Es genügt bis heute erstaunlich wenig, um eine ganze Welt zurückzuholen: ein Telefon, das in einem unpassenden Augenblick klingelt, eine Hand, die sich langsam nach einer Türklinke ausstreckt, ein Schatten hinter einer Gardine, dazu Nebel, viel Nebel, und jene Musik, nach deren ersten Takten eigentlich bereits feststand, dass in diesem Haus jemand die Nacht nicht überleben würde.
Wer die Edgar-Wallace-Verfilmungen der sechziger Jahre gesehen hat, wird diese Grammatik des Unheils kaum vergessen haben, selbst wenn Namen und Handlungen längst durcheinandergeraten sind. Joachim Fuchsberger und Heinz Drache gehörten ebenso dazu wie Eddi Arent, der dem Schrecken mit jener höflichen Trockenheit begegnete, die ihn erst recht komisch machte, und natürlich Klaus Kinski, bei dem schon ein etwas längerer Aufenthalt im Bild genügte, um sämtliche rechtschaffenen Absichten auszuschließen.
Es war ein London, das weniger mit Geografie als mit Vorstellung zu tun hatte. Ein London aus Herrenhäusern, Nachtclubs, Landstraßen, Themsewasser und Scotland Yard, bevölkert von Erben, Sekretärinnen, Anwälten, Butlern und Männern, deren gesellschaftlich tadellose Kleidung mit ihren beruflichen Nebenbeschäftigungen selten ganz harmonierte. Dass ein beträchtlicher Teil dieses Englands in Berlin und Umgebung entstand, gehört zu den freundlicheren Ironien deutscher Kulturgeschichte. Man brauchte keine Themse, wenn man die Havel hatte, und offenbar auch kein London, solange der Nebel zuverlässig arbeitete.
Genau an dieser Stelle setzt die neue Ausgabe von Edgar Wallaces „Der andere Mann“ an, die der crime berlin Verlag 2026 in der Übersetzung von Sven J. Berger vorgelegt hat. Robert Mainz erinnert in seinem Vorwort daran, wie eng die deutsche Wallace-Geschichte mit Berlin-Spandau verbunden ist: Der Reformationsplatz und die Nikolaikirche dienten als Londoner Kulisse, auf der Insel Eiswerder lagen die CCC-Filmstudios Artur Brauners, und auch die Zitadelle wurde Teil jener filmischen Geografie, in der sich England an der Havel einrichtete.
Das könnte eine hübsche nostalgische Fußnote bleiben. Tatsächlich führt sie mitten in das eigentliche Problem dieses Buches, denn „Der andere Mann“ ist zugleich neu und merkwürdig vertraut. The Other Man erschien 1911 in New York, nachdem Wallace den Stoff seines 1910 veröffentlichten Romans The Nine Bears erheblich überarbeitet und erweitert hatte; in deutscher Sprache war diese Fassung bislang nicht erschienen. Die Ausgabe von 2026 präsentiert sie nun erstmals vollständig auf Deutsch, und damit geschieht etwas Seltsames: Man begegnet einem unbekannten Wallace und erkennt ihn beinahe auf jeder Seite wieder.
Der Nebel weiß mehr als die Menschen
Wallace beginnt dort, wo wir ihn haben wollen, nämlich im Londoner Nebel, doch dieser Nebel ist zunächst weniger Requisite als Methode. Er verschluckt Straßen, Plätze und Menschen, lässt Fahrzeuge vor dem Opernhaus für einen Augenblick auftauchen und gleich darauf wieder verschwinden und macht aus der Stadt ein System unsicherer Wahrnehmung. Ein Junge verkauft Veilchen, jedenfalls scheint er das zu tun, bis er sich Gerald Grayson nähert und drei Buchstaben ausspricht: „N. H. C.“ Grayson erbleicht, eine Münze fällt zu Boden, ein Zettel wechselt unauffällig den Besitzer, und wenige Minuten später sitzt die Gesellschaft in ihrer Opernloge, als sei nichts geschehen.
