Wir waren zwei.

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Wir waren zwei.

Schon bevor wir Namen hatten.

Zwei Herzschläge in einem Bauch.
Zwei Kinder mit demselben Geburtstag.
Zwei Menschen, von denen alle irgendwie erwarten, dass sie sich näher sind als andere Geschwister.

Zwillinge.

Menschen finden Zwillinge faszinierend.

Sie fragen, ob wir spüren, wenn es dem anderen schlecht geht.
Ob wir wissen, was der andere denkt.
Ob wir diese ganz besondere Verbindung haben.

Und manchmal fällt dann dieses Wort:

Unzertrennlich.

Ich glaube, ich hasse dieses Wort.

Weil ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht habe, mich von dem Menschen zu trennen, mit dem ich angeblich für immer verbunden sein sollte.

Denn ja.

Wir hatten eine besondere Verbindung.

Nur nicht die, von der Menschen so gerne erzählen.

Mein Zwillingsbruder hat mich sexuell missbraucht.

Ich war zehn.

Zehn.

Und ich wusste damals noch nichts über Trauma.

Ich wusste nicht, was Erstarren bedeutet.
Ich wusste nicht, dass ein Körper manchmal einfach aufhört zu kämpfen, wenn Kämpfen keine Möglichkeit mehr ist.

Ich wusste nur, dass etwas nicht stimmt.

Und trotzdem habe ich später jahrelang gedacht, ich hätte es verhindern müssen.

Ich hätte Nein sagen sollen.

Ich hätte schreien sollen.

Ich hätte kämpfen sollen.

Ich hätte weglaufen sollen.

Ich hätte es jemandem erzählen sollen.

Ich hätte.

Ich hätte.

Ich hätte.

Man kann erstaunlich viel Schuld in zwei Wörter packen.

Heute bin ich vierundzwanzig und ich weiß es besser.

Ich kann erklären, was eine traumatische Reaktion ist.
Ich kann erklären, warum Menschen erstarren.
Ich kann ziemlich genau sagen, wo die Verantwortung liegt.

Und vor allem, wo sie nicht liegt.

Bei einem zehnjährigen Kind.

Bei mir.

Und trotzdem sitzt manchmal irgendwo in mir noch dieses Mädchen und fragt:

Warum hast du dann nichts gemacht?

Und ich wünschte, ich könnte ihr einfach sagen:

Weil du zehn warst.

Du hättest dich nicht selbst retten müssen.

Denn da waren Erwachsene.

Meine Eltern waren da.

Und das ist vielleicht einer der Sätze, die mir bis heute am schwersten fallen.

Weil Kinder geschützt werden sollen.

Das klingt so selbstverständlich.

Bis man eines dieser Kinder ist, bei denen es niemand getan hat.

Ihr habt Dinge gesehen.

Ihr habt gesehen, dass etwas mit mir passiert.

Und manchmal frage ich mich, wie deutlich ein Kind eigentlich zerbrechen muss, bevor ein Erwachsener merkt, dass etwas nicht stimmt.

Wie laut muss ein Kind schweigen?

Wie viel Angst muss man sehen können?

Ich hätte jemanden gebraucht, der zwischen uns steht.

Jemanden, der sagt:

Stopp.

Nicht irgendwann.

Damals.

Denn ich war zehn.

Und ich hätte nicht meine eigene Beschützerin sein müssen.

Vielleicht sind Geburtstage deshalb bis heute kompliziert.

Für andere ist ein Geburtstag ein Datum, auf das man sich freut.

Kerzen.
Kuchen.
Nachrichten um Mitternacht.

Für mich bedeutet mein Geburtstag immer auch:

sein Geburtstag.

Wir wurden am selben Tag geboren.

Und jedes Jahr erinnert mich dieses Datum daran.

Ich möchte manchmal einfach Geburtstag haben.

Nicht unser Geburtstag.

Meiner.

Ich möchte Kerzen auspusten, ohne dass Erinnerungen mit am Tisch sitzen.

