Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann schaffen Österreich und Deutschland gemeinsam einen Preis für Gegenwartslyrik. Ausgezeichnet werden zwei Autorinnen oder Autoren mit jeweils 15.000 Euro. Die Verleihung findet im November bei der Buch Wien statt.
„Alles ist eine Frage der Sprache.“ Ingeborg Bachmanns Satz steht über einem kulturpolitischen Projekt, mit dem Österreich und Deutschland ihren 100. Geburtstag begehen. Beide Länder stiften einen gemeinsamen Österreichisch-Deutschen Lyrikpreis, der zeitgenössische deutschsprachige Dichtung auszeichnet und zugleich die Übersetzung ins Zentrum rückt.
Wie das österreichische Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien am Mittwoch mitteilten, werden zwei Autorinnen oder Autoren geehrt: eine Lyrikerin beziehungsweise ein Lyriker mit Lebensmittelpunkt in Österreich und eine oder einer mit Lebensmittelpunkt in Deutschland. Beide Preise sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert.
Die Auszeichnung ist zunächst einmalig. Sie begründet also keine weitere dauerhafte Institution im ohnehin gut bestückten deutschsprachigen Literaturpreiswesen. Stattdessen setzt sie im Bachmann-Jahr einen Akzent auf eine Gattung, deren kulturelles Gewicht und Marktpräsenz seit jeher in einem etwas komplizierten Verhältnis stehen.
Bachmann als Bezugspunkt
Prämiert werden Lyrikbände, die in den vergangenen drei Jahren erschienen sind. Berücksichtigt werden sollen Werke, in denen unterschiedliche poetische Traditionen, Sprachwelten und Kulturräume aufeinandertreffen.
Damit fungiert Bachmann nicht nur als Namensgeberin. Ihr Werk liefert das poetische Koordinatensystem des Preises. Die 1926 in Klagenfurt geborene Schriftstellerin lebte und arbeitete in Österreich, Deutschland und Italien. Ortswechsel bedeuteten für sie immer auch Bewegungen zwischen kulturellen und sprachlichen Räumen.
Gerade deshalb liegt die eigentliche Besonderheit des neuen Preises weniger in seiner Dotierung als in seinem Begleitprogramm.
Die Preisträgerinnen oder Preisträger nehmen an Übersetzungswerkstätten in Berlin und Wien teil. Gemeinsam mit Literaturübersetzerinnen und -übersetzern beschäftigen sie sich dort mit Sprachen und Werken, die für Bachmann von Bedeutung waren. Zugleich wird erprobt, wie die eigenen Gedichte in anderen Sprachen weiterleben.
Übersetzung erscheint damit nicht als bloßer Transport eines fertigen Textes. Sie wird Teil der literarischen Arbeit. Ein Gedicht wechselt die Sprache und verändert dabei zwangsläufig Klang, Mehrdeutigkeit und Gewicht. Genau an dieser empfindlichen Stelle setzt das Projekt an.
Die gemeinsame Sprache als produktive Differenz
Österreichs Staatssekretär Sepp Schellhorn stellt den Preis in einen europäischen Zusammenhang. Man müsse, so seine Botschaft, nicht dieselbe Sprache sprechen, wohl aber versuchen, einander zu verstehen. Für das Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland bemüht er die bekannte Pointe, nichts trenne beide Länder so sehr wie ihre gemeinsame Sprache.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wiederum beschreibt Lyrik als Möglichkeit, Grenzen zwischen Menschen, Kulturen und Staaten zu überschreiten. Der gemeinsame Preis solle die kulturelle Verbindung beider Länder sichtbar machen.
Das gehört zum vertrauten Vokabular kulturpolitischer Verständigung. Interessanter ist die Konstruktion des Preises selbst. Denn sie nimmt die vermeintlich „gemeinsame Sprache“ nicht einfach als gegeben hin. Mit den Übersetzungswerkstätten wird gerade ihre Durchlässigkeit zum Thema.
Das passt zu Bachmann. Ihre Texte behandelten Sprache nie als neutrales Instrument. Sie untersuchten, was sich in ihr festsetzt: Geschichte, Gewalt, Erinnerung, gesellschaftliche Rollen. Ein Bachmann-Preis, der sich auf Verständigung beschränkte, wäre deshalb ein wenig zu bequem. Einer, der nach den Verschiebungen zwischen Sprachen fragt, kommt ihrem Denken näher.
