Glück des Augenblicks von Ellin Carsta: Wenn Erfolg plötzlich seinen Preis zeigt

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Erfolg klingt aus der Entfernung meistens unkompliziert. Man hat ein Ziel, arbeitet darauf hin und erreicht es irgendwann. Schwieriger wird es, wenn sich anschließend die Frage stellt, ob der Erfolg tatsächlich der eigene war – oder ob jemand im Hintergrund ein wenig nachgeholfen hat.

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Glück des Augenblicks (Die Kinder der Hansens, Band 2)

Genau an diesem Punkt befindet sich Amala Hansen in Ellin Carstas „Glück des Augenblicks“. Nach ihrem Aufbruch in „Schritt ins Licht“ hat sie 1925 in Hamburg Fuß gefasst. Am Theater stellen sich erste Erfolge ein, sogar eine Filmrolle scheint möglich. Doch während Amalas Zukunft heller wird, geraten andere Mitglieder der Familie Hansen in deutlich dunklere Gegenden. Eduard Ahrendsen verstrickt sich in Berlin immer stärker in den Kokainhandel, Auguste steht vor eigenen persönlichen Problemen und Franz Hansen kämpft in Wien weiterhin mit den Folgen seiner Vergangenheit.

Worum geht es in „Glück des Augenblicks“?

Die Handlung setzt 1925 ein und schließt eng an „Schritt ins Licht“ an. Amala Hansen hat sich inzwischen in Hamburg eingelebt. Sie wohnt in der Villa ihres Onkels, fühlt sich innerhalb der Familie zunehmend zu Hause und hat auch beruflich Fortschritte gemacht. Nach ersten Erfolgen am Theater steht eine mögliche Filmrolle im Raum. Für die junge Frau scheint jener Traum näherzurücken, für den sie überhaupt nach Deutschland gekommen ist.

Doch Erfolg erzeugt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist nicht immer freundlich. Nicht jeder gönnt Amala ihren Aufstieg. Gleichzeitig beginnt sie selbst darüber nachzudenken, ob ihre Karriere ausschließlich auf ihrem eigenen Können beruht. Unterstützung findet sie bei Auguste, Frederikes Tochter, die in die Villa kommt und selbst vor schwierigen Entscheidungen steht.

Währenddessen gerät Eduard Ahrendsen in Berlin immer tiefer in die kriminelle Unterwelt. Sein Kokainhandel sollte ursprünglich nur dazu dienen, seine Schulden zu begleichen. Was als vorübergehende Lösung gedacht war, entwickelt jedoch eine eigene Dynamik. In Wien wiederum kann Franz Hansen seine Kriegserfahrungen weiterhin nicht hinter sich lassen.

Carsta verteilt die Geschichte damit erneut auf mehrere Städte und Figuren. Hamburg, Berlin und Wien bilden die drei wichtigsten Schauplätze dieses zweiten Bandes.

Amala bekommt, was sie wollte – und beginnt zu zweifeln

Im ersten Band war Amalas Ziel noch vergleichsweise eindeutig: Sie wollte Schauspielerin werden und sich in Deutschland ein eigenes Leben aufbauen. „Glück des Augenblicks“ beginnt an der interessanteren Stelle. Was passiert, wenn ein Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen könnte?

Amala hat Fortschritte gemacht. Eine Filmrolle würde den nächsten Schritt bedeuten und ihre Karriere von der Theaterbühne in eine damals rasant wachsende Unterhaltungsindustrie führen. Gleichzeitig muss sie feststellen, dass beruflicher Erfolg nie ausschließlich aus Talent besteht. Beziehungen, Einfluss und gesellschaftliche Stellung spielen ebenfalls eine Rolle.

Gerade für Amala ist das eine heikle Frage. Bereits im ersten Roman musste sie erfahren, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe anders wahrgenommen wird. Nun kommt eine weitere Unsicherheit hinzu: Wenn Türen aufgehen, möchte sie wissen, ob sie selbst den Schlüssel gefunden hat.

Damit entwickelt Carsta ihre Figur sinnvoll weiter. Amala kämpft nicht mehr ausschließlich darum, eine Chance zu bekommen. Sie möchte diese Chance auch als ihre eigene Leistung begreifen können.

Das ist ein kleiner Unterschied, aber für das Selbstverständnis einer Figur ein ziemlich großer.

Auguste und die Grenzen weiblicher Freiheit

Mit Auguste gewinnt ein weiterer Teil der jüngeren Generation an Gewicht. Sie zieht zu Georg in die Villa und wird für Amala zu einer wichtigen Verbündeten, obwohl sie selbst mit erheblichen Problemen beschäftigt ist.

Dadurch erweitert Carsta das Thema weiblicher Selbstbestimmung. Amalas Konflikt dreht sich stark um Beruf und öffentliche Wahrnehmung, Augustes Situation zeigt dagegen andere gesellschaftliche Grenzen der 1920er-Jahre.

