Richard David Precht: „Auserzählt?“ – Über die Kultur und die Freiheit, selbst zu denken

Vorlesen

Richard David Precht fragt in seinem neuen Buch „Auserzählt?“, ob künstliche Intelligenz nicht nur menschliche Arbeit ersetzt, sondern auch jene geistigen Fähigkeiten bedroht, aus denen Kultur entsteht. Seine Befürchtungen sind weitreichend, sein Kulturbegriff lässt Widerspruch zu. Doch Precht stellt eine Frage, die über die technischen Möglichkeiten der KI hinausführt: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er das eigene Denken zunehmend Maschinen überlässt?

Auserzählt?: Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft Auserzählt?: Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft Richard David Precht Goldmann Verlag

Hier bestellen

Auserzählt?: Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft

Richard David Precht beginnt sein neues Buch mit einer persönlichen Verlusterfahrung. Sein über neunzigjähriger Vater ist an Demenz erkrankt, sein Gedächtnis schwindet, und der Sohn räumt dessen Arbeitszimmer aus, um Platz für ein Pflegebett zu schaffen. Zurück bleiben Bücher, Manuskripte und Aufzeichnungen aus Jahrzehnten geistiger Beschäftigung mit Philosophie, Kunst, Literatur und Naturwissenschaften.

Der Vater schrieb über Giorgio Morandi, Husserl und Heidegger, über Sprache, Botanik und seine Reisen. Vieles blieb unvollendet, veröffentlicht wurde nichts. Die Beschäftigung mit diesen Gegenständen bedurfte offenbar keines Ergebnisses, das sich gegenüber anderen hätte rechtfertigen müssen. Während der Vater zunehmend seine Erinnerungen verliert, begegnet der Sohn den schriftlichen Spuren einer geistigen Welt, deren Zusammenhang sich nicht vollständig bewahren lässt.

Aus dieser Erfahrung entwickelt Precht die Frage, ob mit bestimmten Lebensformen auch etwas von jener Kultur verschwindet, durch die Menschen sich bislang ihre Welt erschlossen haben. Die Gefahr, aus einem persönlichen Verlust auf eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung zu schließen, ist ihm bewusst. Bereits zu Beginn erinnert er mit Siegfried Kracauer daran, wie problematisch es sein kann, Beobachtungen im Kleinen auf größere Zusammenhänge zu übertragen. Auch die lange Geschichte des Kulturpessimismus bleibt ihm nicht verborgen.

Precht kennt diese Einwände und stellt seine Frage dennoch. Gerade darin liegt ein Ausgangspunkt, der über die Klage um eine verschwindende Vergangenheit hinausführt.

Wenn Technik das Denken übernimmt

In „Auserzählt? Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“ unterscheidet Precht zwischen Technik, mit deren Hilfe Menschen sich in der Welt zurechtfinden, und Kultur, durch die sie sich in ihr wiederfinden. Mit künstlicher Intelligenz könnte dieses Verhältnis eine neue Qualität erreichen, weil Maschinen nicht mehr allein körperliche Arbeit erleichtern oder Informationen bereitstellen, sondern Ergebnisse hervorbringen, die bislang menschlicher Kreativität und geistiger Leistung vorbehalten schienen.

Texte lassen sich erzeugen, Bilder herstellen und komplexe Sachverhalte erklären, ohne dass der Mensch den Weg zu diesen Ergebnissen selbst zurücklegen muss. Was zunächst wie eine Erweiterung seiner Möglichkeiten erscheint, könnte zugleich dazu führen, dass bestimmte Fähigkeiten seltener gebraucht werden und allmählich verloren gehen.

Allerdings war Kultur niemals unabhängig von technischen Entwicklungen. Die Schrift veränderte das Verhältnis zum Gedächtnis, der Buchdruck die Verbreitung des Wissens und die Fotografie das Selbstverständnis der Malerei. Technische Neuerungen haben kulturelle Praktiken verdrängt, aber ebenso neue Ausdrucksformen ermöglicht. Weshalb künstliche Intelligenz diesen Zusammenhang grundsätzlich aufheben sollte, bleibt deshalb eine offene Frage.

Der Unterschied könnte darin liegen, dass sie nicht mehr nur die Voraussetzungen geistiger Arbeit verändert, sondern zunehmend deren Ergebnisse selbst hervorbringt. Doch daraus folgt nicht zwangsläufig, dass menschliche Kreativität an Bedeutung verliert.

Wenn eine Maschine ein Gedicht schreibt, ohne jemals etwas empfunden zu haben, stellt sich vielmehr die Frage, worin dessen kultureller Wert liegt. Ist er an die Erfahrung des Urhebers gebunden, oder entsteht er auch in der Begegnung mit dem Leser? Die Unterscheidung zwischen menschlicher Schöpfung und maschineller Herstellung führt damit zu einer grundsätzlicheren Frage nach dem Verhältnis von Kunst, Erfahrung und Bedeutung.

