Zehn Jahre nach dem Brexit blickt Annette Dittert auf ein Land, das sich politisch von Europa entfernt hat und zugleich mit seinen eigenen Widersprüchen ringt. Für ihr Buch „Dear Britain“ wurde die langjährige ARD-Korrespondentin am 29. Oktober in München mit dem Bayern 2-Publikumspreis ausgezeichnet. Entschieden haben nicht Literaturkritiker, sondern die Hörerinnen und Hörer des Senders.
Ein Land zwischen Eigensinn und Gemeinschaft
Großbritannien hat die Europäische Union verlassen, nicht aber die Widersprüche, die das Land seit Jahrzehnten prägen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind erheblich, die nationalen Identitäten von Engländern, Schotten und Walisern keineswegs deckungsgleich. Und während die politische Debatte häufig von Abgrenzung bestimmt wird, begegnet Annette Dittert auf ihren Reisen Menschen, deren Alltag ein wesentlich vielschichtigeres Bild zeichnet.
In „Dear Britain“, erschienen im DuMont Verlag, geht die langjährige Londoner ARD-Korrespondentin der Frage nach, was aus Großbritannien zehn Jahre nach dem Brexit geworden ist. Dabei sucht sie ihre Antworten nicht ausschließlich in Westminster oder bei den politischen Entscheidungsträgern, sondern vor allem bei den Menschen selbst.
Sie begegnet Schatzsucherinnen am Grund der Themse, Frauen, die sich auch von verschmutztem Meerwasser nicht vom Schwimmen abhalten lassen, Gärtnern, Lords und einem ehemaligen Gangster. Es sind Begegnungen, die gesellschaftliche Verhältnisse dort sichtbar machen sollen, wo politische Schlagworte an ihre Grenzen stoßen.
Das Publikum entscheidet
Am Donnerstagabend, dem 29. Oktober 2026, wurde Annette Dittert in der Allerheiligen-Hofkirche in München mit dem Bayern 2-Publikumspreis ausgezeichnet. Die Hörerinnen und Hörer hatten zuvor aus fünf Büchern gewählt, die zu den Bestsellern des Jahres im bayerischen Buchhandel gehörten.
Neben „Dear Britain“ standen „Lázár“ von Nelio Biedermann, „Nein sagen“ von Matthias Brandt, „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner und „Pina fällt aus“ von Vera Zischke zur Wahl.
Dass sich das Publikum für Ditterts politische und gesellschaftliche Bestandsaufnahme entschieden hat, ist bemerkenswert. In einem Wettbewerb, der unterschiedliche literarische Formen und Themen vereint, erhielt ausgerechnet ein Buch über die Verfassung eines europäischen Nachbarlandes die meisten Stimmen.
Großbritannien ist mehr als der Brexit
Annette Dittert kennt Großbritannien aus vielen Jahren journalistischer Arbeit. Ihr Buch nähert sich dem Land jedoch nicht allein über politische Entscheidungen, sondern über jene Menschen, die mit deren Folgen leben müssen. Gerade darin liegt der Ansatz dieser Bestandsaufnahme: Die Geschichte eines Landes erschöpft sich nicht in seinen Regierungen, und seine gesellschaftlichen Brüche lassen sich nicht auf ein Referendum reduzieren.
Der Bayern 2-Publikumspreis ist Teil des Bayerischen Buchpreises, dessen Auszeichnungen in den Kategorien Belletristik und Sachbuch von einer Jury nach öffentlicher Diskussion vergeben werden. Der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ging in diesem Jahr an den Journalisten und Autor Stefan Aust.
Mit der Entscheidung für „Dear Britain“ hat das Publikum einem Buch seine Stimme gegeben, das sich einem Land widmet, dessen Verhältnis zu Europa seit dem Brexit neu verhandelt wird. Dass politische Trennung und gesellschaftliche Verbundenheit nicht dasselbe sind, gehört zu den Widersprüchen, denen Dittert nachgeht.