Jules Verne und die Zukunft, die längst begonnen hat

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Vielleicht würde Jules Verne am Flughafen stehen bleiben.

Haben sich Jules Vernes Visionen erfüllt? Haben sich Jules Vernes Visionen erfüllt? lesering/KI

Nicht lange. Er war kein Mann, der sich von Maschinen leicht beeindrucken ließ. Aber ein paar Minuten vermutlich doch. Vor der großen Anzeigetafel vielleicht, auf der Singapur, New York, Kapstadt, Tokio und Paris untereinanderstehen, jeweils versehen mit einer Uhrzeit und einem Gate. Menschen ziehen Rollkoffer hinter sich her. Flugzeuge starten im Minutentakt. Auf kleinen Bildschirmen verfolgen Reisende ihre Position über dem Atlantik.

Die Erde, die Phileas Fogg in achtzig Tagen umrundete, ist auf wenige Stunden zusammengeschrumpft.

Verne würde das verstehen. Dann würde vermutlich jemand sein Smartphone herausnehmen. Und die Sache würde komplizierter.

Denn Jules Verne, 1828 in Nantes geboren und 1905 in Amiens gestorben, wird gern als Mann bezeichnet, der die Zukunft vorausgesehen habe. Das U-Boot. Die Reise zum Mond. Flugmaschinen. Globale Kommunikation. Schnelle Verkehrssysteme. Eine technisch organisierte Gesellschaft.

Es ist ein schönes Bild: der Schriftsteller als Prophet an seinem Schreibtisch, hundert Jahre vor seiner Zeit.

Nur stimmt es nicht ganz.

Verne sah weniger die Zukunft voraus, als dass er die Möglichkeiten seiner eigenen Gegenwart ernst nahm. Er beobachtete, was geschah, wenn Wissenschaft, Kapital und menschlicher Ehrgeiz eine Maschine in Bewegung setzten.

Und dann dachte er ein wenig weiter. Vielleicht sollten wir dasselbe tun. Gehen wir also noch einmal durch seine Bücher.

Nicht chronologisch.

Eher wie durch eine Landschaft, die uns merkwürdig bekannt vorkommt.

Die Erde dauert achtzig Tage. Vorläufig.

Phileas Fogg wäre heute kein besonders aufregender Weltreisender.

London, Suez, Bombay, Kalkutta, Hongkong, Yokohama, New York, London: Seine Route lässt sich inzwischen erheblich schneller zurücklegen. Ein moderner Linienflug hätte Vernes berühmteste Wette ruiniert, bevor Passepartout Gelegenheit gehabt hätte, seinen ersten Anschluss zu verpassen.

Aber das ist nicht der interessante Punkt.

Interessant ist, was Verne in „Reise um die Erde in 80 Tagen“ tatsächlich beschreibt.

Die Welt wird zum Netz. Eisenbahnen greifen in Dampfschiffrouten, Häfen in Fahrpläne, der Suezkanal verkürzt Entfernungen, Telegraphen tragen Nachrichten schneller weiter als Menschen.

Verne versteht früh, dass Geschwindigkeit nicht allein von schnelleren Maschinen abhängt. Entscheidend ist, dass die Maschinen miteinander verbunden werden.

Heute nennen wir das Infrastruktur. Oder Netzwerk. Oder Plattform.

Phileas Fogg reist noch mit Fahrkarten durch dieses System. Wir reisen mit digitalen Buchungscodes, Satellitennavigation und Echtzeitdaten. Unsere Flugzeuge kennen ihre Position auf wenige Meter genau. Container werden über Ozeane verfolgt. Ein Paket aus Shenzhen kann beobachtet werden, während es sich durch ein Logistikzentrum bewegt.

Foggs Welt ist nicht verschwunden. Sie hat nur ihre Taktfrequenz erhöht.

Und seine eigentliche Frage ist unangenehm aktuell geblieben: Was machen Menschen mit der Zeit, die sie durch Geschwindigkeit gewinnen?

Wir haben seit Verne sehr viel Zeit eingespart. Merkwürdigerweise fehlt sie uns dauernd.

Nemo hätte heute Konkurrenz

Dann gehen wir hinunter.Unter das Meer dort wo Kapitän Nemowartet .

