Michal Neruda über I. Lettres, die Neruda Archives und die Menschen hinter historischen Briefen

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Eine Mutter wartet auf Nachricht von ihrer Tochter. Ein Tagelöhner muss eine Hoffnung begraben und zu seiner alten Arbeit zurückkehren. Eine Frau schreibt über Geld und Abhängigkeit, ein Beamter vermerkt den Tod eines Kindes. Es sind Spuren von Menschen, die nicht für die Nachwelt schrieben und deren Worte dennoch geblieben sind.

I. Lettres: 1716–1899 I. Lettres: 1716–1899 Neruda Archives (Autor), Michal Neruda (Herausgeber, Übersetzer) Michal Neruda – Neruda Archives

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I. Lettres: 1716–1899 (English Edition)

Für I. Lettres hat Michal Neruda sechzig historische Briefe aus den Jahren 1716 bis 1899 aus dem Bestand der Neruda Archives ausgewählt. Sie erzählen von Arbeit und Familie, Liebe und Trennung, Krankheit, Krieg, Geld und den kleinen Angelegenheiten des Alltags. Gerade darin wird Geschichte konkret: Was wir heute als vergangene Epoche betrachten, war für diese Menschen Gegenwart, deren Ausgang sie nicht kannten.

Nerudas Weg zu diesen Dokumenten begann mit der Philatelie. Aus dem Interesse an Briefmarken und Postgeschichte wurde die Beschäftigung mit den Menschen hinter den Briefen, aus dem Sammeln entstand ein Archiv. Die Originale werden bewahrt und digitalisiert, ihre Transkriptionen und Übersetzungen öffentlich zugänglich gemacht.

Lesering ist neugierig geworden und hat bei Michal Neruda nachgefragt: über die Entstehung der Neruda Archives, die Arbeit mit Zehntausenden historischen Briefen und darüber, was geschieht, wenn aus einem Archiv ein Buch wird.

cms.xuipbMichal Neruda

Lesering: Herr Neruda, wie kommt ein Archiv wie die Neruda Archives überhaupt zustande? Was stand am Anfang – und ab welchem Moment war Ihnen klar, dass hier mehr entsteht als eine Sammlung historischer Briefe?

Michal Neruda: Seit mehr als zehn Jahren sammle ich Briefmarken, vor allem aus der klassischen Periode der europäischen Philatelie. Wenn mir dabei Briefe begegneten, interessierte mich hauptsächlich ihre Postgeschichte. Ihr eigentlicher Inhalt spielte für mich lange keine Rolle.

Vor ungefähr einem Jahr begann ich jedoch, mich eingehend mit dem Inhalt eines Briefes zu beschäftigen, weil mich die Person des Empfängers interessierte. Dann stellte ich fest, dass derselbe Verkäufer mehrere weitere Briefe anbot, die mit der Familie dieses Empfängers zusammenhingen, und auch ihren Inhalt fotografiert hatte. Ich begann, sie nach und nach zu lesen, und vor mir öffnete sich die Geschichte einer Familie.

Das sprach mich nicht nur in historischer Hinsicht an – die Familie war über weite Teile des 19. Jahrhunderts mit einer Reihe bedeutender europäischer Ereignisse verbunden –, sondern berührte mich angesichts der Umstände, unter denen diese Briefe entstanden waren, noch stärker auf menschlicher Ebene. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich diese Briefe, die einzeln verkauft werden und erneut zerstreut werden könnten, nach Möglichkeit als Ganzes retten sollte.

Als ich anschließend weitere Briefe auf verschiedenen Verkaufsplattformen durchsah und nach allem suchte, was mit dieser Familie zusammenhing, stieß ich auch auf ganz andere Briefe – ohne bedeutende Namen und ohne große historische Ereignisse. Anfangs übersah ich sie eigentlich. Einige gingen mir jedoch so sehr im Kopf herum, dass ich nach einigen Tagen zu ihnen zurückkehrte und sie erneut heraussuchte.

Als solche Briefe immer zahlreicher wurden, wuchs in mir allmählich die Überzeugung, dass es nicht genügt, Briefe lediglich zu kaufen und aufzubewahren. Ich wollte, dass auch andere sie lesen können. Ich glaube, etwa in diesem Moment begann sich die Sammlung für mich in ein Archiv zu verwandeln.

