Über Fortschritt, Künstliche Intelligenz und Zukunft MONOFUTURIS: Dr. Konstantin Schamber im Interview

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Nicht jedes Buch erscheint, weil ein Thema Konjunktur hat. Manche Bücher entstehen aus einer Frage, die ihren Autor über Jahre begleitet. MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt, das am 7. September 2026 erscheint, gehört zu diesen seltenen Veröffentlichungen.

Monofuturis: Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt. Ein Plädoyer für offene Zukünfte in einer technisierten Welt. Monofuturis: Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt. Ein Plädoyer für offene Zukünfte in einer technisierten Welt. Konstantin Schamber Anthroexx Verlag – Imprint der StrategicInterCom GmbH

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Monofuturis: Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt. Ein Plädoyer für offene Zukünfte in einer technisierten Welt.

Zukunftsforscher Dr. Konstantin Schamber setzt sich darin nicht mit kurzfristigen Technologietrends auseinander, sondern mit einer grundsätzlichen Frage: Wie verändert technologischer Fortschritt unser Verständnis von Zukunft – und welche Möglichkeiten geraten dabei aus dem Blick?

Im Gespräch mit Lesering spricht Schamber über den langen Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript, über die Entstehung des Begriffs MONOFUTURIS, über Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Verantwortung und die Suche nach Orientierung in einer Zeit, in der technische Entwicklungen immer schneller voranschreiten. Entstanden ist ein Interview, das weniger Antworten liefert als Denkräume eröffnet – und neugierig auf ein Buch macht, das zu den ungewöhnlichsten Sachbuchveröffentlichungen dieses Herbstes zählen dürfte.

Konstantin, wann wurde aus einer ersten Beobachtung die Gewissheit, dass daraus ein Buch entstehen muss?

Vielleicht begann alles mit meiner Oma. Sie sagte irgendwann sinngemäß zu mir: „Schreib deine Gedanken auf. Du wirst nicht ewig da sein, aber vielleicht überlebt wenigstens etwas Wichtiges von dir.“ Das war vermutlich liebevoll gemeint. Ganz sicher bin ich bis heute nicht.

MONOFUTURIS entstand nicht aus dem Wunsch, unbedingt ein Buch zu schreiben. Am Anfang stand eher ein Unbehagen. Je mehr ich mich mit Technik beschäftigte, desto stärker fiel mir auf, wie selbstverständlich über Fortschritt gesprochen wird. Mehr Werkzeuge, mehr Digitalisierung, mehr Vernetzung, mehr Automatisierung – und irgendwo dahinter wartet angeblich automatisch die bessere Welt.

Diese Gleichung erschien mir zunehmend verdächtig. Ich begann mich weniger dafür zu interessieren, was eine Technik kann, sondern was geschieht, wenn sie eingesetzt wird. Welche anderen Möglichkeiten verschwinden dann? Welche Fähigkeiten verlernen wir? Welche Abhängigkeiten entstehen? Und warum nennen wir etwas Fortschritt, bevor wir die Rechnung gesehen haben?

Über Jahre sammelten sich Notizen, Beobachtungen, Gespräche, wissenschaftliche Arbeiten und Widersprüche. Irgendwann waren es keine einzelnen Fragen mehr. Sie hingen zusammen. Aus Technik wurde Notwendigkeit, aus Bequemlichkeit Abhängigkeit, aus Standards wurden Machtfragen und aus Zukunft plötzlich etwas, das möglicherweise weniger offen ist, als wir gern glauben.

Das Buch entstand also nicht in einem genialen Moment. Es wuchs langsam, hartnäckig und irgendwann unvermeidlich. Vielleicht ist das ohnehin die bessere Form der Verewigung: nicht der eigene Name auf einem Denkmal, sondern ein Gedanke, über den sich andere noch streiten können, wenn man selbst längst nicht mehr mitdiskutiert.

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Der Begriff Monofuturis ist eine eigene Wortschöpfung. Wann hast du gemerkt, dass die vorhandenen Begriffe nicht mehr ausreichen?

