Eine Frau singt auf Hebräisch. Nathan Devers hört ihre Stimme durch das offene Fenster eines schäbigen Hotelzimmers in Bordeaux. Es ist Jom Kippur. Früher hätte dieser Tag seinen gesamten Körper bestimmt: den Hunger, die Gebete, die Stunden. Nun hat er ihn vergessen. Erst die Stimme der unbekannten Frau erinnert ihn daran.
Nathan Devers erzählt in „Gegen sich selbst denken“ von der Freiheit der Philosophie – und von einer Sprache, die den Glauben überlebt
Es ist ein stiller Beginn. Und doch enthält diese Szene bereits das ganze Buch.
Denn Gegen sich selbst denken erzählt nicht einfach die Geschichte eines jungen Mannes, der den Glauben verliert und Philosoph wird. Solche Bücher gibt es viele. Nathan Devers interessiert etwas Schwierigeres. Er fragt, was von einer Überzeugung bleibt, wenn man aufgehört hat, an sie zu glauben. Welche Spuren eine Wahrheit hinterlässt, die einst das eigene Leben geordnet hat. Und ob Denken wirklich bedeutet, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Die Verlockung der Eindeutigkeit
Der Autor wurde in eine liberale jüdische Familie im Pariser Stadtteil Auteuil geboren. Dort gehörte das Judentum zur Herkunft, nicht unbedingt zum Alltag. Die Religion war präsent, aber nicht streng. Gerade diese Selbstverständlichkeit scheint den jungen Nathan anzuziehen. Noch als Kind entscheidet er sich bewusst für die Orthodoxie. Er trägt die Kippa, hält den Schabbat ein, besucht religiöse Schulen und träumt davon, Rabbiner zu werden.
Die Versuchung dieses Weges beschreibt Devers mit einer Genauigkeit, die den Essay von vielen vergleichbaren Büchern unterscheidet. Er blickt nicht von oben auf sein früheres Ich herab. Der Erwachsene verspottet den Jugendlichen nicht. Stattdessen versucht er zu verstehen, warum ein Kind freiwillig nach Regeln sucht. Warum Gewissheit eine solche Anziehungskraft entwickeln kann.
Hier liegt eine der intelligentesten Beobachtungen des Buches. Die Orthodoxie erscheint nicht als Gefängnis. Sie erscheint zunächst als Antwort. Als Ordnung in einer Welt, die immer mehr Möglichkeiten bereithält und immer weniger Richtungen vorgibt. Der junge Nathan findet in den Geboten nicht Enge, sondern Orientierung.
Der Preis der Gewissheit
Doch Orientierung hat ihren Preis.
Je tiefer er in die religiöse Welt eintaucht, desto deutlicher treten ihre Grenzen hervor. Devers schildert Lehrer, deren Orthodoxie ins Dogmatische kippt. Menschen, die aus Überzeugungen Hierarchien machen und aus Glauben Feindbilder. Die religiöse Gemeinschaft bleibt für ihn prägend, aber sie verliert ihren Anspruch auf Eindeutigkeit.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Bruch nicht als spektakuläres Ereignis erzählt wird. Es gibt keine Enthüllung, keinen Skandal, keine plötzliche Erleuchtung. Stattdessen beginnt ein langsamer Prozess der Verschiebung. Literatur und Philosophie öffnen andere Räume. Die Welt wird größer. Fragen treten an die Stelle von Antworten.
Bereits im Prolog formuliert Devers sein Verständnis von Philosophie. Sie sei die Kunst einer Frage, die kein Dogma endgültig beantworten könne. Dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Buch. Philosophie erscheint nicht als neue Gewissheit. Sie erscheint als Übung in Unsicherheit.
Die Sprache, die bleibt
Der deutsche Klappentext spricht vom „Bruch mit den jüdischen Dogmen und der Freiheit der Philosophie“. Das trifft einen wichtigen Teil des Buches. Und doch bleibt diese Beschreibung unvollständig. Denn die stärksten Passagen entstehen dort, wo Devers nicht argumentiert, sondern erinnert.
