Es gibt Sommer, die sich anfühlen wie ein langer Flur. Hinter einer Tür liegt die Kindheit, hinter der anderen das Leben, das noch keinen Namen hat. Man läuft hindurch, ohne zu wissen, wann genau man die Schwelle überschreitet. In Inga Hankas Roman Little Hollywood ist es der Sommer 1999. Die Abiturprüfungen sind geschrieben. Die Schule ist vorbei. Die Zukunft wartet. Und doch scheint alles noch einen Moment stehenzubleiben.
Inga Hankas Little Hollywood erzählt vom Erwachsenwerden zwischen Videothek, Familienlast und den Versprechen der Neunziger
Leonie, genannt Leo, lebt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Ben in einer kleinen Wohnung. Geld ist knapp, die familiären Verhältnisse sind kompliziert. Der Vater bleibt als belastende Kraft präsent, selbst wenn er nicht im Raum ist. Zugleich träumt Leo davon, Drehbuchautorin zu werden und ihre Kleinstadt hinter sich zu lassen. Köln erscheint als Möglichkeit. Vielleicht als Befreiung. Vielleicht auch als Verrat an den Menschen, die sie zurücklassen würde.
Der Roman setzt genau an diesem Punkt an: zwischen Aufbruch und Verpflichtung.
Die Videothek als Gegenwelt
Der titelgebende Ort ist eine kleine Videothek. „Little Hollywood“ heißt sie. Hier arbeitet Jo, hier leiht Leo Filme aus, hier beginnt eine Annäherung, die ebenso vorsichtig erzählt wird wie die Suche nach einem eigenen Leben.
Die Videothek ist mehr als eine nostalgische Kulisse. Sie bildet das emotionale Zentrum des Romans. Zwischen VHS-Hüllen und Filmplakaten entsteht ein Raum, in dem die Welt für einen Moment übersichtlicher wirkt als draußen. Während die Wirklichkeit von Unsicherheit geprägt ist, besitzen Filme eine Struktur. Sie kennen Wendepunkte, Entscheidungen und Enden. Das Leben dagegen verweigert solche Klarheit.
Leo beschreibt einmal, sie halte sich an Filmen fest wie andere an Religionen. Dieser Satz eröffnet den eigentlichen Kern des Romans. Die Filme dienen nicht der Flucht. Sie dienen der Orientierung. Sie liefern Bilder für ein Leben, das sich erst noch erfinden muss.
So wird die Videothek zu einem Archiv möglicher Identitäten. Zwischen Liebesfilmen, Komödien und Dramen sucht Leo nicht nur Geschichten. Sie sucht eine Form für die eigene.
Die Neunziger als Erinnerungsraum
Natürlich lebt Little Hollywood von seiner Atmosphäre. Telefonzellen, Videokassetten, Bravo-Hits, Freibäder, Post-its und lange Sommerabende prägen den Text. Hanka rekonstruiert die späten Neunziger mit großer Detailgenauigkeit.
Bemerkenswert ist jedoch, dass die Nostalgie nie Selbstzweck wird.
Viele Romane über die Neunziger verwechseln Erinnerung mit Dekoration. Sie sammeln Gegenstände und Markennamen, bis die Vergangenheit wie ein Museum wirkt. Hanka geht einen anderen Weg. Die Zeit wird nicht ausgestellt, sondern erlebt. Die kulturellen Details entstehen beiläufig aus dem Alltag der Figuren.
Gerade deshalb entfalten sie Wirkung.
Die Neunziger erscheinen hier nicht als verlorenes Paradies. Sie wirken vielmehr wie eine Übergangszone. Das analoge Zeitalter steht kurz vor seinem Ende. Die digitale Zukunft ist noch nicht sichtbar. Die Figuren bewegen sich in einem historischen Zwischenraum, ohne zu wissen, dass sie bereits Abschied nehmen.
Dadurch erhält der Roman eine zusätzliche Melancholie. Die Leserinnen und Leser wissen mehr als die Figuren. Sie wissen, dass Videotheken verschwinden werden. Dass Telefonzellen verschwinden werden. Dass viele Gewissheiten dieser Zeit bald Geschichte sein werden.
Erwachsenwerden als Überforderung
Auf den ersten Blick erzählt Little Hollywood eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Erste Liebe. Letzter Schulsommer. Die Frage nach der Zukunft.
Doch unter dieser Oberfläche arbeitet der Roman an einem anderen Thema.
Leo muss nicht lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie trägt bereits zu viel davon.
Die Sorge um ihren Bruder, die komplizierte Beziehung zur Mutter und die Belastungen durch den Vater haben sie früh gezwungen, erwachsen zu sein. Ihr Konflikt besteht deshalb nicht darin, Verantwortung zu finden. Er besteht darin, sich von ihr zu lösen.