Seine Nautilus gehört zu den Maschinen, mit denen Jules Vernes Ruf als technischer Prophet begründet wurde. Ein elektrisch betriebenes Unterseeboot, unabhängig von Häfen, ausgestattet mit Bibliothek, Kunstsammlung, wissenschaftlichen Instrumenten und einer Reichweite, die Staaten nahezu bedeutungslos macht.

Heute fahren atomgetriebene U-Boote monatelang unter Wasser.

Sie produzieren Sauerstoff, entsalzen Meerwasser und können über enorme Entfernungen operieren. Tiefseeroboter erreichen Regionen, die selbst Nemo kaum hätte besuchen können. Unterseekabel liegen über die Ozeane verteilt und transportieren einen großen Teil der weltweiten digitalen Kommunikation.

Das Meer ist längst Teil unserer technischen Infrastruktur.

Verne lag also richtig. Nur nicht dort, wo man gewöhnlich hinsieht.

Die eigentliche Vision der Nautilus ist nicht das U-Boot. Es ist Unabhängigkeit durch Technologie.

Nemo besitzt seine Energie, seine Mobilität, seine Waffen, seine Kommunikation, seinen Lebensraum. Er braucht keinen Staat mehr, weil er seine Infrastruktur selbst kontrolliert.

Das klingt plötzlich weniger nach dem 19. Jahrhundert.

Heute bauen private Unternehmen Raketen. Milliardäre finanzieren Raumfahrtprogramme. Konzerne betreiben Kommunikationsnetze, Satellitensysteme und digitale Räume, in denen Milliarden Menschen arbeiten, kaufen, sprechen und sich informieren.

Nemo hätte diese Entwicklung vermutlich mit Interesse verfolgt- vielleicht auch mit Misstrauen.

Denn er wusste, was geschieht, wenn ein einzelner Mensch die Maschine besitzt, von der andere abhängig sind.

Und dann schießen sie auf den Mond

Von Nemo ist es nicht weit bis zum Mond.

Zumindest bei Verne.

In „Von der Erde zum Mond“ sind es ausgerechnet ehemalige Artilleristen, die nach dem amerikanischen Bürgerkrieg nicht recht wissen, was sie mit ihren Fähigkeiten anfangen sollen.

Der Krieg ist vorbei. Die Kanonen sind noch da. Also sucht man ein neues Ziel. Es hängt am Himmel.

Man muss Verne für diese Idee bewundern. Nicht weil er die Mondfahrt vorausgesagt hätte. Seine technische Lösung – ein gewaltiges Geschoss, das von einer Kanone ins All gefeuert wird – hätte den Reisenden einige Schwierigkeiten bereitet, die selbst ein guter Fahrplan nicht behoben hätte.

Aber die Verbindung von Militärtechnik, industrieller Kapazität, nationalem Prestige und Raumfahrt war keineswegs schlecht beobachtet.

Ein Jahrhundert später wurde der Weg zum Mond tatsächlich von Raketen getragen, deren Entwicklungsgeschichte eng mit militärischer Technologie verbunden war.

Und heute?

Heute landen wieder Raumsonden. Staaten planen Mondmissionen. Private Unternehmen transportieren Satelliten ins All. Es wird über Rohstoffe auf dem Mond gesprochen, über Marsmissionen, Weltraumtourismus und dauerhafte menschliche Außenposten.

Der Himmel ist längst kein Gegenraum mehr. Er wird Wirtschaftsraum. Verne hätte das vermutlich verstanden.

Die Frage wäre nur, ob er darüber noch einen Abenteuerroman geschrieben hätte.

Oder bereits eine Satire.

Ein Ingenieur findet immer etwas zu tun

Wir gehen weiter und landen auf einer Insel.

In „Die geheimnisvolle Insel“ stranden Menschen fast ohne Hilfsmittel.

Fast- denn sie haben einen Ingenieur. Cyrus Smith besitzt etwas, das bei Verne häufig wertvoller ist als Geld: Wissen.

Die Gestrandeten beginnen zu bauen. Sie stellen Werkzeuge her, erschließen Rohstoffe, erzeugen Stoffe, nutzen Energie. Schritt für Schritt verwandeln sie Natur in Infrastruktur.