Lesering: Sie haben inzwischen Zehntausende historische Briefe gelesen. Was verändert eine solche Menge an fremden Lebenszeugnissen im eigenen Blick auf Geschichte – und vielleicht auch auf die Gegenwart?

Michal Neruda: Ich war es gewohnt, Geschichte vor allem als Abfolge großer Ereignisse, Entscheidungen und Daten wahrzunehmen. Das Lesen der Briefe veränderte diesen Blick allmählich. Wenn man zu ein und demselben Ereignis drei verschiedene Briefe von drei Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten liest, erkennt man plötzlich, wie unterschiedlich sie es erlebt haben könnten.

Wenn es mir gelang, die weiteren Zusammenhänge ihres Lebens zu erschließen, fragte ich mich beim Lesen oft: Wie hätte ich mich wohl verhalten? Was und wie hätte ich geschrieben, wenn ich das Leben dieses Menschen geführt und nur über die Möglichkeiten, Informationen und Erfahrungen verfügt hätte, die ihm zur Verfügung standen?

Bei Briefen, die den Alltag festhalten, überrascht mich wiederum, wie vertraut uns die Sorgen ihrer Verfasser sein können. Die Menschen beschäftigten sich mit Familie, Geld, Arbeit, Krankheit, Beziehungen oder Trennung. Manchmal habe ich beim Lesen das Gefühl, sie sehr gut zu verstehen, obwohl sie in einer anderen Zeit und unter Verhältnissen lebten, die wir uns heute nur teilweise vorstellen können.

Ein anderes Mal stoße ich auf Haltungen oder Handlungen, die sich aus heutiger Sicht sehr leicht verurteilen lassen. Dann frage ich mich, wie spätere Generationen eines Tages unser eigenes Leben lesen und wahrnehmen werden. Was von dem, was wir heute für völlig normal und selbstverständlich halten, wird ihnen unverständlich oder unannehmbar erscheinen?

Vielleicht verändern die historischen Briefe gerade dadurch auch meinen Blick auf die Gegenwart. Sie lehren mich, Menschen der Vergangenheit nicht vorschnell zu beurteilen und mir zugleich bewusst zu machen, dass auch unsere eigene Zeit nicht der endgültige Maßstab aller Dinge ist.

Lesering: Ein Archiv sammelt, ein Buch setzt Grenzen. Für I. Lettres haben Sie sechzig Stimmen aus Zehntausenden herausgelöst und in eine neue, nicht chronologische Ordnung gebracht. Nach welcher inneren Logik ist diese Reihenfolge entstanden – und haben sich dabei Beziehungen zwischen Briefen gezeigt, die Sie selbst zunächst nicht gesehen hatten?

Michal Neruda: Der Reihenfolge der Briefe im Buch habe ich wirklich viel Zeit gewidmet. Sie entstand nicht nach einer einzigen einfachen Regel. Ich ordnete die Briefe weder chronologisch noch nach Ländern oder Themen. Entscheidend war für mich ihre Wirkung aufeinander: was ein bestimmter Brief mit dem vorhergehenden macht, was nach ihm kommen kann, wann der Rhythmus wechseln sollte und wann ein Gedanke oder ein Gefühl in einer anderen Geschichte weiterklingen kann.

Gerade bei diesem Zusammenstellen wurden mir die Beziehungen zwischen Briefen bewusster, die historisch überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Meist waren es Beziehungen zwischen den Lebenssituationen ihrer Verfasser. Dieselben menschlichen Erfahrungen – Angst, Trennung, Sorge um ein Kind oder Hoffnung – können in einem anderen Jahrhundert, in einem anderen Land und in einem völlig anderen gesellschaftlichen Umfeld auftauchen. Manchmal wiederum funktionieren zwei Briefe nebeneinander gerade deshalb, weil sie beinahe Gegensätze bilden.

Einige dieser Verbindungen hatte ich bei der ersten Lektüre der einzelnen Briefe überhaupt nicht wahrgenommen. Sie traten erst hervor, als ich begann, über das Buch als Ganzes nachzudenken. So wurde das Zusammenstellen des Buches auch für mich zu einer erneuten Entdeckung von Briefen, die ich bereits kannte.

