Entdeckung der Wahrheit von Ellin Carsta: Wenn Familie nicht mehr vor Schuld schützt

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Familienunternehmen leben von Vertrauen. Irgendwann muss jemand davon ausgehen können, dass der Cousin nicht heimlich Kokain und Opium über den gemeinsamen Betrieb vertreibt. Was nach einer vergleichsweise niedrigen moralischen Mindestanforderung klingt, wird für die Familie Hansen im Jahr 1929 plötzlich zum Problem.

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Entdeckung der Wahrheit (Die Kinder der Hansens, Band 9)

Mit „Entdeckung der Wahrheit“ führt Ellin Carsta ihre historische Familiensaga „Die Kinder der Hansens“ im neunten Band fort. Die Geschichte spielt vor allem in Hamburg und Wien und setzt die Konflikte der vorherigen Romane unmittelbar weiter fort. Ein Mord erschüttert die Familie, während Amala Hansen entdeckt, dass ihr Cousin Eduard das gemeinsame Unternehmen für illegale Geschäfte nutzt. Damit verbindet Carsta erneut Familiengeschichte und Kriminalhandlung – diesmal allerdings mit einer Frage, die innerhalb der Reihe zunehmend dringlicher wird: Wie weit reicht familiäre Loyalität, wenn eines der eigenen Mitglieder selbst zur Gefahr wird?

Worum geht es in „Entdeckung der Wahrheit“?

Wir befinden uns im Jahr 1929. Ein brutaler Mord trifft die Familie Hansen. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch die Polizei verfügt nicht über ausreichende Beweise. Für die Angehörigen entsteht deshalb die Befürchtung, dass der Täter seiner Strafe entgehen könnte.

Besonders Eduard will sich damit nicht abfinden. Er denkt an Rache und ist bereit, Gerechtigkeit selbst herzustellen. Das wäre bereits problematisch genug, doch Eduard hat sich längst in eine zweite, ebenso gefährliche Richtung entwickelt.

In Hamburg findet Amala Hansen heraus, dass ihr Cousin das Hansens für den illegalen Handel mit Kokain und Opium benutzt. Für Amala ist die Entdeckung auch deshalb brisant, weil sie und Auguste Miteigentümerinnen sind. Ohne ihr Wissen wird ein gemeinsames Unternehmen damit für kriminelle Geschäfte verwendet. Die Enthüllung bedroht nicht nur die geschäftliche Zusammenarbeit, sondern den Zusammenhalt der Familie selbst.

Daneben führt Carsta weitere bekannte Figuren und Familienzweige fort. Die Hansens leben inzwischen weit verstreut; neben Hamburg und Wien spielen auch andere Orte für die verschiedenen Lebenswege eine Rolle. Die Geschichte wird entsprechend über mehrere Figuren und Handlungsstränge entwickelt.

Viel mehr sollte man über die konkreten Ereignisse nicht vorwegnehmen. Gerade der Mord und seine Folgen gehören zu den Entwicklungen, deren Wirkung davon lebt, nicht bereits vor der Lektüre vollständig bekannt zu sein.

Eduard und die langsame Verschiebung einer Grenze

Der interessanteste Konflikt des neunten Bandes liegt bei Eduard. Nicht deshalb, weil Kriminalität für historische Familienromane besonders ungewöhnlich wäre. Interessanter ist, dass seine Entscheidungen unmittelbar mit der Familie verbunden sind.

Er nutzt das gemeinsame Unternehmen für den Drogenhandel. Gleichzeitig reagiert er auf den Mord innerhalb der Familie mit einem ausgeprägten Wunsch nach Vergeltung. Beide Handlungsstränge stellen damit dieselbe Frage aus unterschiedlichen Richtungen:

Wer entscheidet eigentlich, welche Regeln noch gelten?

Eduard scheint zunehmend bereit, diese Entscheidung selbst zu treffen. Das verändert auch die Bedeutung familiärer Loyalität. In früheren Konflikten einer Familiensaga kann Zusammenhalt eine Stärke sein: Man unterstützt sich in wirtschaftlichen Krisen, bei persönlichen Schicksalsschlägen oder gesellschaftlichen Veränderungen. Sobald ein Familienmitglied selbst Grenzen überschreitet, wird dieselbe Loyalität schwieriger.

Dann kann Zusammenhalt plötzlich bedeuten, zu lange wegzusehen. Genau deshalb ist Amalas Entdeckung so wichtig. Sie betrifft nicht nur Eduards Privatleben. Weil Auguste und Amala am Hansens beteiligt sind, zieht er sie ohne ihr Wissen in seine Geschäfte hinein.

Aus einem persönlichen Geheimnis wird damit ein gemeinsames Risiko.

Ein Mord verändert den Ton der Familiengeschichte

„Entdeckung der Wahrheit“ verschiebt die Reihe stärker in Richtung Kriminalroman. Ein Gewaltverbrechen steht im Zentrum, die Frage nach Beweisen und Bestrafung wird zum Motor eines wesentlichen Handlungsstrangs. Gleichzeitig bleibt das Buch eine Familiensaga.