Ich möchte älter werden, ohne gleichzeitig daran erinnert zu werden, dass auch er älter wird.

Denn nur weil wir am selben Tag geboren wurden, bedeutet das nicht, dass dieser Tag für immer uns beiden gehören muss.

Wir waren zwei.

Aber ich bin einer.

Ein eigener Mensch.

Mit einem eigenen Körper.

Und genau dieser Körper hat vieles länger behalten als mein Kopf.

Jahre später lernte ich Wörter dafür.

Flashback.

Dissoziation.

Erstarren.

Trauma.

Plötzlich gab es Namen für Dinge, die mein Körper längst kannte.

Ein Geruch reicht manchmal.

Eine Berührung.

Ein Ort.

Und mein Kopf weiß:

Du bist vierundzwanzig.

Du bist hier.

Du bist sicher.

Aber mein Körper glaubt ihm nicht.

Mein Kopf sagt:

Das ist ein anderer Mensch.

Mein Körper sagt:

Nein.

Mein Kopf sagt:

Du darfst Nähe wollen.

Mein Körper sagt:

Gefahr.

Und ich stehe irgendwo dazwischen.

Zwischen der Frau, die weiß, dass es vorbei ist, und dem Mädchen, dessen Körper noch nicht verstanden hat, dass es überlebt hat.

Vielleicht ist das eines der seltsamsten Dinge an Trauma.

Dass Vergangenheit vorbei sein kann und sich trotzdem manchmal wie Gegenwart anfühlt.

Und dann ist da dieser Ekel.

Vor meinem Körper.

Vor meiner Haut.

Vor meiner Weiblichkeit.

Manchmal schaue ich mich an und denke, ich müsste irgendetwas an mir verändern.

Wegmachen.

Als wäre mein Körper das Problem.

Als hätte er etwas falsch gemacht, nur weil ihm etwas angetan wurde.

Und ich weiß, dass das keinen Sinn ergibt.

Aber Gefühle interessieren sich erstaunlich wenig dafür, was Sinn ergibt.

Also sage ich mir manchmal etwas ganz Einfaches:

Das ist mein Körper.

Meiner.

Nicht seiner.

Meiner.

Und vielleicht werde ich diesen Satz noch sehr oft sagen müssen, bis er sich irgendwann nicht mehr wie etwas anhört, das ich lernen muss.

Sondern wie etwas, das ich glaube.

Das Gleiche passiert mit Nähe.

Ich wünsche sie mir.

Und ich habe Angst vor ihr.

Ich möchte gehalten werden und manchmal möchte mein Körper genau dann verschwinden, wenn mich jemand hält.

Ich möchte küssen.

Ich möchte Sexualität erleben.

Freiwillig.

Ich möchte herausfinden, wie sich ein Ja anfühlt, das wirklich meines ist.

Und dann kann etwas schön sein.

Wirklich schön.

Und hinterher kommt trotzdem die Scham.

War das zu schnell?

War das zu viel?

Was stimmt mit dir nicht?

Und vielleicht ist das eine der grausamsten Folgen von dem, was passiert ist:

Dass jemand meine Grenzen verletzt hat und ich Jahre später mich selbst dafür verurteile, wenn ich freiwillig Nähe zulasse.

Ich schäme mich für ein Nein.

Und manchmal schäme ich mich für ein Ja.

Als hätte mein Körper irgendwann verlernt, dass beide Antworten erlaubt sind.

Und darüber bin ich wütend.

Ich bin wütend, dass die Verantwortung damals nicht bei mir lag, aber die Arbeit heute trotzdem bei mir liegt.

Ich sitze in Therapieräumen.

Ich lerne meinen Körper wieder kennen.

Ich lerne, dass Berührung einfach Berührung sein kann.

Ich lerne, dass Nähe nicht automatisch Gefahr bedeutet.

Ich lerne Sätze wie:

Du bist nicht schuld.

Und manchmal denke ich:

Warum muss eigentlich ich all das lernen?