Diese innere Logik wollte ich dem Leser jedoch nicht im Voraus erklären. Ich wünsche mir, dass der Leser die Briefe zunächst auf sich wirken lassen und nach und nach eigene Verbindungen zwischen ihnen finden kann. Es müssen nicht genau dieselben sein, die ich beim Zusammenstellen gesehen habe. Ich hoffe, dass die entstandene Reihenfolge natürlich wirkt, auch wenn der Leser vielleicht nicht immer genau benennen kann, warum ihn ein bestimmter Brief gerade an dieser Stelle berührt hat.

Lesering: Bei Tausenden gelesenen Briefen dürfte vieles irgendwann vertraut erscheinen. Gibt es dennoch einen Brief in I. Lettres, der Sie nicht losgelassen hat – vielleicht sogar einen, bei dem Ihnen die Distanz des Archivars schwergefallen ist?

Michal Neruda: Wenn ich aus I. Lettres einen Brief auswählen müsste, zu dem ich immer wieder zurückgekehrt bin, wäre es der Brief aus Mâcon vom 2. Februar 1845.

Sein Verfasser, Protaty, schickt einem Händler eine Warenlieferung zurück. Er schreibt, dass der Mann, der ihn angestellt hatte, ihn verlassen habe, dass schließlich keine Vereinbarung zustande gekommen sei und er die Ware deshalb nicht bezahlen könne. Er entschuldigt sich, behält nichts, hat die Ware noch gar nicht benutzt und schickt sie zurück. Sogar die Rücksendung bezahlt er selbst. Dann schreibt er einen einzigen kurzen Satz: „Ich muss zu meiner Arbeit als Tagelöhner zurückkehren.“

Gerade dieser Satz hat mich getroffen. In wenigen Worten liegt für mich das ganze Scheitern einer Hoffnung. Wir wissen nicht genau, was er sich von dieser Gelegenheit versprochen hatte, doch wir können ahnen, dass er versucht hatte, einen anderen Weg zu finden als die Rückkehr zur Tagelöhnerarbeit. Es gelang ihm nicht.

Und doch legt er in dieser Lage großen Wert darauf, dem Händler keinen Verlust zuzufügen. Er betont, dass er die Ware nicht einmal berührt habe, und bezahlt ihre Rücksendung, obwohl er selbst offenbar nur über geringe Mittel verfügt. Die Art, wie er darüber schreibt, wirkt auf mich sehr redlich.

Wenn man zudem das Original mit seiner unsicheren, mühsam wirkenden Handschrift betrachtet, wirkt der Brief noch stärker. Der Verfasser versucht dabei lediglich, dem Händler zu erklären, warum er dessen Ware zurückschickt.

Vielleicht bin ich gerade deshalb so oft zu diesem Brief zurückgekehrt. Über Protaty wissen wir fast nichts. Dennoch bleibt für mich in diesen wenigen Zeilen etwas sehr Wesentliches: eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat, und die Art, wie er sich angesichts dieses Scheiterns verhielt.

Lesering: I. Lettres erklärt seine Briefe nicht. Sie geben den Stimmen Raum, ohne dem Leser vorzuschreiben, wie er sie historisch oder biografisch einzuordnen hat. Was gewinnt ein Brief durch dieses Schweigen des Herausgebers – und was verliert er möglicherweise dadurch?

Michal Neruda: Ich wollte wirklich, dass der Leser dem Brief in einer gewissen Stille begegnet, ohne vorgefasste Erwartungen und ohne Anleitung, wie er ihn lesen soll. Es sollte ihm überlassen bleiben, ob der Brief ihn überhaupt anspricht, wodurch er ihn anspricht und ob er seine Bedeutung vielleicht erst später, nach der Lektüre weiterer Briefe, spürt.

Die Möglichkeit, dem Inhalt eines Briefes möglichst unmittelbar zu begegnen, halte ich für einen der wertvollsten Aspekte des ganzen Buches. Wenn der Leser noch vor dem Brief erklärt bekommt, was daran wichtig ist, wird er darin möglicherweise vor allem nach dem suchen, worauf er hingewiesen wurde.

Natürlich verlieren wir dadurch auch etwas. Ohne Kenntnis der Umstände kann dem Leser die Bedeutung eines bestimmten Satzes entgehen, oder er kann die gesamte Situation anders verstehen. Im Buch gibt es mehrere Briefe, deren Bedeutung nach der Erschließung des weiteren Zusammenhangs erheblich zunimmt. Deshalb enthält der Archiveintrag zu einigen von ihnen zumindest einen Teil dieses Kontextes sowie weitere Verweise und Quellen.

