Wenn Marxisten und Tech-Milliardäre dieselbe Krise sehen: Was Kohei Saitos Thesen über unsere wirtschaftliche Zukunft verraten

Vorlesen

Der japanische Philosoph Kohei Saito gehört zu den ungewöhnlichsten Intellektuellen der Gegenwart. Als Marx-Forscher wurde er mit seiner Kritik am Wachstumsmodell des Kapitalismus international bekannt. Sein neues Buch Am Ende des Fortschritts markiert jedoch einen bemerkenswerten Wandel. Im Gespräch mit der Welt (16.07.2026) beschreibt Saito eine Zukunft, die nicht mehr von Wachstum und steigendem Wohlstand geprägt sein werde, sondern von Ressourcenknappheit, Verteilungskämpfen und gesellschaftlicher Instabilität.

Kohei Saito Kohei Saito Von Martin Kraft - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Ein Philosoph sorgt für Unruhe – weit über die politische Linke hinaus

Auf den ersten Blick klingt das wie die nächste kapitalismuskritische Streitschrift. Tatsächlich steckt hinter Saitos Thesen weit mehr. Bemerkenswert ist nämlich nicht sein Plädoyer für einen sogenannten „dunklen Sozialismus". Bemerkenswert ist vielmehr, dass seine Analyse in zentralen Punkten erstaunlich nah an den Diagnosen von Denkern wie Peter Thiel, Alexander Karp oder Vertretern der sogenannten „Dark Enlightenment" liegt.

Ausgerechnet ein Marxist und führende Köpfe des Silicon Valley beschreiben zunehmend dieselben Symptome – wenn auch mit völlig unterschiedlichen politischen Antworten.

Die ideologischen Fronten beginnen zu verschwimmen

Über Jahrzehnte schien die wirtschaftspolitische Welt klar geordnet. Liberale vertrauten auf Wettbewerb, Innovation und offene Märkte. Die politische Linke setzte stärker auf Umverteilung, Regulierung und staatliche Planung.

Diese Fronten beginnen sich aufzulösen.

Saito übernimmt überraschend viele Diagnosen jener Tech-Elite, die er politisch eigentlich ablehnt. Alexander Karp kritisiert seit Jahren, dass westliche Volkswirtschaften zwar immer mehr digitale Konsumangebote hervorbringen, gleichzeitig aber ihre industrielle Innovationskraft verlieren. Peter Thiel spricht vom Ende großer technologischer Durchbrüche und einer Gesellschaft, die sich in Bürokratie und Regulierung verfängt.

Saito widerspricht diesen Beobachtungen kaum. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die politischen Schlussfolgerungen.

Genau darin liegt die eigentliche Brisanz.

Der gemeinsame Nenner heißt Strukturbruch

Ob Marxist, Unternehmer oder sicherheitspolitischer Stratege – immer mehr Denker beschreiben dieselben Entwicklungen.

Sie verweisen auf geopolitische Machtverschiebungen, stagnierende Produktivität, monopolartige Plattformökonomien, fragile Lieferketten, wachsende Staatsinterventionen, demografischen Wandel, zunehmende Ressourcenknappheit und die mögliche Umwälzung der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz.

Über die Ursachen wird gestritten. Über die Lösungen noch viel mehr.

Doch die Diagnose ähnelt sich zunehmend: Das wirtschaftliche Modell der vergangenen Jahrzehnte gerät unter Druck.

Damit verändert sich auch die zentrale wirtschaftspolitische Fragestellung. Es geht längst nicht mehr ausschließlich darum, wie Wachstum organisiert werden kann. Immer häufiger stellt sich die grundlegendere Frage, ob die bisherigen Spielregeln überhaupt noch tragfähig sind.

Der Rentenkapitalismus als reale wirtschaftliche Herausforderung

Besonders interessant wird Saito dort, wo er den Begriff des Rentenkapitalismus verwendet.

Gemeint ist ein Wirtschaftssystem, in dem Gewinne zunehmend nicht mehr durch produktive Innovation entstehen, sondern durch Marktmacht, Plattformeffekte und Kontrolle über Daten oder Infrastrukturen.

