Andreas Sommers Roman „Die Willküren – Sieben Leben für Vera“ erzählt von der Ungleichheit menschlicher Schicksale und von dem Versuch, einem Leben durch Geschichten neue Möglichkeiten zu eröffnen. Dabei gerät die Literatur selbst unter Verdacht.
Kaum hat Andreas Sommer Luise Abgottspon erfunden, beginnt sie, sich ihrem Erfinder zu entziehen. Den vorgesehenen Namen lehnt sie ab, ihren Charakter möchte sie selbst bestimmen, und auch die Rolle einer gehorsamen literarischen Gehilfin scheint ihr wenig reizvoll. Schließlich handelt sie mit ihrem Autor eine Vereinbarung aus, nach der sie seinen Roman schreiben wird, während er sich mit einer Nebenrolle zu begnügen hat. So verschieben sich bereits auf den ersten Seiten die Verhältnisse zwischen Autor und Figur, Erfindung und Wirklichkeit. Was als spielerische Auseinandersetzung beginnt, führt mitten in die Frage, wer über eine Geschichte verfügen darf, sobald die Figuren eigene Vorstellungen von ihrem Leben entwickeln.
Hinter diesem literarischen Eigensinn liegt eine Erfahrung, die sich der spielerischen Behandlung entzieht. Georg, der Bruder des Erzählers Andreas, hat sich das Leben genommen. Vier Jahre später versucht Andreas noch immer zu begreifen, was geschehen ist, und stößt dabei auf eine Fremdheit, die schon zu Lebzeiten zwischen den Brüdern bestand. Der Tod hat diese Distanz nicht aufgehoben, sondern ihr eine Endgültigkeit gegeben, mit der sich schwer umgehen lässt. Andreas erinnert sich, sucht nach Zusammenhängen und betrachtet zugleich seine eigene Unfähigkeit, so zu trauern, wie es ihm angemessen erschiene. In dieser Unsicherheit liegt eine der stilleren Stärken des Romans, denn Sommer verzichtet darauf, dem Tod des Bruders nachträglich eine Nähe abzuringen, die im gemeinsamen Leben kaum vorhanden war.
Aus dieser Erfahrung erwächst die Frage nach der ungleichen Verteilung menschlicher Möglichkeiten. Während Andreas ein Leben führen konnte, das ihm Wege eröffnete, blieb Georg vieles verschlossen. Der Erzähler sucht nach einer Ordnung hinter dieser Ungleichheit und gelangt zu den römischen Parzen, jenen drei Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden spinnen, bemessen und durchtrennen. In seiner Vorstellung verwandelt sich ihre Wirkungsstätte in eine Verwaltung mit Zuständigkeiten, Abteilungen und undurchsichtigen Verfahren. Das Schicksal erhält eine bürokratische Gestalt, als ließe sich seine Unberechenbarkeit durch eine Geschäftsordnung wenigstens beschreiben. Die Ironie dieser Vorstellung ist zurückhaltend und trifft doch einen empfindlichen Punkt: Selbst dort, wo keine Antwort zu erwarten ist, möchte der Mensch wissen, an wen er seine Beschwerde richten kann.
Eine Frau, die keine Zukunft mehr sieht
Luise Abgottspon soll dort weiterschreiben, wo Andreas mit Georg nicht weiterkommt. Doch sie folgt dem Auftrag auf eigene Weise und sucht per Anzeige eine Hauptfigur für ihren Roman. Unter den Bewerbungen findet sich Vera, eine junge, alleinerziehende Frau, deren bisheriges Leben ihr wenig Anlass gegeben hat, der Zukunft zu vertrauen. Vernachlässigung, Gewalt, schwierige Beziehungen und Depressionen haben ihre Biografie geprägt. Was von außen als Abfolge unglücklicher Umstände beschrieben werden könnte, ist für Vera längst zu einer Erfahrung geworden, aus der sie keinen Ausweg mehr erkennt.
Sommer erzählt diese Geschichte ohne die beruhigende Vorstellung, aus Leid erwachse zwangsläufig Einsicht. Vera hat gelernt, sich zu schützen, zu verbergen und Erwartungen zuvorzukommen, deren Erfüllung sie selbst beschädigt. Ihre Sprache trägt die Spuren dieser Erfahrungen. Sie ist schroff, eigensinnig, voller Selbstanklagen und plötzlicher Gegenwehr. Vera verfügt über eine bemerkenswerte Fähigkeit, die eigenen Verletzungen in Worte zu fassen, ohne dadurch schon Abstand von ihnen zu gewinnen. Gerade diese Spannung bewahrt sie davor, lediglich als Beispiel eines beschädigten Lebens zu erscheinen.
