Künstliche Intelligenz verspricht Effizienz, Wissen und eine Zukunft, in der Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen. Im Kriminalroman ist technischer Fortschritt allerdings selten unschuldig. Wo neue Ideen entstehen, entstehen Vermögen; wo Vermögen wachsen, wachsen Interessen. Und plötzlich geht es weniger darum, was eine Maschine kann, als darum, wem sie gehört.
Alles wird Asche von Nele Neuhaus: Die Zukunft ist neu, die Abgründe sind es nicht
Mit „Alles wird Asche“ veröffentlicht Nele Neuhaus den zwölften Band ihrer erfolgreichen Krimireihe um Pia Sander und Oliver von Bodenstein. Diesmal führen die Ermittlungen in das Umfeld des verstorbenen Tech-Milliardärs Patrick Brinkhoff, der mit einem KI-Chatbot erfolgreich geworden ist. Was zunächst wie eine Reihe tragischer Unglücksfälle aussieht, entwickelt sich zu einer raffiniert geplanten Mordserie.
Neuhaus greift damit ein ausgesprochen gegenwärtiges Thema auf, ohne daraus einen Technikthriller zu machen. Sie bleibt dort, wo ihre Taunuskrimis seit Jahren am stärksten sind: bei Familien, Beziehungen und gesellschaftlichen Milieus, deren geordnete Fassaden Risse bekommen, sobald Geld, alte Verletzungen und persönliche Interessen aufeinandertreffen. Die Technik verändert sich. Die Motive der Menschen erweisen sich als erstaunlich langlebig.
Worum geht es in „Alles wird Asche“?
Eine Frau stirbt in ihrer brennenden Villa in Kronberg im Taunus. Zunächst sieht alles nach einem tragischen Unfall aus. Dann wird ein Bauunternehmer im Rohbau eines Frankfurter Hochhauses gefunden. Er hängt kopfüber, sein Fuß hat sich in einem Seil verfangen, und er ist qualvoll erstickt. Auch hier scheint zunächst ein Unglück möglich. Doch irgendwann sind es zu viele Zufälle.
Die Ermittlungen von Pia Sander und Oliver von Bodenstein führen in das Umfeld des tödlich verunglückten Tech-Milliardärs Patrick Brinkhoff. Er hatte einen neuartigen KI-Chatbot entwickelt und hinterlässt neben seinem Unternehmen ein kompliziertes Geflecht aus familiären Beziehungen, geschäftlichen Interessen und alten Loyalitäten. Als weitere Menschen sterben, die mit Brinkhoff verbunden waren, wird deutlich, dass jemand einen Plan verfolgt.
Mehr sollte man über die Handlung vor der Lektüre kaum wissen. Neuhaus konstruiert ihre Krimis über Zusammenhänge, Verdachtsmomente und Informationen, deren Bedeutung sich erst später erschließt. Wer zu früh weiß, welche Verbindung entscheidend ist, nimmt sich einen Teil des Vergnügens.
Zwei Todesfälle und sehr viele offene Rechnungen
Nele Neuhaus beginnt ihren zwölften Taunuskrimi mit einer klassischen kriminalistischen Irritation: Was aussieht wie ein Unfall, muss keiner sein. Das allein wäre noch keine Besonderheit. Interessanter ist das Milieu, in das sie ihre Ermittler anschließend führt. Mit Patrick Brinkhoffs Softwareunternehmen treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum wirken könnten: auf der einen Seite das Versprechen einer technologischen Zukunft, auf der anderen sehr alte menschliche Konflikte.
Gerade dieser Gegensatz trägt den Roman. Brinkhoffs wirtschaftlicher Erfolg erzeugt nicht nur Wohlstand, sondern auch Erwartungen und Abhängigkeiten. Wer war am Erfolg beteiligt? Wer wurde übergangen? Wem steht etwas zu? Und wie verändert sich die Erinnerung an gemeinsame Jahre, sobald aus einer Idee plötzlich sehr viel Geld geworden ist? Neuhaus interessiert sich dabei weniger für die technische Funktionsweise künstlicher Intelligenz als für das soziale Gefüge, das um sie herum entsteht.
Das ist eine kluge Entscheidung. Ein Kriminalroman über einen KI-Unternehmer hätte leicht zum zeitgeistigen Technikstück werden können, das seinen Figuren regelmäßig Begriffe erklären lässt, die in wenigen Jahren bereits veraltet wirken. Neuhaus benutzt KI stattdessen als Verstärker. Sie schafft neue wirtschaftliche Möglichkeiten, aber die Konflikte, die daraus entstehen, sind vertraut: Anerkennung, Besitz, Kränkung, Loyalität und Rache.
