Ein Wal strandet in der Themse. Die Nachricht wandert durch London wie eine jener Meldungen, die gleichzeitig absurd und beunruhigend wirken. Menschen bleiben stehen, schauen auf ihre Telefone, schicken Bilder weiter. Währenddessen suchen andere nach Wohnungen, nach Geld, nach Nähe oder nach einer Zukunft, die nicht sofort wieder verschwindet.
Oisín McKennas Roman Hitzetage beginnt mit einer Stadt im Ausnahmezustand. Die Luft steht über London. Der Asphalt speichert die Hitze bis tief in die Nacht. Nichts explodiert. Nichts bricht spektakulär zusammen. Doch überall entsteht Druck.
Unter dem Titel Evenings and Weekends erschien der Roman 2024 bei 4th Estate und markierte McKennas Romandebüt. Der irische Autor, der zuvor vor allem als Dramatiker und Spoken-Word-Künstler gearbeitet hat, verlegt seine Handlung in das London des Sommers 2019. Die deutsche Ausgabe macht aus Abenden und Wochenenden Hitzetage – eine Verschiebung, die bemerkenswert präzise erfasst, was diesen Text zusammenhält. Denn die Hitze ist hier nicht Atmosphäre. Sie ist Struktur.
London als erschöpfter Organismus
Maggie ist schwanger und verschuldet. Ihr Freund Ed arbeitet als Fahrradkurier und bewegt sich durch die Stadt in einem Zustand ständiger Nervosität. Phil liebt seinen besten Freund Keith, der diese Gefühle nicht erwidert. Um sie herum kreisen weitere Figuren, deren Leben von Krankheiten, Familiengeschichten, Ängsten und unausgesprochenen Wahrheiten geprägt sind.
McKenna erzählt ihre Geschichten nicht als voneinander getrennte Schicksale. Vielmehr entsteht das Bild eines sozialen Gefüges, in dem jede Bewegung Folgen hat. Beziehungen, Freundschaften, Wohngemeinschaften und Familien bilden ein Netz, das Halt verspricht und zugleich fragil bleibt.
Der Guardian bezeichnete den Roman als „love letter to London under pressure“. Tatsächlich gehört London zu den eigentlichen Hauptfiguren dieses Buches. Die Stadt erscheint weder als romantisierte Metropole noch als reine Krisenlandschaft. Sie wirkt wie ein Organismus, der unter Belastung geraten ist. Die Hitze liegt über Straßen, Wohnungen und Körpern. Sie verändert die Wahrnehmung der Figuren und verschärft Konflikte, die längst vorhanden waren.
Nach Sally Rooney – und doch woanders
Die Nähe zu Sally Rooney ist nicht zu übersehen. Beide Autoren interessieren sich für die Verbindung von Begehren, Klasse und sozialer Unsicherheit. Beide fragen, wie Beziehungen unter den Bedingungen einer Gegenwart funktionieren, die von ökonomischem Druck und gesellschaftlicher Unsicherheit geprägt ist.
Doch während Rooney ihre Romane häufig aus der Intimität weniger Beziehungen entwickelt, öffnet McKenna den Blick. Hitzetage erzählt nicht nur von Menschen, die einander suchen. Der Roman erzählt von den Strukturen, in denen dieses Suchen stattfindet. Freundeskreise, Wohngemeinschaften, Familien und Nachbarschaften treten neben romantische Beziehungen. London wird dabei mehr als ein Schauplatz. Die Stadt wirkt wie ein eigener Organismus – erschöpft, überhitzt und dennoch voller Möglichkeiten.
Wer in den vergangenen Jahren Rooney gelesen hat, wird manche Motive wiedererkennen: prekäre Lebensverhältnisse, die Unsicherheit des Begehrens, die Frage, wie Nähe unter ökonomischem Druck überhaupt möglich bleibt. McKenna verschiebt jedoch den Fokus. Ihn interessiert weniger die Dynamik eines Paares als das Geflecht sozialer Beziehungen, das seine Figuren trägt und belastet. Sein eigentlicher Protagonist ist nicht die Liebesgeschichte, sondern die Stadt, in der sie stattfindet.
Erwachsensein ohne Ankunft
Interessant ist, dass McKenna Motive aufgreift, die man aus klassischen Entwicklungsromanen kennt, sie jedoch auf Figuren überträgt, die längst erwachsen sein sollten.
Seine Protagonistinnen und Protagonisten sind keine Studierenden am Beginn ihres Lebens. Sie bewegen sich auf die Mitte ihrer Dreißiger zu. Dennoch stehen sie vor Fragen, die gewöhnlich dem Erwachsenwerden zugeschrieben werden: Wo gehöre ich hin? Welche Beziehungen tragen? Wie lässt sich Zukunft planen?
