichte wurde, hinter der literarischen Figur aber beinahe verschwunden ist.
Der Roman erschien am 26. August 2026 bei S. Fischer und umfasst 304 Seiten. Doch wichtiger als diese Eckdaten ist seine Bewegung: Kubsova geht zurück, um etwas über die Gegenwart zu erzählen. Über Herkunft und Flucht, über weibliche Selbstbestimmung und darüber, wem eigentlich eine Geschichte gehört.
Worum geht es in „Im Licht des neuen Tages“?
Elli Hajek ist Schriftstellerin und steckt fest. Sie zieht sich in ein abgelegenes Haus im Wald zurück, um schreiben zu können. Ruhe soll helfen, Abstand vermutlich auch. Doch gerade in der Abgeschiedenheit kehren Erinnerungen zurück.
Eine davon führt zu ihrer tschechischen Großmutter und zu Viktorka, einer Figur, von der diese ihr früher erzählt hat. Viktorka ist in der Literatur eine geheimnisvolle junge Frau, die nach einem einschneidenden Erlebnis für wahnsinnig gehalten wird und fortan allein im Wald lebt.
Dann entdeckt Elli, dass es diese Frau tatsächlich gegeben hat.
Aus einer Erinnerung wird Recherche. Elli reist nach Tschechien, jenes Land, aus dem sie selbst als Kind geflohen ist. Sie möchte herausfinden, wer Viktorka wirklich war und wie viel Wahrheit hinter der literarischen Figur steckt. Doch die Suche führt sie nicht nur in die Vergangenheit einer anderen Frau. Sie zwingt Elli, sich mit ihrer eigenen auseinanderzusetzen.
Damit erzählt Kubsova zwei Suchbewegungen gleichzeitig. Elli sucht Viktorka. Und je näher sie ihr kommt, desto weniger kann sie sich selbst ausweichen.
Viktorka: Wer entscheidet, welche Geschichte von einer Frau bleibt?
Die historische Spur ist der stärkste Gedanke des Romans.
Viktorka ist eng mit Božena Němcovás „Babička“ verbunden, einem Klassiker der tschechischen Literatur. Kubsova interessiert sich jedoch für den Abstand zwischen literarischer Figur und realem Menschen. Was geschieht, wenn ein Leben zur Erzählung wird? Was bleibt erhalten, was wird verändert – und wer bekommt die Macht, daraus eine Wahrheit zu machen?
Dabei berührt „Im Licht des neuen Tages“ ein größeres Thema: weibliche Geschichtsschreibung.
Frauen, die sich gesellschaftlichen Erwartungen entzogen, wurden historisch auffällig häufig über ihre Abweichung definiert. Sie galten als schwierig, hysterisch, unmoralisch oder eben verrückt. Solche Begriffe beschreiben nicht nur einen Menschen. Sie ordnen ihn ein – und manchmal erledigen sie damit jede weitere Frage.
Kubsova versucht, hinter eine solche Zuschreibung zurückzugehen. Viktorka soll nicht bloß die geheimnisvolle Frau aus dem Wald bleiben. Der Roman fragt nach dem Menschen, der existierte, bevor andere aus ihm eine Geschichte machten.
Was zunächst wie literarhistorische Spurensuche aussieht, wird dadurch zu einer Frage nach Deutungshoheit.
Wer erzählt eine Frau – und was geht verloren, wenn sie es nicht selbst tun kann?
Elli Hajek: Die Vergangenheit der anderen ist leichter zu erforschen
Elli eignet sich für diese Suche gerade deshalb, weil ihre eigene Biografie keineswegs geordnet ist. Sie hat Tschechien als Kind verlassen und vieles, was mit dieser Herkunft verbunden ist, über Jahre verdrängt. Ihre Reise führt deshalb nicht einfach in ein fremdes Land. Sie führt zurück.
Kubsova verbindet hier Herkunft mit Erinnerung, ohne daraus eine nostalgische Heimkehrgeschichte zu machen. Heimat ist bei Elli kein stabiler Ort, den man nur wiederfinden müsste. Sie besteht aus Sprache, Kindheit, Familie, Verlust und jenen Erinnerungen, die sich im Laufe der Jahre verändert haben.