Die Technik mag neu sein. Neid braucht weiterhin kein Softwareupdate.
Pia Sander und Oliver von Bodenstein: Ermittler mit Vergangenheit
Nach zwölf Fällen besteht die Schwierigkeit einer Krimireihe nicht mehr darin, ihre Hauptfiguren bekannt zu machen. Das Gegenteil wird zum Problem: Vertrautheit kann irgendwann in Routine umschlagen. Pia Sander und Oliver von Bodenstein entgehen dieser Gefahr vor allem deshalb, weil Neuhaus ihre persönliche Geschichte nicht nach jedem Fall zurücksetzt.
Die beiden Ermittler tragen Erfahrungen aus den vorherigen Büchern mit sich. Beziehungen haben sich verändert, private Entscheidungen hinterlassen Spuren, berufliche Entwicklungen bleiben bestehen. Für langjährige Leser entsteht dadurch eine Kontinuität, die über den jeweiligen Mordfall hinausreicht. Man kehrt nicht nur wegen eines neuen Verbrechens in den Taunus zurück, sondern auch, weil man wissen möchte, wie es mit den bekannten Figuren weitergeht.
Das Privatleben erhält entsprechend Raum. Das ist einerseits eine Stärke der Reihe, andererseits eine Frage des persönlichen Lesegeschmacks. Wer Neuhaus seit Jahren verfolgt, wird diese Passagen kaum als Nebensache betrachten. Wer ausschließlich einen möglichst geradlinigen Kriminalfall sucht, dürfte gelegentlich ungeduldiger werden. Doch gerade diese Verbindung aus Ermittlung und Biografie verhindert, dass Pia und Bodenstein zu bloßen Werkzeugen der Handlung werden. Sie haben ein Leben zwischen den Leichen – bei einer inzwischen zwanzig Jahre alten Reihe ist das durchaus beruhigend.
Spannung und Dramaturgie: Ein Netz statt einer geraden Spur
Nele Neuhaus erzählt selten minimalistisch. Auch in „Alles wird Asche“ gibt es zahlreiche Figuren, familiäre Verbindungen, berufliche Abhängigkeiten und Informationen, die zunächst nebensächlich erscheinen. Der Roman verlangt deshalb gerade zu Beginn Aufmerksamkeit. Wer mit den Figuren noch nicht vertraut ist, muss Namen und Beziehungen sortieren, während gleichzeitig die ersten Spuren des neuen Falls gelegt werden.
Diese Komplexität ist jedoch nicht bloß Selbstzweck. Neuhaus baut weniger eine gerade Straße zum Täter als ein Netz, in dem verschiedene Erklärungen eine Zeit lang nebeneinander bestehen können. Ein Detail verändert den Blick auf eine Figur, eine scheinbar eindeutige Beziehung bekommt eine zweite Bedeutung, ein plausibles Motiv reicht plötzlich nicht mehr aus. Die Spannung entsteht dadurch nicht ausschließlich aus Gefahr, sondern aus der fortlaufenden Neuordnung dessen, was der Leser zu wissen glaubt.
Das funktioniert besonders dann gut, wenn Neuhaus ihre verschiedenen Handlungsfäden zusammenzieht. Sie gehört zu jenen Krimiautorinnen, die gern viele Teile auf dem Tisch verteilen, bevor sichtbar wird, welches Bild daraus entstehen soll. Das kann zwischendurch Geduld verlangen, sorgt aber zugleich für jenes Miträtseln, das einen klassischen Ermittlungsroman von einem bloßen Verfolgungsthriller unterscheidet.
Mit 560 Seiten nimmt sich der Roman dafür viel Raum. Nicht jede Nebenbewegung besitzt dieselbe Dringlichkeit, und gelegentlich hätte eine Straffung dem Tempo gutgetan. Doch Neuhaus’ Stärke liegt ohnehin weniger in erzählerischer Askese als im Aufbau sozialer Gefüge. Sie schreibt keine kleinen Rätselkästen. Sie baut Häuser mit vielen Zimmern – und in einigen davon sollte man besser das Licht anlassen.