Und gerade hier entsteht für mich eine weitere Möglichkeit des Lesens. Man kann beim Brief selbst bleiben oder sich fragen, wer dieser Mensch war, was davor und danach geschah und warum er gerade diese Worte schrieb. Bei einigen Briefen kann dieses schrittweise Freilegen dessen, was hinter ihnen liegt, sehr spannend sein – und manchmal geradezu süchtig machen.

Heute steht uns für eine solche Suche zudem eine Fülle von Möglichkeiten zur Verfügung. Ich hoffe deshalb, dass manche Leser auch diese zweite Ebene erleben können: zunächst die unmittelbare Begegnung mit dem Brief und anschließend die eigene Entdeckung der Geschichte, die dahinter verborgen geblieben ist. Genau dieses Gefühl habe ich selbst bei der Arbeit mit manchen Briefen erlebt.

Lesering: Zugleich kann ein Herausgeber nie ganz verschwinden. Schon die Entscheidung, einen Brief auszuwählen, ihn zu transkribieren, zu übersetzen und an eine bestimmte Stelle zu setzen, prägt unsere Lektüre. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen größtmöglicher Treue zum Dokument und Ihrer eigenen Handschrift als Herausgeber?

Michal Neruda: Da haben Sie recht. Schon die Auswahl der Briefe für I. Lettres ist in hohem Maße subjektiv, und diese Subjektivität lässt sich meines Erachtens auch nicht vollständig beseitigen.

Ich würde keinesfalls behaupten, dass die sechzig Briefe im Buch ein repräsentatives Bild der Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts vermitteln. Es sind die Briefe, zu denen ich überhaupt Zugang fand, die ich lesen konnte und deren Originale ich schließlich erwarb. Schon dadurch ist die Auswahl grundlegend begrenzt. Jemand anderes hätte aus demselben Bestand vermutlich sechzig andere ausgewählt.

In der Sammlung Ordinary Lives veröffentliche ich deshalb nach und nach auch weitere Briefe aus dem größeren Bestand, aus dem I. Lettres hervorgegangen ist. Der Leser ist so nicht allein auf die endgültige Auswahl des Buches angewiesen, sondern kann zumindest teilweise auch betrachten, was außerhalb von ihr geblieben ist.

Darüber hinaus habe ich drei Briefe bewusst auch deshalb in das Buch aufgenommen, weil der Leser den darin auftretenden Menschen in einem der folgenden Bände wiederbegegnen wird. Auch das ist eine editorische Entscheidung und meine Spur im Buch.

Bei der Entscheidung, welchen Brief ich auswähle, wo ich ihn platziere und neben welchem anderen Brief ich ihn erklingen lasse, kann ich als Herausgeber nicht verschwinden. Sobald ich jedoch vor dem Dokument selbst stehe, versuche ich, mich selbst so weit wie möglich zurückzunehmen. Ich möchte den Brief nicht verbessern, ihn nicht anstelle seines Verfassers erklären und dem Leser nicht sagen, was er daraus mitnehmen soll. Auch bei Transkription und Übersetzung versuche ich, möglichst viel von dem zu bewahren, was tatsächlich im Dokument steht, selbst wenn das manchmal bedeutet, seine Unbeholfenheit, Unvollkommenheit oder Unsicherheit stehen zu lassen.

Vor einigen Tagen entdeckte ich zufällig einen Blog, dessen Autor in mancher Hinsicht etwas Ähnliches tut: Er veröffentlicht historische Briefe, ihre Transkriptionen und Übersetzungen sowie zusätzliche Hintergrundinformationen. Einige dieser Briefe sind rein menschlich betrachtet mindestens ebenso eindringlich wie die Briefe in I. Lettres. Bei ihrer Lektüre hatte ich ein sehr ähnliches Gefühl wie beim Entdecken der Briefe in meiner eigenen Sammlung.

Es hat mich gefreut zu erfahren, dass es noch jemanden gibt, den alte Briefe auf ähnliche Weise ansprechen. Dabei wurde mir bewusst, dass es Tausende und Abertausende weiterer Briefe geben muss, die einen Menschen ebenso stark oder noch stärker berühren könnten als die sechzig, die ich ausgewählt habe. Und eigentlich freut mich das. Es bestätigt mir, dass das Wertvollste nicht nur in einer bestimmten Sammlung liegt. Es liegt in diesen menschlichen Stimmen selbst und in der Möglichkeit, sie wieder zu hören.