Damit ist die Ordnung des Romans bereits hergestellt, ohne dass Wallace sie erklären müsste. Was sichtbar ist, besitzt eine zweite Bedeutung, gesellschaftliche Rollen sind Tarnungen, Gespräche haben Untertexte, und hinter der respektablen Oberfläche Londons arbeitet eine andere Stadt, die mit Codes, Geld, Nachrichten und Abhängigkeiten organisiert wird.
Der Nebel ist deshalb mehr als jene atmosphärische Zutat, die später in den Filmen so zuverlässig aus jeder englischen Straße einen Tatort machte. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Wissen ungleich verteilt ist und Macht daraus entsteht, dass einer etwas sieht, was der andere noch nicht einmal als sichtbar erkannt hat.
Das ist der Punkt, an dem „Der andere Mann“ seine nostalgische Behaglichkeit ziemlich schnell verliert.
Graf Poltavo oder die Eleganz des Verdachts
Im Mittelpunkt steht Graf Poltavo, und Wallace tut einiges dafür, dass wir uns mit diesem Mann wohler fühlen, als vernünftig wäre. Poltavo ist kultiviert, aufmerksam, elegant, belesen und mit jener vollkommenen Höflichkeit ausgestattet, die im Kriminalroman selten ein beruhigendes Zeichen darstellt. Lady Dinsmore erkennt das früh und beschreibt ihn als einen Mann, der lächelt, Witze erzählt, Talleyrand und Lucullus zitiert und gleichzeitig im Hinterkopf seine wirklichen Ansichten über die Menschen ordentlich wie Flaschen in einem Regal sortiert. Van Ingen vermutet, diese Flaschen seien wahrscheinlich mit „Gift“ beschriftet.
Schöner lässt sich Poltavo kaum charakterisieren, denn er ist weniger ein klassischer Verbrecher als ein Sammler menschlicher Schwächen. Er hört zu, beobachtet, kombiniert, wartet auf den Augenblick, in dem Wissen einen Wert erhält, und versteht sehr genau, dass Geheimnisse eine Währung sind, deren Kurs steigt, sobald der Besitzer nervös wird.
Seine Gespräche mit Baggin zeigen, wie modern Wallace diese Figur angelegt hat. Poltavo möchte in das Komitee der Neun aufgenommen werden und begründet seinen Anspruch nicht mit Vermögen, sondern mit Intelligenz und Information. Er wisse zu viel für einen Außenstehenden und zu wenig für einen Freund und Verschwörer; mit seinem vorhandenen Wissen könne er die anderen aufbauen oder zerbrechen. Als Baggin ihm entgegenhält, dass er kein Geld habe, setzt Poltavo dem sein „Genie“ entgegen. Die Bescheidenheit dieses Mannes bleibt überschaubar, aber sie hätte vermutlich auch nur Zeit gekostet.
Gerade diese Mischung aus Größenwahn, Intelligenz und Selbstinszenierung macht ihn interessanter als den gewöhnlichen Wallace-Schurken, der irgendwann hinter einer Maske hervorkommt und freundlicherweise erklärt, weshalb er seit zweihundert Seiten Menschen ermordet. Poltavo braucht keine Maske, weil seine gesellschaftliche Erscheinung bereits eine ist.
Das Verbrechen trägt einen guten Anzug
Hinter Poltavo und Gerald Grayson öffnet sich das eigentliche Machtzentrum des Romans, das Komitee der Neun, die Neuf Hommes Cádiz, dessen Aktivitäten weit über gewöhnliche Kriminalität hinausreichen. Hier werden Finanzgeschäfte, politische Interessen, internationale Kontakte und persönliche Erpressbarkeit miteinander verschaltet, während Menschen verschwinden und die Öffentlichkeit jeweils eine plausible Geschichte erhält.
Ein Selbstmord hier, ein Bergunfall dort, ein verschwundener Finanzier irgendwo zwischen England und dem Kontinent: Wallace zeigt früh, dass das moderne Verbrechen nicht mehr notwendig in einer dunklen Gasse stattfinden muss. Es kann im Büro sitzen, Konten führen, Telegramme verschicken und am Abend in die Oper gehen.