Luise beginnt, für Vera sieben mögliche Zukünfte zu entwerfen. Es sind Geschichten, in denen Zorn, Rache, Empathie, Mut und Selbstbehauptung unterschiedliche Wege eröffnen sollen. Der Gedanke dahinter ist einfach und zugleich von erheblicher Tragweite: Wer sich keine andere Zukunft mehr vorstellen kann, braucht zunächst Bilder eines Lebens, das noch nicht stattgefunden hat.
Doch Vera nimmt diese Entwürfe keineswegs dankbar entgegen. Sie prüft sie auf ihre Zumutungen, widerspricht und erkennt sehr genau, wenn sich hinter einer Erzählung die Absicht verbirgt, sie zu einem anderen Menschen machen zu wollen. Als sie fragt, ob man sie nun von „Gutmenschen“ retten lassen möchte, trifft ihr Spott den empfindlichen Kern des Unternehmens. Wer selbst auf der begünstigten Seite des Lebens steht, kann leicht zu der Überzeugung gelangen, das Unglück eines anderen verstanden zu haben. Aus dieser Überzeugung entsteht rasch ein Rat, und aus dem Rat ein Anspruch.
Die freundliche Gewalt des guten Ratschlags
An dieser Stelle gewinnt Sommers Roman seine eigentliche Spannung. Luise möchte Vera aus einer Fremdbestimmung lösen, indem sie ihr neue Möglichkeiten zeigt, und gerät dabei selbst in die Rolle einer Instanz, die über ein fremdes Leben nachdenkt, urteilt und verfügt. Sie entwirft Begegnungen, verändert Voraussetzungen und führt Vera an Entscheidungen heran, als hätte sie für eine Weile am Tisch jener Schicksalsmächte Platz genommen, deren Willkür Andreas zu Beginn des Romans beschäftigt.
Die Nähe zwischen Autorschaft und Schicksal ist dabei keineswegs zufällig. Beide bestimmen, welche Möglichkeiten einem Menschen offenstehen, welche Begegnungen sein Leben verändern und welche Wege sich verschließen. Sommer verschiebt diese Machtverhältnisse jedoch fortwährend. Luise widersetzt sich Andreas, Vera widersetzt sich Luise, und der Erzähler muss zunehmend erkennen, dass sich weder eine erfundene Figur noch ein wirklicher Mensch ohne Weiteres in die eigene Vorstellung von einem gelungenen Leben fügen lässt.
Luise entdeckt schließlich einen weiteren, weniger uneigennützigen Grund für Andreas’ Bemühungen. Er möchte Vera retten, weil er Georg nicht retten konnte. In dieser Verbindung liegt eine Versuchung, die der Roman nicht übergeht. Veras Leben könnte zu einer nachträglichen Antwort auf Georgs Tod werden, zu einer zweiten Gelegenheit, an der sich etwas wiedergutmachen ließe, das längst unwiderruflich ist.
Damit verändert sich der Blick auf die gesamte literarische Versuchsanordnung. Vera ist nicht nur eine Frau, der Geschichten helfen sollen. Sie ist zugleich ein Mensch, an dessen Zukunft andere ihre Hoffnungen, ihre Schuldgefühle und ihre Vorstellungen von Verantwortung knüpfen. Gerade weil diese Absichten von Anteilnahme getragen sind, bleiben ihre Grenzen schwer zu erkennen.
Wo Empathie an ihre Grenze kommt
Sommer vertraut in seinem Roman stark auf psychologische Reflexion. Seine Figuren beobachten einander und sich selbst, untersuchen Motive, prüfen Erinnerungen und versuchen, aus dem Gesagten jene Zusammenhänge herauszulesen, die ihnen das eigene Verhalten verständlicher machen. Nicht immer gewinnt die Erzählung dadurch an Tiefe. Wo eine Szene bereits etwas sichtbar gemacht hat, folgt ihr zuweilen noch eine Erklärung, die dem Leser wenig Raum für eigene Beobachtungen lässt.
Überzeugender ist der Roman dort, wo sich diese Erklärbarkeit verliert.
Als Andreas gemeinsam mit Luise den Weg zu jenem Felsen geht, von dem Georg gesprungen ist, wird die Erinnerung zu einer körperlichen Erfahrung. Dunkelheit, Regen, der Fluss und der beschwerliche Aufstieg lassen den Ort des Todes in einer Weise gegenwärtig werden, die keine nachträgliche Betrachtung ersetzen kann. Doch selbst auf diesem Weg bleibt Georg unerreichbar. Andreas kann denselben Ort aufsuchen, dieselben Steine unter den Füßen spüren und auf dieselbe Tiefe blicken, ohne damit auch nur annähernd zu wissen, was sein Bruder in jener Nacht empfunden hat.