Der ursprüngliche, erste Titel des Buches bestand aus vierzehn Wörtern. Das ist etwas zu viel. Mit jeder Überarbeitung wurde er kürzer. Nach ungefähr fünf Jahren war mir klar: Ich brauche nicht mehr Wörter, sondern eines, das den Kern trifft.

Begriffe wie Fortschritt, Pfadabhängigkeit, Standardisierung oder technologische Dominanz beschreiben jeweils einen Ausschnitt. Mir ging es aber um etwas Größeres: um die paradoxe Situation, dass wir von einer immer offeneren Zukunft sprechen und gleichzeitig technische, wirtschaftliche und politische Strukturen schaffen, die unsere realen Möglichkeiten immer stärker verengen.

Theoretisch sind viele Zukünfte denkbar. Praktisch werden es weniger. Genau dafür entstand „Monofuturis“ – aus MONO, FUTURE und IRIS. Ein Kunstwort für die Vereinheitlichung der Zukunft. Es bezeichnet keine einzelne Zukunft und schon gar keine Prophezeiung. Es beschreibt einen Prozess.

Eine Technik setzt sich durch. Dann entstehen Standards, Infrastruktur, Ausbildung, Investitionen und Gewohnheiten. Irgendwann wird aus einer Möglichkeit ein System. Und aus dem System eine Voraussetzung. Wer dann noch einen anderen Weg gehen möchte, merkt plötzlich, wie teuer Freiheit werden kann.

Mich reizte gerade der Widerspruch zur üblichen Fortschrittserzählung. Wir reden ständig von exponentiell wachsenden Möglichkeiten. Gleichzeitig konzentrieren sich Kapital, Infrastruktur und Wissen auf immer weniger dominante Pfade.

Das Wort sollte deshalb ein wenig stören. Ein guter Begriff muss nicht gemütlich sein. MONOFUTURIS stellt letztlich eine einfache, aber unangenehme Frage: Was, wenn wir die Zukunft nicht nur gestalten – sondern sie dabei Stück für Stück abschaffen?

Du schreibst im Vorwort, dein Buch wolle keine Gewissheiten liefern, sondern „Orientierung im Ungewissen“. Warum ist Orientierung heute wichtiger geworden als Gewissheit?

Gewissheit ist verführerisch. Sie beruhigt, schafft Ordnung und vermittelt das Gefühl, die Welt sei berechenbarer, als sie tatsächlich ist. Religionen wussten das, Ideologien wussten das – und inzwischen wissen es auch Unternehmensberater, Prognoseinstitute und manche Technologiekonzerne.

Gerade in Zeiten schneller technischer, politischer und gesellschaftlicher Veränderungen wächst deshalb die Nachfrage nach eindeutigen Antworten. Nur: Je komplexer ein System wird, desto gefährlicher kann die Illusion der Gewissheit werden. Zukunft ist kein Fahrplan, den wir nur genau genug lesen müssen. Sie entsteht aus Entscheidungen, Zufällen, Interessen, Macht, Rückkopplungen und Ereignissen, die heute noch niemand kennt.

Deshalb verspreche ich keine Gewissheit im Buch. Das wäre entweder Größenwahn oder Marketing. Was ich versucht habe, ist etwas bescheidener: ein wenig Licht in das Schattenreich unseres Nichtwissens zu werfen. Nicht, um den Schatten abzuschaffen, sondern um seine Konturen besser zu erkennen.

Das Buch möchte also nicht erklären, wie die Welt ist. Es möchte daran rütteln, wie selbstverständlich wir glauben zu wissen, wie sie ist. Vielleicht beginnt Aufklärung genau dort: nicht mit einer neuen Gewissheit, sondern mit einem besseren Zweifel.

Wie viele Jahre hast du dich mit den Gedanken beschäftigt, bevor MONOFUTURIS entstand? Gab es einen Moment, an dem sich die einzelnen Überlegungen zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben?

