Carlos Barragán reist für „Hi Honey“ zu den Romance-Scammern von Lagos. Er findet keine gesichtslose Cybermafia, sondern eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der Armut, Einsamkeit und digitale Nähe miteinander handeln. Und einen Betrüger, der am Ende selbst nicht mehr loskommt.
Carlos Barragán: „Hi Honey“ – Wenn Nähe zum Geschäftsmodell wird
„Hi Honey.“
Zwei Wörter reichen. Kein Liebesbrief. Keine besonders raffinierte Verführung. Nur eine kleine Nachricht auf einem Display. Jemand meldet sich. Jemand hat an dich gedacht.
Vielleicht beginnt der moderne Romance-Scam genau hier: nicht beim Geld, sondern bei der Aufmerksamkeit.
Carlos Barragáns Hi Honey. Nigerias Romance-Scam-Industrie und die Einsamkeit im Westen, das am 20. August auf Deutsch erscheint, ist ein Buch über Menschen, die diese Aufmerksamkeit herstellen. Professionell, geduldig und unter falschem Namen. Es handelt von jungen Männern in Lagos, die sich im Netz als amerikanische Soldaten, attraktive Frauen oder Prominente ausgeben und Beziehungen zu Menschen in Europa und den USA aufbauen. Irgendwann wird Geld gebraucht.
Das klingt nach True Crime.
Barragán interessiert sich für etwas anderes.
Er fragt danach, warum diese Beziehungen überhaupt funktionieren. Und je länger er fragt, desto schwieriger wird die beruhigende Trennung zwischen dem einsamen Opfer dort und dem berechnenden Täter hier.
Der falsche Soldat der Mutter
Barragáns Recherche beginnt nicht in Nigeria, sondern in der eigenen Familie.
Seine Mutter Silvia, Zahnärztin in Spanien und Mutter dreier Söhne, lernt über Tinder einen Mann kennen. Er nennt sich Brian und behauptet, amerikanischer Soldat in Syrien zu sein. Bald erzählt er von Goldbarren aus einem Terroristenversteck. Das Gold soll nach Europa gebracht werden. Dafür braucht er Hilfe.
Für den Sohn ist die Sache schnell klar: Romance-Scam.
Er untersucht die Nachrichten und stößt auf Nigeria. Seine Mutter beendet den Kontakt. Damit könnte die Geschichte abgeschlossen sein. Ein Betrugsversuch wurde erkannt, eine Familie ist davongekommen.
Barragán aber bleibt an einer Frage hängen: Wer sitzt eigentlich auf der anderen Seite?
Er reist nach Lagos. Den Mann, der seine Mutter umwerben wollte, findet er nicht. Stattdessen gelangt er nach Ikotun, einen Stadtteil von Lagos, und in die Welt der sogenannten Yahoo Boys. Über Jahre spricht er mit Scammern und begleitet schließlich vor allem vier junge Männer: Biggy, Chibuike, Azeez und Richie.
Schon damit verschiebt sich der Blick. Aus dem Täterprofil werden Biografien. Das ist die Stärke dieses Buches. Und sein Risiko.
Aufmerksamkeit gegen Geld
Besonders deutlich wird das an Chibuike.
Als junger Mann schlägt er sich mit schlecht bezahlten Arbeiten und als Tänzer durch. Er kennt die Yahoo Boys aus seinem Viertel. Sie sind sichtbar erfolgreich, geben Geld aus, tragen die richtigen Kleider, bestellen Flaschen im Club. Chibuike versucht sich schließlich selbst am Betrug.
Lange ist er schlecht darin.
Dann beginnt er, sich auf Facebook als der amerikanische Wrestler Cody Rhodes auszugeben. 2018 nimmt eine Frau aus Irland seine Freundschaftsanfrage an. Sie heißt Theresa, ist Ende fünfzig und wurde von ihrem Mann verlassen.
Sie fragt gleich zu Beginn, ob er wirklich Cody Rhodes sei.
Chibuike überzeugt sie.
Was folgt, ist eines jener Verhältnisse, bei denen das Wort „Betrug“ völlig richtig und dennoch unzureichend wirkt.
Vier Jahre lang hält Chibuike die Beziehung aufrecht. Er telefoniert mit Theresa, singt mit ihr, hört ihr zu. Er verfolgt die echten Wrestlingkämpfe von Cody Rhodes, damit seine erfundene Biografie mit dessen öffentlichem Leben übereinstimmt. Er erfindet eine Tochter, medizinische Probleme, Reisehindernisse. Wieder und wieder kündigt er ein Treffen an. Wieder und wieder verhindert ein neues Unglück die Reise.