Diese Verschiebung macht die Figur interessant. Viele Coming-of-Age-Romane erzählen von Jugendlichen, die Freiheit suchen. Leo sucht die Erlaubnis zur Freiheit.
Der Roman beschreibt präzise, wie soziale und familiäre Bindungen Zukunftspläne beeinflussen. Nicht durch große Dramatik, sondern durch alltägliche Loyalitäten. Immer wieder stellt sich die Frage, wem man etwas schuldet und wie viel vom eigenen Leben dabei übrig bleibt.
Jo und die Kunst der vorsichtigen Nähe
Auch die Liebesgeschichte folgt erfreulicherweise nicht den üblichen Mustern.
Jo erscheint nicht als romantischer Erlöser. Er löst keine Probleme und heilt keine Verletzungen. Stattdessen entsteht zwischen den beiden eine Beziehung, die von gegenseitiger Unsicherheit geprägt ist.
Die gemeinsamen Filmgespräche, die Rituale in der Videothek und die langsamen Annäherungen wirken glaubwürdig, weil sie Raum behalten. Hanka interessiert sich weniger für romantische Höhepunkte als für die kleinen Verschiebungen im Verhältnis zweier Menschen.
Gerade darin liegt ihre Stärke.
Die Liebe wird nicht als Ziel dargestellt, sondern als Teil eines größeren Prozesses. Sie gehört zur Selbstfindung, ersetzt sie aber nicht.
Erinnerung und Schmerz
Die stärksten Passagen des Romans entstehen dort, wo die sommerliche Leichtigkeit Risse bekommt.
Immer wieder tauchen Erinnerungen an Angst, familiäre Konflikte und Gewalt auf. Sie stehen nicht im Zentrum der Handlung, bestimmen aber ihren emotionalen Untergrund. Wie ein Schatten begleiten sie Leo durch die scheinbar unbeschwerten Monate.
Dadurch erhält der Roman eine bemerkenswerte Ambivalenz. Die Vergangenheit erscheint gleichzeitig warm und schmerzhaft. Erinnerung wird nicht verklärt. Sie bleibt widersprüchlich.
Hanka zeigt, dass Menschen oft gerade jene Zeiten vermissen, die keineswegs einfach waren. Nicht weil sie glücklich gewesen wären, sondern weil dort Entscheidungen fielen, deren Folgen das spätere Leben bestimmen.
Eine Geschichte über Möglichkeiten
Little Hollywood erzählt letztlich von Möglichkeiten. Von den Geschichten, die wir über uns selbst erzählen. Von den Rollen, die wir ausprobieren. Von den Versionen unseres Lebens, die kurz sichtbar werden und wieder verschwinden.
Die Videothek wird dabei zum treffenden Symbol. Regal für Regal stehen dort andere Lebensentwürfe bereit. Manche wirken verlockend. Andere unerreichbar. Die meisten bleiben bloße Fantasie.
Doch manchmal genügt eine Geschichte, um den nächsten Schritt zu wagen.
Inga Hanka ist ein Roman gelungen, der die Neunziger nicht als nostalgische Kulisse nutzt, sondern als Bühne für eine universelle Erfahrung: den Moment, in dem man begreift, dass das eigene Leben nicht beginnt, wenn die Zukunft da ist. Es beginnt, wenn man trotz aller Angst auf sie zugeht.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Sommer 1999 noch lange nachwirkt. Nicht weil er vergangen ist. Sondern weil er von jenem kurzen Augenblick erzählt, in dem alles noch möglich scheint.
Was vom Sommer übrig bleibt
Die Videothek verschwindet irgendwann. Die Telefonzellen auch. Die Sommer bleiben nur als Erinnerung. Was von ihnen übrig bleibt, sind nicht die Dinge, sondern die Möglichkeiten, die sie einmal versprochen haben. Little Hollywood handelt von einem solchen Versprechen.
Es liegt zwischen zwei Filmregalen, irgendwo im Sommer 1999, und wartet noch immer darauf, eingelöst zu werden.
Über die Autorin Inga Hanka
Inga Hanka (Jahrgang 1988) arbeitete als Texterin und Fotografin für Radio-, Print- und Onlinemedien. Heute lebt sie mit ihrer Familie am Niederrhein und vermittelt in Workshops kreatives Schreiben. Ihr Roman Little Hollywood verbindet Coming-of-Age-Erzählung, Erinnerungskultur und die Atmosphäre der späten 1990er-Jahre zu einer Geschichte über die Suche nach einem eigenen Leben.
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