Diese Kombination funktioniert deshalb, weil der Mord nicht von außen auf beliebige Figuren trifft. Seine Folgen wirken in bereits bestehende Beziehungen hinein. Trauer, Wut und Rache entstehen innerhalb eines Familiengefüges, dessen Mitglieder Leser der Reihe seit mehreren Bänden kennen.

Besonders problematisch wird dabei Eduards Wunsch nach Selbstjustiz. Wenn das Vertrauen in die staatliche Strafverfolgung nicht ausreicht, erscheint die eigene Herstellung von Gerechtigkeit schnell verführerisch. Nur verliert Gerechtigkeit ihren verbindlichen Maßstab, sobald jeder selbst bestimmen darf, welche Strafe angemessen ist.

Carsta muss daraus keine juristische Abhandlung machen. Im Familienroman genügt die konkrete Konsequenz: Menschen, die einander nahestehen, müssen entscheiden, wie weit sie einander folgen.

1929 ist bei den Hansens deshalb nicht nur ein neues Jahr. Die Grenzen innerhalb der Familie verschieben sich.

Die Hansens werden erwachsen – und ihre Probleme gleich mit

„Die Kinder der Hansens“ erzählt die nächste Generation der Familie, deren Geschichte Carsta zuvor bereits in der Hansen-Saga entwickelt hatte. Die neue Reihe begann 2022 mit „Schritt ins Licht“.

Das ist für „Entdeckung der Wahrheit“ wichtig, weil die Figuren nicht für diesen Roman neu konstruiert werden. Beziehungen, Konflikte und Lebenswege sind über mehrere Bände gewachsen.

Dadurch kann Carsta Entwicklungen zeigen, die in einem Einzelroman kaum dieselbe Wirkung hätten. Besonders Eduards Veränderung gewinnt daraus Gewicht. Wer die vorherigen Bücher kennt, begegnet nicht einfach einer Figur, die illegale Geschäfte betreibt. Man sieht, wie sich ein bekanntes Familienmitglied zunehmend von früheren Grenzen entfernt.

Gleichzeitig liegt hier die größte Einstiegshürde des Romans. „Entdeckung der Wahrheit“ ist kein sinnvoller Ausgangspunkt für neue Leser. Der neunte Band setzt zu viel Wissen über Figuren, Verwandtschaftsverhältnisse und frühere Ereignisse voraus. Dass zwischen Band acht und neun nur wenig Zeit vergeht, verstärkt diesen Fortsetzungscharakter zusätzlich.

Bei einer Familiensaga ist das allerdings kaum ein Fehler. Neun Bände Familiengeschichte lassen sich nur schwer bei jedem Familientreffen erneut vorstellen.

Viele Figuren, viele Orte, eine Familie

Carsta arbeitet weiterhin mit mehreren Handlungssträngen und Perspektiven. Einzelne Kapitel rücken unterschiedliche Figuren in den Mittelpunkt, sodass die weit verzweigte Familie parallel verfolgt werden kann.

Dieses Verfahren gehört zu den Stärken einer langen Familiensaga. Geschichte erscheint nicht aus einer einzigen Perspektive. Während ein Familienmitglied mit wirtschaftlichen oder kriminellen Problemen beschäftigt ist, entwickeln sich andernorts Beziehungen und persönliche Konflikte weiter.

Der Preis dafür ist eine gewisse Fragmentierung. Nicht jeder Handlungsstrang kann dieselbe Aufmerksamkeit erhalten, und die Erzählung wechselt regelmäßig den Schauplatz und die Figur. Für Kenner der Reihe entsteht daraus Abwechslung; Neueinsteiger dürften zunächst damit beschäftigt sein, überhaupt herauszufinden, wer zu wem gehört.

„Entdeckung der Wahrheit“ richtet sich deshalb eindeutig an Leser, die bereits Zeit mit den Hansens verbracht haben.

1929: Die Welt vor der Tür bleibt nicht stehen

Die Wahl des Jahres 1929 ist historisch interessant. Die Handlung befindet sich am Ende der Weimarer Zwanzigerjahre, unmittelbar vor der Weltwirtschaftskrise. Carstas Reihe hat ihre Figuren über Jahrzehnte begleitet, und damit verändern sich nicht nur Generationen, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Lebens.

Im neunten Band steht allerdings weiterhin die Familie im Vordergrund. Der historische Rahmen ist wichtig, aber „Entdeckung der Wahrheit“ ist keine politische Analyse der Weimarer Republik. Carsta erzählt Geschichte über Lebensläufe, Unternehmen, Beziehungen und Konflikte.

Das entspricht der Grundidee einer Familiensaga: Große Geschichte wird dort sichtbar, wo sie in den Alltag hineinreicht.

Der Roman befindet sich dabei bereits sehr nah am Abschluss seiner Reihe. Mit „Ende einer Ära“ ist Band zehn für den 20. Oktober 2026 angekündigt; er soll das Finale von „Die Kinder der Hansens“ bilden.