Diese Grenze des Verstehens kehrt in der Begegnung mit Vera wieder. Andreas erkennt, dass sich Benachteiligung nicht dadurch begreifen lässt, dass ein begünstigter Mensch die eigenen Sorgen gedanklich vergrößert. Ein „aufgeblasenes Wehwehchen“ wird noch lange kein Drama. Die Formulierung besitzt eine Schärfe, die über die konkrete Szene hinausreicht. Empathie verlangt Nähe, doch Nähe allein hebt den Abstand zwischen unterschiedlichen Lebenserfahrungen nicht auf.
Vera gewinnt gerade dort an Eigenständigkeit, wo sie sich den Deutungen der anderen entzieht. Ihr Zorn muss nicht vernünftig sein, ihre Sprache nicht gefällig und ihre Reaktion auf Luises Geschichten nicht dankbar. Als sie erkennt, dass Georg der Bruder jenes Andreas Sommer ist, der hinter Abgottspon steht, sieht sie in ihm einen Drahtzieher, der an ihren Lebensfäden zieht und mit ihr experimentiert.
Am Grab Georgs entsteht schließlich eine eigentümliche Nähe zwischen Vera und einem Menschen, dem sie nie begegnet ist. Dem Toten muss sie nichts erklären. Er verlangt keine Entwicklung von ihr, keine Einsicht und keine Entscheidung für ein anderes Leben. Während die Lebenden um Worte ringen, bleibt Georgs Schweigen frei von Erwartungen.
Sieben Leben sind kein Versprechen
Der Titel Sieben Leben für Vera enthält eine Verheißung, die der Roman selbst wieder zurücknimmt. Vera erhält keine sieben Leben, zwischen denen sie wählen könnte, sondern Geschichten, deren Wirkung weder Luise noch Andreas bestimmen können. Die entworfenen Zukünfte eröffnen Möglichkeiten, doch sie verändern nicht zwangsläufig die Erfahrung, aus der Vera keinen Ausweg mehr erkennt. Als Andreas sie fragt, ob Abgottspons Geschichten etwas bewirken, bleibt ihre Antwort von jener Erschöpfung geprägt, die sich durch den Roman zieht: „Ich mag einfach nicht mehr.“
Sommer hält an diesem Widerspruch fest. Die Literatur besitzt die Freiheit, andere Lebenswege zu entwerfen, während der Mensch, für den sie geschrieben werden, mit einer Wirklichkeit leben muss, die sich durch einen neuen Gedanken nicht einfach verwandeln lässt. Georgs Tod bleibt unwiderruflich, Andreas’ Schuldgefühle verschwinden nicht durch eine gelungene Geschichte, und auch Vera kann kein zukünftiges Glück zugesichert werden.
Darin liegt die eigentliche Zurückhaltung dieses Romans. Er beginnt mit einer großen Hoffnung auf die Macht des Erzählens und führt diese Hoffnung allmählich an ihre Grenzen. Wo Literatur sich als Lebenshilfe versteht, gerät sie in Gefahr, dem anderen jene Freiheit wieder zu nehmen, die sie ihm eröffnen möchte. Die sieben Geschichten sind deshalb weniger Anleitungen für ein besseres Leben als Versuche, die Enge einer einzigen Zukunftsvorstellung zu verlassen.
Der Verlag bezeichnet Die Willküren als lebensbejahenden Roman. Diese Einordnung greift zu kurz, weil sie jene Unruhe glättet, aus der das Buch seine Kraft bezieht. Sommer erzählt von einem Bruder, dessen Tod keine abschließende Erklärung findet, von einer Frau, die kaum noch eine Zukunft erkennt, und von einer Schriftstellerin, die erfahren muss, dass die Vorstellung eines anderen Lebens noch kein Recht begründet, darüber zu bestimmen.
Die Konstruktion des Romans bleibt dabei sichtbar. Autobiografische Nähe, erfundene Autorschaft und psychologische Versuchsanordnung greifen ineinander, ohne dass ihre Übergänge immer unmerklich wären. Doch gerade diese Offenheit gehört zu einem Buch, das fortwährend danach fragt, wer die Fäden in der Hand hält und was geschieht, wenn die Figuren beginnen, sich ihnen zu entziehen.
Am Anfang steht Luise Abgottspon, die ihrem Erfinder erklärt, dass sie ihren Namen und ihren Charakter selbst bestimmen wird. Am Ende führt die Frage nach der Freiheit zu Vera zurück, die keine weitere Instanz braucht, die ihr sagt, wie ihr Leben auszusehen hat. Sie braucht einen Raum, in dem sich eine andere Zukunft überhaupt denken lässt, ohne dass aus dieser Vorstellung bereits eine Verpflichtung entsteht.
Was die Literatur ihr geben kann, sind Geschichten. Was daraus wird, bleibt offen.
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