Ist Künstliche Intelligenz Heilsversprechen oder Risiko? Zwischen Euphorie und Skepsis prägt sie öffentliche Debatten und hält zunehmend Einzug in alle gesellschaftlichen Bereiche. Das Forum Mensch und KI auf der Leipziger Buchmesse greift diese Ambivalenz auf und schafft einen Raum für sachlichen, offenen Austausch. Unter dem Motto „Geschichten aus der Zukunft“ sind Besucher:innen eingeladen, mit Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen über Potenziale, Herausforderungen und gesellschaftliche Perspektiven von KI ins Gespräch zu kommen.
Das interaktive Bühnenprogramm nähert sich der Technologie aus verschiedenen Blickwinkeln. Während am Donnerstag und Freitag künstlerische und kulturelle Anwendungen im Mittelpunkt stehen, richtet sich der Fokus am Wochenende auf gesellschaftliche Auswirkungen und konkrete Anwendungsfelder.
KI im Alltag und im Diskurs
Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags. Navigationssysteme berechnen staufreie Routen, Streamingdienste schlagen personalisierte Inhalte vor, digitale Assistenten beantworten Fragen. Gleichzeitig stellen Deepfakes, Desinformation und Veränderungen in der Arbeitswelt neue Herausforderungen dar. Das Forum Mensch und KI möchte diese Entwicklungen differenziert beleuchten – jenseits von Technikbegeisterung oder Kulturpessimismus.
Bereits zum zweiten Mal veranstaltet die Leipziger Buchmesse das Forum, in diesem Jahr in Halle 2. Der offene Aufbau lädt ausdrücklich zur Beteiligung ein: Statt klassischer Frontalveranstaltungen stehen Dialogformate, Diskussionen und interaktive Angebote im Mittelpunkt. Besucher:innen können Fragen einbringen, Anwendungen testen und mit Fachleuten aus Wissenschaft, Kultur, Medien und Politik ins Gespräch kommen.
Tanzende Algorithmen: KI in Kunst und Kultur
An den ersten beiden Messetagen geben Kunst- und Kulturschaffende Einblicke in ihre Arbeit mit Künstlicher Intelligenz. Im Fokus steht die Frage, wie KI kreative Prozesse verändert – in bildender Kunst, Design, Film, Literatur, Musik und Theater.
Bei der Performance Deep.Dance von Choreograf Jascha Viehstädt, Szenograf Takaya Kobayashi und Tänzer Raymond Liew Jin Pin werden die Bewegungen eines Tanzstücks mithilfe einer KI berechnet. Das Publikum erlebt live, wie algorithmisch generierte Bewegungsabläufe in eine choreografische Praxis übersetzt werden. Zwei Screens visualisieren die digitale Ebene des Projekts und machen die Zusammenarbeit zwischen menschlichem Körper und technischer Berechnung nachvollziehbar.
Interaktiv wird es bei „Stück-o-mat – die Drama on Demand Show“ von Nils Corte und Lena Rucker. Zentrales Element ist der Staubsaugerroboter Volker, der mit einer KI-Software ausgestattet wurde und bereits am Staatstheater Nürnberg auf der Bühne stand. Als bewusst gewähltes Alltagsgerät wird er hier zum sichtbaren Akteur: Das Publikum liefert Ideen oder Stichworte, die das System in Echtzeit verarbeitet und in kurze szenische Sequenzen übersetzt. So können Besucher:innen unmittelbar erleben, wie KI dramaturgische Prozesse strukturiert und kreative Impulse aufgreift.
Ob KI eigenständige künstlerische Werke schaffen kann oder primär als Werkzeug dient, diskutieren Kulturtheoretiker Friedrich von Borries, Medieninformatiker Alexander Doudkin und Autorin Jenifer Becker im Monopol-Podcast „Fantasiemuskel“.
Ein weiteres Projekt widmet sich der Erinnerungskultur. Sylvia Asmus, Direktorin des Deutschen Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek, und Videobloggerin Susanne Siegert (@keine.erinnerungskultur) präsentieren „Frag nach!“. Grundlage sind über 900 aufgezeichnete Antworten von Zeitzeug:innen. Eine KI kombiniert Publikumsfragen in Echtzeit mit passenden Sequenzen aus diesem Archiv, sodass ein dialogähnliches Gespräch entsteht. Ziel ist es, historische Erfahrungen digital zugänglich und interaktiv erfahrbar zu machen.
Gesellschaftliche Perspektiven: Chancen und Herausforderungen
Am Wochenende steht die gesellschaftliche Dimension von KI im Mittelpunkt. Das SZ Institut bespielt als Medienpartner das Forum und widmet sich zentralen Fragen: Was fasziniert uns an KI? Wo liegen Unsicherheiten? Welche konkreten Auswirkungen ergeben sich im Alltag?
Moderiert wird das Programm von Dirk von Gehlen, Director Think Tank am SZ Institut. Die Formate setzen auf Publikumsbeteiligung und praxisnahe Diskussion.
