Maggie Nelson: The Slicks – Sylvia Plath, Taylor Swift und die Erfindung weiblicher Genialität

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Wer als Frau berühmt werden will, muss sich bis heute rechtfertigen. Dieser Gedanke steht am Anfang von Maggie Nelsons The Slicks. Nicht als These, sondern als Bewegung.

The Slicks: Über Sylvia Plath und Taylor Swift The Slicks: Über Sylvia Plath und Taylor Swift von Maggie Nelson (Autor), Cornelius Reiber (Übersetzer) Hanser Berlin

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The Slicks: Über Sylvia Plath und Taylor Swift

Der Essay beginnt mit Sylvia Plath – genauer: mit ihrem Wunsch, gelesen und zitiert zu werden. Jacqueline Rose erinnert in The Haunting of Sylvia Plath an einen Tagebucheintrag, in dem Plath schreibt: »Es ist so traurig, immer nur andere Dichter zitieren zu können; ich möchte, dass jemand mich zitiert.« Nelson macht aus diesem Satz keinen biografischen Schmuck. Sie liest ihn als Ausgangspunkt einer Frage, die bis in die Gegenwart reicht: Was geschieht, wenn Frauen ihren Ehrgeiz nicht verbergen?

Mit The Slicks. Über Sylvia Plath und Taylor Swift, jetzt in deutscher Übersetzung von Cornelius Reiber bei Hanser Berlin erschienen, setzt Nelson ihre Form des essayistischen Denkens fort. Wie schon in Die Argonauten, Die roten Stellen oder Pathemata interessieren sie weniger fertige Antworten als kulturelle Muster. Der schmale Band verspricht auf dem Umschlag einen Dialog zwischen Sylvia Plath und Taylor Swift. Tatsächlich untersucht Nelson vor allem die Bedingungen weiblicher Öffentlichkeit – und die merkwürdige Beharrlichkeit, mit der weiblicher Ehrgeiz bis heute anders bewertet wird als männlicher.

Der Wunsch nach Ruhm

Plaths Wunsch nach Ruhm ist für Nelson kein peinliches Detail, das erklärt oder entschuldigt werden müsste. Im Gegenteil. Sie erinnert daran, dass Plath nicht nur schreiben wollte, sondern gelesen, anerkannt und für ihre Arbeit bezahlt werden wollte. Während Emily Dickinson ihre Bekanntheit nie aktiv suchte, bekannte sich Plath offen zu ihrem Ehrgeiz. Gerade diese Offenheit interessiert Nelson.

Sie zitiert nicht nur Plaths Sehnsucht, eines Tages selbst zitiert zu werden, sondern verweist auch auf Jacqueline Roses Beschreibung der »perversen Komponente (Voyeurismus und Sadismus) öffentlicher Bewunderung«. Schon auf den ersten Seiten macht der Essay deutlich, dass Ruhm keine eindeutige Kategorie ist. Er bedeutet Sichtbarkeit – und zugleich den Verlust eines Teils der eigenen Verfügung über das Werk.

Plath hat diesen Ruhm bekanntlich nicht mehr erlebt. Erst nach ihrem Tod wurde sie zu einer der prägenden Stimmen der amerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Nelson zeichnet nach, wie diese späte Kanonisierung von Formen öffentlicher Aneignung begleitet wurde: sexistische Rezensionen, erbitterte Debatten innerhalb des Feminismus, Konflikte um den literarischen Nachlass, detaillierte Biografien und sogar die wiederholte Beschädigung ihres Grabsteins, bei der Besucher den Namen Hughes entfernen wollten. Der Essay beschreibt diese Vorgänge nicht als Randnotizen der Literaturgeschichte, sondern als Symptome einer Öffentlichkeit, die Bewunderung und Besitzanspruch nur schwer voneinander trennt.

Die Ökonomie der Öffentlichkeit

Eine zentrale Rolle spielt dabei Plaths Gedicht Lady Lazarus. Nelson verweist auf die berühmte Passage über die »peanut-crunching crowd«, jene »Erdnüsse kauende Menge«, die sich am Spektakel beteiligt und für jedes Wort, jede Berührung und jedes Stück persönlicher Geschichte ihren Preis verlangt.

Bemerkenswert ist dabei Nelsons Hinweis, dass Plath diese Verse schrieb, als sie finanziell keineswegs abgesichert war. Niemand zahlte ihr damals viel für ihre Gedichte. Dennoch erkannte sie bereits die Logik öffentlicher Aufmerksamkeit: Wer das Persönliche sichtbar macht, liefert sich einem Markt aus, der Nähe verspricht und zugleich immer neue Forderungen stellt.