Meine Spur als Herausgeber liegt also vor allem darin, welche dieser Stimmen ich ausgewählt und wie ich sie nebeneinandergestellt habe. Was sie aber zu sagen haben, möchte ich nach Möglichkeit ihnen selbst überlassen.

Lesering: Die Briefe sollen ihre ursprünglichen Stimmen möglichst unverstellt bewahren. Gleichzeitig liegen zwischen dem historischen Original und dem heutigen Leser Transkription und Übersetzung, bei denen Sie auch KI einsetzen. Wie bewahrt man die Eigenheit einer Stimme, wenn sie durch so viele vermittelnde Hände – menschliche wie technische – gehen muss?

Michal Neruda: Ich versuche auch die Art zu bewahren, wie ein Mensch schreibt. Seine Stimme kann gerade in einer Unbeholfenheit, einer Wiederholung oder einer ungewöhnlichen Wortverbindung liegen, die sich in der Übersetzung leicht glätten ließe. Ich möchte nicht, dass ein Brief in der Übersetzung besser klingt, dabei aber dem Menschen, der ihn geschrieben hat, nicht mehr entspricht.

Gerade bei Briefen, deren Wirkung davon abhängt, wie sie geschrieben sind, oder bei denen ein bestimmtes Wort oder eine bestimmte Wortverbindung entscheidend sein kann, habe ich der Transkription und Übersetzung außerordentliche Sorgfalt gewidmet. An manchen Stellen verbrachte ich mit einem einzigen Satz oder einigen wenigen Wörtern mehrere Stunden und prüfte die verschiedenen Möglichkeiten wiederholt auch mithilfe künstlicher Intelligenz.

Ich muss sagen, dass mich die Möglichkeiten der KI gerade in dieser Hinsicht sehr überrascht haben. Das gilt nicht nur für die Übersetzung selbst, sondern vor allem für den Vergleich verschiedener möglicher Lesarten und Bedeutungsnuancen sowie für die Frage, wie ein bestimmter Ausdruck im ganzen Satz funktioniert und wie er zu der Zeit und an dem Ort verwendet wurde, an dem der Brief entstand.

Trotzdem würde ich niemals behaupten, dass die Transkriptionen und Übersetzungen fehlerfrei sind. Es ist sogar wahrscheinlich, dass ich an manchen Stellen einen Fehler gemacht habe oder etwas anders verstanden habe, als es ursprünglich gemeint war. Eine Zeit lang hat mich die Sorge, Fehler zu machen, wirklich sehr belastet. Schließlich habe ich jedoch akzeptiert, dass sich bei einer solchen Menge historischer Handschriften keine absolute Gewissheit erreichen lässt.

Deshalb ist mir wichtig, dass die Übersetzung nie für sich allein steht. Zu jedem Brief sind im Online-Archiv eine Abbildung des Originaldokuments und seine Transkription verfügbar, sodass jederzeit eine Rückkehr zur Quelle möglich ist. Von Anfang an gibt es dort außerdem die Möglichkeit, auf einen Fehler in der Transkription oder Übersetzung hinzuweisen und solche Korrekturen nach und nach einzuarbeiten.

Vielleicht ist letztlich gerade dies das Wichtigste: Das Original bleibt immer gegenwärtig. Transkription und Übersetzung sollen es nicht ersetzen. Sie sollen lediglich ermöglichen, dass sich auch jemand, der den Brief sonst nicht lesen könnte, seiner Stimme nähern kann.

Lesering: Was tun Sie mit den Stellen, an denen sich ein Brief einer eindeutigen Lesart entzieht? Ist es für Sie wichtig, Zweifel und Lücken sichtbar zu lassen – also dem historischen Dokument auch sein Nichtwissen zu erhalten?

Michal Neruda: Ja, ich halte es für wichtig, dass die Unsicherheit sichtbar bleibt. Dabei kann es jedoch um unterschiedliche Dinge gehen.

Manchmal bin ich mir unsicher, wie ein bestimmtes Wort oder ein Satzteil zu lesen ist. Ich versuche, eine solche Stelle zu entziffern. Gelingt das nicht, soll in Transkription und Übersetzung erkennbar bleiben, dass sie unleserlich oder die vorgeschlagene Lesart unsicher ist. Ich möchte eine fehlende Stelle nicht nur deshalb ergänzen, damit der Satz vollständig und verständlich wirkt.

