Iwan Heilbut: Zugvögel – Bevor die Welt zerbricht

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Zugvögel Zugvögel Iwan Heilbut und Herausgeber: Peter Graf Claassen

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Zugvögel: Roman | Die größte literarische Wiederentdeckung des Jahres!

„Natürlich wollten wir ihn.“

Mit diesem Satz beginnt Iwan Heilbuts Roman Zugvögel. Nicht mit Flucht. Nicht mit Verfolgung. Nicht mit Krieg.

Ein Kind ist unterwegs.

Edvard und Rahel, ein junges Berliner Emigrantenpaar im Pariser Quartier Latin, erwarten ihr erstes Kind. Die Zukunft hat bereits einen Namen: Môme, wie die Eltern ihren ungeborenen Sohn nennen. Der französische Kosename bedeutet so viel wie „Knirps“ oder „der Kleine“. Er ist Ausdruck einer Vertrautheit mit dem Land, das den beiden längst mehr geworden ist als ein Zufluchtsort.

Gerade darin liegt die Raffinesse dieses Romans. Heilbut beginnt nicht mit der Katastrophe. Er beginnt mit der Zukunft.

Der Leser weiß, was kommt. Die Figuren wissen es noch nicht.

Mehr als achtzig Jahre nach seiner Entstehung erscheint Zugvögel erstmals vollständig auf Deutsch. 1943 wurde der Roman im amerikanischen Exil unter dem Titel Birds of Passage veröffentlicht – in einer stark gekürzten englischen Übersetzung. Nun liegt erstmals jener Text vor, den Heilbut ursprünglich geschrieben hat. Die Verzögerung von acht Jahrzehnten wirkt beinahe symbolisch. Denn dieser Roman handelt von Menschen, die ihren Ort verlieren. Und er selbst verlor lange Zeit den seinen.

Dabei handelt es sich nicht nur um die Wiederentdeckung eines einzelnen Buches. Mit Zugvögel wird auch ein Autor sichtbar, dessen Name lange Zeit vor allem in Archiven, Bibliografien und den Fußnoten der Exilforschung überdauerte. Die Rückkehr des Romans ist zugleich die Rückkehr einer literarischen Stimme.

Die Welt gerät aus den Fugen

Paris, 1939. Edvard und Rahel haben Deutschland längst hinter sich gelassen. Frankreich ist ihre neue Heimat geworden. Doch während sie sich auf die Geburt ihres Kindes vorbereiten, verändert sich die Atmosphäre im Land. Misstrauen breitet sich aus, Nachbarn beobachten einander, die Angst vor dem Krieg sickert in den Alltag.

Heilbut schildert diesen Wandel mit großer Genauigkeit. Die Bedrohung erscheint nicht als plötzliches Ereignis. Sie kommt schleichend.

„Morgens beim Aufstehen hörte ich an der Stimme der Straße – ja, sie hatte ihre eigene Stimme –, ob die Drohung des Krieges näher geschritten war.“

Die Geschichte wird nicht über politische Reden erzählt. Sie wird hörbar. Niemand pfeift mehr. Niemand singt. Die Gespräche werden leiser. Die Gesichter blasser. Das Licht scheint seine Selbstverständlichkeit verloren zu haben.

Heilbut beschreibt den Krieg nicht als Ereignis, sondern als Atmosphäre.

Zwischen Hoffnung und Internierung

Aus den deutschen Emigranten werden plötzlich »feindliche Ausländer«. Edvard kann sich einer ersten Aufforderung zur Internierung entziehen, weil die Geburt seines Sohnes unmittelbar bevorsteht. Wenig später bleibt ihm jedoch keine Wahl. Gemeinsam mit Tausenden anderen wird er zunächst in einem Pariser Stadion zusammengetrieben und anschließend in das Internierungslager La Macabre gebracht, einen Ort des Wartens, der Gerüchte und der permanenten Unsicherheit.

Für Rahel, den kleinen Môme und Edvard beginnt eine gefährliche Odyssee. Über Marseille, Spanien und Portugal versuchen sie, Europa zu verlassen und ein Schiff nach New York zu erreichen. Immer wieder hängt ihr Überleben von Zufällen, von der Hilfe anderer Menschen und von Entscheidungen ab, die sie selbst kaum beeinflussen können.

Doch selbst in diesen dramatischen Passagen widersteht Heilbut der Versuchung, aus seinem Stoff einen Abenteuerroman zu machen. Ihn interessiert weniger die äußere Bewegung als die innere. Flucht erscheint nicht als spektakuläre Handlung, sondern als Lebenszustand. Seine Figuren warten auf Visa, Genehmigungen und Nachrichten. Die Zukunft schrumpft auf den nächsten Grenzübertritt.

Gerade darin liegt die Modernität des Romans.

Frankreich als Heimat

Eine der überraschendsten Entdeckungen dieses Romans ist sein Verhältnis zu Frankreich.

Edvard und Rahel leben nicht in Paris wie Gäste. Sie leben dort wie Menschen, die angekommen sind. Frankreich ist für sie mehr als ein Zufluchtsort. Es ist Heimat geworden.

Gerade deshalb trifft sie die politische Entwicklung mit solcher Wucht.

Immer häufiger begegnen ihnen Menschen, die Hitler bewundern oder die Gefahr verharmlosen. Immer deutlicher wird, dass die Fronten nicht nur zwischen Ländern verlaufen, sondern durch die Gesellschaft selbst.