Im Panel „KI in der Bildung“ sprechen Bildungsinfluencer, Autor und Podcaster Bob Blume sowie Psychologe und Blogger Etrit Asllani darüber, wie KI Lernprozesse verändern kann. Diskutiert werden personalisierte Lernangebote, neue didaktische Möglichkeiten sowie Fragen der Eigenständigkeit und Verantwortung.
Eva Gengler, Wirtschaftsinformatikerin und Autorin des Buches „Feministische KI“ (Verlag J.H.W. Dietz Nachf.), thematisiert algorithmische Verzerrungen und strukturelle Ungleichheiten in Datensätzen. Sie zeigt auf, wie KI-Systeme gesellschaftliche Vorurteile reproduzieren können, und stellt Ansätze für eine gerechtere Gestaltung digitaler Technologien vor.
Einen praxisorientierten Zugang bietet KI-Experte Bilal Zafar in seinem Buch „Der klügste Freund, den wir je hatten“(Münchner Verlagsgruppe). Anhand konkreter Beispiele erläutert er, wie KI-Anwendungen im Alltag eingesetzt werden können und welche Kompetenzen im Umgang mit ihnen wichtig sind.
Journalistin und ARD-Podcasthost Marie Kilg ordnet aktuelle Entwicklungen ein. Sie erklärt, welche technologischen Fortschritte bereits realisiert sind, wo Grenzen liegen und welche Trends kritisch hinterfragt werden sollten.
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Bibliothekare zwischen Steppe und Serverraum: Der IFLA-Weltkongress 2025 in Astana
MONOFUTURIS: Dr. Konstantin Schamber im Interview
Optimus kommt: Sind wir in Nimmerklugs Sonnenstadt angekommen?
Wenn Bücher nicht mehr gelesen, sondern von Maschinen verarbeitet werden – verändert das ihren kulturellen Wert?
Amazon Charts: Wenn Bestseller zu Dauergästen werden
Leipziger Buchmesse 2026: Maximilian Krah im Spiegel der Medien
Leipziger Buchmesse 2026: Literatur zwischen Strom, Streit und Öffentlichkeit
Das Blaue Sofa 2026 in Leipzig: Literatur als Gesprächsraum
Amazon Charts bis 25. Januar 2026 – Die Beharrlichkeit der Magie
Wenn die Literatur spazieren geht: Leipzig liest 2026
Frankfurter Buchmesse 2025: Eröffnung, Öffnungszeiten und erste Debatten
NDR Sachbuchpreis 2025: Jury steht fest – 125 Titel im Rennen
Literatur, KI und Sichtbarkeit: Marc Elsberg über den Wandel des Buchmarkts
Der Unsterbliche aus der Mengstraße – Thomas Manns 150. Geburtstag im Programm des NDR
Leipziger Buchmesse 2025: Bücher, Debatten und Cosplayträume
Aktuelles
1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl: Wie frei ist ein Leben, das ständig eine neue Rolle braucht?
Alles wird Asche von Nele Neuhaus: Die Zukunft ist neu, die Abgründe sind es nicht
Tractatus-Preis 2026: Maria-Sibylla Lotter gewinnt mit „Opfer“
MONOFUTURIS: Dr. Konstantin Schamber im Interview
Jules Verne und die Zukunft, die längst begonnen hat
Jules Verne: „Reise um die Erde in 80 Tagen“ – Die Welt wird zur Uhr
Jules Verne: „20.000 Meilen unter dem Meer“ – Der Mann, der aus der Welt verschwindet
Clemens Böckmann: „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Natascha Wodins offener Brief: Wenn der Mensch hinter dem Plural verschwindet
Annie Ernaux und Marc Marie: „Auf den Bildern“ – Was vom Begehren übrig bleibt
Vom Wollen und Sollen – Gerti Tetzners „Gegen Wind“
Deutscher Buchpreis 2026: Die Longlist und ihre zwanzig Vorstellungen von Gegenwart
Carlos Barragán: „Hi Honey“ – Wenn Nähe zum Geschäftsmodell wird
„Glaszeit“ von Leh-Wei Liao: Leben hinter durchsichtigen Wänden
Autaria wird neuer Sponsor des Selfpublisher-Verbands
Rezensionen
Karolyn Ciseau: „… to Kill a Monster. Dragonblood Academy“ – Wenn Vertrauen gefährlicher wird als ein Drache
Kräutertee und Wadenwickel – Wenn die Hausapotheke wieder in die Küche zieht
„Parasiti“ von Alisha Gamisch: Was sich in einer Familie einnistet
Tony Tulathimutte: „Fiasko“ – Jeder ist die Hauptfigur seiner Zurückweisung
Erin A. Craigs „Ein Haus aus Salz und Tränen“ zwischen Märchen, Gothic Horror und weiblicher Selbstbehauptung
Ada Caine: „Eine echte Komtess“ – Ein Sommer zwischen den Ständen
Böse Stunde von Catherine Shepherd – Wenn die Zeit zur Tatwaffe wird
Als wir träumten von Clemens Meyer
Die Psychiaterin von Freida McFadden: Ein Haus voller Stimmen – und keine davon sagt die ganze Wahrheit
Nachtschatten von Kristina Ohlsson: Ein atmosphärischer Schwedenkrimi zwischen Familiengeheimnissen und tödlichen Wahrheiten