Warum muss der Mensch, der verletzt wurde, anschließend lernen, mit der Verletzung zu leben?

Das ist unfair.

Heilung ist manchmal einfach unfair.

Denn ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass Heilung bedeutet, loszulassen.

Ich lasse nicht los.

Es ist passiert.

Es gehört zu meiner Geschichte.

Es hat Narben hinterlassen.

Ich kann nicht zurück zu dem Mädchen von davor.

Aber vielleicht muss ich das auch nicht.

Vielleicht bleibt die Wunde gleich groß und ich wachse einfach um sie herum.

So lange, bis sie irgendwann nicht mehr alles ist, was man von mir sieht.

Denn ich bin vierundzwanzig.

Und irgendwo in mir ist dieses zehnjährige Mädchen noch da.

Manchmal hat es Angst.

Manchmal schämt es sich.

Manchmal fragt es mich noch immer:

Hättest du nicht etwas tun müssen?

Und heute versuche ich, ihr anders zu antworten.

Nein.

Du warst zehn.

Du warst ein Kind.

Du warst nicht schuld.

Du warst nicht schmutzig.

Du warst nicht schwach.

Du hättest ihn nicht stoppen müssen.

Er hätte dich nicht verletzen dürfen.

Und die Erwachsenen hätten dich schützen müssen.

Vielleicht muss ich ihr das noch hundertmal sagen.

Vielleicht tausendmal.

Vielleicht braucht mein Körper länger als mein Kopf, um es zu verstehen.

Dann sage ich es eben weiter.

Denn es gibt etwas, das dieses Mädchen damals nicht hatte.

Eine Stimme.

Heute hat sie eine.

Meine.

Und deshalb erzähle ich diese Geschichte.

Nicht, damit jemand Mitleid mit mir hat.

Sondern weil sexueller Missbrauch nicht immer so aussieht, wie Menschen ihn sich vorstellen.

Manchmal ist der Täter kein Fremder.

Manchmal lebt er im selben Haus.

Manchmal sitzt er mit am Esstisch.

Manchmal steht er auf denselben Familienfotos.

Manchmal ist er selbst noch minderjährig.

Manchmal ist er der eigene Bruder.

Manchmal sogar der eigene Zwilling.

Und vielleicht müssen wir genau deshalb darüber sprechen.

Weil Familie kein Beweis für Sicherheit ist.

Weil Schweigen nicht bedeutet, dass nichts passiert.

Und weil ein Kind nicht dafür verantwortlich sein darf, sich selbst zu retten.

Wir waren zwei.

Zwei Herzschläge.

Ein Bauch.

Ein Geburtstag.

Aber wir waren nie ein Mensch.

Nicht ein Körper.

Nicht eine Verantwortung.

Nicht eine Schuld.

Was er getan hat, gehört zu meiner Geschichte.

Ich wünschte, es würde nicht dazugehören.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es irgendwann einfach loslasse und dann ist es vorbei.

Aber so funktioniert es für mich nicht.

Die Wunde bleibt.

Die Erinnerung bleibt.

Manche Narben bleiben empfindlich.

Aber ich bleibe auch.

Und ich wachse.

Ich lerne Nähe.

Ich lerne meinen Körper.

Ich lerne mein Nein.

Und vielleicht noch viel wichtiger:

Ich lerne mein Ja.

Ich lerne, meinen Geburtstag wieder meinen Geburtstag zu nennen.

Ich lerne, dass Vergangenheit in meinem Körper auftauchen darf, ohne wieder Gegenwart zu werden.

Und ich lerne langsam, diesem zehnjährigen Mädchen zu glauben, was ich jedem anderen Kind sofort glauben würde:

Du hättest nichts anders machen müssen.

Du warst ein Kind.

Und vielleicht ist Heilung am Ende gar nicht, dass seine Geschichte aus meiner verschwindet.

Vielleicht ist Heilung, dass sie nicht mehr bestimmt, wie meine weitergeht.

Wir waren zwei.

Aber dieses Leben hier

ist meins.


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