In anderen Fällen sind die Wörter lesbar, doch wir wissen nicht genug über die Umstände. Der Verfasser könnte auf etwas angespielt haben, das sein Empfänger gut kannte und das er deshalb nicht erklären musste. Dann bleibt uns ein Satz, den wir sprachlich verstehen, dessen tatsächliche Bedeutung für diese beiden Menschen wir aber möglicherweise nicht mehr ermitteln können.

Gerade solche Stellen führen mich häufig zu weiteren Nachforschungen. Ich suche auch nach Informationen über die Menschen, die in den Briefen vorkommen, sowie über die Orte und Ereignisse, auf die sich die Briefe beziehen. Manchmal helfen gerade diese Zusammenhänge, einen bestimmten Satz zu verstehen oder den Blick auf den ganzen Brief zu verändern. In anderen Fällen kann ich manche Fragen auch nach einer solchen Suche nicht beantworten.

Ich versuche deshalb zu unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich im Brief steht, dem, was sich aus anderen Quellen ermitteln ließ, und dem, was ich mir beim Lesen lediglich hinzudenke.

Ein Brief kann mich dennoch stark berühren, auch wenn ich seine ganze Geschichte nicht kenne. Ich kann darin Hoffnung, Enttäuschung oder Angst spüren, ohne genau zu wissen, was geschehen ist. Ich möchte nur mein eigenes Empfinden nicht als Gewissheit über das Leben eines Menschen ausgeben, über den wir so wenig wissen.

Lesering: In I. Lettres begegnen uns sehr unterschiedliche gesellschaftliche Wirklichkeiten: Marie Šoulová schreibt 1874 über Drohungen, Geld und die Abhängigkeit von ihrem Mann; im Wiener Vorgang um Rudolf Figurak von 1897 erscheint ein ganzes Familienschicksal in der Sprache der Verwaltung. Was können solche privaten und amtlichen Briefe über eine vergangene Gesellschaft erzählen, das wir aus der klassischen Geschichtsschreibung vielleicht nicht erfahren?

Michal Neruda: Beim Lesen solcher Briefe kann ich mir besser vorstellen, was bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse im Leben eines einzelnen Menschen bedeuteten.

Bei Marie Šoulová etwa können wir allgemein die Stellung der Frau, die Ehe oder die Eigentumsverhältnisse im 19. Jahrhundert untersuchen. Wenn wir jedoch ihre eigenen Worte über Geld, Drohungen und ihre Abhängigkeit von ihrem Mann lesen, hört dies auf, ein abstraktes gesellschaftliches Phänomen zu sein. Wir sehen einen konkreten Menschen, der versucht, unter diesen Verhältnissen zu leben und seine Lage zu bewältigen.

Für mich ist sehr interessant, dass auch amtliche Dokumente etwas Ähnliches festhalten können. Im Fall Rudolf Figuraks spricht vor allem die Behörde und verwendet ihre eigene sachliche, administrative Sprache. Dennoch fügt sich aus einzelnen Angaben, Anträgen, Entscheidungen und Vermerken allmählich das Schicksal einer Familie zusammen.

Und am Ende steht noch ein kleines Detail, das meine Aufmerksamkeit vielleicht unverhältnismäßig stark auf sich gezogen hat. Der Beamte verwendet im letzten Nachtrag nicht einfach das Wort für „Kind“, sondern eine Verkleinerungsform – sinngemäß „Kindchen“. Ich möchte aus einem einzigen Wort nicht ableiten, was der Mensch empfand, der es schrieb – es könnte schlicht eine zeittypische Ausdrucksweise gewesen sein. Dennoch fasziniert mich, dass in einem so kühlen Verwaltungsdokument plötzlich gerade dieses Wort steht. Auch hinter der Amtssprache saß letztlich ein Mensch, der die Feder führte.

Ein privater Brief lässt uns manchmal hören, wie ein Mensch selbst seine Lage beschrieb. Ein amtliches Dokument zeigt uns, wie sein Leben von Institutionen gesehen, bezeichnet und behandelt wurde. Und manchmal bleibt darin dennoch eine kleine Spur des Menschen, der dieses amtliche Dokument verfasste.

