Sarah Elena Müllers Roman „Unwucht“ erzählt von Alice und Rio, von Sucht, Fürsorge und einer Liebe, die nicht enden will, als die Beziehung längst vorbei ist. Sieben Jahre später schreibt Alice darüber. Damit beginnt eine zweite Geschichte: die über Erinnerung, Deutungshoheit und die Macht, aus gemeinsam Erlebtem Literatur zu machen.
Rio steht auf dem Balkon und hält eine Gießkanne in beiden Händen. Er gießt nichts.
Es ist 2025, sieben Jahre nachdem Alice ihn verlassen hat. Rio versucht, seinem Leben inzwischen mit Wochenplänen und Routinen Struktur zu geben. Seine Wohnung ist ordentlich, auf dem Tisch liegt ein Wochenplan. Joggen, Arzttermine, Bauchtraining, Kochen. Das Leben scheint wieder in seine Fächer gefunden zu haben.
Alice sieht das. Und sie sucht trotzdem.
Ihr Blick wandert durch die Wohnung, prüft Medikamente und Gegenstände, registriert Ordnung wie früher Unordnung. Sie nennt ihn selbst einen „Röntgenblick“. Die Beziehung ist vorbei, ihr Wahrnehmungssystem arbeitet weiter. Rio weiß das. Und inzwischen fürchtet er noch etwas anderes: Alice schreibt über ihre gemeinsame Vergangenheit. Was, fragt er, wenn der Mann, den sie beschreibt, danach für immer er selbst sein wird?
Damit legt Sarah Elena Müller früh die eigentliche Spannung ihres Romans frei. „Unwucht“ handelt nicht nur von Sucht und Co-Abhängigkeit. Der Roman untersucht, was mit einem Menschen geschieht, der einen anderen so lange beobachtet, bis Fürsorge, Kontrolle und Erzählen kaum noch voneinander zu trennen sind.
Zwei Halbkatzen
2017 arbeitet Alice in der Gastronomie, macht Kunst und Musik, fährt einen alten Fiat und liebt Rio. Rio näht, verschwindet, taucht wieder auf, nimmt Drogen, schweigt, schläft. Alice wartet.
Das Warten verändert ihre Wahrnehmung. Hat er angerufen? Wo ist er? Wann kommt er zurück? Was hat er genommen? Wenn Rio da ist, wartet Alice auf sein Verschwinden. Ist er weg, wartet sie auf seine Rückkehr. Die Gegenwart wird zum Vorzimmer eines möglichen Ereignisses.
Müller erzählt das ohne diagnostische Überlegenheit. Natürlich lässt sich dafür der Begriff Co-Abhängigkeit verwenden. Aber er erklärt weniger, als er sortiert. Müller interessiert sich stärker für die Mechanik einer Beziehung, in der die Sorge um den anderen allmählich die eigene Existenz organisiert.
Dafür findet sie ihr vielleicht stärkstes Bild: Alice und Rio nennen sich Halbkatzen.
Es ist zunächst eines dieser privaten Wörter, die außerhalb einer Beziehung leicht etwas albern wirken. Müller lässt es wachsen.
Die Halbkatze besitzt eine offene Seite. Dort kann jemand hineinkriechen, herumstochern, sie ausweiden. Vor allem aber kann sie gebraucht werden.
Die offene Seite ist keine Verheißung. Sie ist eine Eintrittsstelle.
Alice möchte Rio helfen, ihn verstehen, erreichen, zurückholen. Darin liegt Zärtlichkeit, aber auch eine Form von Macht. Solange Rio sie braucht, hat Alice eine Aufgabe. Und solange sie diese Aufgabe hat, muss sie sich mit der Frage, was sie selbst braucht, nur bedingt beschäftigen.
Dass Alice diese Mechanismen durchaus erkennt, macht Müllers Figur überzeugend. Sie ist weder naiv noch blind. Sie kann sich selbst beobachten, ihre Kontrollversuche verspotten, ihre Angst in Bilder übersetzen – und im nächsten Augenblick genau das wieder tun, was sie gerade durchschaut hat.
„Unwucht“ ist besonders stark, wenn Müller diesen Abstand zwischen Erkenntnis und Handlung offenhält. Menschen ändern sich schließlich selten in demselben Tempo, in dem sie sich verstehen.
Ein Rad läuft nicht rund
Der Titel bekommt im Roman eine sehr konkrete Bedeutung.
Alices Fiat steht in der Werkstatt. Ein Rad wird auf eine Maschine gespannt, beginnt sich zu drehen und taumelt. Der Mechaniker prüft es auf Unwucht. Kleine Bleigewichte werden an der Felge angebracht, bis das Rad wieder ruhig läuft.
Müller baut dieses physikalische Prinzip tief in den Roman ein. Immer wieder wird gewogen, getragen, beschwert, ausgeglichen. Marcia gibt Alice eine schwere Kanonenkugel mit, damit sie nicht davonfliege, wenn Rio abstürzt. Alice schafft Vorräte an, hält Dinge fest, bewahrt Möbel und Erinnerungen. Materie soll dort Stabilität herstellen, wo Beziehungen sie nicht mehr bieten.
