Mit Eisen widmet sich Gusel Jachina einer der widersprüchlichsten Figuren des 20. Jahrhunderts: dem Regisseur Sergej Eisenstein. Der Schöpfer des Panzerkreuzers Potemkin gilt bis heute als Revolutionär der Filmsprache – und zugleich als Künstler, dessen Werk untrennbar mit der Propaganda des Stalinismus verbunden ist. Aus dieser Spannung entwickelt Jachina keinen klassischen Künstlerroman und keine historische Abrechnung. Sie erzählt das Leben eines Mannes, dessen größte Begabung darin bestand, Bilder neu anzuordnen. Und sie macht genau dieses Prinzip zum Fundament ihres Romans.
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Eine Schere klickt. Ein Streifen Zelluloid fällt zu Boden. Aus einem Film wird ein anderer. Aus Wirklichkeit entsteht Erzählung.
Worum geht es in Gusel Jachinas Roman Eisen?
Jachina beginnt nicht mit Eisensteins Kindheit, nicht mit seinen ersten Erfolgen und auch nicht mit der Oktoberrevolution. Der Roman setzt dort ein, wo der Körper bereits versagt. Während eines Festabends im Moskauer Haus des Films bricht der gefeierte Regisseur zusammen. Der Herzinfarkt ist kein dramatischer Höhepunkt, sondern der Ausgangspunkt einer Erinnerung, die sich nicht chronologisch entfaltet, sondern in Rückblenden, Sprüngen und Assoziationen.
Von hier aus führt der Roman zurück in die frühen zwanziger Jahre. Eisenstein betritt den Schneideraum der jungen sowjetischen Filmindustrie, begegnet der Cutterin Esfir Schub, arbeitet an der Umgestaltung westlicher Filme für das sowjetische Publikum, dreht später Meisterwerke wie Panzerkreuzer Potemkin und Alexander Newski, reist nach Berlin, Europa, Hollywood und Mexiko und findet sich schließlich immer stärker in einem System wieder, das Kunst nur noch akzeptiert, wenn sie dem Staat dient.
Jachina verfolgt diesen Weg nicht als lineare Biografie. Sie montiert Erinnerungen, Dokumente, Gespräche und innere Monologe. Dadurch entsteht weniger das Bild eines historischen Helden als das Porträt eines Menschen, der sich selbst immer wieder neu erfinden muss.
Sergej Eisenstein zwischen Genie und Propaganda
Über Sergej Eisenstein ist unendlich viel geschrieben worden. Filmhistoriker feiern ihn als Erfinder einer neuen Filmsprache. Politische Historiker erinnern daran, dass seine Filme Teil der sowjetischen Staatspropaganda wurden. Jachina verweigert sich beiden Lagern.
Bereits im Vorwort erklärt sie, sie wolle weder den „Genie des Totalitarismus“ noch dessen „unschuldiges Opfer“ erzählen. Dieser Satz bestimmt den gesamten Roman. Eisenstein erscheint als brillanter Intellektueller, als rastloser Suchender, als eitler Selbstdarsteller, als verletzlicher Sohn und als Künstler, dessen Sehnsucht nach Anerkennung ihn immer tiefer in die Nähe der Macht führt.
Gerade diese Ambivalenz macht Eisen interessant. Der Roman fragt nicht, ob Eisenstein schuldig oder unschuldig war. Er fragt, wie ein Künstler unter politischen Bedingungen arbeitet, in denen jede ästhetische Entscheidung zugleich eine politische wird.
Besonders eindrucksvoll gelingt das in den Szenen mit Stalin. Der Diktator erscheint nicht als allgegenwärtiger Bösewicht, sondern als ferne Instanz, deren Urteil über Erfolg oder Scheitern entscheidet. Die eigentliche Gewalt besteht weniger in offener Repression als in der ständigen Erwartung, gefallen zu müssen.
Montage als literarisches Prinzip
Die größte Stärke des Romans liegt jedoch nicht in seinem historischen Stoff, sondern in seiner Form.
Jachina schreibt über den Erfinder der filmischen Montage – und übernimmt dessen Denken in ihre Prosa.
Der Roman funktioniert wie ein Film.
Kurze Szenen wechseln mit dokumentarischen Einschüben. Erinnerungen werden von Dialogen unterbrochen. Komik kippt unvermittelt in Tragik. Psychologische Beobachtungen stehen neben historischen Erläuterungen. Die Kapitel folgen keinem gleichmäßigen Erzählrhythmus, sondern erzeugen jene Spannung, die Eisenstein selbst als Zusammenprall von Bildern beschrieb.
Besonders deutlich wird dies bereits im ersten Kapitel. Während Eisenstein nach seinem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, lösen die Stimmen seiner Mutter Erinnerungen an frühere Lebensstationen aus. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich. Der Leser bewegt sich durch das Leben des Regisseurs wie durch einen Schneideraum.
Das ist weit mehr als ein stilistischer Kunstgriff.
Jachina übersetzt Film in Literatur.