Gerald Graysons angeblicher Selbstmord ist dafür ein frühes Beispiel. Am Morgen nach dem Opernbesuch meldet die Zeitung seinen Tod, persönliche Gegenstände wurden gefunden, eine Abschiedsnachricht scheint die Sache zu bestätigen, und damit besitzt die Öffentlichkeit genau jene Geschichte, die sie benötigt. Lady Dinsmore reagiert allerdings mit einer bemerkenswert nüchternen Logik: Gerade weil Grayson schriftlich ankündigt, er wolle sterben, hält sie seinen Tod für unwahrscheinlich; wann, fragt sie sinngemäß, habe Gerald schließlich je die Wahrheit über seine Aktivitäten gesagt?
Diese trockene Umkehrung ist sehr Wallace. Die Wahrheit ist nicht das Gegenteil der Lüge, sondern etwas, das aus mehreren Lügen mühsam herausgerechnet werden muss.
Scotland Yard und das Gedächtnis der Akten
Eine der stärksten Passagen des Romans gilt deshalb nicht Poltavo, Doris Grayson oder einem spektakulären Verbrechen, sondern einem unscheinbaren Büro in Scotland Yard. Dort sitzt ein Mann, der keine Verbrecher verfolgt, keine Türen eintritt und vermutlich nie in den Genuss einer dramatischen Verhaftung kommt. Er führt Akten.
Wallace nennt dieses Büro das „Offizielle Gedächtnis“, und plötzlich verändert sich der Kriminalroman. Karten, Fotografien, Zeitungsausschnitte, Aussagen, Fingerabdrücke und Berichte werden gesammelt und miteinander verbunden, während draußen eine Öffentlichkeit längst vergessen hat, worüber sie sich wenige Monate zuvor noch erregte. Das Verschwinden Baggins, der Tod Lucas Damants und das vermeintliche Ende Gerald Graysons erscheinen nicht länger als einzelne Ereignisse, sondern als Teile einer Struktur.
Hier wird Wallace beinahe zum Theoretiker moderner Informationsmacht. Das Verbrechen produziert Vergessen, die Polizei antwortet mit Archivierung. Die einen verändern Namen, Orte und Identitäten, die anderen legen Karteikarten an. Es ist kein besonders glamouröser Kampf, aber vielleicht der entscheidende.
Auch T. B. Smith gewinnt seine Stärke weniger aus heroischer Brillanz als aus dieser Fähigkeit, Spuren nicht isoliert zu betrachten. Ihm steht mit Poltavo ein Gegner gegenüber, der nach demselben Prinzip arbeitet, nur ohne Aktenschrank und Dienstvorschrift. Beide sammeln Wissen, beide lesen Menschen und Zusammenhänge, beide verstehen, dass Information erst durch Verbindung Bedeutung erhält.
Damit wird ihr Duell interessanter als die übliche Opposition zwischen Detektiv und Verbrecher. Es treffen zwei Systeme des Wissens aufeinander.
Und die Frauen warten nicht nur am Fenster
Doris Grayson steht zunächst in einer deutlich älteren erzählerischen Ordnung. Sie ist Tochter, Geliebte, Projektionsfläche zweier Männer und Trägerin jener Schönheit, die Wallace mit einer Ausführlichkeit beschreibt, bei der die Handlung gelegentlich höflich vor der Tür wartet. Cord Van Ingen liebt sie mit der Ungeduld des Jugendfreundes, Poltavo mit der Konzentration eines Mannes, der selbst Gefühle gern in sein strategisches Denken integrieren möchte.
Dennoch wäre es zu einfach, Doris lediglich als zeittypische Frauenfigur abzutun. Sie erkennt Poltavos Gefährlichkeit früh, sie spürt die Verbindung zwischen ihm und den Geschäften ihres Vaters, und ihre Furcht entsteht nicht aus weiblicher Schwäche, sondern aus genauer Beobachtung. Gerade darin liegt eine interessante Ambivalenz: Sie fühlt sich zu Poltavo hingezogen, weil sie erkennt, wovor sie sich fürchtet.