Die Materialsammlung begann 2013. 2020 fing ich ernsthaft mit dem Schreiben an, 2025 war das Manuskript weitgehend fertig. Danach folgte fast ein weiteres Jahr Überarbeitung. Streichen, ergänzen, umstellen, wieder öffnen.

Zwei Erlebnisse haben das Buch besonders geprägt. Auf einer Technologiekonferenz in Asien erklärte ein hochrangiger Vertreter amerikanischer Tech-Firma sinngemäß, man müsse vor neuen Technologien keine Angst haben – schließlich könne man ihre Risiken kontrollieren. Dieser Satz irritierte mich. Bei hochkomplexen Systemen ist vollständige Kontrolle gerade das, was man kaum seriös versprechen kann. Entweder unterschätzte er das Problem. Oder er wusste sehr genau, warum es beruhigend klingt, Kontrolle zu versprechen.

Das zweite Erlebnis war fast noch bemerkenswerter. Ein hochrangiger Entscheidungsträger eines weltweit tätigen Tech-Unternehmens erklärte erstaunlich offen, ein Ziel von Industrie 4.0 sei die weitgehende Verdrängung des Menschen aus dem Produktionsprozess. Ich war ihm beinahe dankbar. Selten hört man eine Fortschrittserzählung so ungeschminkt.

Diese Aussagen waren keine Beweise für irgendeinen geheimen Plan. Darum geht es überhaupt nicht. Sie wirkten vielmehr wie Brenngläser. Plötzlich wurden Fragen sichtbar, die mich schon lange beschäftigten: Wer bestimmt eigentlich, was Fortschritt bedeutet? Wer setzt seine Richtung? Wer gewinnt? Wer verliert? Und wer trägt am Ende Verantwortung?

Irgendwann erkannte ich darin ein Muster: Technik entwickelt sich nicht allein. Sie verbindet sich mit Kapital, Institutionen, Interessen und Gewohnheiten. Und sobald diese Verbindung stark genug geworden ist, beginnt sie, Zukunft vorzustrukturieren. An diesem Punkt wurde aus meinen Notizen MONOFUTURIS.

In deinem Buch begegnen sich Technik, Philosophie, Gesellschaft und Zukunftsforschung. Welche Disziplin hat dein Denken dabei am stärksten geprägt?

Die vermutlich enttäuschende Antwort für Wissenschaftler lautet: Märchen. Als Kind liebte ich orientalische Märchen. Dort war die Welt selten so, wie sie auf den ersten Blick erschien. Der Bettler konnte klüger sein als der König. Der prächtige Palast konnte eine Falle sein. Und ein mächtiger Herrscher war keineswegs automatisch ein weiser Herrscher. Ob der Betreffende König, Pascha, Kaiser, Parteivorsitzender oder Vorstandsvorsitzender heißt, ändert am Grundproblem erstaunlich wenig. Zwei Gedanken blieben hängen: Das Offensichtliche muss nicht wahr sein. Und Macht in Verbindung mit Dummheit ist für eine Gesellschaft eine ausgesprochen ungünstige Kombination.

Später kamen wissenschaftliche Disziplinen hinzu. Besonders geprägt haben mich Techniksoziologie und Sozialpsychologie. Techniksoziologie zeigt, dass Technik niemals nur ein Gerät ist. Sie ist immer auch Institution, Handlung, Wirtschaftsmodell und Machtverhältnis. Sozialpsychologie erklärt wiederum, warum Menschen Autoritäten folgen, Mehrheiten vertrauen, Widersprüche verdrängen und sich erstaunlich schnell an Dinge gewöhnen, die sie wenige Jahre zuvor noch abgelehnt hätten.

Aber vielleicht haben die Märchen den Kern vorweggenommen: Sei vorsichtig, wenn dir jemand eine glänzende Zukunft verspricht. Schau hinter die Fassade. Frage, wer die Regeln setzt. Und nimm niemals an, dass der mächtigste Akteur automatisch der klügste im Raum ist.

