Es ist vier Uhr fünfzehn morgens. Ein Mann steht auf. Er rasiert sich sorgfältig. Er streicht Butter auf Brot, wickelt sein zweites Frühstück in Alufolie, zieht seine alte Windjacke an, steckt das Nokia ein, hebt im Garten den Zwerg mit der roten Mütze an, nimmt eine versteckte Marlboro heraus und fährt los zur Arbeit.
Szczepan Twardoch: Sehnsucht – Der Roman, der aus einem Stausee einen Ozean macht
Erst am Gartentor holt ihn seine Frau zurück in die Gegenwart.
Er ist seit Jahren Rentner.
Für eine halbe Stunde hatte sein Leben wieder Sinn.
Aus diesem stillen, beinahe schmerzhaft unspektakulären Moment entwickelt Szczepan Twardoch einen der eindrucksvollsten Romananfänge der letzten Jahre. Nicht, weil etwas Außergewöhnliches geschieht. Sondern weil sichtbar wird, wie sehr ein Mensch aus seinen Gewohnheiten besteht. Wie Arbeit zu Identität werden kann. Wie tief der Verlust reicht, wenn nicht nur der Beruf endet, sondern die Ordnung des eigenen Lebens.
Man versteht nach wenigen Seiten: Sehnsucht ist kein Roman über das Segeln. Er ist ein Roman über das, was Menschen trägt – und darüber, was geschieht, wenn dieses Tragwerk verschwindet.
Eine Weltumseglung auf dem Stausee
Erwin Piontek war Bergmann. Ein Schießhauer erster Klasse. Die Grube bestimmte seinen Rhythmus, seine Kameradschaft, seine Würde. Jetzt steht auf der Fensterbank nur noch das Modell der Jacht Opty, mit der Leonid Teliga einst die Welt umsegelte. Ein alter Traum, sorgsam abgestaubt und doch nie verwirklicht.
Auf dieser Fensterbank beginnt der Roman.
Erwin beschließt, seinen Lebenstraum doch noch zu verwirklichen. Er kauft ein Segelboot und will die Erde umrunden. Nicht auf den Weltmeeren. Auf dem schlesischen Stausee von Rybnik. Runde um Runde sammelt er Seemeilen, bis sie der Länge einer Weltumsegelung entsprechen.
Die Idee grenzt ans Absurde. Gerade deshalb trägt sie den ganzen Roman.
Denn während Erwin seine Kreise zieht, gerät auch die Wirklichkeit aus ihrer Bahn. Der ehemalige Bergmann wird zu einem Wanderer zwischen Zeiten und Identitäten. Plötzlich kämpft er als deutscher Soldat im damaligen Deutsch-Südwestafrika, erlebt die Brutalität der Kolonialherrschaft, gerät in Gefangenschaft und soll später in Berlin einen Offizier töten, dessen Schuld nach Gerechtigkeit verlangt. Er geht unter – und taucht in einer anderen Zeit wieder auf. Im Europa des Jahres 1979 wird er Präsident eines Polens, das sich in einer alternativen historischen Entwicklung nach rechts verschoben hat und um seine Zukunft ringt.
Diese Stationen sind keine klassischen Abenteuer. Sie sind Möglichkeiten. Varianten eines Lebens, das auch anders hätte verlaufen können.
Geschichte ist keine Gerade
Twardoch interessiert sich nicht für historische Kulissen. Geschichte ist bei ihm kein Hintergrund, sondern eine Kraft, die Menschen formt und verändert.
Schlesien bildet dabei weit mehr als den geografischen Ausgangspunkt. Es ist ein Resonanzraum, in dem deutsche Vergangenheit, polnische Gegenwart und schlesische Identität ineinander übergehen. Grenzen verschieben sich, politische Systeme zerfallen, doch Erinnerungen bleiben in Landschaften, Werkzeugen, Dialekten und Familiengeschichten eingeschrieben.
Immer wieder tritt der Erzähler einen Schritt zurück und beginnt einen Satz mit den Worten: „Sagen wir …“
Diese kleine Formel wird zum poetischen Schlüssel des Romans. Sie macht deutlich, dass jede erzählte Wirklichkeit auch eine Entscheidung ist. Jede Biografie hätte anders verlaufen können. Jeder Mensch trägt ungelebte Möglichkeiten in sich.