Künstliche Intelligenz, Geld und Macht
Der auffälligste Gegenwartsbezug des Romans ist der KI-Chatbot, mit dem Patrick Brinkhoff wirtschaftlich erfolgreich wurde. Der Verlag stellt diesen technologischen Hintergrund ausdrücklich ins Zentrum des neuen Falls. Interessant wird er allerdings weniger als technisches Phänomen denn als gesellschaftliches.
Die öffentliche Diskussion über künstliche Intelligenz bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht das Versprechen größerer Produktivität und neuer Möglichkeiten, auf der anderen die Angst vor Kontrollverlust, Arbeitsplatzverlust und einer Technologie, deren Folgen schwer einzuschätzen sind. Neuhaus interessiert sich für einen Bereich dazwischen: für die Machtverhältnisse, die hinter einer erfolgreichen Technologie entstehen.
Denn Software existiert nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie hat Entwickler, Eigentümer, Investoren und wirtschaftliche Interessen. Eine erfolgreiche Idee erzeugt Vermögen und Einfluss; damit verändert sie zugleich die Beziehungen zwischen den Menschen, die an ihrer Entstehung beteiligt waren oder sich daran beteiligt fühlen. Plötzlich geht es nicht mehr allein um Innovation, sondern um Besitz und Anerkennung.
Darin liegt eine interessante gesellschaftliche Ebene von „Alles wird Asche“. Der Roman fragt indirekt, ob technischer Fortschritt tatsächlich neue Konflikte hervorbringt oder lediglich alte Konflikte mit neuen Gegenständen ausstattet. Früher stritt eine Familie vielleicht über Grundstücke, Unternehmen oder ein Erbe. Heute kann geistiges Eigentum an einer Technologie denselben Platz einnehmen. Der Gegenstand verändert sich, das menschliche Bedürfnis nach Anteil und Bedeutung weniger.
Familie und Unternehmen: Wenn Nähe einen Preis bekommt
Besonders ergiebig ist deshalb die Verbindung von Familie und Unternehmen. Beide Systeme funktionieren nach unterschiedlichen Regeln. Eine Familie verspricht Zugehörigkeit, ein Unternehmen verteilt Aufgaben, Einfluss und Geld. Sobald beides miteinander verschmilzt, wird schwer erkennbar, wo persönliche Loyalität endet und wirtschaftliches Interesse beginnt.
Neuhaus nutzt diese Grauzone, um ihre Figuren nicht vorschnell in Täter und Unschuldige zu sortieren. Menschen können jemanden lieben und gleichzeitig von ihm abhängig sein. Sie können sich loyal verhalten und dennoch das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein. Eine Kränkung kann jahrelang belanglos erscheinen, bis ein Ereignis ihr plötzlich neues Gewicht gibt.
Gerade darin liegt die gesellschaftliche Stärke vieler Neuhaus-Krimis. Das Verbrechen erscheint nicht als etwas, das von außen in eine ansonsten intakte Gemeinschaft eindringt. Es wächst aus Beziehungen, Erwartungen und Verletzungen, die längst vorhanden waren. Der Mord ist die extreme Handlung; die Gefühle, die ihm vorausgehen, sind sehr viel gewöhnlicher.
Das macht den Blick hinter die Fassade interessanter als die Fassade selbst.
Gier, Rache und Loyalität
Der Ullstein Verlag nennt Gier, Rache und Loyalität über den Tod hinaus als zentrale Themen des Romans. Tatsächlich beschreiben diese drei Begriffe den Kern der Geschichte genauer als das Schlagwort künstliche Intelligenz allein.
Gier richtet sich auf das, was jemand besitzen möchte. Rache richtet sich auf etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist. Loyalität wiederum verbindet den Einzelnen mit anderen Menschen und kann dabei ebenso schützen wie zerstören. Neuhaus lässt diese Motive ineinandergreifen, sodass wirtschaftliche Interessen kaum von persönlichen Verletzungen zu trennen sind.
Das entspricht einer Grundidee ihrer Reihe. Die wirklich gefährlichen Konflikte beginnen selten mit einem Fremden, der plötzlich auftaucht. Sie entstehen zwischen Menschen, die einander kennen, etwas voneinander erwarten oder sich an etwas erinnern. Nähe schafft Vertrauen, aber eben auch die Möglichkeit zur Enttäuschung. Und wer sich lange genug ungerecht behandelt fühlt, kann aus Erinnerung irgendwann eine Rechnung machen.