Poltavo wiederum erklärt ihr ohne größere Beschönigung, dass Macht für ihn das Größte auf der Welt sei, größer als Liebe und selbst größer als das Leben. Doris nennt ihn daraufhin nicht etwa einen Lügner, sondern fürchtet seine Wahrheit.
Das ist ein bemerkenswert genauer Moment, weil Wallace hier zeigt, dass Aufrichtigkeit keineswegs mit Anständigkeit identisch sein muss. Ein Mensch kann vollkommen ehrlich erklären, dass er gefährlich ist.
Man sollte ihm gelegentlich glauben.
Der alte Wallace und unsere Erinnerung
Beim Lesen stellt sich immer wieder jene eigentümliche Doppelbelichtung ein, die den Reiz dieser Ausgabe ausmacht. Auf der einen Seite steht der Roman von 1911 mit seinen gesellschaftlichen Konventionen, seinen Diplomaten, Aristokraten, Bankiers, Telegrammen, Droschken und einem Europa, dessen politische Ordnung noch selbstverständlich erscheint. Auf der anderen Seite liegt über jeder zweiten Szene der Schatten jener Filme, die Jahrzehnte später aus Wallace eine eigene deutsche Mythologie machten.
Man sieht die Treppe schon, bevor Wallace sie beschrieben hat, hört das Telefon, bevor es klingelt, und möchte gelegentlich beinahe nachsehen, ob Eddi Arent nicht doch irgendwo im Nebenzimmer wartet.
Gerade deshalb lohnt es sich, „Der andere Mann“ nicht als Vorstufe der Filme zu lesen. Der Roman kann mehr, als deren vertraute Atmosphäre zu liefern. Unter der Oberfläche des Unterhaltungsthrillers beschäftigt Wallace eine Gesellschaft, deren Macht immer abstrakter wird. Geld bewegt sich international, Nachrichten überwinden Entfernungen, politische Entscheidungen und private Interessen greifen ineinander, während hinter sichtbaren Personen unsichtbare Organisationen stehen. Die Moderne beschleunigt sich, und mit ihr beschleunigt sich das Verbrechen.
Wallace reagiert darauf mit einer Erzählweise, die ebenfalls ständig in Bewegung bleibt. Schauplätze wechseln, Informationen werden zurückgehalten und neu bewertet, vermeintlich Tote leben, Identitäten verschieben sich, Zeitungen produzieren öffentliche Wirklichkeit, während hinter dieser Wirklichkeit längst die nächste Operation vorbereitet wird. Seine Prosa trägt selbstverständlich die Spuren ihrer Zeit, doch die Dramaturgie besitzt jene Geschwindigkeit, die später das Kino so bereitwillig übernehmen konnte.
Vielleicht war es nie nur der Nebel
Die deutsche Erstveröffentlichung von „Der andere Mann“ ist deshalb mehr als eine bibliophile Nachlieferung für Wallace-Sammler. Sie führt zurück hinter die Erinnerung, an einen Punkt, an dem die Bilder noch Wörter waren und der berühmte Wallace-Kosmos seine Mechanik erst entwickelte.
Dass ausgerechnet ein Berliner Verlag diesen lange unübersetzten Roman herausbringt und Robert Mainz im Vorwort die Spur zurück nach Spandau legt, besitzt dabei eine schöne historische Symmetrie. Dort, wo Jahrzehnte später das filmische London der Deutschen entstand, kehrt nun ein literarischer Wallace zurück, der hier bisher gar nicht angekommen war. Die Havel hat die Themse offenbar noch nicht ganz ausgetrunken.
Und vielleicht erklärt das auch die eigentümliche Wärme, die sich bei der Lektüre trotz aller Morde, Intrigen und verschwundenen Millionen einstellt. Nostalgie bedeutet schließlich nicht, dass früher alles besser gewesen sei; meistens bedeutet sie nur, dass bestimmte Bilder tiefer im Gedächtnis liegen, als wir vermutet haben.
Bei Edgar Wallace genügt dafür noch immer eine nasse Straße, ein Mann im Mantel und ein Fenster, hinter dem sich etwas bewegt.
Man weiß nicht, wer dort steht. Aber man bleibt natürlich trotzdem stehen und sieht hin.