In einer nächtlichen Szene formuliert Rahel einen Gedanken, der wie eine Vorahnung des gesamten Romans wirkt:

„Wenn der Verrat so weit ginge, dass alle, die Frankreich lieben, eingesperrt und alle, die es verderben wollen, in Freiheit gelassen würden?“

Es ist eine erschütternde Frage. Denn genau dies wird später geschehen.

Die aus Deutschland geflohenen Antifaschisten geraten unter Verdacht. Diejenigen, die vor Hitler Schutz gesucht haben, werden interniert. Loyalität schützt nicht vor Bürokratie.

Der Erzähler spricht einen Satz aus, der weit über die konkrete Situation hinausweist:

„Man geht ja auch nicht von seiner Mutter fort, weil das Schwere kommt.“

Gemeint ist Frankreich. Doch der Satz handelt von mehr. Von Dankbarkeit. Von Loyalität. Von der Hoffnung, dass Zugehörigkeit auf Gegenseitigkeit beruht.

Ein Gesellschaftsroman Europas

Je weiter man liest, desto deutlicher wird: Zugvögel ist weit mehr als ein Exilroman.

Heilbut schreibt einen Gesellschaftsroman über Europa im Moment seines moralischen Versagens.

Der Concierge Aubier erkennt die Gefahr früher als viele Politiker. Madame Cognac nutzt die Krise für Ressentiments. Der rätselhafte Doktor Nadel wirkt zunächst übertrieben misstrauisch und entwickelt sich doch zum schärfsten Beobachter seiner Zeit.

Jede Figur sieht etwas anderes.

Niemand sieht alles.

Gerade dadurch entsteht ein vielstimmiges Bild einer Gesellschaft, die ihre eigene Katastrophe nicht erkennt.

Die zeitgenössische Kritik sah genau darin die Stärke des Romans. In ihrer Besprechung für die New York Timesschrieb Nona Balakian 1943, Heilbut beschreibe weniger das körperliche Leid als die psychischen Folgen von Entrechtung und Vertreibung. Seine Figuren verkörperten einen neuen Menschentyp des 20. Jahrhunderts: den Heimatlosen, den Menschen ohne Ort und oft ohne Identität.

Auffallend ist zudem Heilbuts Sprache. Trotz seiner Entstehung mitten im Krieg wirkt der Roman erstaunlich modern. Die Dialoge sind lebendig, die Figuren psychologisch fein gezeichnet, die Beobachtungen präzise und frei von Pathos. Heilbut erklärt seine Zeit nicht. Er lässt sie in Gesprächen, Blicken und kleinen Verschiebungen des Alltags sichtbar werden.

Unweigerlich erinnert Zugvögel an Anna Seghers' Transit. Beide Romane entstanden im Exil, beide führen ihre Figuren über Marseille, Visa und Schiffspassagen in eine ungewisse Zukunft. Doch während Seghers den Schwebezustand des Exils zu einem literarischen Raum zwischen Identitäten verdichtet, erzählt Heilbut dessen Vorgeschichte. Er zeigt, wie aus Nachbarn Flüchtlinge werden, wie sich Vertrauen in Misstrauen verwandelt und wie eine Gesellschaft ihre eigenen Schutzsuchenden zu Fremden erklärt. Liest man beide Romane nebeneinander, ergänzen sie sich beinahe. Wo Transit den Zustand des Wartens beschreibt, erzählt Zugvögel, wie dieser Zustand überhaupt entstehen konnte.

Ein Autor verschwindet

Die Geschichte des Buches ist zugleich die Geschichte seines Autors.

Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren. In der Weimarer Republik war er ein erfolgreicher Journalist und Schriftsteller. Der Ullstein Verlag veröffentlichte seine Romane, er gehörte zur literarischen Öffentlichkeit seiner Zeit.

Wie so vielen deutsch-jüdischen Schriftstellern seiner Generation nahm ihm das nationalsozialistische Deutschland Heimat, Publikum und berufliche Existenz. Über Paris, Marseille und Lissabon gelangte er 1940 gemeinsam mit seiner Frau Charlotte und dem gemeinsamen Sohn Francis in die Vereinigten Staaten.

Dort begann er, die Erfahrungen der vergangenen Jahre literarisch zu verarbeiten. Vieles, was Rahel, Edvard und dem Môme widerfährt, hat Heilbut selbst erlebt. Peter Graf beschreibt im Nachwort, wie der Autor wenige Monate nach seiner Ankunft in New York mit der Arbeit an diesem Roman begann. Die Flucht war noch keine Erinnerung – sie war noch Gegenwart.

Gerade daraus bezieht Zugvögel seine besondere Intensität. Heilbut schreibt nicht aus historischer Distanz, sondern mitten aus einer Zeit der Unsicherheit. Seine Figuren kennen ihre Zukunft nicht. Und auch der Autor kennt sie noch nicht.

1950 kehrte Heilbut nach Deutschland zurück. Doch wie vielen Exilierten gelang es ihm nicht, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen. Sein Nachlass blieb erhalten, sein Werk verschwand weitgehend aus dem literarischen Bewusstsein.

Dass Zugvögel heute erstmals in seiner vollständigen deutschen Fassung vorliegt, verdankt sich der editorischen Arbeit Peter Grafs. Diese Edition schließt nicht nur eine Lücke der deutschsprachigen Exilliteratur. Sie macht einen Autor wieder sichtbar, dessen Roman nichts von seiner literarischen Kraft verloren hat.

Manche Bücher erzählen von ihrer Zeit. Andere zeigen, wie eine Zeit entsteht. Zugvögel gehört zu ihnen.


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