Da ist die Synagoge seiner Kindheit. Ein Kellerraum voller streitender Gemeindemitglieder. Männer mit festen Plätzen, festen Ritualen und festen Eigenheiten. Devers beschreibt sie mit einer Zuneigung, die manchmal ins Komische reicht. Er gibt ihnen Spitznamen. Beobachtet ihre Eitelkeiten. Hört ihre Melodien.
Vor allem aber hört er ihre Sprache.
Immer wieder kehrt das Hebräische zurück. Nicht als Gegenstand theologischer Reflexion, sondern als akustische Erinnerung. Als Klang einer vergangenen Welt. An einer Stelle nennt Devers das Hebräische seine „gestorbene Kultur“. In diesem Satz verdichtet sich die Melancholie des gesamten Buches.
Denn verloren geht nicht nur ein Glaubenssystem.
Verloren geht eine Sprache.
Und Sprachen verschwinden nie vollständig.
Vielleicht erklärt das auch die Kraft der Eingangsszene. Als die Frau am gegenüberliegenden Fenster betet, versteht Devers jedes Wort. Die Sprache ist noch da. Die Gebete sind noch da. Die Erinnerungen ebenfalls. Nur die Gewissheit ist verschwunden.
Denken gegen die eigene Wahrheit
Die französische Kritik hat diesen Aspekt stärker wahrgenommen als die deutsche. Mehrere Besprechungen lesen Penser contre soi-même weniger als Religionskritik denn als Initiationsgeschichte des Denkens. Nicht die Widerlegung einer Wahrheit steht im Mittelpunkt, sondern die Erfahrung, dass jede Wahrheit irgendwann geprüft werden muss. Das Denken beginnt dort, wo die eigene Gewissheit fragwürdig wird.
Der Titel erhält dadurch eine tiefere Bedeutung.
Gegen sich selbst denken meint nicht bloß, die eigenen Überzeugungen infrage zu stellen. Er meint auch die Begegnung mit dem Menschen, der man einmal war. Besonders deutlich wird das im Schlussbild des Prologs. Dort erscheint dem Erzähler sein früheres Ich wie ein Gespenst: der junge Nathan, der Rabbiner werden wollte. Nicht als Erinnerung, sondern als Möglichkeit eines Lebens, das nicht stattgefunden hat.
Das Gespenst des früheren Selbst
Diese Szene gehört zu den stärksten des Buches.
Denn sie zeigt, dass Devers seine Vergangenheit nicht überwunden hat. Er trägt sie weiterhin mit sich. Der frühere Gläubige bleibt anwesend wie ein Schatten. Die Philosophie hat ihn nicht ausgelöscht. Sie hat lediglich verhindert, dass er das letzte Wort behält.
So wird aus einem autobiografischen Essay eine allgemeinere Betrachtung über Identität. Wir alle bestehen aus Menschen, die wir einmal waren. Aus Überzeugungen, die wir abgelegt haben. Aus Sprachen, die wir nicht mehr sprechen und dennoch verstehen. Devers beschreibt diesen Zustand mit großer Eleganz und einer seltenen intellektuellen Redlichkeit.
Zwischen Erinnerung und Philosophie
Gerade deshalb überzeugt das Buch. Es verwechselt Freiheit nicht mit Verachtung. Es feiert den Zweifel, ohne die Sehnsucht nach Gewissheit lächerlich zu machen. Und es zeigt, dass die interessantesten Fragen oft dort entstehen, wo zwei Welten gleichzeitig wahr bleiben.
Am Ende steht wieder die Frau am Fenster. Ihre Stimme steigt durch die Dämmerung. Der Erzähler versteht sie. Für einen Moment könnte er zurückkehren. Er müsste nur mitsingen.
Doch er schweigt.
Zwischen den Worten, die geblieben sind, und dem Glauben, der verschwunden ist, öffnet sich ein Raum. Nathan Devers nennt ihn Philosophie.
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