er ein Dorf verlässt, gilt schnell als mutig. Wer bleibt, muss sich gelegentlich rechtfertigen. Als wäre Freiheit grundsätzlich eine Frage der Entfernung und das gute Leben zuverlässig dort zu finden, wo einen niemand seit der Grundschule kennt.
Die Riesinnen von Hannah Häffner: Heimat ist nicht dasselbe wie Dazugehören
Hannah Häffners Roman „Die Riesinnen“ dreht diese Vorstellung um. Er erzählt von drei Frauen aus drei Generationen, die im fiktiven Schwarzwalddorf Wittenmoos leben: Liese, ihre Tochter Cora und ihre Enkelin Eva. Sie sind ungewöhnlich groß, dünn, rothaarig und fallen auf. Vor allem aber passen sie nicht recht in jene Dorfgemeinschaft, in der Zugehörigkeit auch davon abhängt, wie bereitwillig man sich ihren Regeln unterordnet. Die Geschichte reicht von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart.
Es ist ein Drei-Generationen-Roman über Mütter und Töchter, über Freiheit und Herkunft – und über einen Wald, der weit mehr ist als eine hübsche Schwarzwaldkulisse.
Worum geht es in „Die Riesinnen“?
Im Zentrum stehen die Riessberger-Frauen. Den Anfang macht Liese, die in den konservativen 1960er-Jahren in Wittenmoos lebt. Wegen ihres Aussehens und ihrer Eigenwilligkeit gehört sie nie vollständig zur Dorfgemeinschaft. Nach dem Tod ihres Mannes führt sie die Metzgerei weiter.
Ihre Tochter Cora trägt ihre Unzufriedenheit sichtbarer nach außen. Sie ist wütend auf die Enge des Dorfes, wird dort gehänselt und will fort. Nach dem Abitur verlässt sie Wittenmoos tatsächlich – doch der Aufbruch wird nicht zur endgültigen Befreiung. Cora kehrt zurück und muss erkennen, dass eine Heimkehr nicht zwangsläufig eine Niederlage bedeutet.
Schließlich folgt Eva, Coras Tochter. Auch sie muss herausfinden, wo ihr eigenes Leben stattfinden soll. Besonders eng ist ihre Beziehung zum Wald. Später studiert sie Forstwirtschaft und arbeitet in einem Naturpark. Gerade sie erkennt, dass Verbundenheit mit einem Ort nicht automatisch bedeutet, sich dessen gesellschaftlichen Regeln unterwerfen zu müssen.
Damit erzählt Häffner drei Varianten derselben Frage: Muss man seine Herkunft verlassen, um frei zu werden?
Drei Frauen, die schon körperlich nicht in die Norm passen
Dass Liese, Cora und Eva außergewöhnlich groß sind, ist mehr als eine äußerliche Gemeinsamkeit. Sie können sich kaum unsichtbar machen.
In einer Großstadt wäre das vielleicht eine Auffälligkeit unter vielen. In Wittenmoos wird sie zum Merkmal. Das Dorf weiß, wer sie sind. Besonders für Liese und Cora bedeutet dieses Gesehenwerden keineswegs automatisch Zugehörigkeit. Die ZEIT beschreibt die Frauen entsprechend als Figuren, die sich in einer von Konventionen und sozialem Ansehen bestimmten Gemeinschaft ihre Freiheit erst erkämpfen müssen.
Der Titel „Die Riesinnen“ bekommt dadurch eine doppelte Bedeutung. Diese Frauen sind tatsächlich groß. Ihre Größe steht aber zugleich für ihre Schwierigkeit, sich kleinzumachen.
Häffner erzählt dabei nicht einfach drei Geschichten weiblicher Emanzipation nach demselben Muster. Die Generationen besitzen unterschiedliche Möglichkeiten. Was für Liese in den 1960er-Jahren denkbar ist, unterscheidet sich von Coras Welt und wiederum von Evas Gegenwart. Gerade dadurch lässt sich gesellschaftlicher Wandel beobachten, ohne dass der Roman daraus eine Geschichtsstunde machen muss.
Die Freiheit wird größer. Einfach wird sie deshalb nicht.
Weggehen ist leicht zu romantisieren
Besonders interessant ist „Die Riesinnen“ dort, wo der Roman unsere Vorstellung vom Aufbruch hinterfragt.