Die Insel wird lesbar, dannnutzbar und schließlich wird sie produktiv.

Hier liegt eine der großen Ideen des 19. Jahrhunderts offen vor uns: Wenn der Mensch die Natur versteht, kann er sie beherrschen.

Wir haben ausprobiert, wie weit dieser Satz trägt.

Flüsse wurden begradigt. Berge durchbohrt. Wälder gerodet. Landschaften versiegelt. Rohstoffe aus immer größeren Tiefen geholt. Energie wurde verfügbar in einem Umfang, den selbst Vernes Ingenieure kaum hätten kalkulieren können.

Und irgendwann hat sich die Richtung der Frage verändert.

Nicht mehr nur: Was können wir aus der Natur machen?

Sondern: Was haben wir aus ihr gemacht?

Das ist der Punkt, an dem ich gern wüsste, welchen Roman Jules Verne heute schreiben würde.

Vielleicht wäre sein Ingenieur noch immer brillant.

Aber er müsste lernen, dass nicht jedes lösbare Problem gelöst werden sollte, indem man eine größere Maschine baut.

Der Mann, der nach unten wollte

Professor Lidenbrock würde darüber vermutlich nicht lange diskutieren.

In „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ findet er eine Spur, die ins Erdinnere führen soll.

Also steigt er hinab.

Auch dieser Roman wirkt zunächst wie eine jener wunderbaren Verneschen Grenzüberschreitungen: Die Oberfläche genügt nicht mehr. Der Mensch möchte wissen, was darunter liegt.

Heute wissen wir erheblich mehr über das Innere unseres Planeten.

Wir schicken allerdings keine Professoren hinein. Wir schicken Messgeräte. Wir lesen seismische Wellen, bohren in die Erdkruste, kartieren den Meeresboden und beobachten den Planeten aus dem All. Satelliten vermessen Veränderungen von Eisflächen, Ozeanen und Vegetation. Sensoren registrieren Bewegungen, Temperaturen, Strömungen.

Die Erde ist genauer vermessen als jemals zuvor. Und sie ist uns zugleich rätselhafter geworden.

Denn Wissen führt nicht automatisch zu Kontrolle.

Wir können Veränderungen des Klimas modellieren und bleiben politisch erstaunlich unbeholfen darin, auf das Wissen zu reagieren.

Vielleicht hätte Verne darin einen guten Stoff erkannt. Der Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts musste das Unbekannte entdecken.

Der Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts kennt manches Problem längst und muss zusehen, wie die Gesellschaft darüber verhandelt, ob es überhaupt existiert.

Das Abenteuer hat seinen Ort gewechselt.

In Paris funktioniert alles

Dann liegt da noch ein merkwürdiges Buch.

„Paris im 20. Jahrhundert“.

Verne schrieb den Roman in den 1860er-Jahren. Sein Verleger Pierre-Jules Hetzel lehnte ihn ab; veröffentlicht wurde das Manuskript erst 1994.

Es zeigt eine technisch hochentwickelte, wirtschaftlich effiziente und administrativ perfekt organisierte Gesellschaft. Gerade deshalb wirkt sie so beunruhigend: Wer sich für Literatur, Kunst oder Geisteswissenschaften interessiert, scheint darin überflüssig zu werden, sobald sich sein Nutzen nicht unmittelbar berechnen lässt.

Vernes Zukunft ist keine Ruinenlandschaft, sondern modern, funktional und kulturell verengt. Vielleicht würde ihn unsere Gegenwart deshalb weniger durch Smartphones oder Hochgeschwindigkeitszüge überraschen als durch ihre Sprache: Effizienz, Optimierung, Performance, Skalierung, Verwertbarkeit.

Selbst Menschen behandeln sich zunehmend wie Maschinen, die sich optimieren lassen – beim Schlafen, Arbeiten, Essen und Kommunizieren. Das Leben bekommt Kennzahlen.

Phileas Fogg hätte wenigstens noch eine Uhr gebraucht.

Robur fliegt längst über uns

Natürlich müssen wir nach oben schauen.