Das ist ein starkes Motivsystem, gelegentlich vielleicht ein wenig zu gut sichtbar konstruiert. Waage, Kanonenkugel, Rad und Gegengewichte weisen mit einiger Beharrlichkeit auf denselben Zusammenhang. Doch Müller bewahrt ihre Symbolik meist davor, zur bloßen Illustration zu werden, weil ihre Gegenstände zugleich banal bleiben. Eine Kanonenkugel ist Bedeutungsträger – und immer noch ein absurd schweres Ding, das irgendwo herumsteht.
Gerade diese Verbindung von Komik und Beschädigung gehört zu den Qualitäten des Romans.
Bär und Ferkel im Schnee
Ähnlich präzise arbeitet Müller mit Kinderliteratur und den privaten Fabelwesen von Alice und Rio.
Winnie-the-Pooh und Piglet verfolgen in einer Geschichte Spuren und glauben, immer mehr Wesen seien unterwegs. Tatsächlich folgen sie ihren eigenen Fußabdrücken.
Alice erkennt sich darin. Sie durchsucht Rios Umgebung nach Indizien. Gegenstände werden verdächtig, Schweigen bekommt Bedeutung, aus Beobachtungen entstehen Vermutungen, aus Vermutungen neue Beobachtungen. Ihr Blick produziert Spuren und folgt ihnen anschließend.
Alice weiß, dass ihr Blick längst ein Eigenleben entwickelt hat. Doch ihre Angst ist nicht grundlos: Rios Sucht, sein Verschwinden, die Geldprobleme und schließlich das Gefängnis sind real. Gerade deshalb kann sie nicht mehr unterscheiden, wo Beobachtung endet und Kontrolle beginnt.
Die Kinderliteratur ist deshalb mehr als eine Zuflucht in freundlichere Welten. Sie wird zum Erkenntnismodell. Bär und Ferkel erklären etwas über Wahrnehmung, das die erwachsenen Figuren nicht begrifflich formulieren können.
Solche Verschiebungen gelingen Müller ausgezeichnet. Ihre Bilder verniedlichen das Geschehen nicht. Sie machen es genauer.
Komik als Abstand
Überhaupt ist „Unwucht“ trotz seines Stoffes erstaunlich komisch.
Alice besitzt die Fähigkeit, sich beim Scheitern zuzusehen und gleichzeitig eine Pointe daraus zu machen. Behörden, Versicherungen, Kunstbetrieb und Suchthilfe erscheinen als Systeme mit jeweils eigener grotesker Grammatik. Bei einem Gefängnisbesuch wird Alice zunächst der falsche Gefangene vorgeführt. Der Irrtum wird bemerkt, die Zuordnung korrigiert, der Betrieb läuft weiter.
Müllers Ironie entlastet die Figuren nicht. Sie schafft Abstand.
Das braucht dieser Roman. Wo jede Szene auf Tragik gestellt wäre, würde die Beziehung von Alice und Rio schnell unter der Bedeutung ihres eigenen Unglücks zusammenbrechen. Müller lässt dagegen das Lächerliche bestehen. Auch in der Verzweiflung bleiben Menschen Menschen: umständlich, komisch, gelegentlich kleinlich und mit erstaunlicher Energie damit beschäftigt, Formulare auszufüllen.
An diesen Stellen ist Müllers Sprache am besten: schnell, trocken, präzise, mit einem sicheren Gespür dafür, wann ein Bild einen Zustand genauer beschreibt als eine psychologische Erklärung.
Wer besitzt eine gemeinsame Vergangenheit?
Die zweite Zeitebene macht aus der Beziehungsgeschichte schließlich einen Roman über das Erzählen selbst.
2025 schreibt Alice über 2017.
Damit verschieben sich die Machtverhältnisse. Früher besitzt Rio die Macht des Verschwindens. Alice weiß nicht, wo er ist und wann er wiederkommt.
Jahre später besitzt sie eine andere Macht: Sie kann aus dieser Zeit eine Geschichte machen.
Rio hat Erinnerungslücken. Alice erinnert sich an Szenen, Orte und Gespräche. Doch schon ihre Unterhaltungen zeigen, dass Erinnerung kein gemeinsames Archiv ist. Selbst eine kleine Episode kann in zwei Versionen existieren.
Und nun entscheidet eine von beiden darüber, welche Version Literatur wird.
Das ist der klügste Zug des Romans.
Denn Müller stellt Alice nicht nachträglich auf die sichere Seite der Erzählerin. Die Frau, die früher unter Rios Unverfügbarkeit litt, verfügt nun selbst über etwas, das Rio nicht kontrollieren kann: Anfang, Ende, Auswahl, Rhythmus.
Alice möchte dieses Machtgefälle ausgleichen. Sie spricht mit ihm über das Manuskript, gleicht Erinnerungen ab und hofft auf Zustimmung. Fast wie auf ein gemeinsames Ja lange nach dem Ende ihrer Beziehung.