Der Roman beschreibt damit eine Erfahrung, die in der Gegenwartsliteratur zunehmend sichtbar wird. Nicht das Erwachsenwerden selbst steht im Zentrum, sondern das Ausbleiben jener Stabilität, die traditionell mit dem Erwachsensein verbunden war.
Wohnraum bleibt unsicher. Arbeit prekär. Beziehungen vorläufig.
Die Figuren leben nicht in einer Übergangsphase. Der Übergang ist zum Dauerzustand geworden.
Freundschaft als soziale Infrastruktur
Bemerkenswert ist die Rolle der Freundschaft.
Während viele Gegenwartsromane ihre Konflikte entlang romantischer Beziehungen organisieren, rücken bei McKenna Freundeskreise ins Zentrum. Freundschaft erscheint als soziale Infrastruktur. Sie federt Krisen ab, schafft Zugehörigkeit und bietet Orientierung dort, wo andere Sicherheiten fehlen.
Das bedeutet nicht, dass Liebe unwichtig wäre. Im Gegenteil. Doch sie steht nicht allein im Mittelpunkt. Die stärksten Momente des Romans entstehen häufig dort, wo Menschen versuchen, füreinander da zu sein, obwohl sie selbst kaum wissen, wohin ihr eigenes Leben führt.
Leserinnen und Leser haben wiederholt auf die Empathie hingewiesen, mit der McKenna seine Figuren zeichnet. Sie treffen fragwürdige Entscheidungen, verletzen einander und scheitern an ihren eigenen Ansprüchen. Dennoch bleiben sie nachvollziehbar. Der Roman urteilt nicht über sie. Er beobachtet.
Gerade daraus entsteht seine emotionale Glaubwürdigkeit.
Die Temperatur der Sprache
Zu den meistgenannten Qualitäten des Romans gehört seine Sprache. Leser beschreiben sie als eigenwillig, detailreich und ungewöhnlich präzise. Nicht jeder wird diese Dichte mögen. Manche Passagen verweilen lange bei Beobachtungen, andere wirken beinahe übervoll.
Gerade darin liegt jedoch eine Stärke des Buches. Die Hitze wird nicht bloß beschrieben. Sie setzt sich fest. In Wohnungen, in Gesprächen, auf der Haut seiner Figuren. London wird nicht beobachtet. London wird erlebt.
Diese sprachliche Konsequenz trägt wesentlich dazu bei, dass die Atmosphäre des Romans lange nachwirkt. Die Stadt erscheint nicht als Hintergrund der Handlung, sondern als Bedingung ihres Verlaufs.
Der Wal
Über dem gesamten Roman schwebt das Bild des gestrandeten Wals.
Es gehört zu den stärksten Motiven des Buches, gerade weil McKenna es nicht übererklärt. Der Wal bleibt ein Fremdkörper. Eine Kreatur, die plötzlich am falschen Ort auftaucht.
Leser haben auf die symbolische Funktion dieses Motivs hingewiesen. Es verbindet die unterschiedlichen Handlungsstränge und verweist auf Fragen von Orientierung, Zugehörigkeit und Veränderung. Der Roman macht daraus keine Allegorie. Er lässt das Bild wirken.
Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke.
Denn viele seiner Figuren teilen genau dieses Gefühl. Sie leben in der Stadt, die sie gewählt haben. Sie lieben Menschen, die ihnen wichtig sind. Sie bewegen sich durch vertraute Räume. Und dennoch entsteht immer wieder der Eindruck, nicht ganz dort angekommen zu sein, wo das eigene Leben stattfinden sollte.
Ein bemerkenswertes Romandebüt
In den Leserreaktionen überwiegt die Begeisterung deutlich. Besonders hervorgehoben werden die sprachliche Kraft, die Atmosphäre und die sensible Figurenzeichnung. Mehrfach wird von einem warmherzigen Roman gesprochen, der seine Charaktere ernst nimmt, ohne sie zu idealisieren.
Als Kritikpunkt wird gelegentlich das Ende genannt. Einige Leser empfanden es als etwas zu hastig und hätten sich mehr Raum für die Auflösung einzelner Handlungsstränge gewünscht.
Am Gesamteindruck ändert das wenig. Hitzetage ist ein bemerkenswertes Romandebüt. Nicht weil McKenna neue Antworten liefert. Sondern weil er die Unsicherheiten seiner Gegenwart mit großer Genauigkeit beobachtet.