Literatur liebt Menschen, die fortgehen. Das Verlassen des Elternhauses, des Dorfes oder der Provinz lässt sich wunderbar als Beginn eines selbstbestimmten Lebens erzählen. Wer zurückkehrt, scheint dagegen schnell gescheitert zu sein.
Cora widerspricht dieser einfachen Ordnung. Sie will hinaus und geht tatsächlich. Doch Häffner erzählt ihre Rückkehr nicht bloß als Kapitulation. Der Verlag beschreibt ausdrücklich, dass Cora lernen muss, „dass Heimkehr keine Niederlage ist“.
Damit bekommt der Heimatbegriff des Romans eine interessante Offenheit. Heimat ist weder automatisch Geborgenheit noch grundsätzlich Enge. Wittenmoos kann beides sein.
Menschen können einen Ort ablehnen und trotzdem mit ihm verbunden bleiben. Man kann sich über seine Regeln ärgern und seine Landschaft vermissen. Man kann gehen müssen, um später freiwillig zurückzukommen.
Vielleicht besteht Freiheit deshalb weniger darin, möglichst weit wegzukommen, als darin, selbst entscheiden zu können, ob man bleibt.
Der Wald ist keine grüne Tapete
Der Schwarzwald nimmt im Roman eine zentrale Rolle ein. Für die drei Frauen ist er Rückzugsraum, Heimat und Gegenwelt zur Dorfgemeinschaft. Besonders für Eva wird die Verbindung zur Natur schließlich auch beruflich bestimmend.
Dabei behandelt Häffner den Wald nicht als unveränderliche Idylle. Seine Verletzlichkeit gehört ausdrücklich zu den Themen des Romans. Die ZEIT verweist zudem auf den Konflikt um ein geplantes Kernkraftwerk, durch den Natur und politische Auseinandersetzung miteinander verbunden werden.
Das ist eine interessante Verschiebung: Die Dorfgemeinschaft, die den Frauen eigentlich Heimat bieten müsste, grenzt sie immer wieder aus. Der Wald verlangt keine Anpassung.
Gerade bei Eva wird daraus mehr als Naturverbundenheit. Ihre Entscheidung für die Forstwirtschaft zeigt, dass Heimat nicht nur etwas ist, das man erbt. Sie kann auch etwas sein, für das man Verantwortung übernimmt.
Damit unterscheidet sich „Die Riesinnen“ von jener Form des Heimatromans, in der Landschaft hauptsächlich dazu dient, dass morgens Nebel dekorativ über einer Wiese liegt. Häffners Natur ist schön, aber nicht unverwundbar.
Mütter, Töchter und das Erbe der Unangepasstheit
Liese, Cora und Eva geben einander nicht nur Familiengeschichte weiter. Jede Tochter wächst mit dem Leben ihrer Mutter als möglichem Vorbild und möglicher Warnung auf.
Gerade darin funktioniert die Generationenstruktur des Romans. Gesellschaftlicher Wandel wird nicht abstrakt erzählt, sondern daran sichtbar, welche Entscheidungen Frauen zu verschiedenen Zeiten treffen können.
Liese behauptet sich in einer konservativen Dorfwelt und führt nach dem Tod ihres Mannes den Betrieb weiter. Cora rebelliert offensiver und verlässt Wittenmoos. Eva wiederum besitzt andere Möglichkeiten und findet über ihre Beziehung zum Wald einen eigenen Zugang zu dem Ort.
Keine dieser Frauen beginnt bei null. Jede übernimmt etwas von der vorherigen Generation, selbst dort, wo sie sich von ihr absetzen möchte.
Das macht „Die Riesinnen“ zu einem Familienroman im eigentlichen Sinn. Familie ist hier nicht nur eine Ansammlung verwandter Figuren. Sie ist ein System aus weitergegebenen Erfahrungen, Erwartungen und Reaktionen.
Manchmal besteht das stärkste Familienerbe gerade in dem festen Vorsatz, alles anders zu machen.
Eine Sprache zwischen Dorf und Wald
Auch sprachlich fällt der Roman auf. SWR Kultur hebt besonders Häffners poetische Sprache hervor, während der Verlag von einer zugleich dunklen, satten und zarten Erzählweise spricht.
