Manchmal reicht ein einziger Moment, um ein Leben aus der gewohnten Bahn zu werfen. Eine Ehe zerbricht, der eigene Körper funktioniert nicht mehr wie früher, oder eine Erinnerung meldet sich zurück, die man längst überwunden glaubte. Was dann bleibt, ist die Frage, wie man weitermacht, wenn die bisherigen Gewissheiten nicht mehr tragen.
Die Regenschwimmerin von Romy Fölck – Rezension: Drei Frauen, eine alte Freundschaft und der Mut, neu anzufangen
Romy Fölck erzählt in ihrem Roman „Die Regenschwimmerin“ von drei Frauen, die auf einer schwedischen Insel mit genau dieser Frage konfrontiert werden. Judith muss nach dem Scheitern ihrer Ehe einen neuen Lebensentwurf finden. Die Künstlerin Evi fürchtet um ihre berufliche Zukunft. Und die ältere Marga hat vor Jahrzehnten einen Verlust erlitten, der ihr Leben bis heute prägt.
Die Autorin verbindet ihre Geschichten zu einem ruhigen Roman über Freundschaft, Trauer und die Möglichkeit, sich auch nach langen Jahren noch zu verändern. Dabei verzichtet sie weitgehend auf spektakuläre Wendungen. Die Spannung entsteht aus alten Verletzungen, unausgesprochenen Wahrheiten und der Unsicherheit, ob Menschen nach Jahrzehnten wieder zueinanderfinden können.
Worum geht es in „Die Regenschwimmerin“?
Nach fast zwanzig Jahren Ehe wird Judith von ihrem Mann verlassen. Die Trennung trifft sie unvorbereitet. Statt in Hamburg zu bleiben, reist sie spontan nach Schweden, auf eine kleine Insel in der Nähe von Stockholm. Dort hat sie als Kind unbeschwerte Sommer verbracht. In einem roten Gästehaus möchte sie zur Ruhe kommen und herausfinden, wie ihr Leben weitergehen soll.
Doch der vertraute Ort bringt nicht nur schöne Erinnerungen zurück. Judith denkt auch an ihre frühere beste Freundin Evi, mit der sie während ihrer Jugend eng verbunden war. Eine verhängnisvolle Nacht beim traditionellen Krebsfest beendete ihre Freundschaft. Seitdem haben die beiden keinen Kontakt mehr.
Ausgerechnet jetzt ist auch Evi auf die Insel zurückgekehrt. Sie hat sich als Künstlerin einen Namen gemacht, leidet jedoch unter einer Taubheit in ihren Händen. Für eine Malerin ist das weit mehr als eine gesundheitliche Einschränkung: Ihre berufliche Existenz und ein wesentlicher Teil ihres Selbstverständnisses stehen infrage.
Als die ehemaligen Freundinnen einander wiedersehen, werden die alten Konflikte erneut lebendig. Eine wichtige Rolle spielt dabei Marga, eine ältere Frau, die zurückgezogen lebt und selbst bei schlechtem Wetter im See schwimmt. Sie hat einen schweren Schicksalsschlag erlebt und bewahrt dennoch einen besonderen Wunsch: Einmal möchte sie die Nordlichter in ihrer ganzen Pracht sehen.
Die Begegnung mit Marga verändert den Blick der beiden jüngeren Frauen auf ihre eigenen Lebenskrisen. Doch bevor Judith und Evi wieder zueinanderfinden können, müssen sie sich ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen.
Judith und Evi: Warum alte Freundschaften besonders verletzlich sind
Eine Freundschaft aus Jugendtagen besitzt eine besondere Vertrautheit. Man kennt einander aus einer Zeit, in der vieles noch möglich schien und die eigene Persönlichkeit erst entstand. Gleichzeitig können gerade diese Beziehungen an Erwartungen zerbrechen, die später kaum noch nachvollziehbar sind.
