Auf einem Bauernhof wird nicht nur Land vererbt. Mit dem Hof wechseln Verantwortung, Erwartungen und eine Vorstellung davon den Besitzer, wie das eigene Leben auszusehen hat. Für denjenigen, der erbt, kann das zur Last werden. Für denjenigen, der leer ausgeht, ebenso.
Broder von Dörte Hansen: Zwei Brüder, ein Hof und die Frage, wem das Land gehört
Dörte Hansen macht aus diesem alten Prinzip in ihrem neuen Roman „Broder“ eine Familiengeschichte über zwei Zwillingsbrüder und zugleich einen Roman über die moderne Landwirtschaft. Broder Bahnsen wollte Bauer werden. Er besitzt das Gespür für Tiere, das in seiner Familie als „Kuhverstand“ gilt. Den Hof bekommt jedoch sein wenige Minuten älterer Zwillingsbruder Henning. Broder geht fort, wird Tierarzt und kehrt erst nach mehr als zwanzig Jahren zurück. Henning hat den Familienbetrieb inzwischen zu einem hochmodernen Milchviehhof mit digitalem Herdenmanagement ausgebaut.
Damit stellt Hansen zwei Brüder nebeneinander, die aus derselben Familie stammen und dennoch unterschiedliche Vorstellungen davon entwickelt haben, was Landwirtschaft bedeutet. Der eine arbeitet mit Tieren, der andere muss einen Betrieb führen. Und irgendwann stellt sich heraus, dass beides nicht mehr selbstverständlich zusammenpasst.
Worum geht es in „Broder“?
Broder und Henning Bahnsen sind Zwillinge. Henning ist nur wenige Minuten älter, selbstbewusster und stärker an Maschinen interessiert. Broder dagegen wollte schon früh Bauer werden und besitzt ein besonderes Gespür für Tiere. Trotzdem entscheidet sich die Hofnachfolge gegen ihn: Henning übernimmt den Familienbetrieb.
Für Broder bedeutet das nicht nur den Verlust eines Arbeitsplatzes. Der Hof war sein vorgesehener Lebensentwurf. Er geht nach Frankreich, wird Tierarzt und hält Abstand zur Familie. Erst nach mehr als zwanzig Jahren kehrt er in den Norden zurück und übernimmt eine Tierarztpraxis in der Nähe. Dabei kümmert er sich schließlich auch um die Herde seines Bruders.
Henning hat den Bahnsenhof inzwischen modernisiert. Der Betrieb arbeitet mit digitalem Herdenmanagement, die Kühe sind auf hohe Milchleistung gezüchtet. Doch Broder bemerkt, dass sein Bruder zunehmend Schwierigkeiten bekommt und die Kontrolle über den Hof verliert. Damit kehrt eine alte Frage zurück: Was wäre gewesen, wenn Broder den Hof bekommen hätte?
Gleichzeitig beginnt auch Broder selbst an der Form der Tierhaltung zu zweifeln. Seine Tochter Claire, die Tiermedizin studiert, betrachtet die moderne Hochleistungslandwirtschaft kritisch. Nach einem Praktikum bei ihrem Vater erwägt sie sogar, ihr Studium abzubrechen.
Aus dem alten Konflikt zweier Brüder wird damit eine größere Frage:
Was kann Landwirtschaft leisten – und was darf man Menschen, Tieren und Natur dafür abverlangen?
Ein paar Minuten entscheiden über ein ganzes Leben
Der stärkste Konflikt von „Broder“ liegt zunächst in einer beinahe absurden Kleinigkeit: Henning ist ein paar Minuten älter.
Für die Beziehung der Brüder bedeutet die Hofnachfolge jedoch einen tiefen Bruch. Hansen selbst bezeichnete die Entwicklung von der engen Verbindung zur Rivalität als zentralen Konflikt ihres Romans. Die Zwillinge waren sich früher sehr nah, sind aber grundverschieden.
Gerade deshalb ist der Hof mehr als ein Besitzgegenstand.