Vor allem die Naturbeschreibungen besitzen großes Gewicht. Häffner arbeitet mit Bildern aus Wald, Pflanzen und Landschaft und verbindet diese immer wieder mit ihren Figuren. Die Riesinnen wirken dadurch selbst wie Gewächse dieser Umgebung: auffällig, widerständig und tief verwurzelt.
Dabei ist der Roman nicht ausschließlich feierlich. Feiner Humor gehört ebenfalls zu Häffners Erzählweise. Das ist wichtig, denn 416 Seiten über Herkunft, gesellschaftliche Enge und weibliche Selbstbestimmung könnten sonst schnell die Schwere eines Schwarzwaldmassivs entwickeln.
Die Sprache trägt viel Atmosphäre, verlangt aber auch eine gewisse Bereitschaft, sich auf ausführlichere Naturbilder und einen über Jahrzehnte angelegten Familienroman einzulassen.
Stärken und Schwächen von „Die Riesinnen“
Zu den größten Stärken gehört die Verbindung von Familiengeschichte und gesellschaftlichem Wandel. Liese, Cora und Eva leben nicht einfach nacheinander; ihre unterschiedlichen Möglichkeiten machen sichtbar, wie sich weibliche Lebensentwürfe seit den 1960er-Jahren verändert haben.
Auch Wittenmoos funktioniert gut als sozialer Raum. Das Dorf kann Zugehörigkeit geben und gleichzeitig Grenzen ziehen. Besonders überzeugend ist zudem der Wald als Gegenpol: Er ist nicht bloß Kulisse, sondern eng mit der Identität der Frauen und mit der Frage nach Heimat verbunden.
Die mögliche Schwäche liegt im Umfang und in der poetischen Verdichtung. Der Roman erzählt über mehrere Generationen und mehr als 400 Seiten. Wer eine straff geführte Handlung sucht, wird sich auf die ausführliche Familien- und Naturerzählung einstellen müssen. Auch die starke Symbolik von Größe, Wurzeln, Bäumen und Verwurzelung ist bewusst sichtbar angelegt.
Das passt zum Roman. Besonders zurückhaltend ist es allerdings nicht immer.
Für wen eignet sich „Die Riesinnen“?
Der Roman eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die Generationenromane, Familiengeschichten und literarische Auseinandersetzungen mit Heimat und ländlichem Wandel mögen.
Der Verlag empfiehlt das Buch ausdrücklich Leserinnen von Dörte Hansen und Iris Wolff. Der Vergleich ist nachvollziehbar: Auch Häffner interessiert sich dafür, wie Landschaft, Herkunft und gesellschaftliche Veränderungen in Familien hineinwirken.
„Die Riesinnen“ ist ein eigenständiger Roman und keine Reihe.
Über Hannah Häffner
Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Sie studierte Politikwissenschaften, arbeitete anschließend als Werbetexterin und lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart als freie Texterin und Schriftstellerin. Vor „Die Riesinnen“ veröffentlichte sie Spannungsromane; mit diesem Buch wendet sie sich dem generationenübergreifenden Familien- und Gesellschaftsroman zu.
Manchmal muss man fortgehen, um bleiben zu können
„Die Riesinnen“ erzählt Heimat nicht als romantischen Zustand, sondern als widersprüchliche Beziehung. Wittenmoos kann die Riessberger-Frauen einengen und ihnen trotzdem fehlen. Der Wald kann Schutz bieten und gleichzeitig bedroht sein. Eine Rückkehr kann nach Scheitern aussehen und trotzdem eine selbstbestimmte Entscheidung sein.
Gerade die drei Generationen machen diese Widersprüche sichtbar. Liese, Cora und Eva müssen nicht denselben Weg gehen, um miteinander verbunden zu bleiben. Jede bekommt andere Möglichkeiten, jede trägt etwas von den Frauen vor ihr weiter.
Häffners Roman stellt damit eine angenehm unbequeme Frage an unsere Vorstellung von Freiheit. Vielleicht ist nicht automatisch derjenige frei, der geht. Und nicht automatisch derjenige unfrei, der bleibt.
Wurzeln halten einen fest. Sie können aber auch der Grund sein, warum man nicht umfällt.
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