Judith und Evi haben seit ihrem Zerwürfnis unterschiedliche Leben geführt. Judith ist beruflich erfolgreich, doch ihre Ehe hat ihr lange ein Gefühl von Beständigkeit vermittelt, das plötzlich verloren geht. Evi wiederum hat ihre künstlerische Leidenschaft zum Beruf gemacht und muss nun fürchten, genau diese Fähigkeit einzubüßen.
Beide Frauen verlieren etwas, das sie bisher als festen Bestandteil ihrer Identität betrachtet haben. Judith muss sich fragen, wer sie außerhalb ihrer Ehe ist. Evi steht vor der Möglichkeit, dass ihre Zukunft nicht mehr so aussehen wird, wie sie es sich vorgestellt hat.
Romy Fölck führt diese beiden Krisen an einem Ort zusammen, der für die Frauen mit ihrer Jugend verbunden ist. Die Insel wird damit zum Schauplatz einer doppelten Auseinandersetzung: mit dem gegenwärtigen Leben und mit einer Vergangenheit, die nie vollständig abgeschlossen wurde.
Das ist ein überzeugender erzählerischer Ansatz. Denn eine gescheiterte Freundschaft lässt sich selten allein dadurch reparieren, dass beide Beteiligten inzwischen älter geworden sind. Manchmal verfestigen sich alte Kränkungen gerade deshalb, weil niemand mehr bereit ist, die eigene Erinnerung infrage zu stellen.
Der Roman interessiert sich für die Möglichkeit einer späten Annäherung. Dabei liegt seine Stärke weniger im Geheimnis um die damalige Nacht als in der Frage, ob zwei Menschen nach langer Entfremdung überhaupt noch bereit sind, einander zuzuhören.
Marga: Die Frau, die bei Regen schwimmen geht
Die eindrücklichste Figur des Romans ist möglicherweise jene, die ihm seinen Titel gibt.
Marga lebt seit vielen Jahren zurückgezogen und geht selbst dann schwimmen, wenn Regen auf die Wasseroberfläche fällt. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Gewohnheit wirkt, steht in engem Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte.
Sie hat durch ein schweres Unglück ihren Mann und ihre Tochter verloren. Der Roman verbindet dieses persönliche Schicksal mit dem Untergang der MS Estonia im September 1994, einer der schwersten Schiffskatastrophen der europäischen Nachkriegsgeschichte.
Damit bekommt Margas Geschichte eine historische Dimension. Die Katastrophe ist kein frei erfundener Hintergrund, sondern ein reales Ereignis, dessen Folgen zahlreiche Familien über Jahrzehnte begleitet haben.
Bemerkenswert ist vor allem Margas Verhältnis zum Wasser. Es ist mit einem Verlust verbunden, der ihr Leben zerstört hat, und bleibt dennoch ein Ort, den sie regelmäßig aufsucht. Das Schwimmen lässt sich als Versuch verstehen, der eigenen Vergangenheit nicht dauerhaft auszuweichen.
Marga verkörpert dabei keine einfache Vorstellung von Stärke. Ihre Geschichte zeigt vielmehr, dass Trauer nicht zwangsläufig verschwindet, nur weil Menschen ihren Alltag wieder bewältigen. Manche Erfahrungen bleiben. Entscheidend ist, welchen Platz man ihnen im weiteren Leben einräumt.
Ihr Wunsch, noch einmal die Nordlichter zu sehen, verleiht dieser Haltung eine konkrete Form. Es geht nicht darum, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, sondern darum, sich trotz allem noch etwas vom Leben zu wünschen.
Schweden als Schauplatz: Mehr als eine schöne Urlaubskulisse
Schweden ist in der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur ein beliebter Sehnsuchtsort. Rote Holzhäuser, Seen, Wälder und eine gewisse Abgeschiedenheit versprechen Abstand vom Alltag. Nicht selten dient die skandinavische Landschaft als freundliche Kulisse für Geschichten, in denen Menschen zu sich selbst finden.