Der Taunus: Die gepflegte Fassade bleibt verdächtig
Der Taunus ist nach zwölf Bänden längst mehr als ein wiederkehrender Schauplatz. Er gehört zur Identität der Reihe. Kronberg, Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet bieten für diesen Fall eine besonders passende soziale Landschaft: Villen und Hochhäuser, Familienvermögen und Unternehmertum, regionale Nähe und wirtschaftliche Reichweite liegen hier dicht beieinander.
Neuhaus nutzt diese Umgebung nicht als Postkartenmotiv. Wohlstand ist in ihren Romanen häufig Teil des gesellschaftlichen Gefüges, manchmal sogar Teil des Problems. Geld schafft Sicherheit und Möglichkeiten, aber auch Abhängigkeiten und Begehrlichkeiten. Hinter hohen Hecken verschwinden menschliche Konflikte schließlich nicht; sie sind nur von der Straße schlechter zu sehen.
Damit wird der Regionalkrimi bei Neuhaus immer wieder zum Gesellschaftskrimi. Der Taunus ist konkret genug, um einen unverwechselbaren Ort zu schaffen, aber zugleich geeignet, größere Fragen über Status, Familie, Macht und Zugehörigkeit zu erzählen. Die Idylle ist vorhanden. Neuhaus interessiert sich nur traditionell stärker für ihre Risse.
Sprache und Erzählstil: Klarheit vor Kunststück
Sprachlich bleibt Nele Neuhaus ihrem etablierten Stil treu. Sie erzählt klar, zugänglich und stark handlungsorientiert. Die Sprache soll den Leser durch ein komplexes Geflecht aus Figuren und Informationen führen und stellt sich dabei selten selbst in den Vordergrund. Das passt zu einem Roman, dessen Wirkung vor allem aus Konstruktion, Perspektivwechseln und dem langsamen Zusammenlaufen unterschiedlicher Spuren entsteht.
Dialoge und wechselnde Szenen sorgen dafür, dass die 560 Seiten weniger schwer wirken, als die Zahl zunächst vermuten lässt. Sobald die Figurenkonstellation etabliert ist, entwickelt der Roman einen guten Lesefluss. Neuhaus versteht es, Kapitel so zu beenden, dass eine Frage offenbleibt oder eine neue Information den Blick auf das bisher Gelesene verschiebt.
Literarische Verdichtung ist dabei nicht ihr eigentliches Ziel. Ihre Stärke liegt in erzählerischer Übersicht trotz großer Besetzung. Gelegentlich führt diese Ausführlichkeit allerdings zu Wiederholungen oder Passagen, deren Bedeutung für den Gesamtfall geringer ist. Ein etwas strengeres Kürzen hätte dem Roman stellenweise zusätzliche Spannung gegeben, ohne seine Komplexität zu beschädigen.
Stärken und Schwächen von „Alles wird Asche“
Die größte Stärke des Romans ist zugleich der Ausgangspunkt seiner auffälligsten Schwäche: Nele Neuhaus erzählt groß. Sie verbindet mehrere Todesfälle mit einem umfangreichen Figurenensemble, familiären Verwicklungen, wirtschaftlichen Interessen und einem aktuellen technologischen Milieu. Dadurch bleiben lange verschiedene Erklärungen möglich, und der Leser bekommt genügend Material, um selbst Verdachtsmomente zu entwickeln.
Diese erzählerische Breite kostet allerdings Tempo. Gerade zu Beginn muss man aufmerksam lesen, um Beziehungen und Namen richtig einzuordnen. Auch die privaten Entwicklungen der bekannten Ermittler nehmen Raum ein. Für Fans der Reihe gehört genau das dazu; wer ausschließlich einen schnellen Kriminalfall erwartet, dürfte einige Passagen als Umweg empfinden.
Sehr überzeugend ist dagegen die Verbindung des KI-Themas mit klassischen menschlichen Motiven. Neuhaus behandelt künstliche Intelligenz nicht als exotische Bedrohung, sondern als wirtschaftliche Realität, um die herum Macht, Besitz und Interessen entstehen. Dadurch wirkt der Gegenwartsbezug weniger aufgesetzt, als es bei einem modischen Technologiethema leicht passieren könnte.
Auch Pia Sander und Oliver von Bodenstein bleiben eine Stärke der Reihe. Nach zwölf Bänden besitzen sie eine gemeinsame Geschichte, die nicht jedes Mal neu erklärt werden muss. Für Stammleser schafft das Nähe; für Neueinsteiger bedeutet es allerdings, dass einige private Zusammenhänge erst mit Kenntnis der vorherigen Romane ihre volle Wirkung entfalten.