MONOFUTURIS ist deshalb vielleicht wissenschaftlich argumentiert – aber im Herzen steckt eine sehr alte Geschichte darin: Menschen bekommen etwas scheinbar Wunderbares geschenkt und merken erst später, dass Geschenke manchmal Bedingungen haben.

Viele Leser werden dein Buch zunächst für ein Buch über Künstliche Intelligenz halten. Tatsächlich scheint KI eher ein Beispiel als das eigentliche Thema zu sein. Was ist für dich der Kern von MONOFUTURIS?

KI bekommt die Schlagzeilen, aber MONOFUTURIS ist kein KI-Buch. Künstliche Intelligenz ist eher ein besonders eindrucksvolles Beispiel für einen viel größeren Prozess. Der Kern des Buches ist die Frage nach den Bedingungen und dem Preis des Fortschritts – und nach der Rolle des Menschen in einer zunehmend soziotechnischen Welt. Mich interessiert weniger, welches neue Modell schneller rechnet oder welche Maschine die nächste Tätigkeit automatisiert. Mich interessiert, was nach dem Erfolg einer Technik passiert.

Aus „Du kannst diese Technik benutzen“ wird „Du solltest sie benutzen“. Später vielleicht: „Du musst sie benutzen, wenn du noch teilnehmen möchtest.“ Genau dieser Übergang ist entscheidend. Ein Smartphone ist irgendwann nicht mehr nur ein Telefon. Eine Plattform nicht mehr nur ein Unternehmen. Ein digitales Zahlungssystem nicht mehr nur bequem. Solche Systeme beginnen, gesellschaftliche Zugänge zu kontrollieren.

KI verschärft dieses Problem, weil sie zusätzlich in einen Bereich vordringt, den wir lange für ausgesprochen menschlich hielten: urteilen, auswählen, formulieren, Wissen erzeugen. MONOFUTURIS fragt daher nicht: Wird KI uns retten oder vernichten? Die interessantere Frage lautet: Welche Welt bauen wir um solche Technologien herum – und welche anderen Welten werden dadurch unmöglich?

Ich bin nicht gegen Fortschritt. Ich misstraue lediglich der Vorstellung, dass alles, was schneller, effizienter und technisch beeindruckender wird, deshalb automatisch menschlicher Fortschritt sein muss.

Gab es beim Schreiben eine These, von der du dich wieder verabschieden musstest oder die sich im Laufe der Arbeit grundlegend verändert hat?

Ja. Von zwei sogar. Die erste war die Vorstellung, der Mensch könne seine Begrenztheit irgendwann weitgehend überwinden. Das ist eine der großen Erzählungen des technischen Zeitalters: Grenzen sind Fehler. Alter, Krankheit, körperliche Schwäche, begrenzte Aufmerksamkeit, begrenztes Wissen – alles erscheint als technisches Problem, das nur noch auf seine Lösung wartet.

Davon habe ich mich verabschiedet. Der Mensch ist nicht nur zufällig begrenzt. Er ist Begrenzung. Und paradoxerweise entsteht vieles, was wir als menschlich empfinden, gerade daraus. Weil unsere Zeit begrenzt ist, müssen wir wählen. Weil unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, bekommt etwas Bedeutung. Weil wir verletzlich sind, brauchen wir andere Menschen. Unbegrenztheit klingt zunächst nach Paradies. Vielleicht wäre sie aber auch nur eine andere Form der Bedeutungslosigkeit.

Die zweite Vorstellung war die Kontrollierbarkeit soziotechnischer Entwicklungen. Früher dachte ich: Wenn wir genügend wissen, können wir die Folgen technischer Systeme im Wesentlichen steuern. Heute halte ich diese Idee für zu optimistisch. Wir können Technik beeinflussen. Wir können ansatzweise regulieren, Grenzen setzen, korrigieren und Risiken reduzieren. Aber sobald Millionen Nutzer, Unternehmen, Staaten, Märkte, kulturelle Gewohnheiten und technische Systeme miteinander reagieren, entsteht Eigendynamik. Man kann sie verstehen – zumindest teilweise. Aber vollständige Kontrolle ist etwas anderes. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wer glaubt, alles kontrollieren zu können, geht mehr Risiken ein als jemand, der mit seiner eigenen Begrenztheit rechnet!