Theresa zahlt.
Am Ende sind es rund 78.000 Euro. Doch gerade die Summe kann in die Irre führen. Chibuike erhält das Geld nicht in einem spektakulären Coup. Keine einzelne Zahlung übersteigt 600 Euro. Es kommen hundert Euro hier, zweihundert dort, häufig in Form von Geschenkkarten.
Der Betrug wächst wie die Beziehung: Stück für Stück.
Die Fabrik der Nähe
Barragán beschreibt die Techniken der Yahoo Boys mit großer Genauigkeit. Es gibt vorgefertigte „Formats“, Liebestexte und Erzählmuster, die übernommen werden können. Es gibt „Billings“, also Geschichten, mit denen Geldforderungen begründet werden: ein kaputter Reifen, eine Operation, eine Reise, ein Problem mit dem Konto.
Doch Chibuike lernt etwas Entscheidendes. Die Vorlage allein genügt nicht. Er muss Theresa Aufmerksamkeit geben.
Damit berührt Hi Honey seinen eigentlichen Gegenstand. Romance-Scamming verkauft nicht Liebe. Liebe wäre dafür ein zu großes Wort. Verkauft wird zunächst etwas Kleineres und deshalb vielleicht Wertvolleres: Verfügbarkeit.
Jemand antwortet. Jemand fragt nach. Jemand erinnert sich. Jemand ist morgen noch da.
Die Identität ist falsch. Die dafür aufgewendete Zeit ist real.
Genau an dieser Stelle verlässt Barragáns Buch die vertraute Welt des Internetbetrugs. Denn die Yahoo Boys haben eine gesellschaftliche Ressource entdeckt, die knapp geworden ist. Sie bewirtschaften Einsamkeit.
Zwei Seiten desselben Displays
Die Versuchung liegt nahe, daraus eine saubere globale Gleichung zu bauen.
Auf der einen Seite Nigeria: Arbeitslosigkeit, Inflation, Korruption, geringe soziale Mobilität.
Auf der anderen Seite der wohlhabende Westen: Geld, aber Einsamkeit.
Das Smartphone verbindet beides.
So einfach macht Barragán es glücklicherweise nicht.
Schon seine vier Hauptfiguren unterscheiden sich erheblich. Nicht jeder Yahoo Boy kommt aus derselben Armut, nicht jeder betrügt aus demselben Motiv. Biggys Lebensumstände lassen sich beispielsweise weniger bequem mit nackter Not erklären. Auch Status, Konsum, Männlichkeitsbilder und die sichtbaren Erfolge anderer Scammer gehören zu dieser Welt.
Armut erklärt viel-jedoch nicht alles.
Das ist wichtig, weil gerade Reportagen über globale Ungleichheit gern eine merkwürdige Form von Ordnung herstellen. Ist die Struktur erst benannt, scheint auch die Handlung erklärt. Barragán widersteht diesem Reflex meistens. Seine Figuren bleiben verantwortlich für das, was sie tun, ohne deshalb aus den Verhältnissen herausgelöst zu werden, in denen sie handeln.
Erklärung ist hier keine Entschuldigung.
Sie macht die Sache nur komplizierter.
Die nützliche Geschichte vom Kolonialismus
Das zeigt sich besonders dort, wo die Yahoo Boys selbst politische Erklärungen liefern.
Der Betrug an weißen Europäern und Amerikanern wird mitunter als eine Art historische Rückzahlung verstanden. Europa habe Afrika kolonisiert und ausgebeutet. Nun fließe eben etwas Geld zurück.
Es ist eine ausgesprochen praktische Geschichtsphilosophie.
Barragán nimmt den historischen Hintergrund ernst, ohne die Selbstrechtfertigung zu übernehmen. Die koloniale Geschichte Nigerias, die wirtschaftlichen Krisen, Korruption und fehlende Perspektiven gehören zur Entstehung dieser digitalen Schattenökonomie. Aber wer eine einsame Frau um ihre Ersparnisse bringt, betreibt deshalb noch keine Dekolonisierung.
Geschichte erklärt Bedingungen. Sie unterschreibt keine Entschuldigungen.
Und selbst das erbeutete Geld erzählt keine einfache Geschichte von Umverteilung. Um die Yahoo Boys herum lebt eine weitere Ökonomie. Händler, Hotels, Dealer und korrupte Polizisten verdienen mit. Wer heute Geld bekommt, kann morgen wieder keines haben.
