Wenn Vertrauen zum Risiko wird, verliert die Zärtlichkeit ihren Unschuldsschutz. Größtenteils heldenhaft wirft seine Figuren in eine Welt der Zauber, Komplotte und Beziehungstests – und macht aus Parodie ein politisches System. Die Übersetzung? So klug wie gefährlich präzise.
Handlung – Zauber, Misstrauen, Manipulation
Femme Fatale wurde verhext. Ein Zauber, gekauft von einer Bande urbaner Schurken, soll sie dazu bringen, ihren Geliebten – den Superhelden – zu töten. Dass sie davon nichts weiß, macht es perfider. Dass der Zauber unzuverlässig ist, macht es gefährlicher.
Superheld weiß oder ahnt – wie immer –, dass hier etwas nicht stimmt. Er vertraut ihr nicht. Nie so ganz. Doch er braucht sie, um seine eigene Agenda zu vollziehen: die Zerschlagung der Machtnetze rund um Femmes Großtante, eine Schurkin mit Kontrollzentrum, 390 Stockwerken und Sentimentalität im Dauerstream.
Ergebnis: Eine Geschichte, die zwischen Liebesdrama, Superheldenfarce und Machtgroteske changiert – und dabei Identität, Beziehung und Gewalt neu sortiert.
Schauplatz – Comic als Kulisse, Sprache als Waffe
Man sollte sich nicht täuschen lassen: Hinter der Comic-Anmutung liegt ein hochreflektierter Text. Das Kleid, das zur neuen Handtasche führt, die neue Handtasche zum Chloroform-Experten, der Besuch bei der Tante zur politischen Intrige – jeder Einkauf ist Erzählstrategie, jede Szene eine Miniatur über Nähe, Täuschung und Machtverschiebung.
Die Stadt wirkt wie eine Mischung aus Gotham, Belfast und Innenleben. Nichts ist stabil, alles ist stilisiert – sogar die Zuneigung.
Figuren – Liebe ohne Schonraum
Femme Fatale ist keine Karikatur. Sie ist Agentin, Objekt, Subjekt – und manchmal einfach nur müde. Ihre Beziehung zu Superheld ist weniger romantisch als strategisch, weniger erotisch als existenziell. Nähe? Nur unter Vorbehalt. Küsse? Immer mit dem Risiko, dass ein Dolch folgt.
Großtante ist die Figur, die bleibt: kontrollierend, süßlich, tödlich – eine Parodie auf alte Ordnungen und ein Echo auf reale Systeme der Bevormundung.
Superheld? Paranoid. Nicht pathologisch, sondern strukturell. Er trägt Verantwortung wie eine Rüstung – und erkennt zu spät, wie durchlässig sie ist.
Themen & Motive – Vertrauen, Verwandlung, Gewalt
-
Vertrauen als strukturelle Schwäche.
Der Roman zeigt: In einer Welt voller Spione, Schurken und Zauberer ist Vertrauen keine Tugend – sondern ein Risiko, das man sich nicht leisten kann. -
Geschlecht als Maske.
Femme ist kein Klischee – sie wechselt Rollen, widerspricht Zuschreibungen. Ihre „Femme-Fatalität“ ist gesellschaftliches Erbe, kein Persönlichkeitskern. -
Liebe als Zielsystem.
Hier wird nicht geliebt, weil es schön ist. Hier wird geliebt, weil es notwendig, gefährlich, transformativ ist. Nähe ist hier immer ein Machtspiel – mit Konsequenz. -
Groteske als Erzählmodus.
Burns arbeitet mit Übertreibung – aber kontrolliert. Ihre Groteske ist kein Klamauk, sondern ein Vergrößerungsspiegel für das Politische im Privaten. -
Nordirland als Schattenfolie.
Wer will, kann den Text auch als Allegorie auf den Nordirlandkonflikt lesen: Loyalitäten, Verrat, ständiger Alarmzustand – aber nie mit didaktischem Ton.
Sprache & Stil – Rhythmus, Wiederholung, Resonanz
Burns schreibt mit sprachlicher Präzision und kalkulierter Überlastung: Reihungen, Steigerungen, Kollisionen von Tonlagen. Nichts ist zufällig, alles ist scharf gesetzt. Das Komische entsteht nicht aus Witzen, sondern aus Strukturen – und trifft genau.
Übersetzung – Anna-Nina Kroll hält die Spannung
Die deutsche Übersetzung von Anna-Nina Kroll ist keine Glättung – sie ist eine eigenständige Leistung. Kroll erhält Burns’ Ironie, ihren Rhythmus, ihre stilistische Überforderung – ohne ins Parodistische zu kippen. Besonders stark: die Dialoge, die Balance zwischen Gefühl und Farce, der Umgang mit Sprachlogik und Überschuss. Kroll übersetzt nicht nur Worte, sie übersetzt Haltung.
Für wen geeignet?
Für Leserinnen, die mehr als Handlung suchen – nämlich ein Spiel mit Form, Macht und Begehren.
Für alle, die zwischen Comic und Komplexität wechseln können.
Für Sprachliebhaberinnen, die Übersetzungen nicht als Durchgangsstation, sondern als Kunstform verstehen.
Weniger geeignet, wenn man klare Antworten oder genretypisches Wohlfühltempo erwartet.
Kritische Einschätzung – Stärke & Reibung
Stärken:
- Sprachlich hochgradig bewusst komponiert
- Figuren voller innerer und struktureller Spannung
- Übersetzung auf Augenhöhe mit dem Original
- Komik als Erkenntnisform
Reibungen:
- Nicht linear, nicht leicht
- Rollenverwechslung als Konzept – kein „Einfach-mal-lesen“-Text
- Politisch dicht, emotional fordernd
Dolch im Dialog
Größtenteils heldenhaft ist kein Superheldenroman. Es ist ein Sprachstück über Vertrauen, Macht und Liebe im Ausnahmezustand – mit komischer Maske und tragischem Ernst. Anna Burns dekonstruiert Figuren und Strukturen gleichzeitig, Anna-Nina Kroll übersetzt mit klarem Sinn für Takt und Subtext. Wer Komplexität liebt, wird hier nicht enttäuscht – sondern verwickelt.
Über die Autorin: Anna Burns
Anna Burns wurde in Belfast, Nordirland, geboren. Sie ist Autorin mehrerer Romane und wurde 2018 für Milchmann mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet – als erste nordirische Schriftstellerin überhaupt. Das Buch wurde ein internationaler Erfolg, gewann u. a. den Orwell Prize und den National Book Critics Circle Award und erschien bislang in über 30 Ländern. Anna Burns lebt heute in East Sussex, England.
Über die Übersetzerin: Anna-Nina Kroll
Anna-Nina Kroll, Jahrgang 1988, ist Literaturübersetzerin aus dem Englischen. Sie lebt in Essen und überträgt seit 2012 Romane und Sachbücher, u. a. von Carmen Maria Machado, Donal Ryan und Anna Burns. Ihr Schwerpunkt liegt auf irischer und feministischer Literatur. 2020 war sie Translator in Residence am Trinity College Dublin, 2021 erhielt sie den Förderpreis zum Straelener Übersetzerpreis.
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