Broder verliert mit ihm eine Zukunft, von der er glaubte, dass sie ihm gehöre. Er baut sich anschließend ein anderes Leben auf und wird Tierarzt. Doch seine Rückkehr zeigt, dass Herkunft sich nicht dadurch erledigt, dass man einige hundert Kilometer zwischen sich und die Familie bringt.
Henning wiederum hat bekommen, was Broder wollte. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass er gewonnen hat. Er muss den Betrieb erhalten und wirtschaftlich durch eine Landwirtschaft führen, deren Anforderungen immer größer werden.
So entsteht eine unangenehme Symmetrie:
Der eine Bruder leidet darunter, den Hof nicht bekommen zu haben. Der andere daran, ihn behalten zu müssen.
Hansen macht daraus keinen einfachen Kampf zwischen einem guten und einem schlechten Bruder. Broder erkennt die Probleme des Betriebs, muss sich aber zugleich fragen, ob ein Teil von ihm nicht genau auf Hennings Scheitern gewartet hat. Diese Ambivalenz gehört ausdrücklich zur Anlage des Romans.
Familienkonflikte werden schließlich selten dadurch kompliziert, dass niemand recht hat. Meistens wird es schwierig, weil mehrere gleichzeitig recht haben.
Der moderne Kuhstall hat ein Betriebssystem
Besonders interessant wird „Broder“, wenn Hansen den Familienkonflikt mit dem Wandel der Landwirtschaft verbindet.
Der Bahnsenhof ist kein romantischer kleiner Bauernhof mit drei Kühen hinter dem Reetdach. Henning führt einen modernen Milchviehbetrieb. Melkroboter und digitales Herdenmanagement gehören zu dieser Welt. Hansen hat nach eigenen Angaben umfangreich über moderne Landwirtschaft recherchiert, gerade weil sich die heutige Technik erheblich von der Landwirtschaft ihrer eigenen Kindheit unterscheidet.
Damit schreibt sie über einen gesellschaftlichen Bereich, den viele Menschen täglich beurteilen, aber nur wenige aus eigener Erfahrung kennen. Milch soll bezahlbar sein, Tiere sollen artgerecht gehalten werden, Landwirte sollen von ihrer Arbeit leben, Natur und Klima sollen geschützt werden.
Jede dieser Forderungen ist für sich nachvollziehbar. Zusammen werden sie kompliziert.
Henning reagiert darauf mit Technik, Berechnung und Optimierung. Der Hof muss wirtschaftlich funktionieren. Broder erlebt als Tierarzt dagegen unmittelbar die körperliche Seite dieses Systems. Und Claire gehört einer jüngeren Generation an, die noch grundsätzlicher fragt, ob die bisherige Form der Tierhaltung überhaupt fortgeführt werden sollte.
Hansen selbst ordnet den Roman in diesen größeren Zusammenhang ein: Sie interessiert sich dafür, was wirtschaftlicher Druck und moderne Landwirtschaft mit einer Familie machen. Der Verlag beschreibt „Broder“ entsprechend als Roman über einen Wachstumsglauben, der an seine Grenzen gerät, und über die Verantwortung gegenüber der Natur.
Wenn immer mehr Leistung nicht mehr weiterhilft
Die Kühe auf Hennings Hof sind auf hohe Milchleistung gezüchtet. Der Betrieb wiederum steht unter wirtschaftlichem Druck. Diese Verbindung von Leistung und Wachstum bildet eine der gesellschaftlichen Ebenen des Romans.
Dabei wäre es zu einfach, Henning zum Vertreter einer kalten Agrarindustrie zu machen und Broder zum verständnisvollen Tierfreund. Gerade diese klare Rollenverteilung vermeidet Hansen. Henning muss einen realen Betrieb erhalten, während Broder als Tierarzt selbst Teil der modernen Nutztierhaltung ist. Auch Claire besitzt keine einfache Lösung für den Konflikt.
Der Roman stellt deshalb weniger die Frage, wer moralisch richtig handelt, als wo die Grenzen eines Systems liegen, das ständig effizienter werden muss.
Das betrifft nicht nur die Tiere. Auch Menschen müssen funktionieren.
Der NDR beschreibt diese Verbindung treffend als eine Landwirtschaft „am Limit“. Broder erkennt, dass Henning Schwierigkeiten bekommt, und wirft sich später vor, nicht früher reagiert zu haben.
Hier berührt „Broder“ eine Erfahrung, die weit über Landwirtschaft hinausgeht. Wachstum gilt in vielen Bereichen noch immer als Zeichen von Erfolg: größere Betriebe, höhere Produktivität, bessere Kennzahlen. Nur besitzt jedes System eine Grenze, ab der Optimierung nicht mehr Entlastung bedeutet, sondern zusätzlichen Druck.
Eine Kuh kennt vermutlich keine Wachstumsprognose. Ihr Körper muss sie trotzdem erfüllen.
Die Familie als älteste Wirtschaftsordnung der Welt
Hansen verbindet die ökonomische Ebene mit einer zweiten Ordnung: der Familie.
Auf einem traditionellen Hof lassen sich beide kaum voneinander trennen. Wer erbt, übernimmt nicht nur Eigentum. Arbeit, Familie und Lebensort bleiben miteinander verbunden. Auch Broder gehört deshalb weiterhin zum Bahnsenhof, obwohl Henning dessen Besitzer ist.
Das zeigt sich sehr konkret daran, dass Broder die Hochleistungskühe seines Bruders tierärztlich betreut, ohne dafür angemessen bezahlt zu werden. Der NDR fasst die Logik trocken zusammen: Familie eben.
Gerade darin steckt viel von Hansens Gesellschaftsblick. Familien funktionieren häufig nach Regeln, die in keinem Vertrag stehen. Wer wem hilft, wer etwas erbt, wer schweigt und wer welche Verpflichtung übernimmt, wurde oft lange festgelegt, bevor jemand danach gefragt hat.
In „Broder“ nennt Hansen diese soziale Ordnung die „Dorfgrammatik“ – ein Geflecht aus ungeschriebenen Regeln, das besonders die Frauen der Familie kennen und mittragen.
Der Begriff passt zu Hansens Schreiben insgesamt. Ihre Romane interessieren sich immer wieder dafür, wie Menschen von Regeln geprägt werden, die kaum jemand ausdrücklich beschlossen hat.
Dörte Hansen schreibt Landwirtschaft ohne Landlustfilter
Wie bereits in „Altes Land“, „Mittagsstunde“ und „Zur See“ romantisiert Hansen das Landleben nicht. Ihre Höfe sind keine Gegenwelt zur hektischen Moderne. Die Moderne steht längst im Kuhstall.
Genau das macht „Broder“ gesellschaftlich interessant.
Der Strukturwandel erscheint hier nicht als abstrakte Statistik über sinkende Betriebszahlen oder steigende Kosten. Er wird zu einer Familiengeschichte. Henning muss rechnen und optimieren, Broder behandelt Tiere, Claire stellt das System grundsätzlich infrage. Drei Perspektiven treffen auf denselben Hof.
Sprachlich bleibt Hansen dabei ihrer bekannten Verdichtung treu. Der NDR hebt gerade die Klarheit und Präzision des Romans hervor; auch die dpa-Rezension betont die Verbindung von unsentimentaler Familiengeschichte und detailliert recherchierter moderner Landwirtschaft.
Bemerkenswert ist dabei Hansens Recherche. Sie erklärte dem NDR, bewusst keinen einzelnen Tierarzt bei seiner Arbeit begleitet zu haben, weil dieser nicht zum direkten Modell für Broder werden sollte. Stattdessen recherchierte sie am Schreibtisch und erfand ihre Figuren unabhängig davon.
Das ist für den Roman entscheidend: „Broder“ will keine Reportage sein. Die Wirklichkeit der Landwirtschaft liefert den Boden, aber darauf steht eine erfundene Familie.
Stärken und Schwächen von „Broder“
Stärken
- Der Bruder-Konflikt besitzt eine klare Grundlage: Liebe, Rivalität und die ungeklärte Hofnachfolge greifen ineinander.
- Landwirtschaft wird konkret: Melkroboter, Herdenmanagement, Tiermedizin und wirtschaftlicher Druck bleiben keine abstrakten Begriffe.