Gerade hierin zeigt sich Nelsons Stärke. Sie reduziert Plaths Gedicht nicht auf eine Vorahnung späterer Berühmtheit. Stattdessen liest sie Lady Lazarus als Reflexion über Öffentlichkeit selbst. Das Gedicht wird zu einer Beschreibung jener kulturellen Dynamik, in der Intimität zur Ware werden kann.

Taylor Swift als Resonanzraum

Erst im weiteren Verlauf tritt Taylor Swift in den Essay ein. Auslöser war nach Nelsons eigener Darstellung unter anderem Swifts Album The Tortured Poets Department, dessen Titel, Bildsprache und einzelne Motive vielfach mit Sylvia Plath in Verbindung gebracht wurden. Nelson verweist etwa auf das Video zu »Fortnight«, das visuelle Anspielungen auf Plath und Emily Dickinson enthält. Zugleich erinnert sie daran, dass beide Künstlerinnen immer wieder über Liebesverlust schreiben und deshalb häufig auf ihre Biografien reduziert werden.

Gerade hier verweigert sich Nelson einer einfachen Gleichsetzung. Taylor Swift ist nicht deshalb interessant, weil sie die moderne Sylvia Plath wäre. Entscheidend ist vielmehr, dass beide Künstlerinnen Gegenstand ähnlicher Lektüren werden. Ihre Werke gelten vielen Leserinnen und Lesern zunächst als verschlüsselte Lebensberichte. Die Frage nach der Form tritt hinter die Suche nach der »wahren« Geschichte zurück.

Damit beschreibt Nelson keinen Sonderfall der Popkultur. Sie macht sichtbar, wie hartnäckig sich ein biografischer Blick auf Künstlerinnen hält – unabhängig davon, ob sie Gedichte schreiben oder Stadien füllen.

Weiblicher Ehrgeiz

Im Gespräch mit dem Guardian formuliert Nelson den Gedanken, der den Essay zusammenhält, besonders deutlich: Der offen ausgesprochene Wunsch nach Größe sei für Frauen bis heute ein »punishing sphere«, ein Bereich also, in dem Ehrgeiz schneller sanktioniert werde als bei Männern. Plath habe diesen Wunsch ausgesprochen. Taylor Swift tue es ebenfalls. Gerade darin sieht Nelson eine Verbindung zwischen beiden.

Diese Beobachtung wirkt deshalb überzeugend, weil Nelson sie nicht zur universellen Theorie erhebt. Sie arbeitet nicht mit großen kulturkritischen Gesten, sondern mit Beispielen, historischen Bezügen und genauer Lektüre. Ihre Argumentation bleibt tastend. Sie schlägt Verbindungen vor, statt sie endgültig festzuschreiben.

Ein kurzer Essay mit großer Reichweite

The Slicks gehört zu jener Form des Essays, die Maggie Nelson seit Jahren kultiviert. Der Text verzichtet auf Vollständigkeit und entwickelt seine Kraft gerade aus der Verdichtung. Auf wenigen Seiten verbindet Nelson Literaturgeschichte, Gegenwartskultur und feministische Fragestellungen, ohne den Eindruck zu erwecken, eine abschließende Erklärung liefern zu wollen.

Diese Offenheit ist zugleich die größte Stärke des Buches. Nelson lädt nicht dazu ein, Plath und Swift gegeneinander auszuspielen oder in eine genealogische Reihe weiblicher Genialität einzusortieren. Sie fragt vielmehr, weshalb Frauen, die öffentlich Großes wollen, noch immer anders betrachtet werden als Männer mit vergleichbaren Ambitionen.

Faszination für Frauen

Der Titel von The Slicks weckt zunächst die Erwartung eines ungewöhnlichen Vergleichs zwischen einer Dichterin und einem Popstar. Tatsächlich interessiert Maggie Nelson jedoch weniger die Gegenüberstellung als die Struktur dahinter. Sylvia Plath und Taylor Swift erscheinen ihr nicht als Gegensätze, sondern als historische Konstellationen, in denen sich derselbe kulturelle Mechanismus zeigt: die anhaltende Faszination für Frauen, die öffentlich sprechen, lieben, scheitern – und ihren Erfolg nicht verbergen.

So gelesen ist The Slicks weniger eine Parallelbiografie als eine Untersuchung des Blicks, der solche Figuren erst formt. Seine Aktualität liegt nicht in der überraschenden Verbindung zweier Namen, sondern in der hartnäckigen Tatsache, dass weiblicher Ehrgeiz bis heute erklärungsbedürftiger bleibt als männlicher.

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