Der Titel dürfte kaum zufällig gewählt sein.

Stärken und Schwächen von „Entdeckung der Wahrheit“

Zu den Stärken gehört vor allem die konsequente Fortführung langfristiger Figurenentwicklungen. Der Konflikt um Eduard verbindet Familienloyalität, wirtschaftliche Verantwortung und Kriminalität miteinander. Gleichzeitig sorgt der Mord dafür, dass der neunte Band einen deutlich dramatischeren Kern erhält.

Auch die verschiedenen Schauplätze und Familienzweige halten die Saga breit aufgestellt. Carsta erzählt nicht nur eine einzelne Geschichte, sondern zeigt eine Familie, deren Mitglieder längst eigene Lebenswelten entwickelt haben.

Die größte Schwäche ist zugleich eine unvermeidliche Folge dieser Konstruktion: Wer die vorherigen Bände nicht kennt, dürfte Schwierigkeiten haben, die zahlreichen Figuren und Beziehungen angemessen einzuordnen. „Entdeckung der Wahrheit“ funktioniert wesentlich stärker als Fortsetzung denn als eigenständiger historischer Roman.

Auch die Vielzahl paralleler Handlungsstränge bedeutet, dass nicht jede Figur gleich viel Raum erhält. Wer vor allem wegen eines bestimmten Familienzweigs liest, muss akzeptieren, dass Carsta regelmäßig zu anderen Figuren wechselt.

Die Kinder der Hansens: die richtige Reihenfolge

„Entdeckung der Wahrheit“ ist Band 9 der Reihe „Die Kinder der Hansens“. Die Serie setzt ihrerseits die Geschichte der früheren Hansen-Saga fort. Für diesen Band empfiehlt es sich ausdrücklich, zumindest die vorherigen Teile von „Die Kinder der Hansens“ zu kennen.

Die Reihenfolge lautet:

  1. Schritt ins Licht
  2. Glück des Augenblicks
  3. Tanz ins Leben
  4. Zauber des Neuen
  5. Kraft der Veränderung
  6. Moment des Aufbruchs
  7. Zeit des Neubeginns
  8. Geschenk des Loslassens
  9. Entdeckung der Wahrheit
  10. Ende einer Ära – angekündigter Abschluss

Die ersten neun Titel und ihre Reihenfolge sind bibliografisch dokumentiert; „Ende einer Ära“ ist als zehnter Band für Oktober 2026 angekündigt.

Für wen eignet sich „Entdeckung der Wahrheit“?

Der Roman richtet sich in erster Linie an bestehende Leser der Hansen-Reihe. Wer historische Familiensagas mit mehreren Figuren, wechselnden Schauplätzen, geschäftlichen Konflikten und einer zunehmenden Portion Kriminalhandlung mag, findet hier die direkte Fortsetzung der bisherigen Geschichte.

Als erster Ellin-Carsta-Roman eignet sich das Buch dagegen weniger. Dafür ist die Familie inzwischen zu groß und ihre Vergangenheit zu wichtig.

Wer einsteigen möchte, sollte mit „Schritt ins Licht“ beginnen – oder, wenn die gesamte Geschichte der Familie Hansen interessieren soll, bereits mit der vorausgehenden Hansen-Saga.

Über Ellin Carsta

Ellin Carsta ist ein Pseudonym der deutschen Schriftstellerin Petra Mattfeldt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Bremen und veröffentlicht unter verschiedenen Namen. Als Ellin Carsta ist sie insbesondere für historische Familienromane wie die Hansen-Saga, „Die Kinder der Hansens“ und die Falkenbach-Reihe bekannt.

„Entdeckung der Wahrheit“ erschien am 25. August 2026 bei Tinte & Feder. Es ist der vorletzte Band von „Die Kinder der Hansens“, bevor „Ende einer Ära“ die Saga abschließen soll.

Fazit: Familie ist kein Freispruch

„Entdeckung der Wahrheit“ führt die Hansen-Geschichte an einen Punkt, an dem Zusammenhalt allein nicht mehr genügt. Der Mord setzt Rachegedanken frei, während Eduards illegale Geschäfte einen Konflikt schaffen, der sich nicht mit familiärer Rücksicht lösen lässt.

Gerade darin liegt die interessante Verschiebung dieses neunten Bandes. Eine Familiensaga erzählt normalerweise davon, was Menschen miteinander verbindet. Carsta fragt zunehmend danach, was diese Verbindung aushält.

Eduard zwingt Amala und Auguste zu einer Entscheidung zwischen Familie und Verantwortung. Gleichzeitig stellt der Mord die Frage, ob persönliche Vergeltung dort beginnen darf, wo staatliche Gerechtigkeit zu langsam erscheint.

Kurz vor dem Finale sind die Hansens damit an einem unbequemen Punkt angekommen: Verwandtschaft erklärt, warum man zu jemandem hält. Sie entscheidet nicht, ob man es sollte.

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