Doch Literatur lässt sich nicht paritätisch verwalten.
Irgendwann ist das Buch im Druck, ohne dass Rio der endgültigen Fassung zugestimmt hat. Alice hat schneller überschrieben, als er lesen konnte.
In diesem Moment bekommt das Schreiben eine Schärfe, die über die übliche Autofiktionsdebatte hinausgeht. Es geht nicht nur darum, ob jemand fremdes Leben verwenden darf. Es geht darum, dass Form selbst Macht erzeugt.
Wer sich erinnert, besitzt nicht automatisch die Wahrheit. Wer schreibt, besitzt aber eine Version, die bleiben kann.
Müller widersteht dabei erfreulicherweise dem Wunsch nach einem Urteil. Rio wird nicht nachträglich zum Opfer der Schriftstellerin, Alice nicht zur skrupellosen Aneignerin. Beide haben ihre Erinnerungen und ihre blinden Stellen. Der Unterschied ist einfacher und unbequemer: Nur eine Version wird gedruckt.
Die Fähigkeit zu lieben
Von hier aus lässt sich auch Alices Beziehung zu Rio noch einmal anders lesen.
Sie hängt nicht nur an ihm. Sie hängt an ihrer Fähigkeit, ihn zu lieben.
Ihre Liebeslieder, ihre Ausdauer, das Retten und Warten bestätigen ihr etwas über sich selbst. Liebe ist deshalb nicht allein ein Gefühl zwischen zwei Menschen. Sie wird Teil von Alices Selbstbild.
Das erklärt, warum die Trennung so schwer ist. Alice muss nicht nur Rio verlassen. Sie muss eine Vorstellung von sich aufgeben.
Müller verweigert ihr dabei die sauber gearbeitete Emanzipationsszene. Alice geht nicht souverän in ein neues Leben. Marcia muss ihren Platz bei Rio einnehmen, damit sie überhaupt gehen kann. Selbst die Trennung braucht noch ein Gegengewicht.
Das ist konsequent und eine der überzeugendsten Entscheidungen des Romans. Ein Buch, das so genau von Abhängigkeit erzählt, würde sich selbst widersprechen, wenn es Befreiung plötzlich als entschlossenen Schritt zur Wohnungstür inszenierte.
Später liegt Alice bei Tali im Bett. Neben ihr schläft eine Katze namens Rumpf. Eine ganze Katze und eine Halbkatze teilen sich das Bett.
Müller macht daraus keinen Triumph.
Zum Glück.
Das Gewicht einer Geschichte
„Unwucht“ ist ein sehr genauer, sprachlich beweglicher Roman über eine Beziehung, deren Ende länger dauert als die Beziehung selbst. Seine besondere Qualität liegt darin, Sucht und Co-Abhängigkeit nicht als abgeschlossene psychologische Kategorien zu behandeln. Müller beobachtet stattdessen ihre Sprache, ihre Gegenstände und ihre alltäglichen Rituale.
Nicht alles daran ist gleich subtil. Manche Motive werden so sorgfältig miteinander verschaltet, dass man ihre Konstruktion irgendwann sieht. Vor allem die Gewichte, Waagen und Balancebilder hätten stellenweise weniger Nachhilfe gebraucht. Auch Alice’ hohe Fähigkeit zur Selbstbeobachtung wirkt gelegentlich fast zu passgenau für die poetische Architektur des Romans.
Doch das fällt wenig ins Gewicht gegenüber dem, was Müller gelingt: Sie hält Widersprüche aus, ohne sie zu versöhnen. Fürsorge kann liebevoll und übergriffig sein. Kontrolle kann aus begründeter Angst entstehen. Ein süchtiger Mensch kann verletzen und verletzlich sein. Eine Frau kann sich durch Erzählen aus einer Vergangenheit lösen und sich dabei zugleich dieser Vergangenheit bemächtigen.
Vor allem aber macht Müller aus dem Schreiben selbst kein unschuldiges Verfahren.
Das Rad in der Werkstatt lässt sich auswuchten. Ein paar kleine Gewichte an der richtigen Stelle, und es läuft wieder ruhig.
Bei einer gemeinsamen Geschichte ist schwerer zu erkennen, welches Gewicht wohin gehört.
Und wer am Ende bestimmt, ob sie rundläuft.
Über die Autorin Sarah Elena Müller
Sarah Elena Müller, geboren 1990, lebt in Bümpliz und arbeitet zwischen Literatur, Musik, Forschung und Performance. Mit der Spoken-Pop-Combo Cruise Ship Misery hat sie zwei Alben veröffentlicht. Seit 2024 gehört sie zum Team des SNF-Forschungsprojekts „Autofiktion & Bewusstsein“.
2023 erschien im Limmat Verlag ihr Debütroman „Bild ohne Mädchen“. Das Buch wurde für den Schweizer Buchpreis 2023 nominiert; im selben Jahr erhielt Müller den Literaturpreis des Kantons Bern. Ihr Roman „Unwucht“ erschien am 20. August 2026 im Limmat Verlag.
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