Vom Wollen und Sollen – Gerti Tetzners „Gegen Wind“

Vorlesen

Eine junge Mutter aus Stein hält ihr Kind. Es stößt sich bereits von ihren Schenkeln ab, hinein in die Welt. Die eine Hand gibt Halt und Schutz, die andere Selbstständigkeit. Gerti Tetzner nennt diese Balance in ihrem Roman „Gegen Wind“eine „Wunschwelt“.

Gegen Wind Gegen Wind Gerti Tetzner Aufbau Verlag

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Gegen Wind: Roman

Nur steht die Wunschwelt zunächst im Gras.

Kristina will die unbeachtete Plastik zu ihren hundertsechzig Kindern bringen. Sie hat geschrieben, gebeten, vorgeschlagen, gewünscht, gefordert. Die zuständige Instanz hat geantwortet, ohne etwas zu entscheiden. Ein vorgedruckter Text stellt eine Antwort in Aussicht. Also steht Kristina eines Nachts mit einem Handwagen vor der Skulptur. Hinrich, der sie dort trifft, hält sie für eine Diebin.

So beginnt ihre Geschichte miteinander. Und so beginnt ein Roman über eine Gesellschaft, die ziemlich genau weiß, was ihre Menschen sollen, und über Menschen, die nicht aufgehört haben, selbst etwas zu wollen.

Der Part als Untertan

Kristina tritt nicht als Gegnerin des Staates auf. Sie will keine Ordnung stürzen. Sie will ihre Arbeit gut machen.

Sogar für den Abtransport der Plastik besitzt sie eine Bescheinigung. Das ist kein nebensächliches Detail. Tetzner zeichnet keine Frau, die Regeln aus Prinzip missachtet. Kristina benutzt die vorgesehenen Wege, bis sie bemerkt, dass ein Weg auch darin bestehen kann, jemanden warten zu lassen.

Hinrich versucht zunächst, sich einen Spaß zu machen. „Die Ausweise bitte!“, ruft er. Später sucht er nach einem „Obrigkeitswort“, mit dem sich die vermeintliche Diebin beeindrucken ließe. Ihm fällt keines ein. Es gehört zu einer für ihn „ungeübten Sprache“. Kristina wiederum hält sich, wie er feststellt, nicht an ihren „Part als Untertan“.

Der Ausdruck sitzt.

Ein Part setzt ein Stück voraus. Rollen sind verteilt, Verhalten wird erwartbar. Das System muss nicht jeden Menschen ununterbrochen zwingen, solange jeder ungefähr weiß, wann er seinen Einsatz hat.

Kristina kennt das Stück. Nur spielt sie ihre Rolle nicht zuverlässig genug.

Darin liegt zunächst ihr ganzes Vergehen.

Ein Mann erinnert sich

Tetzner überlässt Hinrich das Erzählen. Er berichtet rückblickend von jener Zeit mit Kristina, deren Ende er längst kennt. Schon auf den ersten Seiten ist sie Abwesenheit und Gegenwart zugleich. Nachts kehrt ihre Stimme zurück. Bilder beginnen sich hinter seinen Lidern zu bewegen. Hinrich beschwört die Vergangenheit, als ließe sich eine Geschichte durch Erinnerung noch einmal öffnen und vielleicht anders zu Ende bringen.

Kristina erreicht uns deshalb nie unmittelbar. Wir sehen sie durch einen Mann, der sie begehrt, beobachtet und fortwährend deutet. Ist sie naiv oder schlau? Liegt in ihrem Lächeln Heiterkeit oder Trauer? Hinrich weiß es nicht.

Das macht ihn zu mehr als einem erzählerischen Durchgangszimmer.

Er selbst ist gespalten zwischen einer Nacht, in der Fragen auftauchen, und einem Tag, der das Funktionieren verlangt. Morgens wartet die Arbeit. Der Pinsel bewegt sich auf und ab, hin und her. Das Leben lässt sich mit Handgriffen fortsetzen.

Nachts ist das schwieriger.

Hinrich fragt sich sogar, ob seine scheinbare Tarnung nicht längst gegen ihn selbst gerichtet ist. Ob er sich vor sich selbst versteckt. Es ist ein leiser Verdacht, der weit über diese Figur hinausreicht: Anpassung wird vollkommen, wenn niemand mehr genau sagen kann, wo sie begonnen hat.

Das Ticken einer Zeit

Dann fährt Hinrich nachts durch die Stadt.

Er hat Bücher zurückzubringen, die sein Freund Fritze aus den sogenannten Giftschränken einer Bibliothek genommen hat. Noch vor Tagesanbruch müssen sie wieder eingeschlossen sein. Ringsum stehen die Betonquader. Darin schlafen Menschen, die ihre Wohnungen eingerichtet, Kartoffeln und Bier hineingetragen und Kinder bekommen haben. Der Alltag hat sich eingerichtet.

Hinrich denkt an Krieg und an das Danach.

Und Tetzner schreibt:

„Das Klicken der Fahrradkette klang wie das Ticken eines Geigerzählers.“

Ein Satz, mehr nicht.

Doch plötzlich trägt das Geräusch einer Fahrradkette die Angst eines Kontinents.

Hier zeigt sich Tetzners besondere Fähigkeit. Sie erklärt das Lebensgefühl ihrer Zeit nicht, sie überführt es in Wahrnehmung. Die Bedrohung bekommt keinen Absatz zur politischen Lage. Sie sitzt im Ohr eines Mannes, der morgens wieder zur Arbeit muss.

Das unterscheidet diesen Roman von später entworfenen historischen Rückblicken. „Gegen Wind“ muss die DDR nicht rekonstruieren. Der Text entstand zwischen Mitte der siebziger Jahre und dem Sommer 1981. Seine Zukunft war damals noch offen.

Tetzner erinnert in ihrer Vorbemerkung daran, wie sie während der letzten Arbeit am Manuskript in Mecklenburg mit dem Fahrrad auf Waldwegen unterwegs war und immer wieder an Sperrschildern umkehren musste. Dahinter seien Raketen stationiert, erzählten Einheimische. Einen Krieg im geteilten Europa hielt sie für möglich. Diese Beunruhigung habe das Lebensgefühl „bis in den Alltag, bis ins Schreiben“ beeinflusst.

Man kann diesen Einfluss hören.

In der Fahrradkette.

Das ist vielleicht die stärkste Form literarischer Zeitzeugenschaft: Geschichte wird nicht nacherzählt. Sie verändert den Klang der Dinge.

Wollen und Sollen

Auch die Mutter-Kind-Plastik vom Anfang lässt sich nun anders betrachten.

Die Mutter hält und lässt los. Sie schützt das Kind, ohne seine Bewegung zu verhindern. Tetzner legt damit früh ein Bild in den Roman, das über die Szene hinausweist.

Denn Erziehung braucht beides: Bindung und Ablösung.

Jede Gesellschaft vermittelt Kindern Regeln und Vorstellungen des Zusammenlebens. Die DDR formulierte diesen Anspruch ausdrücklich politisch. Aus Kindern sollten Mitglieder einer sozialistischen Gesellschaft werden. Interessant wird „Gegen Wind“ jedoch nicht dort, wo jemand diesen Erziehungsauftrag schlicht verweigert.

Kristina verweigert ihn nicht.

Sie besitzt nur eine eigene Vorstellung davon, was ein Mensch braucht, um gemeinschaftsfähig zu werden.

Wer Selbstständigkeit will, muss sie zulassen. Wer Verantwortungsgefühl erwartet, muss eigenes Entscheiden aushalten. Wer Kreativität fördern möchte, kann ihr Ergebnis nicht vollständig vorwegnehmen.

So geraten Wollen und Sollen fast unmerklich auseinander.

Kristinas Eigensinn beginnt nicht beim Widerstand. Er beginnt dort, wo sie ihr Urteil nicht delegiert.

Vielleicht ist genau das für eine starre Ordnung schwerer auszuhalten als ein lautes Nein.

Eine Ordnung ohne Eröffnung

In Kristinas Wohnung erlebt Hinrich eine andere Form des Zusammenlebens.

Menschen sitzen am Tisch, essen, reden, schweigen. Niemand fordert ihn auf zuzugreifen. Niemand eröffnet die Mahlzeit. Hinrich wartet auf ein Zeichen, bis sein Hunger stärker wird als seine Unsicherheit.

Später versteht er das Prinzip. In dieser Wohnung ist jeder Gast zugleich Gastgeber. Wer an der Reihe ist, kocht. Marlies kennt ein Geflecht gegenseitiger Hilfen, das von der Kaufhalle über die Poliklinik bis zu Handwerkern reicht. Auch ein Anstreicher wird gebraucht. Gegendienste vorausgesetzt.