Wer über die Preise entscheidet
Über die Vergabe entscheidet eine unabhängige österreichisch-deutsche Jury. Ihr gehören Jan Bürger aus Marbach, Bernhard Fetz und Daniela Strigl aus Wien sowie Beate Tröger aus Frankfurt am Main an. Hinzu kommen Vertreterinnen und Vertreter des TOLEDO-Programms beziehungsweise des Literarischen Colloquiums Berlin und der Österreichischen Gesellschaft für Literatur.
Projektträger sind die Österreichische Gesellschaft für Literatur und das Literarische Colloquium Berlin. Kooperationspartner ist das TOLEDO-Programm des Deutschen Übersetzerfonds.
Die gemeinsame Preisverleihung findet am 25. November 2026, dem Eröffnungstag der Buch Wien, statt.
Damit erhält die Gegenwartslyrik eine prominente Bühne – und Bachmann ein Jubiläum, das zumindest versucht, sich nicht mit der Verwaltung ihres Nachruhms zu begnügen. Denn literarische Gedenkjahre besitzen eine eigene Mechanik: Eine Autorin wird zur Ikone, das Werk zum Programm, das Programm zum Kalender.
Der neue Lyrikpreis kann dieser Routine entgehen, wenn er Bachmann nicht als Denkmal behandelt, sondern als Ausgangspunkt. Entscheidend wird deshalb weniger sein, wie oft bei der Preisverleihung von Europa, Brücken und Verständigung gesprochen wird. Entscheidend wird sein, welche Gedichte ausgezeichnet werden.
Hundert Jahre nach Bachmanns Geburt führt die interessanteste Spur ohnehin nicht zurück. Sie führt von ihrem Werk weiter – dorthin, wo Sprache ihre Selbstverständlichkeit verliert.
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Fünf Finalisten für den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis 2026
Christine Wunnicke erhält den Georg-Büchner-Preis 2026
Laura Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026: Warum „Was wir tragen“ Jury und Publikum überzeugte
Bachmannpreis 2026: Diese 14 Autorinnen und Autoren lesen in Klagenfurt
International Booker Prize 2026: Warum „Taiwan Travelogue“ gewinnen musste
Sheikh Zayed Book Award: Gewinner der 20. Ausgabe
Die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2026
Miljenko Jergović erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026
Der Moment vor dem Donner: Warten auf den Literaturnobelpreis 2025
Literarische Spannung in Leipzig: Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025
Verleihung der Literaturpreise der Deutschen Schillerstiftung 2024
Deutscher Buchpreis 2026: Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist
Hotlist 2026: Dreißig Bücher gegen die Gleichförmigkeit
Harbour Front Literaturfestival 2026: Sechs Debüts im Rennen um den Debütpreis
Jan Kuhlbrodt erhält den Klopstock-Preis 2026: Literatur als Schule des Zweifels
Aktuelles
Österreich und Deutschland stiften Lyrikpreis zum Bachmann-Jubiläum
Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling: Die Revolution wird diesmal nicht vertagt
Deutscher Buchpreis 2026: Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist
Lesen als Abendritual: Warum das gedruckte Buch den Bildschirm vor dem Schlafengehen schlägt
Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst von Arno Strobel: Wenn das eigene Zuhause zum Gegner wird
PISA 2025: Stiftung Lesen fordert frühe Leseförderung
Vielleicht bin ich nicht Gott von Stefania Gander: Die Welt gehört der Katze – der Mensch darf bleiben
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova: Was der Wald über Frauen erinnert
Ms Atkins und die Bibliothek der Träume von Vanessa Göcking: Was geschieht mit den Träumen, die wir vernünftig begraben?
Rückkehr nach Alaska von Wolf Cropp: Wo die Wildnis den Menschen auf seine Größe zurücksetzt
Fünf Finalisten für den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis 2026
George Moore: Albert Nobbs – Das Leben im Dazwischen
MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt von Konstantin Schamber
Shida Bazyar: „Die Lücken“ – Was ein Dorf nicht vergessen kann
Karosh Taha: „Gulistan“ – Wenn selbst ein Name gefährlich wird
Rezensionen
Die verschlossene Tür von Freida McFadden: Wie weit fällt der Apfel vom Stamm?
Eunike Grahofers „Wurzeln – Apotheke aus der Erde“
Rage – Du sollst brennen von S.T. Abby: Am Ende reicht Rache allein nicht mehr
Pain – Du sollst leiden von S.T. Abby: Wenn die Wahrheit nicht mehr verborgen bleiben kann
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Revenge – Du sollst flehen von S.T. Abby: Wenn aus Rache endgültig Krieg wird
Blood – Du sollst bereuen von S.T. Abby: Wie lange kann man jemanden lieben, den man nicht kennt?
Secret – Du sollst mich fürchten von S.T. Abby: Wenn die Serienkillerin zur Heldin wird
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb