Es sind wenige Worte, an denen Natascha Wodin ihren Brief entzündet.
Der FAZ-Korrespondent Michael Martens fragte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 8. August während einer Pressekonferenz in Belgrad, wie „wir, die Europäer“, der Ukraine konkret helfen könnten, „mehr Russen zu töten“. Er fügte hinzu: „russische Soldaten natürlich“.
Wodin schrieb daraufhin einen Brief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dort wurde er nicht veröffentlicht. Für diese Entscheidung äußert sie selbst Verständnis: Zeitgleich war Martens von der russischen Justiz zur Fahndung ausgeschrieben worden. Die Kritik an seiner Formulierung und das Vorgehen russischer Behörden gegen den Journalisten sind damit zwei voneinander zu trennende Vorgänge. Wodin tut das selbst, indem sie die Entscheidung der FAZ nachvollzieht und dennoch an ihrer Kritik festhält. Veröffentlicht wurde ihr Brief schließlich am 24. August 2026 von der Berliner Zeitung.
Der Weg des Textes in die Öffentlichkeit gehört damit zu seinem Kontext. Sein Gegenstand bleibt jedoch Martens’ Formulierung und das, was sie bei Wodin freilegt.
Sie führt der Satz zurück in ihre eigene Geschichte und von dort in eine deutsche Geschichte des Russenhasses, die für sie mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs beendet war.
Wodin wurde 1945 in Deutschland geboren. Ihre Mutter war Ukrainerin, ihr Vater Russe. Beide waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden, zwei von Millionen Menschen, die in der nationalsozialistischen Kriegsindustrie eingesetzt und ausgebeutet wurden.
Für die Tochter endete diese Geschichte nicht 1945.
Sie schreibt von Russenhass, Gewalt und Verachtung, die ihr im besiegten Nachkriegsdeutschland entgegenschlugen. Ihre Mutter war Ukrainerin, doch, so Wodin, damals habe „noch niemand zwischen Russen und Ukrainern unterschieden“.
Der Satz fällt heute besonders auf. Die Unterscheidung, die den gegenwärtigen Krieg politisch bestimmt, existierte in der Wahrnehmung ihrer deutschen Umgebung nicht. Herkunft wurde vereinfacht. Aus unterschiedlichen Biografien wurde ein Kollektiv.
Russen.
Wodin schreibt, diese Erfahrungen hätten ihr Leben „empfindlich beschädigt“. Ihre Mutter habe den Hass nicht ausgehalten und sich mit 36 Jahren das Leben genommen.
Wer Wodins Werk kennt, kennt die Spuren dieser Geschichte. In „Sie kam aus Mariupol“ suchte sie nach dem Leben ihrer Mutter und stieß dabei auf die Geschichte der osteuropäischen Zwangsarbeiter. Was in der historischen Darstellung als Zahl erscheint, erhielt dort einen Namen und eine Biografie.
Der offene Brief führt an diesen Ausgangspunkt zurück. Diesmal ist es keine Akte und keine familiäre Leerstelle, die die Suche auslöst, sondern ein Satz der Gegenwart.
Wodin weicht dessen Härte nicht aus. Martens habe mit seinen Worten „ins Herz der nackten, unbeschönigten Wahrheit“ getroffen, um die es im Krieg gehe: „Um das Töten in größtmöglicher Zahl.“
Das ist eine genaue und unangenehme Beobachtung.
Sie wirft Martens nicht vor, den Krieg sprachlich verschleiert zu haben. Fast das Gegenteil ist der Fall. Seine Frage legt für Wodin offen, was hinter militärischen Formeln leicht abstrakt bleibt. Menschen werden getötet. Und ihre Zahl wird zu einer Größe, deren Steigerung militärisch erwünscht sein kann.
Wodin nennt die Formulierung deshalb „deutlich“, „ehrlich“ und „entlarvend“. Für einen Moment erwägt sie sogar, Martens habe damit den „Apologeten des Krieges“ einen Spiegel vorhalten wollen. Sie glaubt selbst nicht daran.
Das nachgeschobene „russische Soldaten natürlich“ unterscheidet zwischen Bevölkerung und Kombattanten. Diese Unterscheidung ist real. Wodins Brief zeigt zugleich, weshalb sie das sprachliche Problem für sie nicht erledigt.
Denn auch der Soldat bleibt ein Mensch.
Das hebt weder seine Rolle noch seine Verantwortung auf. Es verändert aber den Blick auf die Zahl. Hinter jedem militärischen Verlust steht ein einzelnes Leben. Genau diese Bewegung vom Kollektiv zum Einzelnen kennt man aus Wodins Literatur.
Ihre Bücher suchen den Menschen dort, wo Geschichte ihn in Kategorien erfasst hat.
„Glutnester unter der Asche“
Wodin beschreibt die Russophobie der Gegenwart nicht als etwas Neues. Sie sieht darin die Wiederkehr eines älteren deutschen Bestandes.
„Russenhass und Russenangst sind in Deutschland nie vergangen“, schreibt sie. Die Russen seien Feindbild und Projektionsfläche geblieben. Der Hass habe lediglich geschlafen, sich „ausgeruht“, um nach einer kurzen Phase der „Gorbimania“ wieder aufzuflammen.
Dafür findet sie das zentrale Bild ihres Briefes: „Glutnester unter der Asche“, aus denen einige Windstöße einen „Flächenbrand“ gemacht hätten.
Das Bild beschreibt keine Wiederholung im einfachen Sinn. Glut ist etwas, das fortbesteht.
Wodin erinnert an die Darstellung der Russen während des Zweiten Weltkriegs als Barbaren und Monster. Ihre eigene Nachkriegskindheit verbindet diese historische Ebene mit persönlicher Erfahrung. Der Krieg war beendet, die Verachtung, die ihr als Kind begegnete, war es nicht.
Darin liegt der biografische Kern ihrer Aussage über Russophobie.
Sie betrachtet die Gegenwart mit der Erinnerung eines Menschen, der schon einmal erlebt hat, wie Herkunft zur Zuschreibung wird. Dass ihre Mutter Ukrainerin war, schützte sie damals nicht vor dem Russenhass. Das Feindbild unterschied nicht.
Gerade diese Erfahrung verleiht dem Plural „Russen“ in ihrem Brief sein Gewicht.
Wodin beschreibt zugleich, dass Russland für sie selbst lange mehr war als ein Staat. Putins „militärische Spezialaktion“ habe sie „zutiefst verstört“ und ihr einen Teil der „inneren Heimat“ genommen, die Russland für sie gewesen sei.
Dieser Satz verhindert eine einfache Zuordnung.
Wodin schreibt weder aus einer ungebrochenen Identifikation mit Russland noch aus einer ausschließlich deutschen Perspektive. Ihre Herkunft verläuft quer zu den politischen Kategorien der Gegenwart: Tochter einer Ukrainerin und eines Russen, geboren in Deutschland, Kind zweier Menschen, die vom nationalsozialistischen Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren.
Der Krieg trifft damit auch einen biografischen Raum, der sich nicht entlang heutiger Frontlinien aufteilen lässt.
Russophobie bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht Kritik an einer Regierung. Wodin selbst äußert ihre Verstörung über Putins Entscheidung. Ihr Gegenstand ist die Übertragung politischer Gegnerschaft auf Menschen, Herkunft und Kultur.
Wo diese Grenze verloren geht, wird aus einem Staat ein Volk und aus einem Volk ein Feindbild.
Für Kunst und Kultur ist diese Unterscheidung wesentlich. Eine Sprache gehört keiner Regierung. Literatur lässt sich nicht mit staatlichem Handeln gleichsetzen. Politische Konflikte zwischen Staaten müssen nicht zwangsläufig zur kulturellen Trennung ihrer Menschen werden.
Gerade dort liegt eine Aufgabe von Kultur: die Unterschiede zwischen Staat, Gesellschaft, Sprache und einzelnen Menschen nicht einzuebnen.
Nicht als Gegenprogramm zur Politik. Sondern als Genauigkeit.
Der Abgrund zwischen Ost und West
Wodins Brief bleibt nicht bei der Erinnerung stehen. Er bewegt sich in die politische Gegenwart und wird dort von Fragen bestimmt.
Sie erwähnt die Behauptung, der Maidan sei von den USA geplant, organisiert und bezahlt worden. Entscheidend ist, wie sie diesen Satz einführt: „Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich kann es nicht nachprüfen.“
Darauf folgt keine Behauptung von Gewissheit. Es folgt die Frage, wer heute überhaupt noch wisse, „was stimmt und was Propaganda, Fake, Manipulation, was Lüge und was Wahrheit ist“.
Wodin beschreibt damit ihren eigenen Zustand des Misstrauens gegenüber den Gewissheiten, die sie umgeben.
Sie hört Putin in russischer Sprache sagen, er habe nie daran gedacht, Europa anzugreifen. Sie verweist auf russische Aussagen zur Deeskalation und fragt, weshalb diesen grundsätzlich mit dem Satz begegnet werde: Putin lügt.
Dann folgen weitere Fragen.
Warum sei seit Beginn des Krieges kein deutscher Politiker nach Moskau gereist, um Putin „auf den Zahn zu fühlen“? Warum werde aufgerüstet? Ist die Kriegsspirale noch aufzuhalten? Wie weit sind die Beteiligten bereit zu gehen?
Wodin beantwortet diese Fragen nicht systematisch.
Der offene Brief ist kein außenpolitisches Konzept. Er beschreibt einen Zustand, in dem die Autorin den politischen Erklärungen ihrer Gegenwart zunehmend misstraut und nach Möglichkeiten fragt, die Eskalation zu unterbrechen.
Auch ihre Angst hat sich verschoben. Die Entwicklung des Krieges habe dazu geführt, schreibt sie, dass sie sich inzwischen mehr als vor Putin vor Donald Trump, einigen deutschen Politikern und Journalisten wie Martens fürchte.
Der Satz steht scharf im Text. Wodin begründet ihn aus der Wahrnehmung einer Entwicklung, in der Aufrüstung, Kriegsrhetorik und die Gewöhnung an das Töten für sie ineinandergreifen.
Dahinter liegt eine enttäuschte historische Hoffnung.
Es habe eine Zeit gegeben, schreibt Wodin, in der sie glaubte, der „Abgrund zwischen Ost und West“ werde sich allmählich schließen. Sie sah einen „Strahl Vernunft und Versöhnung“ in das Dunkel zwischen beiden Welten fallen.
Heute sagt sie: „Ich habe mich getäuscht.“
Das ist einer der stilleren Sätze des Briefes und vielleicht einer seiner wichtigsten.
Denn Wodin beschreibt damit nicht allein eine politische Lage. Sie beschreibt das Scheitern einer Hoffnung ihrer Generation: dass die jahrzehntelange Teilung Europas nach dem Ende des Kalten Krieges ihre prägende Kraft verlieren könnte.
Ihre „Gorbimania“ erscheint im Rückblick als kurze Unterbrechung. Die alten Bilder waren für sie nicht verschwunden. Sie lagen unter der Asche.
So verbindet Wodin Außenpolitik, Erinnerung und persönliche Erfahrung, ohne sie voneinander zu trennen.
„Als sei ich wieder im Deutschland meiner Kindheit“
Bemerkenswert ist, dass Wodin Deutschland am Ende ihres Briefes nicht einfach anklagt.
Sie schreibt ausdrücklich, wie viel sie diesem Land verdankt. Nach einem „schwierigen, traumatischen Anfang“ habe Deutschland ihr ein Leben in „Frieden, Freiheit, Pluralität und Wohlstand“ ermöglicht. Sie habe ihren Weg gehen können.
Gerade deshalb erhält der folgende Satz sein Gewicht.
„Aber jetzt hat sich die Zeit zurückgespult.“
Als alte Frau sei ihr oft, „als sei ich wieder im Deutschland meiner Kindheit“.
Wodin behauptet damit nicht, das Deutschland der Gegenwart sei mit dem Deutschland ihrer Nachkriegskindheit identisch. Sie beschreibt eine Wiedererkennung. Bestimmte Worte, Bilder und Formen der Abgrenzung berühren eine Erfahrung, die sie seit ihrer Kindheit kennt.
Das Bild vom Zurückspulen ergänzt deshalb das Bild der Glut.
Geschichte kehrt nicht einfach zurück. Aber etwas kann in ihr fortbestehen und unter anderen Bedingungen wieder sichtbar werden.
Wodins Brief gewinnt seine Bedeutung aus dieser langen Erinnerung.
Die Schriftstellerin wurde als Kind einer Ukrainerin und eines Russen in eine nationale Kategorie gestellt, die den Unterschied zwischen beiden nicht kannte. Jahrzehnte später hört sie erneut das Wort „Russen“ in einem Satz über das Töten.
Dazwischen liegt ein ganzes Leben.
Und ein literarisches Werk, das sich immer wieder mit Menschen beschäftigt hat, die hinter den großen Begriffen der Geschichte verschwanden.
In „Sie kam aus Mariupol“ war es ihre Mutter. Eine Frau, deren Geschichte beinahe verloren gegangen wäre in der großen Zahl der Zwangsarbeiter, Verschleppten und Entwurzelten.
Vielleicht liegt hier die Verbindung zwischen Wodins Literatur und ihrem offenen Brief: Hinter jedem Kollektiv stehen einzelne Menschen mit eigenen Biografien, Beziehungen und Widersprüchen. Ihre eigene Familiengeschichte – zeigt, wie wenig solche Leben in politischen Kategorien aufgehen. Wer dafür das Gefühl verliert, verliert auch das Maß dafür, was mit jedem Menschen verschwindet: eine ganze Welt.
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