Diese Diskussion ist keineswegs auf marxistische Theorie beschränkt.

Auch zahlreiche Ökonomen beschäftigen sich seit Jahren mit sinkendem Wettbewerb, steigender Marktkonzentration und der Frage, ob digitale Plattformen immer größere ökonomische Renten abschöpfen, ohne im gleichen Maße neue Wertschöpfung zu erzeugen.

Man muss Saitos politische Schlussfolgerungen nicht teilen, um diese Entwicklung ernst zu nehmen.

Wo Analyse endet und Spekulation beginnt

An anderen Stellen verlässt Saito jedoch den Boden empirisch überprüfbarer Analyse.

Er erwartet das baldige Platzen der KI-Blase, eine Epoche dauerhafter Mangelwirtschaft und eine Entwicklung hin zu autoritäreren Kontrollgesellschaften.

Das sind keine ökonomischen Prognosen im wissenschaftlichen Sinne. Es sind philosophische Zukunftsentwürfe.

Gerade deshalb sollte man sie weder als Gewissheiten übernehmen noch vorschnell verwerfen. Geschichte verläuft selten geradlinig. Viele große Umbrüche wurden von Zeitgenossen unterschätzt – andere Untergangsszenarien haben sich nie erfüllt.

Warum ungewöhnliche Perspektiven wichtiger werden

Der eigentliche Wert von Saitos Buch liegt deshalb nicht in seinen politischen Forderungen.

Er zwingt dazu, vertraute Denkmuster zu verlassen.

Politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger sollten gerade solchen ungewöhnlichen Perspektiven Aufmerksamkeit schenken. Nicht weil ihre Antworten zwangsläufig richtig wären. Sondern weil sie Entwicklungen sichtbar machen, die außerhalb etablierter Denkmodelle liegen.

Wenn ein marxistischer Philosoph, ein Unternehmer wie Peter Thiel, ein Manager wie Alexander Karp und sicherheitspolitische Strategen unabhängig voneinander ähnliche strukturelle Probleme beschreiben, verdient diese Übereinstimmung Aufmerksamkeit.

Nicht ideologische Etiketten sind dann entscheidend, sondern die Frage, weshalb Menschen mit völlig unterschiedlichen Weltbildern zu vergleichbaren Diagnosen gelangen.

Der eigentliche Wandel findet längst statt

Viele politische Debatten kreisen noch immer um einzelne Krisen – Inflation, Energiepreise, Migration, Staatsverschuldung oder Künstliche Intelligenz.

Doch möglicherweise betrachten wir diese Entwicklungen isoliert, obwohl sie Ausdruck eines umfassenderen Wandels sind.

Die Globalisierung verändert ihre Richtung. Der Staat greift stärker in Märkte ein. Lieferketten werden sicherheitspolitisch bewertet. Industriepolitik erlebt eine Renaissance. Künstliche Intelligenz verändert Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig geraten liberale Demokratien weltweit unter Druck.

Jede dieser Entwicklungen wäre für sich genommen beherrschbar.

Ihre Gleichzeitigkeit verändert jedoch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend.

Der größte Irrtum unserer Zeit

Der größte Irrtum unserer Zeit besteht darin, den Umbruch für eine Krise zu halten. Krisen gehen vorüber. Strukturbrüche verändern die Spielregeln. Genau das erleben wir derzeit. Die alten Gewissheiten verlieren ihre Gültigkeit, während die neuen noch entstehen. Wer heute politische oder wirtschaftliche Verantwortung trägt, sollte deshalb nicht zuerst fragen, ob eine Analyse von links oder rechts kommt. Er sollte fragen, ob sie die Realität besser erklärt. Denn wir stehen nicht mehr am Beginn einer neuen Epoche. Wir sind bereits im Landeanflug auf eine neue wirtschaftliche Realität.

Quelle: Jakob Hayner: „Was wir gerade erleben, ist nur der Vorgeschmack darauf, was uns noch erwartet“, Interview mit Kohei Saito, Die Welt, 16. Juli 2026.

Gefällt mir
0
 

Topnews

Mehr zum Thema

Aktuelles

Rezensionen