Ein Drache braucht zwei Reiter. Und diese beiden müssen miteinander harmonieren. Das klingt zunächst nach einer jener Regeln, die Fantasywelten gern aufstellen, damit später jemand dagegen verstoßen kann. In Karolyn Ciseaus Dragonblood Academy ist die Sache komplizierter. Denn Harmonie lässt sich schlecht anordnen. Vertrauen noch weniger. Und Liebe wird nicht unbedingt einfacher, nur weil eine magische Welt beschlossen hat, zwei Menschen gehörten zusammen.
Karolyn Ciseau: „… to Kill a Monster. Dragonblood Academy“ – Wenn Vertrauen gefährlicher wird als ein Drache
Mit … to Kill a Monster setzt Karolyn Ciseau ihre Romantasy-Duologie um Lyra und Kael fort. Der Jugendroman ab 14 Jahren beginnt wenige Tage nach den Ereignissen von It Takes a Monster. Wer den ersten Band gelesen hat, kennt Lyras Geheimnis und damit auch die kleine Zeitbombe, die nun zwischen den Figuren liegt. Kael weiß noch nicht alles. Lyra weiß, dass er es erfahren könnte. Die Leserinnen und Leser wissen beides.
Mehr braucht es zunächst kaum.
Ein Geheimnis zwischen zwei Menschen
Lyra hat Gefühle für Kael entwickelt. Gerade das macht ihre Lage schwieriger. Ihre ursprüngliche Mission ist nicht verschwunden, nur weil Nähe entstanden ist. Schuld, Auftrag und Zuneigung stehen nebeneinander und vertragen sich ungefähr so gut, wie man erwarten darf.
Der Konflikt verschärft sich, als Lyra sich heimlich mit einer Aetas, einer Priesterin der Ur-Asche, trifft. Kaels Bruder beobachtet die Begegnung und informiert Kael. Das Geheimnis beginnt aufzubrechen. Mit ihm zerbricht etwas, das in romantischer Fantasy gelegentlich erstaunlich schnell wieder zusammengesetzt wird: Vertrauen.
Ciseau macht es sich damit offenbar nicht ganz so bequem.
Kael kann die Verletzung nicht einfach abschütteln, Lyra kann ihre Entscheidungen nicht durch ein Liebesbekenntnis ungeschehen machen. Beide müssen weiter miteinander umgehen, obwohl zwischen ihnen etwas beschädigt ist. Die äußeren Verhältnisse sorgen zudem dafür, dass Abstand nur begrenzt möglich bleibt.
Das ist ein recht kluger Motor für einen zweiten Band. Die Frage lautet nun nicht mehr allein: Werden diese beiden Menschen ein Paar? Sie lautet: Was bleibt von einer Beziehung, wenn das Bild, das einer vom anderen hatte, falsch gewesen ist?
Die Seelenbindung und das kleine Problem mit der Freiheit
Schon im ersten Band gehörte die Seelenbindung zu den interessanteren Konstruktionen der Reihe. In … to Kill a Monster gewinnt sie zusätzliche Bedeutung. Lyra und Kael sind nicht nur emotional miteinander verbunden. Sie teilen einen Drachen, und dieser benötigt die Harmonie seiner beiden Reiter.
Der Drache wird damit beinahe zum Seismografen ihrer Beziehung.
Das ist als Fantasyidee reizvoll, weil Ciseau einen inneren Konflikt nach außen verlagern kann. Misstrauen bleibt nicht im Gespräch oder im berühmten bedeutungsvollen Blick hängen. Es hat Konsequenzen für die Funktionsweise dieser Welt.
Dahinter steckt allerdings eine Frage, die weit über Drachen hinausreicht: Wie frei ist Nähe, wenn eine höhere Ordnung zwei Menschen bereits miteinander verbunden hat?
Romantasy liebt solche Konstruktionen. Seelenpartner, Schicksalsbindungen und vorherbestimmte Paare nehmen der Liebe einen Teil ihres Zufalls. Das kann ausgesprochen romantisch sein. Es kann aber auch ein wenig unheimlich werden. Denn wo das Schicksal bereits gewählt hat, muss der Mensch seine Zustimmung erst noch irgendwo unterbringen.