Sie beschreibt nicht nur Montage.
Sie montiert.
Bilder erschaffen Wirklichkeit
Zu den stärksten Figuren des Romans gehört Esfir Schub.
Heute kennen ihren Namen nur noch wenige, obwohl sie als Pionierin des sowjetischen Dokumentarfilms und der Montage gilt. Jachina rückt sie bewusst ins Zentrum. Nicht Eisenstein erklärt der jungen Filmkunst ihre Möglichkeiten. Schub zeigt ihm, dass Montage niemals neutral ist.
Im Schneideraum werden westliche Filme so umgeschnitten, dass sie den politischen Vorstellungen des neuen Staates entsprechen. Szenen verschwinden, Figuren verlieren ihre Bedeutung, neue Zwischentitel verändern den Sinn ganzer Geschichten.
Hier entwickelt Eisen seinen eigentlichen Gedanken.
Nicht erst die Diktatur manipuliert Bilder.
Bereits der Schnitt entscheidet darüber, welche Wirklichkeit sichtbar wird.
Dieser Gedanke wirkt erstaunlich gegenwärtig. Ohne digitale Plattformen oder soziale Medien auch nur zu erwähnen, erzählt Jachina von einem Mechanismus, der bis heute funktioniert: Bedeutung entsteht nicht allein durch Fakten, sondern durch ihre Anordnung.
Ein Roman zwischen Literatur und Geschichtsschreibung
Im Vorwort bezeichnet Jachina ihr Buch ausdrücklich als einen Roman zwischen Literatur und Sachbuch. Dieser Anspruch ist auf jeder Seite spürbar.
Die Autorin hat intensiv recherchiert, zitiert aus Erinnerungen, verarbeitet historische Quellen und rekonstruiert verlorene Filmszenen mit literarischer Fantasie. Dabei macht sie transparent, wo Dokumente enden und dichterische Vorstellung beginnt.
Gerade darin unterscheidet sich Eisen von einer klassischen Biografie.
Jachina beansprucht keine letzte Wahrheit über ihren Helden. Sie entwickelt vielmehr eine Hypothese über seine Persönlichkeit und lässt Raum für Widersprüche. Eisenstein bleibt bis zuletzt ein Rätsel – und vielleicht entspricht gerade das seinem Wesen.
Die russische Rezeption von Eisen
Während deutsche Kritiken vor allem den literarischen Ehrgeiz des Romans hervorheben, fällt die Reaktion in Russland deutlich kontroverser aus.
Viele Rezensenten loben die enorme Recherche, die atmosphärische Dichte und den Mut, eine der schillerndsten Figuren der russischen Kulturgeschichte nicht zu idealisieren. Andere werfen Jachina vor, historische Details zu frei zu behandeln oder biografisches Material zu stark zu fiktionalisieren. Hinzu kommt, dass ihre Romane seit Jahren Gegenstand kulturpolitischer Debatten sind. Für manche Kritiker steht weniger das Buch als die Autorin selbst im Mittelpunkt.
Gerade diese kontroverse Aufnahme macht Eisen interessant. Der Roman wird in Russland nicht nur als Literatur gelesen, sondern als Beitrag zur Erinnerungskultur. Wem gehört Sergej Eisenstein? Der Filmgeschichte? Der Sowjetunion? Oder der Literatur? Jachina beantwortet diese Frage nicht. Sie zeigt lediglich, warum sie bis heute umstritten bleibt.
Ein Roman, der seine Leser ernst nimmt
Eisen ist kein leichtes Buch. Wer eine klassische Künstlerbiografie erwartet, wird sich auf den Wechsel der Perspektiven, den essayistischen Ton und die Fülle historischer Details einlassen müssen. Gerade darin liegt jedoch seine Qualität.
Jachina traut ihren Leserinnen und Lesern zu, Ambivalenzen auszuhalten. Sie erklärt nicht alles. Sie moralisiert nicht. Stattdessen entfaltet sie einen Denkraum, in dem Kunst und Macht, Erinnerung und Erzählung unablässig ineinandergreifen.
Der Roman zeigt, dass Bilder niemals unschuldig sind. Sie entstehen aus Entscheidungen. Aus Auswahl. Aus Auslassung. Aus Schnitten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Aktualität dieses Buches. Nicht die Kamera verändert die Welt. Sondern der Moment, in dem jemand entscheidet, welches Bild neben welches gelegt wird.
Über die Autorin Gusel Jachina
Gusel Jachina wurde 1977 in Kasan geboren und zählt heute zu den international bekanntesten russischsprachigen Schriftstellerinnen. Sie studierte Germanistik und Anglistik, später Drehbuch an der Moskauer Filmhochschule – eine Ausbildung, deren Einfluss in Eisen deutlich spürbar ist. Bereits mit Suleika öffnet die Augen gelang ihr ein internationaler Erfolg. Es folgten Wolgakinder und Wo vielleicht das Leben wartet, Romane, die historische Umbrüche konsequent aus der Perspektive einzelner Menschen erzählen.