Interessant ist dabei weniger, ob beide Frauen dieselben Vorstellungen vom Leben haben. Entscheidend ist, dass sie zunehmend versuchen, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.

Die sogenannten Goldenen Zwanziger erscheinen dadurch nicht einfach als Epoche der Befreiung. Gesellschaftliche Veränderungen schaffen neue Möglichkeiten, beseitigen alte Erwartungen aber nicht über Nacht.

Geschichte ist selten so höflich, eine Epoche vollständig aufzuräumen, bevor die nächste beginnt.

Eduard glaubt noch, jederzeit aufhören zu können

Den stärksten Kontrast zu Amalas Aufstieg bildet Eduard Ahrendsen. Während sie versucht, beruflich ins Licht zu gelangen, bewegt er sich immer weiter in die Berliner Unterwelt.

Eduards Ausgangsrechnung ist denkbar einfach: Er betreibt Kokainhandel, bis seine Schulden bezahlt sind, und steigt anschließend wieder aus. Doch illegale Geschäfte besitzen die unangenehme Eigenschaft, sich selten an private Zeitpläne zu halten. Der Roman stellt deshalb ausdrücklich die Frage, ob Eduard überhaupt noch aussteigen kann.

Dieser Handlungsstrang gehört zu den spannenderen Entwicklungen der Reihe, weil er langfristige Folgen vorbereitet. Wer bereits „Entdeckung der Wahrheit“, den neunten Band, kennt, weiß, welche Bedeutung Eduards illegale Geschäfte später für die Familie bekommen werden. Gerade rückblickend wird sichtbar, dass Carsta diese Entwicklung früh anlegt.

Eduard ist dabei besonders interessant, weil seine Entscheidungen zunächst rationalisierbar erscheinen. Schulden erzeugen Druck, der Kokainhandel soll eine zeitlich begrenzte Lösung sein. Das Problem liegt weniger darin, dass er keinen Ausweg will. Er überschätzt seine Fähigkeit, selbst zu bestimmen, wann dieser Ausweg beginnt.

Aus einem Mittel zum Zweck wird allmählich ein eigenes Leben.

Franz und ein Krieg, der nicht aufhört

Der dritte große Erzählraum liegt weiterhin in Wien. Franz Hansen kämpft noch immer mit seinen Kriegserlebnissen. Obwohl sein äußeres Leben vieles bietet, was Sicherheit versprechen könnte, gelingt es ihm nicht, die Vergangenheit einfach abzuschütteln. Die offizielle Beschreibung stellt sogar die Frage, ob sich bei ihm das Schicksal seines Vaters Karl wiederholen könnte.

Damit führt Carsta ein Motiv aus „Schritt ins Licht“ konsequent fort. Die Handlung spielt 1925, der Erste Weltkrieg liegt sieben Jahre zurück. Gesellschaftlich hat längst eine neue Zeit begonnen. Für Franz gilt das nicht.

Diese Gleichzeitigkeit macht die historische Kulisse interessanter. Während Amala von Film und Karriere träumt und Berlin sich als moderne Metropole zeigt, leben andere Figuren weiterhin mit den Folgen des Krieges.

Die Vergangenheit verschwindet nicht, nur weil der Kalender weiterblättert.

Drei Städte, drei verschiedene Zwanzigerjahre

Hamburg, Berlin und Wien sind bei Carsta nicht bloß wechselnde Ortsangaben. Die drei Schauplätze ermöglichen unterschiedliche Varianten derselben Epoche.

Hamburg steht zunächst stärker für Amalas gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg. Berlin führt mit Eduard in eine Welt aus Geld, Drogen und Kriminalität. Wien bleibt über Franz mit Familiengeschichte und den psychischen Folgen des Krieges verbunden. Die Autorin nutzt diese parallelen Handlungsstränge, um mehrere Mitglieder der Familie gleichzeitig weiterzuentwickeln.

Darin liegt eine Stärke der Reihe, aber auch ihre bekannte Begrenzung. Die vielen Perspektiven sorgen für Bewegung, verhindern jedoch, dass jede Figur gleich ausführlich entwickelt werden kann. Sobald ein Handlungsstrang gerade an Spannung gewinnt, wechselt Carsta häufig zum nächsten.

Wer Familiensagas mag, dürfte genau diese Breite schätzen. Wer einen historischen Roman mit einer einzigen dominierenden Hauptfigur erwartet, wird weniger glücklich damit werden.

Stärken und Schwächen von „Glück des Augenblicks“

Zu den Stärken gehört vor allem, dass der zweite Band Entwicklungen aus „Schritt ins Licht“ nicht einfach wiederholt. Amala ist ihrem Traum nähergekommen und bekommt deshalb neue Probleme. Eduards vermeintlich vorübergehende kriminelle Geschäfte beginnen ihn stärker zu binden, während Franz weiterhin zeigt, dass historische Umbrüche individuell sehr unterschiedlich erlebt werden.