Vielleicht ist genau das eine der unbequemeren Erkenntnisse des Buches: Wir bauen Systeme, deren Leistungsfähigkeit gerade aus ihrer Komplexität entsteht – und wundern uns anschließend, dass diese Komplexität auch unsere Kontrolle begrenzt.

Dein Buch ist wissenschaftlich fundiert und arbeitet zugleich mit einer ungewöhnlich dichten Bildsprache. Entstehen solche Sätze parallel zum Denken – oder beginnt Erkenntnis manchmal erst dort, wo ein Gedanke seine sprachliche Form gefunden hat?

Für einen echten Wissenschaftler fehlt mir die Geduld. Für einen Dichter fehlt mir das Talent. MONOFUTURIS ist also der Versuch, aus zwei Defiziten wenigstens etwas Interessantes zu machen. Ich wollte ein Buch schreiben, das wissenschaftlich ernst genommen werden kann, aber nicht so klingt, als müsse der Leser für jede Seite Brockhaus Enzyklopädie nachschlagen.

Komplexität ist unvermeidbar. Verständlichkeit ist aber wichtiger. Ich schreibe deshalb so, wie ich Gedanken auch erzähle. Für mich sind Metaphern keine Dekoration. Gute Bilder können Erkenntnis erzeugen, weil sie Zusammenhänge verdichten. Das Bild kommt nicht nach dem Gedanken. Es ist der Moment, in dem der Gedanke für mich vollständig wird. Ähnlich arbeite ich an vielen Stellen des Buches. Ich möchte Leser nicht durch Definitionen führen. Ich möchte sie auf eine Reise mitnehmen, auf der vertraute Dinge plötzlich etwas fremd aussehen. Denn die Erkenntnis beginnt oft mit Irritation.

Wenn jemand nach einer Seite kurz innehält und denkt: „So habe ich das noch nie gesehen“, ist mir das wichtiger als der Eindruck maximaler Gelehrsamkeit.

Wenn ein Leser dein Buch nach einigen Monaten nur noch mit einem einzigen Gedanken verbindet – welcher sollte das sein?

Dann wünsche ich mir diesen: Technischer Fortschritt und menschlicher Fortschritt sind zwei verschiedene Dinge.

Wir behandeln sie gern wie Synonyme. Mehr Rechenleistung, mehr Automatisierung, mehr Vernetzung, mehr Effizienz – und irgendwo in dieser mathematisch steigenden Kurve soll automatisch auch das menschliche Glück nach oben gehen. Dafür gibt es keinen zwingenden Grund.

Technik kann Krankheiten behandeln, schwere Arbeit übernehmen, Distanzen überwinden und Menschen enorme Möglichkeiten ermöglichen. Das ist realer Fortschritt und sollte nicht kleingeredet werden. Aber Technik kann keine Beziehung erzeugen, nur weil sie Kommunikation ermöglicht. Sie kann keine Bedeutung herstellen, nur weil sie Information produziert. Sie kann uns Arbeit abnehmen, aber nicht automatisch beantworten, wofür wir morgens aufstehen sollen.

Je technischer unsere Welt wird, desto wichtiger scheint mir deshalb die Frage, welchen Zweck Technik eigentlich erfüllen soll. Ist der Mensch ihr Maßstab – oder wird er zunehmend zum Anpassungsproblem eines Systems, das nach ganz anderen Kriterien optimiert?

Effizienz ist beispielsweise ein hervorragendes technisches Ziel. Als vollständiges Lebensprinzip wäre sie grauenhaft. Deshalb sollten wir bei jedem Versprechen des Fortschritts drei einfache Fragen stellen: Fortschritt für wen? Fortschritt wohin? Und zu welchem Preis?