Auch „Die Regenschwimmerin“ nutzt diese Atmosphäre. Die kleine Insel bei Stockholm bietet Judith zunächst genau das, was sie sucht: räumliche Distanz zu ihrem bisherigen Leben.
Doch die Landschaft erfüllt eine weitere Funktion. Sie bewahrt Erinnerungen.
Judith kehrt nicht an einen beliebigen Ferienort zurück. Die Insel ist mit ihrer Kindheit und der verlorenen Freundschaft zu Evi verbunden. Jeder vertraute Ort kann deshalb auch unangenehme Gefühle hervorrufen. Was früher Geborgenheit bedeutete, erinnert nun an einen Konflikt, der nie geklärt wurde.
Fölck setzt die Natur außerdem als Gegenpol zu den inneren Krisen ihrer Figuren ein. Während Judith und Evi um Entscheidungen ringen, folgt die Landschaft ihren eigenen Rhythmen. Regen fällt, das Wasser bleibt in Bewegung, die Jahreszeiten wechseln. Die Welt verlangt keine Erklärung dafür, dass etwas zu Ende geht.
Die Naturbeschreibungen gehören zu den atmosphärischen Stärken des Romans. Sie geben der Erzählung Ruhe, ohne die Probleme der Figuren zu verharmlosen. Allerdings verlangt diese Art des Erzählens eine gewisse Geduld. Wer vor allem auf Handlung und überraschende Ereignisse wartet, wird die ausführliche Beschäftigung mit Stimmungen und Erinnerungen möglicherweise als langsam empfinden.
Freundschaft, Verlust und die Grenzen eines Neuanfangs
„Die Regenschwimmerin“ beschäftigt sich mit einem Motiv, das in vielen gegenwärtigen Romanen eine zentrale Rolle spielt: dem Neuanfang in der Lebensmitte.
Interessant ist dabei, dass die drei Frauen nicht vor denselben Herausforderungen stehen. Judith verliert ihre Ehe, Evi fürchtet um ihre künstlerische Arbeit, Marga lebt seit Jahrzehnten mit den Folgen einer Katastrophe. Ihre Erfahrungen sind weder gleich schwer noch auf dieselbe Weise zu bewältigen.
Dennoch verbindet sie eine grundlegende Unsicherheit. Alle drei müssen akzeptieren, dass sich das Leben nicht vollständig planen lässt.
Der Roman erzählt davon in einem warmen, zugänglichen Ton. Seine Konflikte sind ernst, aber die Geschichte ist nicht auf Hoffnungslosigkeit angelegt. Freundschaft und gegenseitige Unterstützung eröffnen neue Möglichkeiten, ohne dass dadurch jede Schwierigkeit verschwindet.
Gerade hier liegt allerdings auch eine mögliche Schwäche. Margas Rolle als erfahrene ältere Frau, die den jüngeren Figuren neue Zuversicht vermittelt, folgt einem vertrauten Erzählmuster. Ihre Lebensgeschichte besitzt genügend Eigengewicht, um nicht nur als Orientierungshilfe für Judith und Evi betrachtet zu werden.
Am überzeugendsten ist der Roman deshalb dort, wo die drei Frauen als eigenständige Persönlichkeiten sichtbar bleiben und ihre Erfahrungen nicht auf eine gemeinsame Lebensweisheit reduziert werden.
Stärken und Schwächen von „Die Regenschwimmerin“
Stärken
- Drei unterschiedliche Frauenfiguren: Judith, Evi und Marga stehen vor sehr verschiedenen Lebensfragen. Das gibt dem Thema Neuanfang mehrere Perspektiven.
- Atmosphärischer Schauplatz: Die schwedische Insel ist eng mit den Erinnerungen und Konflikten der Figuren verbunden.
- Historischer Hintergrund: Die Einbindung des Estonia-Unglücks verleiht Margas Geschichte eine zusätzliche Dimension.
- Nachvollziehbare Freundschaftskonflikte: Die Entfremdung zwischen Judith und Evi zeigt, wie lange unausgesprochene Verletzungen nachwirken können.