Das macht die Parallele zwischen Elli und Viktorka interessant. Beide Frauen sind zeitlich weit voneinander entfernt, doch beide müssen damit leben, dass andere Vorstellungen darüber besitzen, wer sie sein sollen.
Bei Viktorka geht es um gesellschaftliche Konventionen und die Überlieferung ihres Lebens. Bei Elli um Familie, Partnerschaft, Mutterschaft und die Frage, welche Teile ihrer Herkunft sie selbst lange nicht ansehen wollte.
Ihre Recherche bekommt dadurch etwas Unbequemes. Es ist schließlich vergleichsweise angenehm, historische Ungerechtigkeit zu untersuchen. Schwieriger wird es, wenn die Recherche plötzlich Fragen an das eigene Leben stellt.
Der Wald als Ort außerhalb der Ordnung
Kubsova hätte diese Geschichte in Archiven und Bibliotheken erzählen können. Stattdessen schickt sie Elli in den Wald.
Das ist keine zufällige Kulisse.
Der Wald besitzt im Roman mehrere Bedeutungen. Er ist Rückzugsort und Bedrohung, Erinnerungsspeicher und Märchenraum. Vor allem aber liegt er außerhalb jener gesellschaftlichen Ordnung, in der Menschen ständig Rollen zugewiesen bekommen.
Für Viktorka bedeutet der Wald Ausschluss – aber möglicherweise auch Freiheit. Genau diese Ambivalenz interessiert Kubsova. Wer aus der Gemeinschaft ausgestoßen wird, verliert Schutz und Zugehörigkeit. Gleichzeitig kann außerhalb dieser Gemeinschaft ein Raum entstehen, in dem deren Regeln weniger Macht besitzen.
Der Roman nähert sich dabei immer wieder dem magischen Realismus. Grenzen zwischen Erinnerung, Märchen, Natur und Wirklichkeit werden durchlässiger. Das Wasser, der Wald und Gestalten aus tschechischen Geschichten tragen eine Bedeutung, die über ihre unmittelbare Funktion hinausgeht. Auch Kubsova selbst verweist auf die Bedeutung tschechischer Märchen und Balladen für ihre Kindheit; etwa auf den Wassermann aus der Sammlung „Goldener Kranz“, der auch im Roman auftaucht.
Das gibt dem Buch eine eigentümliche, manchmal dunkle Atmosphäre. Der Wald ist nicht romantische Postkartenwildnis. Er scheint Erinnerungen aufzubewahren, für die Menschen lange keine Sprache hatten.
Flucht, Herkunft und die Frage nach dem eigenen Leben
Besonders überzeugend wird „Im Licht des neuen Tages“, wenn Kubsova die historische Recherche mit Ellis eigener Fluchtgeschichte verbindet.
Denn Herkunft verschwindet nicht dadurch, dass man nicht über sie spricht.
Elli muss sich mit ihrer Kindheit und der Entscheidung ihrer Eltern auseinandersetzen, die Tschechoslowakei zu verlassen. Dabei geht es auch um Schuldgefühle und um die widersprüchliche Erfahrung, gleichzeitig dankbar für ein neues Leben zu sein und etwas Verlorenes zu vermissen.
Kubsova kennt diesen biografischen Zwischenraum selbst. Sie wurde 1977 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und lebt seit 1987 in Deutschland. Das macht Elli nicht automatisch zu einer autobiografischen Figur. Es erklärt aber, weshalb Fragen nach Sprache, Herkunft und dem Verhältnis zu Tschechien im Roman nicht wie nachträglich hinzugefügte Themen wirken.
Gerade hier gewinnt das Buch gesellschaftliche Tiefe. Migration wird nicht nur als Ortswechsel beschrieben. Sie verändert Familiengeschichten. Eltern treffen Entscheidungen, deren Bedeutung Kinder manchmal erst Jahrzehnte später verstehen. Eine Grenze lässt sich innerhalb weniger Stunden überqueren. Die Erinnerung reist langsamer.