Auch Augustes stärkere Rolle erweitert die jüngere Generation der Familie. Dadurch wird deutlicher, dass „Die Kinder der Hansens“ tatsächlich nicht nur Amalas Geschichte erzählen möchte.

Eine mögliche Schwäche liegt erneut in der Vielzahl der Figuren und Handlungsstränge. Die kurzen Wechsel erzeugen Tempo, können aber psychologische Vertiefung begrenzen. Auch die Einteilung einzelner Figuren in relativ deutlich erkennbare Rollen innerhalb der Familienkonflikte kann gelegentlich etwas schematisch wirken. Dieser Punkt wurde auch in zeitgenössischen Besprechungen des Romans kritisch hervorgehoben.

Der Roman funktioniert deshalb vor allem über die fortlaufende Familiengeschichte. Seine Wirkung entsteht weniger aus einem einzelnen großen Konflikt als aus der Frage, wohin sich die verschiedenen Lebenswege entwickeln.

Die Kinder der Hansens: die richtige Reihenfolge

„Entdeckung der Wahrheit“ ist Band 9 der Reihe „Die Kinder der Hansens“. Die Serie setzt ihrerseits die Geschichte der früheren Hansen-Saga fort. Für diesen Band empfiehlt es sich ausdrücklich, zumindest die vorherigen Teile von „Die Kinder der Hansens“ zu kennen.

Die Reihenfolge lautet:

  1. Schritt ins Licht
  2. Glück des Augenblicks
  3. Tanz ins Leben
  4. Zauber des Neuen
  5. Kraft der Veränderung
  6. Moment des Aufbruchs
  7. Zeit des Neubeginns
  8. Geschenk des Loslassens
  9. Entdeckung der Wahrheit
  10. Ende einer Ära – angekündigter Abschluss

Die ersten neun Titel und ihre Reihenfolge sind bibliografisch dokumentiert; „Ende einer Ära“ ist als zehnter Band für Oktober 2026 angekündigt.

Für wen eignet sich „Glück des Augenblicks“?

Der Roman richtet sich vor allem an Leser historischer Familien- und Generationensagas, die Figuren über mehrere Bücher hinweg begleiten möchten. Wer bereits „Schritt ins Licht“ gelesen hat, bekommt eine direkte Fortsetzung der Geschichten von Amala, Eduard, Auguste und Franz.

Besonders reizvoll ist der Roman für Leser, die historische Stoffe lieber über private Lebensgeschichten als über große politische Ereignisse erschließen. Die Zwanzigerjahre erscheinen hier durch Karriere, Familie, gesellschaftliche Erwartungen, Kriegserfahrungen und Kriminalität.

Als eigenständiger Roman ist „Glück des Augenblicks“ dagegen weniger geeignet. Zu viel Bedeutung entsteht aus dem, was bereits vorher geschehen ist – und aus dem, was die Reihe anschließend daraus macht.

Über Ellin Carsta

Ellin Carsta ist das Pseudonym der deutschen Schriftstellerin Petra Mattfeldt. Unter diesem Namen veröffentlicht sie vor allem historische Familienromane und umfangreiche Buchreihen. Neben der Hansen-Saga und „Die Kinder der Hansens“ stammt auch die Falkenbach-Saga von ihr. Ihre offizielle Autorinnenseite führt die verschiedenen Reihen und Bände unter dem Namen Ellin Carsta.

Mit „Die Kinder der Hansens“ setzt Carsta die frühere Hansen-Saga über die nächste Generation fort. „Glück des Augenblicks“ ist dabei jener Band, in dem aus den ersten Aufbrüchen zunehmend Konsequenzen werden.

Glück ist selten ein dauerhafter Zustand

„Glück des Augenblicks“ erzählt weniger vom Ankommen als davon, was nach dem Ankommen geschieht. Amala nähert sich ihrem beruflichen Traum und beginnt gerade deshalb, dessen Voraussetzungen zu hinterfragen. Eduard glaubt, ein gefährliches Geschäft kontrollieren zu können, während Franz erlebt, dass sich Vergangenheit nicht durch einen neuen Lebensabschnitt erledigen lässt.

Damit entwickelt Carsta den Auftakt der Reihe sinnvoll weiter. Der zweite Band öffnet neue Konflikte, ohne die bestehenden einfach abzuschließen. Gerade Eduards Weg deutet bereits an, dass Entscheidungen innerhalb einer Familiensaga eine bemerkenswert lange Halbwertszeit besitzen können.

Der Titel passt deshalb besser, als es zunächst scheint. Glück ist bei den Hansens tatsächlich vorhanden. Nur lässt es sich nicht konservieren.

Ein Augenblick kann glücklich sein. Was danach kommt, muss trotzdem gelebt werden.

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