Eine Prophezeiung auf TikTok genügt, um ein ganzes Stadtviertel aus dem Gleichgewicht zu bringen. Menschen ändern ihr Verhalten, Gerüchte gewinnen an Gewicht und plötzlich scheint nichts mehr selbstverständlich zu sein. Mit dieser ebenso einfachen wie klugen Idee beginnt Şeyda Kurts Romandebüt Zeit der Monster.
Zeit der Monster: Şeyda Kurt schreibt einen Roman über eine Gesellschaft im Ausnahmezustand
Doch schnell wird deutlich: Die Prophezeiung ist nicht das eigentliche Thema dieses Romans. Sie ist lediglich der Auslöser für eine viel größere Frage.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Vertrauen, Erinnerung und Zusammenhalt langsam brüchig werden?
Şeyda Kurt, bislang vor allem als Essayistin bekannt, wagt sich mit Zeit der Monster an ihren ersten Roman – und legt ein Buch vor, das viel will.
Ein Stadtviertel wird zur eigentlichen Hauptfigur
Im Mittelpunkt steht nicht eine einzelne Figur, sondern ein ganzes Viertel. Familien, Nachbarn, Wahlverwandtschaften und Einzelgänger bilden ein dichtes Geflecht aus Beziehungen. Sanya verbindet viele dieser Begegnungen, doch sie bleibt eher Beobachterin als klassische Heldin. Die eigentliche Hauptrolle spielt der Ort selbst.
Kurt interessiert sich dabei weniger für spektakuläre Ereignisse als für die feinen Veränderungen im Zusammenleben. Wie reagieren Menschen, wenn Unsicherheit zum Alltag wird? Wann beginnen Gerüchte glaubwürdiger zu erscheinen als Erfahrungen? Und wie verändert sich eine Gemeinschaft, wenn sie den gemeinsamen Boden unter den Füßen verliert?
Das Motiv des Vergessens trägt den Roman
Die über soziale Medien verbreitete Prophezeiung sorgt zwar für Bewegung, doch sie ist nicht der Kern des Romans. Immer wieder kehrt Şeyda Kurt zu einem anderen Motiv zurück: dem Vergessen.
Menschen verschwinden nicht einfach, sondern lösen sich langsam aus der Wirklichkeit. Erinnerungen werden unsicher, Gewissheiten verlieren ihre Gültigkeit und selbst vertraute Beziehungen geraten ins Wanken.
Daraus entwickelt der Roman eine eindringliche Metapher für eine Zeit, in der vieles selbstverständlich schien und plötzlich neu verhandelt werden muss.
Gerade diese Ebene verleiht Zeit der Monster seine größte literarische Stärke.
Ein Roman voller Ideen
Man spürt auf nahezu jeder Seite, wie viel Şeyda Kurt erzählen möchte. Klimakrise, politische Polarisierung, Migration, Wahlfamilien, Mythologie, Erinnerungskultur, religiöse Motive und digitale Öffentlichkeit finden ihren Platz in diesem Roman. Hinzu kommen unterschiedliche Erzählformen, poetische Passagen und kommentierende Einschübe.
Jedes dieser Themen besitzt Gewicht. Zusammengenommen entsteht jedoch ein Roman, der seinen Leserinnen und Lesern einiges abverlangt.
Nicht, weil er unverständlich wäre.
Sondern weil er ständig neue Gedanken, neue Figuren und neue Motive eröffnet.
Hohe Verdichtung fordert den Leser
Der Roman entwickelt einen schnellen, assoziativen Rhythmus. Kaum hat sich eine Szene entfaltet, folgt bereits die nächste Figur, das nächste Motiv oder eine weitere Erzählebene. Dadurch entsteht eine hohe erzählerische Verdichtung, die Energie erzeugt, dem Leser aber nur selten Zeit lässt, bei einzelnen Momenten zu verweilen.
Gerade darin liegt die Ambivalenz des Buches. Seine Offenheit macht den Reiz der Lektüre aus. Gleichzeitig erschwert sie den emotionalen Zugang zu den Figuren. Immer dann, wenn sich eine Geschichte zu entfalten beginnt, öffnet der Roman bereits die nächste Tür.
Die Sprache überzeugt mehr als die Konstruktion
An Şeyda Kurts sprachlichem Können besteht kaum Zweifel. Viele Bilder sind präzise, ihre Beobachtungen gesellschaftlicher Stimmungen wirken treffsicher und zahlreiche Dialoge besitzen eine angenehme Natürlichkeit.