Während die Hitze über London steht und die Stadt kaum noch Luft bekommt, erzählt dieser Roman von Menschen, die versuchen, ihrem Leben eine Form zu geben. Nicht heroisch. Nicht exemplarisch. Sondern Schritt für Schritt, Gespräch für Gespräch, durch eine Nacht, die nicht abkühlen will.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Heinrich Heine
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und das lange Echo einer Familie
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht – Die Mutter, die Gesellschaft und die Schatten der Herkunft
Beim Häuten der Zwiebel – Günter Grass
Alte Sorten von Ewald Arenz: Ein stiller Roman über Freiheit, Verletzlichkeit und die Menschen am Rand
Alle Farben meines Lebens von Cecelia Ahern: Ein Roman über Emotionen, Einsamkeit und die Frage, wie sichtbar wir wirklich sind
Die Rättin – Günter Grass
Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht von Alexandra Potter: Warum dieser Roman viel klüger ist, als sein Titel vermuten lässt
Das Glück hat acht Arme von Shelby Van Pelt: Warum dieser Roman über einen Oktopus so viele Menschen berührt
Der Butt – Günter Grass
Hundejahre – Günter Grass
Die Blechtrommel – Günter Grass
Der Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini: Ein Roman über Demenz, Würde und die kleinen Momente des Menschseins
Träume aus Salz von Anika Landsteiner: Ein Roman über Verlust, Fernweh und die Frage, wie man mit Erinnerungen weiterlebt
Zwischen gestern und für immer von A. D. Wilk: Ein Roman über Verlust, Erinnerung und die Frage, ob Liebe Zeit überdauern kann
Aktuelles
Oisín McKenna: Hitzetage – Wenn die Zukunft zu warm wird
Miriam Carbes „Unerwünschte Töchter“ und das lange Echo einer Familie
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht – Die Mutter, die Gesellschaft und die Schatten der Herkunft
Zwischen Hölderlin, Nietzsche und Wagner: Ein Abend über Sehnsucht, Selbstinszenierung und die Kunst der Distanz
Beim Häuten der Zwiebel – Günter Grass
Sommerfeldt Solo – Der Auftrag von Klaus-Peter Wolf: Wenn der Täter die Hauptfigur wird
The Deal – Reine Verhandlungssache von Elle Kennedy: Warum diese College-Romance weit mehr ist als nur ein TikTok-Hype
Alte Sorten von Ewald Arenz: Ein stiller Roman über Freiheit, Verletzlichkeit und die Menschen am Rand
Fünf Sommer mit dir von Carley Fortune: Ein Roman über erste Liebe, verlorene Zeit und die Menschen, die uns nie ganz verlassen
Alle Farben meines Lebens von Cecelia Ahern: Ein Roman über Emotionen, Einsamkeit und die Frage, wie sichtbar wir wirklich sind
Die Rättin – Günter Grass
Media Control ehrt Fitzek, Zeh und Campino in Baden-Baden
Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht von Alexandra Potter: Warum dieser Roman viel klüger ist, als sein Titel vermuten lässt
Der gutleut verlag wird als „gutleut&gans“ weitergeführt
Guardian-Liste: Die 100 besten Romane aller Zeiten
Rezensionen
Katz und Maus – Günter Grass
Leo Tolstoi: Wie „Der Tod des Iwan Iljitsch“ das Sterben aus der Sprache der Gesellschaft befreit
Häftling von Freida McFadden: Dieser Psychothriller spielt mit Angst, Erinnerung und der Frage, wem man glauben kann
Der Friede im Osten: Erik Neutschs Romanzyklus als Chronik eines historischen Versuchs
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman: Ein stiller Roman über Einsamkeit, Erinnerung und das Menschsein
Die Vermessung der Leere: Georges Perecs Träume von Räumen und das Schreiben gegen das Verschwinden
Die Familie als Riss – Madeline Cashs „Verlorene Schäfchen“
Liebewesen von Caroline Schmitt: Ein Roman über Nähe, Sehnsucht und die Angst, wirklich gesehen zu werden
Der Mann ohne Gesicht: Max Frischs Stiller und die Erfindung des Selbst
Nachts ist man am besten wach von Kristina Valentin: Eine Liebesgeschichte über zweite Chancen und die leisen Stunden dazwischen
Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel: Wenn Wahrheit nicht befreit, sondern verändert
Stay Away from Gretchen von Susanne Abel: Eine Geschichte über Erinnerung, Schuld und die Schatten der Vergangenheit
Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl: Wenn Fürsorge kippt und Stille laut wird
Im Namen der Barmherzigkeit von Hera Lind: Eine wahre Geschichte über Schuld, Urteil und die Grenzen von Mitgefühl