Solche Briefe ergänzen für mich die historische Darstellung um etwas sehr Konkretes. Neben der Frage, wie eine Gesellschaft organisiert war, beginnen wir uns vorzustellen, wie es gewesen sein könnte, in ihr zu leben.

Lesering: I. Lettres beginnt ausgerechnet mit einer Schulvorstandssitzung in Oeffingen, zu der außer einem einzigen Mitglied niemand erscheint. Warum dieser Brief – und warum als erster?

Michal Neruda: Dieser Brief gehörte zu den ersten, die ich las, noch zu einer Zeit, als ich überhaupt nicht daran dachte, dass aus diesen Briefen ein Buch entstehen könnte.

Bei der ersten Lektüre musste ich wirklich sehr lachen. Damals konnte ich nur den ersten Teil lesen: Es wird eine Sitzung des Schulvorstands einberufen, die sich mit dem Fehlen von Schülern im Unterricht befassen soll – und zu der Sitzung selbst erscheint nur ein einziges Mitglied. In dieser Form wirkte das beinahe wie eine perfekt konstruierte Anekdote.

Später begann ich mich jedoch auch mit dem unteren Teil des Dokuments zu beschäftigen, der bis heute nur sehr schwer lesbar ist. Selbst mithilfe verschiedener Bildbearbeitungsverfahren kann ich den vollständigen Text nicht zuverlässig entziffern; erkennen lassen sich lediglich einzelne Wörter und Wendungen – etwa Krankheit oder Tagelöhnerarbeit.

Und genau da veränderte sich mein Blick auf diesen Brief. Ich begann mich zu fragen, ob hinter der Abwesenheit der Kinder und auch dem Fernbleiben der Mitglieder des Schulvorstands nicht ganz gewöhnliche und zugleich sehr ernste Gründe gestanden haben könnten. Aus diesen wenigen Wörtern kann ich das nicht zuverlässig erschließen. Dennoch brachten sie mich dazu, die ganze Situation anders zu betrachten.

Deshalb steht dieser Brief am Anfang. Nicht nur, weil er mich bei der ersten Lektüre zum Lachen brachte, sondern auch, weil er mich sehr schnell etwas lehrte, das mir beim Lesen historischer Briefe immer wieder begegnete: Der erste Eindruck kann zutreffen, ohne vollständig zu sein.

Vielleicht beschreibt das zugleich, wie ich mir die Lektüre des ganzen Buches wünsche. Den Brief zunächst so auf sich wirken lassen, wie er uns begegnet. Und erst danach zulassen, dass hinter wenigen Zeilen sehr viel mehr liegen kann, als wir bei der ersten Lektüre gesehen haben.

Lesering: Sie bewahren die Briefe von Menschen auf, die längst verschwunden sind und von denen häufig kaum mehr geblieben ist als einige beschriebene Seiten. Hat die Arbeit an den Neruda Archives Ihre Vorstellung davon verändert, was von einem Menschen bleibt?

Michal Neruda: Ja. Es ist eine der Fragen, zu denen ich bei der Arbeit an den Neruda Archives immer wieder zurückkehre. Ehrlich gesagt weiß ich aber nicht, ob ich sie beantworten kann.

Über viele Menschen, deren Briefe ich lese, wissen wir heute fast nichts. Manchmal sind von ihnen einige beschriebene Seiten geblieben, manchmal ein einziger Brief, einige Namen oder ein paar Angaben, die sich ermitteln lassen. Und doch hatten sie ein ganzes Leben. Sie liebten jemanden, hatten Angst vor etwas, arbeiteten, erwarteten etwas und verloren etwas. All das war genauso wirklich wie unser Leben heute – unabhängig davon, wie viele Spuren am Ende von ihnen zurückblieben.

Vielleicht begann sich für mich genau hier die ursprüngliche Frage zu verändern. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob die wichtigste Frage wirklich lautet, was von einem Menschen bleibt. Vielleicht ist es ebenso wichtig zu fragen, ob überhaupt etwas bleiben muss, damit sein Leben Bedeutung hatte.

Diese Briefe sind in dieser Hinsicht eigenartig. Manchmal bleiben durch reinen Zufall einige Zeilen erhalten, die ihr Verfasser an einem bestimmten Tag an einen Menschen schrieb, den er kannte. Zweihundert Jahre später öffnen wir sie, und für einige Minuten wird ein Mensch, von dem wir sonst überhaupt nichts wüssten, wieder zu jemandem ganz Konkreten.

