Brecht, Gleiwitz und die Sprache des 1. September

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Es gibt Wörter, die kaum Platz beanspruchen. Sechs Buchstaben können genügen.

Furcht und Elend des Dritten Reiches Furcht und Elend des Dritten Reiches Bertolt Brecht Suhrkamp Verlag

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Furcht und Elend des Dritten Reiches (Bibliothek Suhrkamp)

Zurück.

Am 1. September 1939 stand dieses Wort in einem der folgenreichsten Sätze der deutschen Geschichte. Hitler erklärte vor dem Reichstag, seit 5.45 Uhr werde „zurückgeschossen“. Deutschland hatte Polen überfallen. Aber im Satz war Deutschland bereits nicht mehr der Angreifer. Es reagierte.

Das Wort „zurück“ erledigte diese Arbeit.

Am Abend zuvor hatten SS-Männer den Sender Gleiwitz überfallen und einen polnischen Angriff inszeniert. Die Täuschung gehörte zu einer Reihe fingierter Grenzzwischenfälle, mit denen der Angriff auf Polen propagandistisch als Verteidigung erscheinen sollte. Die militärische Gewalt brauchte eine sprachliche Vorgeschichte. Bevor geschossen wurde, musste erzählt werden, warum geschossen werden durfte.

Der Krieg begann deshalb nicht erst an der Grenze.

Er hatte bereits einen Satzbau.

Brechts Deutschland: Wenn Sprache vorsichtig wird

Bertolt Brecht schrieb Furcht und Elend des Dritten Reiches im Exil. Die einzelnen Szenen entstanden in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft. Es sind kleine Räume, in die Brecht hineinleuchtet: Wohnungen, Arbeitsplätze, Gespräche zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Richtern, Arbeitern, Funktionären.

Suhrkamp beschreibt die vierundzwanzig Szenen als Darstellung des Faschismus und jener Mentalität, die ihn konstituiert. Entscheidend ist dabei Brechts knappe, realistische Genauigkeit.

Bei Brecht marschiert die Diktatur nicht ständig in Uniform durchs Bild. Oft sitzt sie längst mit am Küchentisch.

Menschen überlegen, was sie sagen können. Sie prüfen die Reaktion des anderen. Ein beiläufiger Satz kann plötzlich gefährlich werden. Ein Kind kann erzählen, was es zu Hause gehört hat. Ein Nachbar kann zu viel wissen. Ein Richter versucht herauszufinden, welches Urteil politisch erwünscht ist, bevor er herausfindet, welches Urteil sachlich richtig wäre.

Die Macht hat die Sprache erreicht.

Das ist vielleicht eine der präzisesten Beobachtungen Brechts über autoritäre Gesellschaften: Sie verändern nicht nur, was Menschen sagen. Sie verändern, wie ein Satz entsteht.

Zwischen Wahrnehmung und Aussage tritt eine Instanz.

Man könnte sie Angst nennen.

Oder Interesse.

Oder Macht.

Gleiwitz und die Herstellung einer Wirklichkeit

Der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939 ist deshalb mehr als eine historische Geheimdienstoperation. Er ist ein Lehrstück über politische Grammatik.

Ein Angreifer benötigt einen Angegriffenen. Fehlt dieser, muss er hergestellt werden.

Die Inszenierung von Gleiwitz lieferte Material für diese Umkehrung. Am folgenden Morgen konnte aus dem deutschen Angriff sprachlich eine Antwort werden. Aus dem ersten Schuss wurde ein Gegenschuss.

„Zurück“ ist dabei ein bemerkenswert effizientes Wort. Es enthält bereits eine ganze Vorgeschichte, ohne sie erzählen zu müssen.

Wer zurückschießt, muss zuvor beschossen worden sein. Wer zurückschlägt, muss zuvor geschlagen worden sein. Wer sich verteidigt, braucht einen Angreifer.

Natürlich verursacht Grammatik keinen Krieg. Panzer werden nicht durch Adverbien bewegt, Bomben nicht durch Syntax abgeworfen. Aber politische Sprache ordnet die Welt, in der solche Handlungen erklärt, gerechtfertigt und schließlich erinnert werden.

Brecht wusste, dass Macht selten darauf verzichtet, ihre Verben sorgfältig auszuwählen.