Es ist keine regellose Gegenwelt.

Das wäre zu einfach.

Auch hier gibt es Erwartungen, Abhängigkeiten und Verpflichtungen. Aber sie entstehen zwischen Menschen und nicht aus einem vorgedruckten Bescheid. Zuständigkeiten können wechseln.

Hinrich irritiert das.

Der Mann, der obrigkeitliche Regeln misstrauisch betrachtet, wird nervös, sobald niemand ihm sagt, was er tun soll.

Tetzner muss diese Ironie nicht markieren.

Sie lässt ihn vor seinem Teller warten.

Eine Hand auf dem Arm

Marlies gehört zu dieser Runde. Irgendwann erzählt sie von ihrer Kindheit im Heim. Morgens habe der Heimleiter vor achtzig Kindern ihr nasses Bettlaken hochgehalten.

Es ist eine kurze Erinnerung an eine Erziehung, die den Körper öffentlich macht, um ihn zu disziplinieren.

Kristina antwortet nicht mit einer These.

Sie zieht Marlies zurück auf den Stuhl und lässt ihre Hand auf deren Arm liegen.

Wieder ist da eine Hand.

Am Anfang die steinerne Mutter, die Halt gibt, ohne das Kind festzuhalten. Nun Kristina, die einen Menschen berührt, dessen Kindheit eine andere Erfahrung gespeichert hat.

Tetzner erklärt die Verbindung nicht. Sie braucht es nicht.

Zwischen beiden Szenen entsteht ein Raum, in dem sich die Frage des Romans genauer stellt: Wann wird Fürsorge zu Zugriff? Wann wird Erziehung zur Verfügung über einen Menschen?

Moral erscheint bei Tetzner nicht als Vokabel. Sie steckt in solchen Gesten.

Vielleicht auch Anstand.

Nicht als Programm, sondern als Grenze dessen, was man einem anderen Menschen zumuten will, selbst wenn eine Institution es erlaubt.

Die Sprache des Alltags

Überhaupt findet Tetzner das Politische selten dort, wo es sich selbst politisch nennt.

Es steckt in vorgedruckten Antworten und verschlossenen Bücherschränken. In Beton und Neonlicht. In einer Formulierung wie „Part als Untertan“. In einem Mann, der morgens seinen Pinsel nimmt und nachts darüber nachdenkt, was er tagsüber nicht denken möchte.

Das macht „Gegen Wind“ zu einem bemerkenswerten Zeitzeugnis, aber nicht deshalb, weil der Roman möglichst viel DDR erklärt.

Er erklärt erstaunlich wenig.

Er lässt sie geschehen.

Menschen essen, arbeiten, schlafen miteinander, schweigen, helfen sich, trinken zu viel, stellen Fragen nicht oder zu spät. Das politische System liegt nicht wie eine zweite Schicht über diesem Alltag. Es ist in dessen Bewegungen eingegangen.

Gerade deshalb besitzen Tetzners Bilder eine solche Kraft.

Sie brauchen keine nachträgliche historische Beschriftung.

Eine Fahrradkette genügt.

Der Fremdling

Hinrich bleibt dabei ein unsicherer Zeuge.

Er will Kristina kennenlernen und scheut zugleich die direkte Frage. Er erkundigt sich bei anderen nach ihr. Die Antwort lautet mehrfach: Frag sie selbst.

Doch genau davor fürchtet er sich.

Denn Kristina könnte zurückfragen.

Nähe verlangt etwas, das Hinrich nur widerwillig hergibt: Auskunft über sich selbst. Er nennt sich in ihrer Welt einen „Fremdling“.

Das ist erzählerisch klug, weil Kristina dadurch nicht zur fertig ausgedeuteten Figur wird. Hinrichs Blick bringt sie uns nahe und hält sie zugleich auf Abstand.

Er sieht ihren Körper. Er hört ihre Stimme. Er versucht, ihr Lächeln zu entschlüsseln. Aber sein Begehren verschafft ihm kein Wissen.

Auch das ist eine Form von Grenze.

Nicht jede Undurchsichtigkeit muss beseitigt werden.

Ein Manuskript in der Schublade

Die Geschichte der Veröffentlichung wirkt neben diesem Roman beinahe wie eine nachträglich geschriebene Parallele.