Für wen eignet sich „Alles wird Asche“?
„Alles wird Asche“ eignet sich vor allem für Leserinnen und Leser, die umfangreiche Ermittlungsromane mit mehreren Verdächtigen, familiären Verwicklungen und gesellschaftlichem Hintergrund mögen. Wer an den Taunuskrimis gerade das Zusammenspiel von Kriminalfall und langfristiger Figurenentwicklung schätzt, bekommt hier einen typischen Neuhaus – allerdings in einem deutlich zeitgenössischen Tech-Milieu.
Auch Leser, die sich für Kriminalromane über künstliche Intelligenz, wirtschaftliche Macht und große Vermögen interessieren, finden einen reizvollen Zugang. Man muss dafür kein besonderes technisches Wissen mitbringen. Neuhaus interessiert sich stärker für die Menschen hinter der Technologie als für deren Programmcode.
Weniger geeignet ist das Buch für Leser, die einen kurzen, kompromisslos schnellen Thriller mit wenigen Figuren suchen. „Alles wird Asche“ möchte nicht möglichst rasch beim Täter ankommen. Der Roman möchte zunächst verstehen, wer mit wem verbunden ist – und warum genau diese Verbindungen gefährlich werden können.
Über Nele Neuhaus
Nele Neuhaus wurde in Münster geboren und lebt seit ihrer Kindheit im Taunus. Den großen Durchbruch erzielte sie mit dem 2010 erschienenen Kriminalroman „Schneewittchen muss sterben“. Neben den Taunuskrimis schreibt sie Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur; ihre Werke erscheinen inzwischen in mehr als 30 Ländern. Der Polizeipräsident Westhessens ernannte sie zudem zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber.
Besonders eng ist ihr Name inzwischen mit Pia Sander und Oliver von Bodenstein verbunden. Aus einzelnen Ermittlungsfällen ist über zwei Jahrzehnte eine eigene erzählerische Welt entstanden. Darin liegt ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Reihe: Leser kehren nicht nur zurück, weil sie wissen möchten, wer diesmal getötet hat. Sie kehren zurück, weil Figuren weiterleben und frühere Entscheidungen Folgen haben.
Auch der Taunus hat sich dabei von einer Kulisse zu einem literarischen Gelände entwickelt. Die Region verbindet Wohlstand, Kleinstadtstrukturen und die Nähe zur Finanzmetropole Frankfurt. Für eine Autorin, die sich besonders für die Risse hinter geordneten Fassaden interessiert, ist das ergiebiges Material. Für die fiktive Kriminalstatistik der Region eher weniger.
Fortschritt löscht keine alten Rechnungen
Mit „Alles wird Asche“ führt Nele Neuhaus ihre Bodenstein-Kirchhoff-Reihe konsequent in die Gegenwart. Der zwölfte Fall besitzt vieles, was die Taunuskrimis seit Jahren auszeichnet: ein großes Figurenensemble, verschlungene Beziehungen, ein gesellschaftlich interessantes Milieu und einen Kriminalfall, dessen Zusammenhänge erst allmählich sichtbar werden.
Nicht alles daran ist schlank. Die Vielzahl der Figuren verlangt gerade zu Beginn Konzentration, und manche Nebenbewegung hätte kürzer ausfallen können. Doch diese Breite gehört zu Neuhaus’ Art des Erzählens. Sie interessiert sich weniger für den isolierten Täter als für das soziale Geflecht, in dem Motive entstehen. Gerade deshalb funktioniert auch der aktuelle KI-Hintergrund: Er liefert nicht einfach ein modernes Schlagwort, sondern verändert Besitzverhältnisse, Erwartungen und Abhängigkeiten.
Am interessantesten ist „Alles wird Asche“ deshalb dort, wo der Roman hinter die technische Oberfläche blickt. Eine neue Technologie kann Unternehmen verändern, Vermögen schaffen und Zukunftsversprechen produzieren. Sie verhindert aber nicht, dass Menschen sich übergangen fühlen, einander beneiden, lieben, enttäuschen oder jahrelang alte Verletzungen mit sich herumtragen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Gegenwartsbeobachtung dieses Krimis: Die Maschinen lernen immer schneller. Der Mensch vergisst weiterhin erstaunlich langsam.
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