Ein anderer 1. September

Heute ist wieder der 1. September.

Seit 1957 begehen die deutschen Gewerkschaften diesen Tag als Antikriegstag. Er erinnert ausdrücklich an den Beginn des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen. 2026 steht der Tag unter dem Motto „Friedensfähig statt kriegstüchtig!“. Der DGB fordert eine Sicherheitspolitik, die Diplomatie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und zivile Friedenssicherung stärker gewichtet.

Und ausgerechnet an diesem 1. September erklärt die Bundesregierung Russland für einen versuchten Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich.

Am 4. August war dort eine mit Sprengstoff versehene Drohne entdeckt worden. Nach Angaben der Bundesregierung handelte es sich um eine von Russland beauftragte Aktion. Innenminister Alexander Dobrindt verweist dabei laut aktuellen Berichten auf polizeiliche Ermittlungsergebnisse, charakteristische Tatmuster und geheimdienstliche Erkenntnisse. Außenminister Johann Wadephul kündigte zugleich eine besonnene Reaktion an; Deutschland wolle weder überreagieren noch sich einschüchtern lassen.

Der Angriff von 1939 war Teil einer vom nationalsozialistischen Deutschland organisierten Täuschungsoperation zur Rechtfertigung eines bereits geplanten Angriffskrieges. Der Drohnenfall von Leipzig/Halle ist Gegenstand heutiger Sicherheits- und Geheimdiensterkenntnisse.

Die historischen Situationen sind nicht identisch. Gerade deshalb lohnt es sich, auf die Sprache zu hören.

Der Kalender besitzt keine Ironie

Dass die Bundesregierung ihre Zuschreibung an diesem Tag öffentlich macht, verleiht der Nachricht eine eigentümliche historische Spannung.

Der 1. September gehört in Deutschland zu diesen Tagen. Er steht für den Beginn des Zweiten Weltkriegs, für die Erfahrung, dass politische Gewalt nicht erst mit dem ersten Schuss beginnt, sondern auch mit den Erzählungen, die ihr vorausgehen.

Heute fordert der DGB „Friedensfähigkeit“ statt einer Verengung von Sicherheit auf militärische Kategorien. Zugleich beschreibt die Bundesregierung einen mutmaßlich russischen Sabotageakt als Teil hybrider Bedrohungen. Beides steht am selben Tag im öffentlichen Raum.

Frieden bedeutet nicht, Bedrohungen zu leugnen.

Aber Bedrohungen zu benennen bedeutet auch nicht, dass die Sprache ihrer Benennung nebensächlich wäre.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt das politische Problem unserer Gegenwart.

Brechts kleine Schule des Misstrauens

Furcht und Elend des Dritten Reiches handelt von einer Gesellschaft, in der das Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit beschädigt worden ist.

Das Entscheidende daran ist nicht, dass überall gelogen wird.

Es ist schlimmer.

Menschen beginnen, ihre Wahrnehmung danach zu organisieren, welche Wahrheit gerade möglich ist.

Brecht zeigt, wie tief politische Macht reichen kann. Bis in den Halbsatz. Bis in das Schweigen nach einer Frage. Bis zu jenem Augenblick, in dem jemand einen Gedanken nicht ausspricht und schließlich vielleicht nicht einmal mehr zu Ende denkt.

Eine Demokratie unterscheidet sich davon fundamental. Sie erlaubt Widerspruch. Mehr noch: Sie braucht ihn.

Deshalb besteht demokratische Loyalität nicht darin, jede Aussage der Regierung für wahr zu halten. Sie besteht ebenso wenig darin, jede Aussage der Regierung für eine Lüge zu erklären.

Beides erspart das Denken. Die unbequemere Position liegt dazwischen. Man hört zu. Man verlangt Belege. Man unterscheidet Erkenntnis von Interpretation.

Und man achtet auf die Wörter. Gerade am 1. September.

Denn vielleicht liegt eine der Lehren dieses Datums nicht allein darin, dass Kriege verhindert werden müssen. Vielleicht liegt sie auch darin, aufmerksam zu bleiben für die Geschichten, mit denen Gesellschaften erklären, warum Konflikte unvermeidlich geworden seien.

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