Schwächen
- Ruhiges Erzähltempo: Die Handlung lebt stärker von Erinnerungen und Gesprächen als von äußeren Ereignissen.
- Vertrautes Grundmuster: Die Rückkehr an einen Ort der Kindheit als Ausgangspunkt eines Neuanfangs ist literarisch nicht neu.
- Deutliche Hoffnungsbotschaft: Die Betonung von Zuversicht könnte Lesern, die ambivalente Entwicklungen bevorzugen, gelegentlich zu versöhnlich erscheinen.
- Margas besondere Rolle: Die ältere Frau als Wegweiserin für zwei jüngere Figuren bewegt sich nahe an einem bekannten Romanmotiv.
Für wen eignet sich „Die Regenschwimmerin“?
Der Roman eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die emotionale Gegenwartsliteratur über Frauenfreundschaften, Lebenskrisen und persönliche Veränderungen mögen. Wer ruhige Geschichten schätzt, in denen die Figuren wichtiger sind als spektakuläre Wendungen, findet hier einen passenden Roman.
Auch für Menschen, die gern Bücher mit skandinavischer Atmosphäre lesen, ist die Geschichte interessant. Die Landschaft spielt eine wichtige Rolle, ohne dass der Roman zu einer bloßen Schwedenromanze wird.
Weniger geeignet ist das Buch für Leser, die einen spannungsreichen Kriminalroman erwarten. Obwohl Romy Fölck besonders durch ihre Krimis bekannt wurde, erzählt sie hier eine Familien- und Freundschaftsgeschichte.
Über Romy Fölck
Romy Fölck wurde 1974 in Meißen geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften und arbeitete zunächst in der Wirtschaft, bevor sie sich für das Schreiben entschied. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Norddeutschland, in der Nähe der Elbe.
Bekannt wurde sie insbesondere durch ihre Kriminalromane um die Ermittler Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn. Daneben veröffentlichte sie eigenständige Romane, darunter „Die Rückkehr der Kraniche“ und „Das Licht in den Birken“.
Ihre Geschichten spielen häufig in ländlichen Regionen und beschäftigen sich mit familiären Bindungen, Verlusten und Menschen, deren Leben durch unerwartete Ereignisse aus dem Gleichgewicht gerät. Mit „Die Regenschwimmerin“ verlegt sie diese Themen nach Schweden.
Ist „Die Regenschwimmerin“ Teil einer Buchreihe?
Nein. „Die Regenschwimmerin“ ist ein eigenständiger Roman und gehört nicht zur Krimireihe um Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn. Vorkenntnisse anderer Bücher von Romy Fölck sind nicht notwendig.
Der Roman erschien im Oktober 2026 bei Rowohlt Wunderlich.
Fazit: Was bleibt, wenn das alte Leben nicht mehr passt?
„Die Regenschwimmerin“ von Romy Fölck ist ein ruhiger, atmosphärischer Roman über drei Frauen, die lernen müssen, mit Verlust und Veränderung umzugehen. Die Geschichte verbindet eine zerbrochene Jugendfreundschaft mit persönlichen Lebenskrisen und einem historischen Unglück, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen.
Besonders Margas Geschichte gibt dem Roman Tiefe. Ihr tägliches Schwimmen wirkt zunächst wie eine eigenwillige Gewohnheit, entwickelt sich jedoch zu einem Bild für den Umgang mit Erinnerungen, die sich nicht abschütteln lassen.
Die Erzählung folgt einem vertrauten Muster und sucht eher nach Versöhnung als nach unbequemen offenen Fragen. Dennoch besitzt sie durch ihre Figuren und den schwedischen Schauplatz einen eigenen Reiz. Sie richtet den Blick auf Lebensabschnitte, in denen Menschen feststellen, dass frühere Entscheidungen nicht mehr zu ihrer Gegenwart passen.
Vielleicht beginnt ein Neuanfang nicht damit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sondern damit, dass man aufhört, vor ihr davonzuschwimmen.
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