Dass Twardoch sich selbst als Autor in seine Geschichte einschreibt und seine Figur schließlich beginnt, mit ihrem Schöpfer zu sprechen, ist deshalb weit mehr als ein literarischer Kunstgriff. Es ist eine Frage nach Freiheit. Wem gehört ein Leben? Dem Menschen, der es lebt? Oder der Geschichte, die ihn hervorgebracht hat?
Die Dinge sprechen
Große Literatur erklärt die Welt nicht. Sie verändert den Blick auf sie.
Twardoch besitzt diese seltene Gabe.
Nach wenigen Seiten sieht man eine Armbanduhr anders an. Einen Bergmannsdegen. Einen Gartenzwerg. Ein Modellschiff. Nichts bleibt bloße Requisite.
Die Uhr misst nicht nur Zeit, sondern jene wenigen Sekunden, in denen ein Mensch noch glaubt, sein Leben habe Sinn, bevor die Vergeblichkeit zurückkehrt. Der Bergmannsdegen erzählt von Stolz und Gewalt zugleich. Das Modellschiff auf der Fensterbank trägt ein ungelebtes Leben in sich.
Diese Bilder entstehen nicht aus sprachlichem Überschwang. Sie wachsen aus genauer Beobachtung. Gerade darin liegt die Kraft von Twardochs Prosa.
Eine Übersetzung, die Literatur hörbar macht
Über Twardochs Stil auf Deutsch zu sprechen heißt immer auch, über Olaf Kühl zu sprechen.
Seine Übersetzung ist weit mehr als eine sprachliche Übertragung. Sie bewahrt den Rhythmus dieser Prosa, ihre Lakonie, ihre Bildkraft und ihren feinen Wechsel zwischen Humor und Melancholie. Man vergisst beim Lesen, dass zwischen Autor und Leser eine Sprache liegt.
Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Übersetzer machen kann.
Wer beim Lesen an die große europäische Erzähltradition denkt, sollte deshalb nicht vergessen: Diese Erfahrung entsteht aus einer stillen Zusammenarbeit zweier Autoren. Twardoch hat diesen Roman geschrieben. Olaf Kühl hat ihm im Deutschen eine Stimme gegeben, die sich vollkommen selbstverständlich anhört und gerade deshalb ihre Kunst verbirgt.
Ein Roman, der anrührt
Sehnsucht verlangt Aufmerksamkeit. Der Roman springt durch Zeiten, wechselt Perspektiven und macht seine eigene Konstruktion sichtbar. Wer einen klassischen Entwicklungsroman erwartet, wird überrascht sein. Twardoch interessiert weniger das Innenleben seiner Figuren als die historischen Kräfte, die sie hervorbringen.
Und doch kehrt der Roman immer wieder zu jenem Mann zurück, der früh am Morgen aufsteht, obwohl niemand mehr auf ihn wartet. Dieser Erwin Piontek bleibt das Herz des Buches. Nicht als Held, sondern als einer von vielen. Als Bergmann. Ehemann. Vater. Träumer. Als jemand, der ein ganzes Leben lang seine Pflicht getan hat und nun feststellen muss, dass Pflicht allein kein Zuhause ist.
Hier beginnt Literatur.
Nicht im Spektakulären. Sondern in jenem Augenblick, in dem ein Rentner Brote schmiert, zur Arbeit fahren will und begreift, dass sein Leben längst ein anderes geworden ist.
Aus diesem einen Morgen entwickelt Szczepan Twardoch einen Roman von außergewöhnlicher erzählerischer Kraft. Er erzählt von Schlesien und Europa, von Erinnerung und Identität, von Geschichte und ihren ungezählten Möglichkeiten. Vor allem aber erzählt er von Menschen, deren Leben niemals nur aus dem besteht, was gewesen ist, sondern ebenso aus dem, was hätte sein können.
Man schlägt Sehnsucht zu und denkt nicht zuerst an Zeitreisen, Dystopien oder literarische Konstruktionen. Man denkt an den Mann mit der Bisset-Uhr am Handgelenk. An das Modellschiff auf der Fensterbank. An den Stausee, der groß genug wird, um die Welt zu umsegeln.
Vielleicht ist das die eigentliche Sehnsucht dieses Romans: nicht nach einem anderen Ort, sondern nach einem anderen möglichen Leben. Literatur kann uns dieses Leben nicht schenken. Aber sie vermag es, für die Dauer einer Lektüre sichtbar zu machen. Und manchmal genügt genau das.
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