Gerade deshalb ist es sinnvoll, dass … to Kill a Monster Vertrauen nicht einfach mit Bindung verwechselt. Eine magische Verbindung kann vorhanden sein. Vertrauen muss trotzdem entstehen – und nach einem Verrat erneut ausgehandelt werden.
Das ist vielleicht die erwachsenere Idee dieses Jugendromans.
Lyra darf Fehler machen
Lyra erscheint im zweiten Band verletzlicher und zugleich handlungsfähiger. Fähigkeiten, die sie zuvor verborgen hat, werden sichtbar. Besonders im Kampf zeigt sich, dass ihre frühere Zurückhaltung nicht mit Schwäche verwechselt werden sollte.
Interessanter ist jedoch ihre emotionale Unsicherheit.
Sie liebt Kael und belügt ihn. Sie möchte ihn nicht verlieren und trifft Entscheidungen, die genau dazu führen könnten. Sie versucht, sich zu schützen, obwohl dieser Schutz andere verletzt. Das ist widersprüchlich. Menschen haben diese lästige Angewohnheit.
Für einen Jugendroman ist das nicht nebensächlich. Figuren werden nicht interessanter, indem sie stets das Richtige tun. Sie werden interessant, wenn Entscheidungen Folgen haben. Gerade in einer Literatur, die stark mit romantischer Identifikation arbeitet, ist es erfreulich, wenn Gefühle nicht automatisch zum Freispruch werden.
Auch Kael erhält Raum für Verletzung und Distanz. Seine Enttäuschung verschwindet nicht, weil das Genre irgendwann eine Versöhnung erwartet. Die Beziehung muss sich bewegen. Nicht unbedingt realistisch im sozialwissenschaftlichen Sinne – wir befinden uns weiterhin unter Drachen –, aber emotional nachvollziehbar innerhalb der erzählten Welt.
Die Academy tritt zurück, der Krieg kommt näher
Im zweiten Band verschiebt sich zudem der Schauplatz. Die Academy verliert an Bedeutung, während ein größerer Teil der Handlung an der Front spielt. Damit verändert sich der Ton.
Was zuvor stärker nach Ausbildung, Konkurrenz und Entdeckung organisiert war, wird von Krieg und seinen Folgen überlagert. Die Welt wird größer, aber nicht unbedingt komplizierter. Ciseaus Worldbuilding scheint weiterhin weniger an enzyklopädischer Detailfülle interessiert zu sein als an den Beziehungen, die innerhalb dieser Ordnung entstehen.
Das ist kein Mangel, solange man von diesem Roman nicht erwartet, dass er nebenbei noch die politische Ökonomie einer Drachenzivilisation erklärt.
Die äußeren Konflikte bleiben eng mit den persönlichen verbunden. Kaels Vater Darius und dessen Vergangenheit belasten das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Lyras Mutter und die Aetas treten zunehmend als Gegenspielerinnen hervor. Sicher geglaubte Zuordnungen geraten ins Rutschen.
Damit arbeitet der Roman mit einem vertrauten Fantasyprinzip: Die gefährlichste Grenze verläuft selten sauber zwischen den Gruppen, die am Anfang als Gut und Böse markiert wurden.
Muss Jugendfantasy eigentlich immer neu sein?
Drachen. Academy. Seelenbindung. Krieg. Eine junge Heldin mit verborgenen Fähigkeiten. Eine gefährdete Liebesgeschichte.
Man kann die Schubladen schon hören.
Die gegenwärtige Romantasy produziert ihre Tropes mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit. Wer viel in diesem Genre liest, wird manche Bauteile der Dragonblood Academy wiedererkennen. Aber Literatur besteht nicht erst dann, wenn jemand einen Drachen erfindet, den vorher noch niemand gesehen hat.