Die Täter befinden sich selbst in Kreisläufen, die von ihnen zehren.
Das macht ihre Opfer nicht weniger zu Opfern.
Eine Geschenkkarte reist um die Welt
Besonders aufschlussreich ist Barragáns Blick auf die Zahlungswege.
Theresa kauft Geschenkkarten. Chibuike tauscht sie über digitale Plattformen gegen Bitcoin und Bitcoin wiederum gegen Naira. Andere Karten gelangen über nigerianische Zwischenhändler weiter nach China, wo sie einen neuen Markt finden.
Eine Frau in Dublin glaubt, einem Mann zu helfen, den sie liebt.
Ein junger Mann in Lagos verwandelt diese Hilfe in Kryptowährung.
Am anderen Ende der Kette steht womöglich ein chinesischer Käufer.
Globalisierung wird hier erstaunlich klein. Sie braucht keinen Hafen und keinen Container. Ein Chatfenster genügt.
Gerade darin ist Hi Honey ein Buch über die Gegenwart. Der Romance-Scam ist keine exotische Abweichung von unserer digitalen Welt. Er nutzt ziemlich genau deren Versprechen: Identität ist beweglich, Nähe kennt keine Entfernung, Kommunikation kostet fast nichts und Geld kann in Sekunden seine Form wechseln.
Nur die Sehnsucht, auf der dieses System ruht, ist älter als das Internet.
Täter ohne Maske
Barragáns Methode erzeugt dabei ein Problem, das er nicht auflösen kann.
Je länger er mit den Yahoo Boys lebt, desto weniger lassen sie sich als Typen betrachten. Aus „Scammern“ werden Biggy, Chibuike, Azeez und Richie. Man erfährt von Hunger, Eltern, Freundschaften, Drogen, Größenfantasien, Langeweile und Zukunftsangst.
Die englischsprachige Kritik hat gerade diese Humanisierung hervorgehoben. Das ist nachvollziehbar. Barragán zeigt keine gesichtslose, perfekt organisierte Cybermafia. Er zeigt junge Männer, die häufig improvisieren, scheitern, sich gegenseitig Tricks erklären und versuchen, eine Zukunft herzustellen.
Doch Nähe ist auch eine journalistische Macht.
Wer eine Biografie erzählt, erzeugt Verständnis. Wer dagegen nur als Chatverlauf oder verlorene Geldsumme erscheint, bleibt leichter abstrakt.
Barragán weiß das. Seine eigene Mutter verhindert vermutlich, dass das Buch zu sehr auf die Seite seiner Protagonisten kippt. Immer wieder liegt hinter seinen Begegnungen die Erinnerung daran, dass auch Silvia beinahe eine dieser Frauen geworden wäre, über deren Einsamkeit andere Männer sprechen, als sei sie eine Marktlücke.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob Täter humanisiert werden dürfen.
Natürlich dürfen sie das. Täter sind Menschen.
Interessanter ist, was geschieht, wenn das Verstehen selbst zum Komfort des Lesers wird. Wenn Armut, Kolonialgeschichte und Perspektivlosigkeit eine so überzeugende Erklärung ergeben, dass das konkrete Opfer langsam aus dem Bild gerät.
Hi Honey bewegt sich nah an dieser Grenze.
Meistens weiß es das.
Der Beobachter im Zimmer
Dazu gehört ein weiteres Unbehagen.
Barragán beobachtet Menschen, während sie andere Menschen betrügen. Seine Nähe zu den Yahoo Boys lebt davon, dass er Reporter bleibt und nicht zum Polizisten wird. Würde er eingreifen, wäre sein Zugang vermutlich beendet.
Für die Reportage ist dieses Dilemma produktiv.
Für die Betroffenen weniger.
Gerade bei Theresa wird es schwer auszuhalten. Barragán sieht in ihr auch die eigene Mutter. Er weiß, was geschieht. Zugleich beobachtet und dokumentiert er.
Damit wird die Frage nach Verantwortung plötzlich größer. Sie betrifft nicht mehr nur Täter und Opfer, sondern auch den Reporter – und schließlich uns. Denn wir erhalten durch seine Zurückhaltung genau jene intimen Einblicke, die das Buch so außergewöhnlich machen.
Leser profitieren von einer Nähe, deren Preis andere bezahlt haben.