Zum Schluss eine persönliche Frage: Glaubst du trotz aller Ambivalenzen an eine offene Zukunft? Oder ist Hoffnung selbst eine Form gesellschaftlicher Gestaltung?

Ich glaube nicht an die romantische Vorstellung, Zukunft sei ein unbeschriebenes Blatt, auf das wir morgen einfach etwas völlig Neues zeichnen können. Das Blatt ist längst beschrieben. Mit Infrastruktur, Kapital, Gesetzen, Standards, Gewohnheiten, Abhängigkeiten und Entscheidungen vergangener Generationen.

Zukunft ist unbekannt, aber nicht beliebig. Gerade darin liegt das Paradox von MONOFUTURIS. Wir erleben immer schnellere technische Entwicklung und schließen daraus, dass auch unsere Möglichkeiten ständig wachsen. Doch Geschwindigkeit und Offenheit sind nicht dasselbe. Ein Zug kann mit achthundert Stundenkilometern fahren und trotzdem nur dorthin, wo Gleise liegen. Unsere technischen Gleise bauen wir heute.

Jede große Infrastruktur, jeder dominante Standard und jede technologische Abhängigkeit verändert deshalb nicht nur die Gegenwart. Sie bestimmt mit, welche Wege morgen überhaupt noch realistisch sind. Hoffnung bedeutet für mich deshalb nicht Optimismus. Optimismus sagt: Es wird schon gut gehen. Das ist mir zu bequem.

Offene Zukunft bedeutet nicht, unendlich viele Optionen zu bewahren. Das wäre absurd. Sie bedeutet, genügend Alternativen zu erhalten, damit wir noch korrigieren können. Eine Gesellschaft sollte stolpern dürfen, ohne deshalb nur noch in eine Richtung fallen zu können. Vielleicht ist das die Hoffnung hinter MONOFUTURIS: Nicht die perfekte Zukunft zu finden. Sondern zu verhindern, dass wir uns zu früh auf nur eine festlegen – und sie anschließend Alternativlosigkeit nennen.

Lesering empfiehlt

MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt erscheint am 7. September 2026. Mit seinem neuen Buch legt Dr. Konstantin Schamber keine weitere Bestandsaufnahme der Künstlichen Intelligenz oder der digitalen Transformation vor. Vielmehr richtet er den Blick auf eine grundlegendere Frage: Wie verändert technologischer Fortschritt unser Verständnis von Zukunft – und welche Möglichkeiten geraten dabei womöglich aus dem Blick?

Wer dieses Gespräch aufmerksam gelesen hat, wird im Buch viele der hier angedeuteten Gedanken vertiefen können. Schamber verbindet Zukunftsforschung, Techniksoziologie und gesellschaftliche Analyse zu einer ebenso gut lesbaren wie anspruchsvollen Reflexion über Fortschritt, Verantwortung und die Offenheit möglicher Zukünfte. MONOFUTURIS lädt dazu ein, vertraute Gewissheiten zu hinterfragen und den Begriff des Fortschritts neu zu denken – nicht als technisches Versprechen, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.

In den kommenden Tagen veröffentlicht Lesering zudem eine ausführliche Rezension des Buches, die sich mit den zentralen Thesen, der sprachlichen Gestaltung und der gesellschaftlichen Relevanz von MONOFUTURIS auseinandersetzt.

Über den Autor Dr. Konstantin Schamber

Dr. Konstantin Schamber beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen.

In seinem Buch MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt untersucht er die Wechselwirkungen zwischen Technik, Macht, wirtschaftlichen Strukturen und gesellschaftlicher Zukunft.

Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie offen Zukunft in einer zunehmend datengetriebenen Welt tatsächlich bleibt.

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Monofuturis: Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt. Ein Plädoyer für offene Zukünfte in einer technisierten Welt.

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