Weibliche Freiheit damals und heute
Wie bereits in „Marschlande“ interessiert sich Kubsova für Frauen verschiedener Zeiten und für die erstaunliche Haltbarkeit gesellschaftlicher Erwartungen. Dort verband sie das Schicksal Abelke Blekens um 1580 mit einer Frau der Gegenwart. Auch „Im Licht des neuen Tages“ nutzt Vergangenheit nicht als historische Dekoration, sondern als Spiegel.
Natürlich sind Viktorkas und Ellis Lebensbedingungen nicht vergleichbar. Gerade deshalb wäre es zu einfach, eine direkte Linie zwischen ihnen zu ziehen. Freiheit hat sich verändert, Rechte haben sich verändert, Möglichkeiten ebenso.
Geblieben ist jedoch die Frage, wie viel Anpassung eine Gesellschaft von Frauen erwartet und wie sie auf jene reagiert, die sich entziehen.
Kubsova zeigt dabei weniger die großen politischen Kämpfe als die persönlichen Folgen gesellschaftlicher Vorstellungen. Wer bestimmt, was eine vernünftige Frau tut? Welche Lebensentscheidung gilt als egoistisch? Wann wird Selbstbestimmung als Rücksichtslosigkeit gelesen?
Der historische Abstand macht sichtbar, wie absurd manche Urteile geworden sind. Die Gegenwart sorgt dafür, dass man sich nicht allzu bequem darüber erheben kann.
Leise, naturverbunden, manchmal märchenhaft
Jarka Kubsova schreibt auch diesen Roman ruhig und unaufgeregt. Ihre Sprache braucht keine spektakulären Wendungen, um Spannung zu erzeugen. Vieles entsteht über Atmosphäre: Wald, Wasser, Farn, Dunkelheit und Licht werden zu wiederkehrenden Bildern.
Das passt zu einer Geschichte, in der Erinnerung nicht geradlinig funktioniert.
Die verschiedenen Ebenen – Ellis Gegenwart, ihre Vergangenheit, Viktorkas Geschichte und die literarische Überlieferung – greifen zunehmend ineinander. Dadurch verlangt das Buch etwas Aufmerksamkeit. Wer eine streng chronologische Familiengeschichte erwartet, muss sich zunächst auf diese Bewegung einstellen.
Gerade die märchenhaften und mystischen Passagen dürften Leser unterschiedlich wahrnehmen. Sie verstärken die besondere Atmosphäre des Romans, können aber auch Distanz schaffen, wenn man Kubsovas realistischere Erzählweise aus „Marschlande“ erwartet. Auch erste Leserreaktionen fallen an diesem Punkt unterschiedlich aus: Während die Verbindung aus Märchen, Vergangenheit und Gegenwart vielfach hervorgehoben wird, empfinden andere gerade die mystischen Elemente als weniger greifbar.
Für mich liegt darin eher ein produktiver Widerspruch. Ein Roman über Legenden und verdrängte Erinnerungen muss nicht alles ausleuchten. Manche Geschichten verlieren etwas, sobald man jede dunkle Ecke mit einer Taschenlampe untersucht.
Stärken und Schwächen von „Im Licht des neuen Tages“
Stärken
- Starke Grundidee: Die Suche nach der realen Frau hinter einer literarischen Figur öffnet Fragen nach Erinnerung, Wahrheit und weiblicher Geschichtsschreibung.
- Atmosphäre: Der böhmische Wald ist nicht bloß Schauplatz, sondern trägt die Themen des Romans.
- Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart: Viktorkas Geschichte spiegelt Ellis Leben, ohne beide Frauen einfach gleichzusetzen.
- Herkunft und Flucht: Besonders Ellis Verhältnis zu Tschechien gibt dem Roman emotionale und gesellschaftliche Tiefe.
- Literatur über Literatur: Die Beschäftigung mit Božena Němcová erweitert den Roman um eine interessante literaturhistorische Ebene.
Schwächen
- Die mystischen Elemente sind Geschmackssache: Wer einen konsequent realistischen historischen Gegenwartsroman erwartet, könnte mit ihnen fremdeln.
- Nicht alle Erzählebenen besitzen dieselbe Spannung: Die historische Spur um Viktorka wirkt stellenweise stärker als Ellis gegenwärtige Konflikte.