Das ist keine Widerlegung der Reportage.
Es gehört zu ihrer Wahrheit.
Wenn die Lüge nicht mehr rentiert
Am stärksten wird Hi Honey dort, wo Barragáns schönes Modell von Einsamkeit, Geld und globaler Ungleichheit selbst ins Wanken gerät.
Wieder ist es Chibuike.
Irgendwann weiß Theresa, dass er nicht Cody Rhodes ist. Der Betrug ist aufgeflogen. Von ihr ist kein Geld mehr zu erwarten.
Damit müsste die Beziehung enden.
Chibuike schreibt weiter.
Er ist inzwischen selbst in Schwierigkeiten, ohne Wohnung, hungrig. Barragán fragt ihn, warum er Theresa weiterhin kontaktiert. Seine Antwort ist einfach: Sie sei die Einzige, die sich noch um ihn kümmere.
Hier dreht sich die Konstruktion um.
Jahrelang hat Chibuike Nähe hergestellt, damit Theresa zahlt. Nun zahlt Theresa nicht mehr – und Chibuike sucht die Nähe trotzdem.
Das entschuldigt nichts. Es macht die 78.000 Euro nicht kleiner, die Manipulation nicht harmloser, die jahrelange Täuschung nicht wahrer.
Aber es beschädigt die einfache Vorstellung, auf einer Seite dieser Beziehung habe ein echtes Gefühl gesessen und auf der anderen nur dessen Simulation.
Menschen können Rollen offenbar lange genug spielen, bis die Rolle zurückspielt.
Einsamkeit als Infrastruktur
Das ist die stärkste Beobachtung von Hi Honey.
Barragán beschreibt Romance-Scamming nicht nur als Kriminalität, sondern als eine Ökonomie, deren Rohstoff gesellschaftliche Vereinzelung ist.
Frühere Varianten des nigerianischen Vorschussbetrugs versprachen Reichtum: irgendwo wartete ein Vermögen, das nur mithilfe einer kleinen Vorauszahlung freigesetzt werden musste. Der Romance-Scam verspricht etwas anderes.
Jemanden.
Smartphone und soziale Medien haben dafür die perfekte Infrastruktur geschaffen. Sie ermöglichen dauernde Anwesenheit ohne körperliche Anwesenheit. Ein Mensch kann in Lagos sitzen und zugleich als amerikanischer Wrestler in Florida existieren. Er kann morgens mehrere Beziehungen pflegen und abends deren Ertrag tauschen.
Die Technik hat die Einsamkeit nicht erfunden.
Sie hat sie adressierbar gemacht.
Das ist ein Unterschied.
Und vielleicht der Grund, weshalb Barragáns Buch über Nigeria hinausweist. Die Yahoo Boys betreiben eine kriminelle Variante eines Geschäftsmodells, das längst nicht nur Kriminelle entdeckt haben. Dating-Apps, soziale Netzwerke, Influencerökonomien und zunehmend künstliche Gesprächspartner konkurrieren um dieselbe Ressource: menschliche Aufmerksamkeit und das Bedürfnis, von jemandem gemeint zu sein.
Der Yahoo Boy verlangt irgendwann eine Geschenkkarte.
Andere Geschäftsmodelle sind diskreter.
„Hi Honey“
Carlos Barragán hätte ein spektakuläres Buch über Internetkriminalität schreiben können. Das Material wäre vorhanden gewesen: falsche Identitäten, Kryptowährungen, Luxus, Drogen, Liebesbetrug und eine Reise in die Schattenökonomie von Lagos.
Hi Honey ist interessanter, weil es die Sensation immer wieder verlässt.
Es schaut auf die Verhältnisse hinter dem Betrug, ohne den Betrug darin verschwinden zu lassen. Es zeigt Täter als Menschen, ohne aus Menschlichkeit Unschuld zu machen. Und es nimmt die Opfer ernst, indem es ihre Einsamkeit nicht mit Dummheit verwechselt.
Vor allem aber zeigt Barragán, wie schwierig die Grenze zwischen echter und falscher Nähe geworden ist.
Am Anfang sitzt ein junger Mann vor einem Telefon und schreibt einer fremden Frau, weil er ihr Geld will.
Er erfindet einen Namen. Einen Körper. Eine Tochter. Ein Leben.
Die Frau antwortet.
Vier Jahre später kennt sie die Wahrheit. Das Geld versiegt. Das Geschäft ist vorbei.
Der junge Mann schreibt ihr noch immer.
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