Entscheidend ist, was eine Geschichte mit ihren bekannten Elementen anfängt.
Ciseaus interessanter Einfall liegt in der Verbindung von Drache, zwei Reitern und deren emotionaler Harmonie. Die romantische Beziehung ist dadurch nicht bloß eine zweite Handlungsschiene neben dem Fantasyplot. Sie wird Teil der Mechanik dieser Welt. Was zwischen Lyra und Kael geschieht, betrifft ihre Fähigkeit zu handeln.
Das gibt den bekannten Motiven eine eigene Ordnung.
Und vielleicht sollte man bei Jugendromanen ohnehin vorsichtig mit jener leicht gelangweilten Erwachsenenfrage sein, ob man das alles nicht schon einmal gelesen habe. Natürlich hat man. Erwachsene haben vieles schon einmal gelesen. Vierzehnjährige nicht unbedingt.
Lesen darf auch einfach ziehen
Das führt zu einem Punkt, der in Diskussionen über Jugendbücher gelegentlich unter einem Stapel pädagogischer Erwartungen verschwindet: Ein Jugendroman darf spannend sein.
Er darf Romance haben. Drachen sowieso. Er darf Cliffhanger, Geheimnisse, Verrat und Versöhnung einsetzen. Er darf Leserinnen und Leser dazu bringen, noch ein Kapitel zu lesen, obwohl das Licht längst aus sein sollte.
Nicht jedes Buch für Jugendliche muss bereits die Literatur sein, an die sie sich mit fünfzig erinnern.
Vielleicht ist das sogar die falsche Erwartung.
Wer mit vierzehn Dragonblood Academy liest, liest. Das klingt banal und ist es nicht. Lesen entsteht auch aus Gewohnheit, Neugier, Identifikation und dem Wunsch zu erfahren, wie eine Geschichte weitergeht. Wer heute wegen Lyra, Kael und eines Drachen dreihundert Seiten liest, greift in einigen Jahren vielleicht zu ganz anderen Büchern. Vielleicht zu komplexerer Fantasy. Vielleicht zu Margaret Atwood, Ursula K. Le Guin oder Franz Kafka. Vielleicht bleibt es bei Romantasy. Auch das Abendland dürfte diesen Vorgang überstehen.
Literarische Biografien verlaufen selten nach Lehrplan.
Sie entstehen aus Türen.
Manche sind schwer und ehrwürdig. Andere haben einen Drachen darauf.
Kein vollkommen geschlossenes Ende
… to Kill a Monster führt den persönlichen Konflikt zwischen Lyra und Kael zu einer Lösung, ohne sämtliche Probleme seiner Welt zu beseitigen. Das ist eine vernünftige Entscheidung. Ein Happy End muss schließlich nicht bedeuten, dass gleichzeitig auch Geschichte, Politik und menschliche Widersprüche ihren Betrieb einstellen.
Besonders der Epilog hält eine weitere Tür offen. Eine neue Perspektive tritt auf, Fragen bleiben zurück, Möglichkeiten entstehen. Für eine abgeschlossene Duologie ist das ein etwas widerspenstiger Abschied. Aber ein vollkommen versiegeltes Ende hätte zu einer Geschichte über Bindungen vielleicht auch erstaunlich ordentlich gewirkt.
Karolyn Ciseaus … to Kill a Monster bleibt dabei ein Jugendroman, der seine Zielgruppe kennt. Er erzählt schnell, setzt auf emotionale Konflikte und arbeitet mit den vertrauten Versprechen moderner Romantasy. Man muss daraus kein literarisches Großereignis machen. Man muss es aber auch nicht kleiner reden, nur weil junge Menschen darin Drachen, Liebe und Spannung finden.
Denn zwischen all den Debatten darüber, was Jugendliche lesen sollten, gerät eine ziemlich einfache Tatsache gelegentlich aus dem Blick: Sie müssen überhaupt erst einmal lesen wollen.
Und manchmal beginnt eine lange Geschichte des Lesens eben mit einem Drachen, der zwei Menschen braucht.
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