„Robur der Sieger“ lässt einen Mann auftreten, der eine steuerbare Flugmaschine gebaut hat. Robur verfügt über eine Technologie, die anderen überlegen ist.

Er demonstriert sie nicht nur.

Er demonstriert damit seine Überlegenheit.

Später kehrt diese Figur in „Der Herr der Welt“ zurück. Schon der Titel zeigt, wohin sich Vernes Ton bewegt hat.

Technische Überlegenheit und persönliche Macht rücken zusammen.

Heute befinden sich ständig Flugmaschinen über uns.

Linienflugzeuge. Drohnen. Militärische Systeme. Satelliten noch weiter oben.

Manche transportieren Menschen. Andere Waren. Andere Kameras. Andere Waffen.

Die Maschine hat den Himmel erobert doch damit ist die Geschichte nicht beendet- sie beginnt genau hier.

Denn Verne interessiert sich zunehmend dafür, wer eine neue Technik kontrolliert, wenn sie erst einmal funktioniert.

Das ist vielleicht die Frage, bei der er uns am vertrautesten würde.

Und was würde Jules Verne heute schreiben?

Vermutlich keinen Roman über ein besonders schnelles Auto.

Das wäre zu einfach.

Vielleicht würde er auch nicht über künstliche Intelligenz schreiben, jedenfalls nicht in der erwartbaren Form einer Maschine, die plötzlich menschlich wird.

Verne interessierte sich selten nur für die Maschine.

Ihn interessierte, was die Maschine mit dem Raum um sie herum macht.

Also müsste man fragen: Welche Maschine verändert heute unseren Raum?

Vielleicht würde sein neuer Nemo keine Nautilus bauen.

Vielleicht würde er ein digitales Netzwerk bauen, das keinen Staat benötigt.

Seine Besatzung säße nicht in einem Unterseeboot. Sie wäre über Kontinente verteilt.

Vielleicht wäre seine große Erfindung eine künstliche Intelligenz, die Wissen sammelt, Sprachen übersetzt, Entscheidungen vorbereitet und damit etwas schafft, das Nemo immer wollte: Unabhängigkeit von bestehenden Institutionen.

Vielleicht würde Phileas Fogg nicht mehr um die Welt reisen.

Vielleicht würde er versuchen, achtzig Tage lang keinen Ort physisch betreten zu müssen: arbeiten, einkaufen, kommunizieren, bezahlen, verhandeln, lieben – alles über Bildschirme.

Vielleicht würde Cyrus Smith keine Insel industrialisieren.

Vielleicht müsste er eine bereits industrialisierte Landschaft wieder bewohnbar machen.

Und vielleicht würde der Gun Club nicht mehr auf den Mond schießen.

Vielleicht würde er darüber beraten, wem der Mond eigentlich gehört, sobald sich dort etwas abbauen lässt.

Verne hätte genügend Material.

Das Problem wäre eher, wo er anfangen sollte.

Die Zukunft war nie die Pointe

Jules Verne starb 1905. Er erlebte weder Mondlandung noch Atom-U-Boote, Passagierflugzeuge, Satellitennetze, Internet oder künstliche Intelligenz.

Es wäre verführerisch, seine Bücher daneben zu legen und Treffer zu zählen: U-Boot, Mondfahrt, Flugmaschine, Videotelefonie. Doch so wird Literatur zum Tippschein.

Vernes eigentliche Genauigkeit liegt woanders. Er verstand, dass jede neue Technik eine alte Grenze verschiebt: Die Eisenbahn verändert die Entfernung, der Telegraph die Nachricht, die Nautilus staatliche Kontrolle, die Raumfahrt das Erreichbare.

Und jedes Mal stellt sich dieselbe Frage: Wer verfügt über das, was nun möglich geworden ist?

Vielleicht würde Verne heute weniger staunen, als wir denken. Er würde Flugzeuge, Datenkabel, private Raketen und sprachfähige Maschinen betrachten. Dann würde er vermutlich nach einer Karte fragen – nicht nach einer aus Papier, sondern nach einer jener unsichtbaren Räume, in denen heute Macht entsteht.

Und schließlich würde er sich an den Schreibtisch setzen.

Denn dort haben seine Reisen immer begonnen.

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