- Das Ende verdichtet vieles: Einige Entwicklungen hätten etwas mehr Raum vertragen.
- Der Roman verlangt Aufmerksamkeit: Märchen, Erinnerung, Geschichte und Gegenwart werden zunehmend miteinander verschränkt.
Das sind allerdings Schwächen, die eng mit Kubsovas erzählerischem Vorhaben verbunden sind. Ein geradlinigerer Roman wäre vermutlich leichter zugänglich gewesen. Er hätte aber auch weniger von jener Unsicherheit besessen, die zur Frage nach Wahrheit und Erinnerung passt.
Für wen eignet sich „Im Licht des neuen Tages“?
Der Roman dürfte besonders Leser ansprechen, die atmosphärische Gegenwartsliteratur mit historischen Ebenen mögen. Wer „Marschlande“ geschätzt hat, findet auch hier Kubsovas Interesse an vergessenen Frauengeschichten und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit wieder – diesmal allerdings stärker verbunden mit Märchen, Herkunft und magischem Realismus.
Auch für Leser, die sich für Tschechien, Božena Němcová, weibliche Selbstbestimmung, Familiengeschichte und Fluchterfahrungen interessieren, bietet das Buch mehrere Zugänge.
Weniger geeignet ist „Im Licht des neuen Tages“ für jemanden, der einen schnellen historischen Roman mit klarer Handlung erwartet. Kubsova erzählt suchend. Die Vergangenheit wird nicht einfach aufgedeckt wie ein gelöstes Rätsel. Sie verändert sich mit dem Blick derjenigen, die nach ihr fragen.
Über Jarka Kubsova
Jarka Kubsova wurde 1977 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und lebt seit 1987 in Deutschland. Sie arbeitete als Journalistin, Ghostwriterin und Co-Autorin von Sachbüchern. 2021 erschien ihr Debütroman „Bergland“, 2023 folgte „Marschlande“. Letzterer wurde für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen nominiert und für die Bühne adaptiert. Heute lebt Kubsova in Hamburg.
Für „Im Licht des neuen Tages“ ist besonders ihre Verbindung zu Božena Němcová interessant. Kubsova bezeichnet die tschechische Schriftstellerin als frühes Vorbild, das bereits in ihrer Kindheit den Wunsch zu schreiben geweckt habe.
Dadurch bekommt der Roman eine zusätzliche Ebene. Kubsova schreibt nicht einfach über eine Autorin der Literaturgeschichte. Sie kehrt zu einer Schriftstellerin zurück, die am Anfang ihrer eigenen Beziehung zur Literatur stand.
Manchmal beginnt literarische Herkunft eben lange vor dem ersten eigenen Buch.
Fazit: Die Geschichte hinter der Geschichte
„Im Licht des neuen Tages“ ist ein atmosphärischer Roman über weibliche Freiheit, Herkunft und die Macht des Erzählens. Jarka Kubsova verbindet Ellis persönliche Suche mit der historischen Viktorka und öffnet dadurch eine Frage, die weit über beide Figuren hinausweist: Was wissen wir eigentlich über Menschen, deren Geschichte fast ausschließlich andere erzählt haben?
Nicht jede Ebene besitzt dieselbe Kraft. Die märchenhaften Passagen verlangen Offenheit, und manches im gegenwärtigen Erzählstrang bleibt gegenüber Viktorkas Geschichte etwas blasser. Doch gerade die Verbindung aus Literaturgeschichte, Fluchterfahrung und weiblicher Selbstbestimmung gibt dem Roman eine eigene Farbe.
Am stärksten ist Kubsova dort, wo sie nicht erklärt, sondern Spuren legt. Im Wald, in Erinnerungen, in einer alten Geschichte. Elli sucht zunächst nach Viktorka und entdeckt dabei, dass Herkunft nichts ist, was abgeschlossen hinter einem liegt. Sie verändert sich mit jedem neuen Blick darauf.
Vielleicht ist das die stillste Wahrheit dieses Romans: Vergangenheit verschwindet nicht, nur weil niemand mehr über sie spricht.
Manche Geschichten werden vergessen. Andere warten nur darauf, noch einmal anders erzählt zu werden.
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