Was bedeutet es, etwas zu verstehen?

Besonders nachvollziehbar erscheint Prechts Sorge dort, wo die Verfügbarkeit von Ergebnissen mit der Fähigkeit verwechselt werden könnte, sie auch zu verstehen.

Eine Zusammenfassung kann die Handlung eines Romans wiedergeben, seine Figuren beschreiben und die wesentlichen Konflikte benennen. Die Erfahrung seiner Lektüre ersetzt sie damit nicht. Literatur erschließt sich schließlich nicht allein über Informationen, sondern auch über Sprache, Erzählperspektive und jene Veränderungen der eigenen Wahrnehmung, die sich erst während des Lesens einstellen.

Dennoch wäre es voreilig, jede technische Unterstützung als Verlust geistiger Selbstständigkeit zu betrachten. Eine Erklärung kann das Verständnis vertiefen, ein fremder Einwand einen Gedanken weiterführen, und auch die Auseinandersetzung mit einer maschinell erzeugten Antwort kann Erkenntnisse ermöglichen.

Entscheidend scheint deshalb weniger, woher eine Antwort stammt, als die Frage, ob wir bereit sind, sie zu prüfen und in einen eigenen gedanklichen Zusammenhang zu bringen.

Prechts Einwand reicht allerdings weiter. Fähigkeiten bleiben nicht allein dadurch erhalten, dass wir theoretisch weiterhin über sie verfügen. Sie müssen angewendet werden. Wer sich jede Schwierigkeit abnehmen lässt, könnte irgendwann auch die Erfahrung verlieren, sie selbst überwinden zu können.

Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk beschreibt Precht das Denken als ein „Spazierengehen der Intelligenz“, bei dem gerade die Umwege zu Erkenntnissen führen. Nicht jede Frage muss unmittelbar beantwortet werden, nicht jede Beschäftigung auf ein verwertbares Ergebnis hinauslaufen. Für Precht gehört diese Offenheit zum Wesen lebendiger Kultur.

Bildung als Ort geistiger Selbstständigkeit

Aus dieser Überlegung entwickelt Precht eine konkrete Forderung an das Bildungssystem. Wenn künstliche Intelligenz Wissen jederzeit verfügbar macht und Aufgaben in Sekunden lösen kann, muss sich die Schule umso stärker der Entwicklung jener Fähigkeiten widmen, die sich nicht auf das Abrufen fertiger Antworten reduzieren lassen.

Precht spricht sich für Räume aus, in denen Kinder und Jugendliche eigenständig denken, Fragen entwickeln und Schwierigkeiten bewältigen können, ohne unmittelbar auf technische Unterstützung zurückzugreifen. Die Schule soll Urteilskraft stärken und die Neugier bewahren, statt jede Unsicherheit durch die schnelle Verfügbarkeit einer Antwort aufzulösen.

Das erscheint durchaus bedenkenswert, zumal Bildung nie allein darin bestand, möglichst viele Informationen anzusammeln. Sie soll Menschen befähigen, Zusammenhänge zu erkennen, Behauptungen zu überprüfen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Gerade wenn Wissen immer leichter zugänglich wird, gewinnt diese Aufgabe an Bedeutung.

Allerdings wäre es kaum sinnvoll, die technischen Möglichkeiten aus der Bildung grundsätzlich auszuschließen. Eine Gesellschaft, in der künstliche Intelligenz zum Alltag gehört, wird auch Menschen brauchen, die ihre Funktionsweise, ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen verstehen.

Die pädagogische Herausforderung besteht deshalb darin, beides zu vermitteln: die Fähigkeit, solche Systeme sinnvoll zu nutzen, und die Selbstständigkeit, ohne sie denken und entscheiden zu können.

Kultur zwischen Erfahrung und Verfügbarkeit

Prechts Überlegungen berühren zugleich eine Entwicklung, die lange vor der künstlichen Intelligenz begonnen hat. Die wirtschaftliche Verwertung kultureller Leistungen, ihre Orientierung an Aufmerksamkeit und Reichweite sowie die zunehmende Beschleunigung ihrer Produktion haben unser Verhältnis zu Kunst und Literatur bereits grundlegend verändert.

Künstliche Intelligenz könnte diesen Prozess erheblich verstärken, weil sich kulturelle Inhalte inzwischen in nahezu unbegrenzter Menge herstellen lassen. Damit wächst die Versuchung, ihren Wert vor allem nach Verfügbarkeit und unmittelbarer Verwendbarkeit zu beurteilen.