Weniger überzeugend erscheint dagegen die Komposition. Der Roman möchte Familiengeschichte, Gesellschaftsroman, politische Zeitdiagnose, philosophische Reflexion und literarisches Experiment zugleich sein.
Dieser Ehrgeiz ist bewundernswert. Manchmal gerät darüber jedoch die Erzählung selbst etwas aus dem Blick.
Ein mutiges Debüt mit großem Anspruch
Zeit der Monster ist kein Roman, der seinen Leser an die Hand nimmt. Şeyda Kurt fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Erzählformen einzulassen.
Gerade darin liegt seine Qualität – und zugleich seine größte Schwäche. Der Roman entwickelt viele kluge Gedanken und starke Bilder, möchte aber auf vergleichsweise engem Raum sehr viele Themen miteinander verbinden. An manchen Stellen hätte etwas mehr Konzentration der Erzählung gutgetan.
Dennoch bleibt Zeit der Monster ein bemerkenswertes Debüt. Nicht, weil es jede Frage beantwortet, sondern weil es den Versuch unternimmt, die Verunsicherung einer ganzen Gegenwart literarisch einzufangen. Das gelingt nicht immer gleich überzeugend. Aber oft genug, um diesen Roman zu einer der interessanteren deutschsprachigen Neuerscheinungen des Jahres zu machen.
Hier bestellen
Topnews
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
László Krasznahorkais neuer Roman „Zsömle ist weg“
Szczepan Twardoch: Sehnsucht – Der Roman, der aus einem Stausee einen Ozean macht
Iwan Heilbut: Zugvögel – Bevor die Welt zerbricht
Petra Morsbach: Orion
Benjamin von Stuckrad-Barre: Udo Fröhliche
Leo Tolstoi: Anna Karenina
Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Bill Rectangles STENHOUSE und die Topografie des Erinnerns
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb
Clemens Böckmann: „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Deutscher Buchpreis 2026: Die SWR-Favoriten stehen fest
Maggie Nelson: The Slicks – Sylvia Plath, Taylor Swift und die Erfindung weiblicher Genialität
T.C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang – Wenn die Normalität Risse bekommt
Ronja von Rönne: Alles Liebe – Wenn Geschichten die Wirklichkeit verändern
Inga Machels Roman Harte Strandparty
Aktuelles
Elbstürme von Miriam Georg – Liebe, Verrat und der Preis der Freiheit
Elbleuchten von Miriam Georg – Verbotene Liebe und die dunkle Seite des Hamburger Wohlstands
Die Regenschwimmerin von Romy Fölck – Rezension: Drei Frauen, eine alte Freundschaft und der Mut, neu anzufangen
Jede Seite an dir von Jana Crämer – Zwischen Buchliebe, Social Media und der Angst, sichtbar zu werden
Druckfrisch: Denis Scheck spricht mit Andrea Wulf und Lutz Seiler über ihre neuen Bücher
Played by the Piper – Die Unbeugsame von Raven Kennedy: Rezension über eine Welt voller Plagen und eine Liebe, die zur Gefahr wird
Richard David Precht: „Auserzählt?“ – Über die Kultur und die Freiheit, selbst zu denken
Friedrich Nicolais „Sebaldus Nothanker“ – Was eine freie Überzeugung zum Leben braucht
Von Rahel Varnhagen bis heute: Wie die FrauenRouten die Salonkultur neu beleben
Altes Land von Dörte Hansen – Rezension: Von Heimat, Flucht und Menschen, die nirgendwo dazugehören
Die Kate-Linville-Reihe von Charlotte Link: Alle Bücher in der richtigen Reihenfolge – mit Rezensionen
Giuliano Musio im Interview: „Dabei ist mit ihm doch eigentlich alles in Ordnung“
Was, wenn alles gut wird? von Lia Morgenstern – Rezension: Über die Angst vor dem Glück
Aprikosenkind von Judith Merchant: Wenn Mutterliebe zur gefährlichen Gewissheit wird
Salzwind von Miriam Georg: Wenn Freiheit einen Preis bekommt
Rezensionen
Sturmland von Miriam Georg: Eine Liebe zwischen Freiheit, Geheimnissen und der rauen Nordsee
Alexander Puschkin: Eugen Onegin – Von der Liebe und der merkwürdigen Unfähigkeit, das Richtige zu tun
John Steinbeck: East of Eden – Wie viel Freiheit bleibt dem Menschen?
Herders „Fragmente“ zur deutschen Literatur – Eine Sprache sucht ihre eigene Bewegung
Hippels „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ – Wenn Ausschluss sich Natur nennt