Tetzner erklärt in ihrer Vorbemerkung, dass reale Erlebnisse einer Freundin den Ausgangspunkt bildeten. Manches erlebte sie selbst mit, anderes wurde ihr erzählt. Daraus entstand, wie sie ausdrücklich festhält, ein fiktionaler Roman, der ein Lebensgefühl bewahren sollte.

Der Mitteldeutsche Verlag, bei dem ihr erster Roman erschienen war, lehnte das Manuskript ab. Der Luchterhand Verlag in Darmstadt wollte es veröffentlichen. Ein unterschriebener Vertrag lag vor.

Am Abend bevor eine Lektorin ihn mit Tetzners Unterschrift abholen wollte, kam ein Mitarbeiter der Staatssicherheit. Sollte sie ohne Genehmigung im Westen veröffentlichen, könne sie gleich „mitreisen“, erinnert sich Tetzner an seine Worte.

Die Drohung brauchte kein Verbotsschild.

Tetzners Tochter wollte bleiben. Sie hatte gerade eine Arbeit gefunden, die sie ihren Traumjob nannte. Von ihr und möglichen Enkeln durch eine Grenze getrennt zu leben, deren Passieren vom Wohlwollen der Behörden abhing, kam für die Autorin nicht infrage.

Das Manuskript verschwand in der Schublade.

Nicht ganz.

Schlecht lesbare Schreibmaschinen-Durchschläge wurden unter der Hand weitergereicht. Jahrzehnte später fand eine befreundete Literaturwissenschaftlerin ein Exemplar im Schreibtisch ihres verstorbenen Mannes. Dieser Durchschlag bildet die Grundlage der nun erstmals erschienenen Ausgabe. Den Schluss rekonstruierte Tetzner aus mehreren Fassungen neu.

Auch darin wiederholt sich das Motiv des Romans.

Es gibt eine vorgesehene Möglichkeit zu handeln. Und es gibt den Preis, den ein Mensch dafür zahlen soll.

Wollen und Sollen, noch einmal.

Von „Karen W.“ zu „Gegen Wind“

Mit der Neuauflage von „Karen W. begann die Wiederentdeckung Gerti Tetzners. „Gegen Wind“ lässt nun deutlicher erkennen, welche Frage beide Bücher miteinander verbindet.

Wie weit kann ein Mensch innerhalb gesellschaftlicher Formen ein eigenes Leben führen, ohne sich selbst daraus zu entfernen?

Bei Kristina bekommt diese Frage eine besondere Schärfe, weil ihr eigenes Urteil nicht nur sie selbst betrifft. Es reicht hinein in die Erziehung anderer.

Sie will etwas beitragen.

Das sollte man nicht übersehen.

Es wäre leicht, sie im Rückblick zur Widerstandsfigur zu erklären und damit auf die sichere Seite der Geschichte zu stellen. Tetzners Roman ist interessanter. Kristina lebt innerhalb dieser Gesellschaft. Sie arbeitet in ihr. Sie benutzt ihre Institutionen. Sie erwartet sogar etwas von ihnen.

Nur besitzt sie eine Grenze.

Dort, wo eine Vorschrift mit dem kollidiert, was sie für vernünftig und anständig hält, hört sie nicht auf zu denken.

Das klingt nach wenig.

In einem System, das seine Vorstellungen bis in die Erziehung der Kleinsten hinein organisiert, kann es sehr viel sein.

Gegen Wind

Der Roman sollte ursprünglich „Die Oase“ heißen.

Der Titel bezeichnet einen Ort: einen begrenzten Raum, in dem etwas anderes möglich scheint. Kristinas Umfeld besitzt solche Räume. Sie sind nicht frei von Konflikten, nicht idyllisch und schon gar nicht außerhalb der Gesellschaft.

„Gegen Wind“ bezeichnet dagegen eine Bewegung.

Wer gegen den Wind geht, befindet sich weiterhin in derselben Landschaft. Er muss sie nicht ablehnen. Er geht nur nicht ganz in die Richtung, in die er geschoben wird.

Das passt zu Kristina.

Vielleicht passt es auch zu Hinrich. Und schließlich zu einem Roman, der nicht erscheinen konnte, obwohl er geschrieben war, einen Verlag gefunden hatte und gelesen wurde.

Mehr als vier Jahrzehnte später liegt er nun vor.

Sein historischer Wert ist offensichtlich. Interessanter ist seine literarische Gegenwart. Tetzner bewahrt keine verschwundene Welt hinter Glas. Sie hat deren Unsicherheit, Widersprüche und Geräusche in Sprache verwandelt.


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