Doch auch hier wäre die Diagnose eines kulturellen Niedergangs vorschnell. Der erleichterte Zugang zu Literatur, Musik und Kunst hat Möglichkeiten eröffnet, die früheren Generationen verschlossen blieben. Neue Formen des Erzählens, Gestaltens und gemeinsamen Erlebens entstehen fortwährend, ohne dass sie notwendig den vertrauten Vorstellungen kultureller Tätigkeit entsprechen müssen.

Die Menge verfügbarer Inhalte sagt allerdings wenig darüber aus, welche Bedeutung diese im Leben eines Menschen gewinnen. Zwischen dem Zugang zu einem Werk und seiner geistigen Aneignung liegt eine Erfahrung, die sich nicht beliebig beschleunigen lässt.

Die politische Dimension des eigenen Urteils

Mit der Frage nach geistiger Selbstständigkeit berührt Precht auch die Voraussetzungen demokratischer Kultur. Politische Verständigung verlangt, unterschiedliche Interessen wahrzunehmen, Widersprüche auszuhalten und Entscheidungen zu begründen, deren Folgen sich nicht immer im Voraus berechnen lassen.

Technische Systeme können Informationen auswerten und Entscheidungsprozesse unterstützen. Doch politische Urteile beruhen nicht allein auf Daten, sondern ebenso auf Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Interessen, über die Menschen miteinander verhandeln müssen.

Problematisch wird es dort, wo die Fähigkeit, Entscheidungen technisch vorzubereiten, mit der Berechtigung verwechselt wird, sie auch zu treffen. Eine Gesellschaft, die sich das eigene Urteil nicht mehr zutraut, verliert damit auch einen Teil ihrer politischen Selbstständigkeit.

Ob künstliche Intelligenz diese Entwicklung begünstigt oder bereits bestehende Tendenzen verstärkt, lässt sich gegenwärtig kaum entscheiden. Die Frage nach ihren Auswirkungen auf demokratische Selbstbestimmung reicht jedoch weit über die Aussicht auf effizientere Verfahren hinaus.

Die Fragen stellen, solange die Antworten noch offen sind

Prechts Befürchtung eines umfassenden Kulturverlusts lässt sich hinterfragen. Seine Überlegungen gewinnen jedoch dort an Gewicht, wo er den Blick von den Fähigkeiten künstlicher Intelligenz auf die geistigen Gewohnheiten des Menschen richtet. Nicht die maschinelle Herstellung von Texten, Bildern oder Musik steht im Mittelpunkt seiner Sorge, sondern die Möglichkeit, dass mit der zunehmenden Delegation geistiger Tätigkeiten auch die Neugier, das eigene Verstehen und schließlich die Urteilskraft verkümmern.

Die Geschichte seines Vaters und Prechts Forderung nach einer anderen Bildungspraxis folgen dabei demselben Gedanken: Geistige Beschäftigung besitzt einen Wert, der nicht allein im fertigen Ergebnis liegt. Für Precht gehört die Bereitschaft, sich einer Sache zuzuwenden, ohne ihren Nutzen bereits zu kennen, zu den Voraussetzungen menschlicher Kultur.

Darin liegt die Stärke seines Buchs. Philosophie muss gesellschaftliche Entwicklungen nicht erst im Nachhinein erklären, sondern ihre Voraussetzungen hinterfragen, solange deren Folgen noch gestaltbar sind. Dass Precht dabei zu weitreichenden Schlussfolgerungen gelangt, schmälert nicht die Bedeutung seines Anliegens, verpflichtet allerdings dazu, zwischen begründeter Sorge und tatsächlichem Kulturverlust zu unterscheiden.

Er stellt diese Fragen zu einem Zeitpunkt, an dem die gesellschaftlichen Regeln im Umgang mit künstlicher Intelligenz erst entstehen. Technische Leistungsfähigkeit ist nicht mit menschlicher Erkenntnis gleichzusetzen, und eine Kultur, die ihre geistigen Fähigkeiten bewahren will, benötigt auch Räume für deren Entfaltung.

„Auserzählt?“ überzeugt deshalb weniger als Vorhersage eines kulturellen Endes denn als Aufforderung, über die Voraussetzungen unserer Kultur nachzudenken, bevor wir sie als selbstverständlich verloren geben. Precht fragt nach dem Menschlichen in einer Zeit, in der vor allem über das technisch Machbare gesprochen wird.

Dass er diese Frage jetzt stellt, ist die eigentliche Leistung seines Buches. Denn was rückblickend Geschichte ist, war einmal Gegenwart, in der andere Entscheidungen noch möglich waren.

Quelle: Knut Cordsen, „Wie halten Sie’s mit der KI, Herr Precht“, Bayerischer Rundfunk, Kulturleben, 11. Oktober 2026, 14:05 Uhr.

Hier bestellen

Auserzählt?: Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft

Gefällt mir
1
 

Topnews

Mehr zum Thema

Aktuelles

Rezensionen