- Hansen vermeidet einfache Schuldzuweisungen: Henning, Broder und Claire stehen für unterschiedliche Perspektiven, ohne bloß zu Positionsträgern zu werden.
- Familie und Strukturwandel sind eng verbunden: Der Wandel der Landwirtschaft wird über seine Auswirkungen auf konkrete Menschen erzählt.
- Konzentrierter Umfang: Mit 224 Seiten bleibt der Roman vergleichsweise knapp.
Schwächen
Wer einen handlungsreichen Familienroman mit zahlreichen Wendungen erwartet, sollte wissen, dass Hansens Schwerpunkt auf Figuren, Beziehungen und gesellschaftlichem Wandel liegt. Auch ihre zurückhaltende Art, Konflikte über Beobachtungen und unausgesprochene Spannungen sichtbar zu machen, verlangt Aufmerksamkeit.
Gerade diese Verdichtung gehört allerdings zu ihrer literarischen Methode. Hansen erklärt nicht jedes Gefühl, das ihre Figuren haben. Manchmal genügt es, zu sehen, was sie miteinander tun.
Oder einander nicht sagen.
Für wen eignet sich „Broder“?
„Broder“ richtet sich besonders an Leser, die Familienromane, Gegenwartsliteratur und gesellschaftliche Themen miteinander verbunden sehen möchten. Wer „Altes Land“, „Mittagsstunde“ oder „Zur See“ mochte, findet Hansens Interesse an Herkunft, ländlichem Strukturwandel und familiären Bindungen wieder.
Die vier Romane sind keine Reihe und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Interessant ist „Broder“ außerdem für Leser, die sich mit moderner Landwirtschaft, Tierhaltung und dem wirtschaftlichen Druck auf Höfe beschäftigen möchten – allerdings in Form eines Romans und nicht eines Sachbuchs.
Über Dörte Hansen
Dörte Hansen wurde 1964 in Husum geboren. Sie studierte Linguistik und arbeitete unter anderem als NDR-Redakteurin sowie als Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt „Altes Land“ erschien 2015, gefolgt von „Mittagsstunde“ 2018 und „Zur See“ 2022. „Broder“ ist ihr vierter Roman. Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.
Ihre bisherigen Bücher verbindet ein wiederkehrendes Interesse: Was geschieht mit Menschen, wenn die Lebensformen verschwinden, in denen sie groß geworden sind? In „Zur See“ war es die alte Inselwelt, in „Mittagsstunde“ das Dorfleben. In „Broder“ steht nun ein Bauernhof im Zentrum, auf dem Tradition und moderne Agrarwirtschaft gleichzeitig Platz finden müssen.
Der Stall ist damit erneut ein ziemlich kleiner Ort für ziemlich große gesellschaftliche Fragen.
Einer bekommt den Hof, beide tragen ihn weiter
„Broder“ verbindet einen alten Familienkonflikt mit einer sehr gegenwärtigen Frage nach Landwirtschaft, Wachstum und Verantwortung. Broder und Henning sind nicht einfach zwei Brüder, die sich um einen Hof streiten. Der Hof hat ihre Lebenswege bereits bestimmt, lange bevor seine wirtschaftliche Zukunft unsicher wird.
Besonders interessant ist dabei die Umkehrung ihrer Geschichte. Broder musste gehen und konnte sich ein anderes Leben aufbauen. Henning durfte bleiben und muss nun mit der Verantwortung leben, die dieses Privileg mit sich bringt. Als der Hof in Schwierigkeiten gerät, lässt sich deshalb kaum noch sagen, welcher Bruder ursprünglich der Gewinner war.
Hansen macht aus dieser Familiengeschichte keine einfache Anklage gegen moderne Landwirtschaft. Dafür sind die wirtschaftlichen, familiären und ethischen Interessen zu eng miteinander verbunden. Gerade darin liegt die Stärke des Romans: Er zeigt ein System, in dem Menschen gute Gründe für Entscheidungen haben können, deren Folgen trotzdem problematisch sind.
Der Hof gehört Henning. Broder gehört nicht der Hof.
Aber manchmal ist ein Erbe gerade das, was man nicht bekommen hat.
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