Das berührt mich wohl am meisten. Zugleich möchte ich nicht sagen, dass sein Leben dadurch nachträglich eine zusätzliche Bedeutung erhält. Dieses Leben hatte seinen Wert bereits damals, als es gelebt wurde. Der Brief ermöglicht uns lediglich, uns dies nach sehr langer Zeit für einen Augenblick bewusst zu machen.

Lesering: Am Anfang unseres Gesprächs stand die Frage, wie aus einer Sammlung ein Archiv wird. Zum Schluss deshalb der Blick nach vorn: Was wünschen Sie sich, dass aus den Neruda Archives einmal wird – und wann wäre dieses Projekt für Sie gelungen?

Michal Neruda: Nach der vorherigen Frage fällt mir die Antwort darauf eigentlich etwas schwer.

Natürlich wünsche ich mir, dass die Neruda Archives weiterwachsen und die Briefe nach und nach transkribiert, übersetzt, dokumentiert und frei zugänglich werden. Man soll dort gezielt nach etwas suchen können, aber ebenso einfach vorbeischauen, einen Brief öffnen und zu lesen beginnen.

Und wann könnte ich sagen, dass das Projekt seinen Sinn erfüllt? Vielleicht dann, wenn es zu einer Inspirationsquelle für andere Menschen würde. Ich würde mich freuen, wenn es jemanden dazu anregen würde, selbst auf die Suche zu gehen, sich mit Briefen zu beschäftigen, die er vielleicht zu Hause hat, oder eine andere Sammlung zugänglich zu machen. Auch ich begann durch das Entdecken fremder Briefe allmählich etwas zu tun, an das ich ursprünglich überhaupt nicht gedacht hatte.

Diese Inspiration kann aber auch etwas Persönlicheres sein. Mir selbst hat die Lektüre der Briefe nach und nach den Blick auf die Menschen der Vergangenheit und auf unser eigenes Leben verändert. Immer deutlicher wurde mir, dass das, was wir heute als Vergangenheit lesen, für sie Gegenwart war. Sie wussten nicht, wie alles ausgehen würde. Was sie gerade beschäftigte, war für sie ebenso wirklich und wichtig wie unsere heutigen Sorgen für uns.

Ich wünsche mir, dass das Archiv auch eine solche Begegnung ermöglicht. Was ein Mensch daraus mitnimmt, möchte ich ihm überlassen. Wenn ein Brief ihn dazu anregen würde, sich eine eigene Frage zu stellen oder etwas zu beginnen, das er sonst nicht begonnen hätte, sähe ich auch darin einen Sinn der ganzen Arbeit.

Ein Archiv, das die Zeit nicht abschließt

Wir danken Michal Neruda für die ausführlichen Antworten und für die Offenheit, mit der er Einblick in die Entstehung von I. Lettres und der Neruda Archives gegeben hat.

Gerade die Länge seiner Antworten wollten wir nicht redaktionell verkürzen. Denn im Verlauf des Gesprächs wird etwas sichtbar, das auch die Lektüre der Briefe bestimmt: Geschichte besteht nicht erst dort, wo sie rückblickend geordnet, erklärt und mit Jahreszahlen versehen wird. Sie ereignet sich zunächst im Leben einzelner Menschen, die nicht wissen können, welche ihrer Sorgen eines Tages bedeutend erscheinen und welche vollkommen vergessen sein werden.

Von Protaty kennen wir kaum mehr als einige Zeilen. Dennoch wissen wir, dass er 1845 eine Hoffnung aufgeben und zu seiner Arbeit als Tagelöhner zurückkehren musste. Von anderen bleiben eine Bitte, eine Rechnung, ein Streit, die Sorge um ein Kind oder ein amtlicher Vermerk. Dass diese Spuren erhalten sind, macht ihre Verfasser nicht nachträglich bedeutender. Neruda formuliert in einer seiner Antworten den wichtigeren Gedanken: Ihr Leben besaß seine Bedeutung bereits, als es gelebt wurde.

Die Briefe erinnern uns daran, weil sie zufällig geblieben sind.

Unser Dank gilt Michal Neruda für das Gespräch und für die Zeit, die er sich für unsere Fragen genommen hat.

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