Zwei Mädchen kommen in Singapur an. Keine Eltern, zu große Sandalen, Papiere, die nicht zu ihrem Alter passen. Um sie herum funktioniert eine der modernsten Städte der Welt. Computer prüfen, Beamte kontrollieren, Autos warten.
Frank Pulina über Insel der Babys: „Die Realität ist der größte Geschichtenerzähler“
Gerade diese Ordnung macht den Beginn von Frank Pulinas Psychothriller Insel der Babys so unangenehm. Das Verbrechen kommt nicht durch die Hintertür. Es benutzt die vorhandene Infrastruktur.
Der Roman führt von Singapur nach San Francisco und Dallas, in eine Welt des extremen Reichtums, der Privatjets, der internationalen Netzwerke und der Macht. Pulina kennt viele dieser Orte aus eigener Anschauung. Als Pilot hat er die Welt gesehen, die in seinem Roman zur Kulisse wird. Und er sagt über seine Figuren einen Satz, der neugierig macht: „Die Charaktere sind an reale Personen angelehnt.“
Wie viel Wirklichkeit steckt also in Insel der Babys? Was treibt einen Autor zu einer solchen Geschichte? Und was geschieht mit Menschen, wenn Geld irgendwann keine Grenze mehr setzt?
Darüber haben wir mit Frank Pulina gesprochen.
Was hat Sie dazu getrieben,Insel der Babys zu schreiben, und wo nahm die Geschichte ihren Anfang?
Frank Pulina:
Die erste Frage scheint vordergründig so simpel, aber sie ist es nicht. Obwohl die künstliche sogenannte Intelligenz nicht fühlen kann, erzeugt sie doch manchmal sinnhafte Formulierungen, ohne dass sie es will. Ob wir ein Programm mit neuen „Prompts“ oder „Templates“ füttern, bewirkt in unserer Zeit fast genauso viel wie der Schmetterlingseffekt in der Chaostheorie.
Wenn ich Ihnen wirklich erklären würde, was mich zu diesem Buch angespornt hat, dann könnte ich nicht ausschließen, mich in Gefahr zu befinden. Es gibt den oft zitierten Satz: Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Diese Grundregel mache ich mir zu eigen und kann deshalb nur eingeschränkt dazu antworten.
Die Geschichte nahm ihren Anfang in Singapur. Ein kleiner Stadtstaat zwölf Flugstunden von Deutschland entfernt. Dort kaschiert das Bild des perfekten Lebens in einer modernen Stadt die menschlichen Abgründe, die dahinter im Verborgenen liegen.
Angetrieben, ja, das ist wohl der richtige Ausdruck, haben mich die Leidensgeschichten im Zusammenhang mit den Epstein-Skandalen. Sie haben stets gemeinsam, dass die Opfer sprachlos bleiben und ihre Reputation, ihre Glaubwürdigkeit durch Medien, Journalisten, Richter und Staatsanwälte zersetzt wird, bis von dem Menschen nichts mehr übrig ist.
Dass es in unserer Zeit dazu kommen kann, das empfinde ich als ein gesellschaftliches, kollektives, kognitives Versagen unserer Zeit. Dass Menschen nicht mehr ihren Gefühlen vertrauen, weil es uns aberzogen wurde und wir an Narrative glauben (sollen), die so weit entfernt von unserer Seele sind. Dabei liegt das gute Bauchgefühl manchmal so nahe und bewahrt uns intuitiv meist vor großen Gefahren, wenn wir ihm vertrauen.
Der Roman führt in eine Welt aus Menschenhandel, enormem Reichtum, Korruption und internationalen Netzwerken. Wie viel davon entstand aus Recherche und wie viel aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen?
Frank Pulina:
Die eigenen Erfahrungen sind der wesentliche Baustein, sozusagen das Fundament der Geschichte. Die Charaktere sind an reale Personen angelehnt. Niemand, vermute ich, kann sich so etwas ausdenken. Die Realität ist der größte Geschichtenerzähler.
Ich hatte das Glück, viele Menschen kennenzulernen, die das vermeintliche Glück besaßen und heute noch besitzen, in unbegrenztem Reichtum zu leben. Aber keiner von ihnen, so ist meine Wahrnehmung, war glücklicher als Sie oder ich. Das war für mich genauso überraschend.
Mit durchschnittlicher Auffassungsgabe und ebensolchen Fähigkeiten, die im Grunde genommen antrainiert wurden, sind wir auf einer anderen Ebene genauso in unserer Wahrnehmung und unserer Welt gefangen, wie die Superreichen in ihrer Realität und ihrer Welt gefangen sind. Ein gegenseitiges Verstehen scheint ausgeschlossen, selbst ein Zuhören scheint manchmal schon schwierig.
Zu dem Gefühl, das die realen Personen in mir erzeugen, Bewunderung, Unverständnis, Glorifizierung, Verachtung, kommt die Recherche. Der Wunsch zu verstehen: Was ist die Motivation dieser „Gefangenen“?
Die Recherche ist eine Entdeckungsreise, die von der Schwere und Brutalität des Entdeckten angetrieben und manchmal auch zum Erliegen gebracht wurde. Dann wurde die Geschichte eine Qual. Dann versuchte ich, mein Leid in der Geschichte zwischen den Zeilen abzubilden. Fragmentarisch, weg von der essayistischen Wort-an-Wort-Reihung hin zur gesellschaftskritischen Auseinandersetzung. Wo das Geschriebene die Akzeptanz verliert, tritt an seine Stelle das Fragment. So wie Thelonious Monk Klavier spielte und seine Melodien durch das Weglassen gewachsen sind.
Sie kennen als Pilot Flughäfen, internationale Reisewege und sehr unterschiedliche gesellschaftliche Milieus. Was davon ist in die Schauplätze und Figuren des Romans eingeflossen?
Frank Pulina:
San Francisco, Dallas, Singapur, all diese Städte kenne ich gut. Sie waren das Bett der Geschichte. Plätze, die jeder kennt, die einen Rückzugsort für das Ungeheuerliche, die Abkehr von der schockierenden Geschichte bedeuten können.
Kulissen, die beliebte Touristenorte sind, die eine Art von Vertrauen im Buch erzeugen, ein falsches Sicherheitsgefühl geben und eine sinnbildliche warme Decke erzeugen, mit der der Leser sich für einen Augenblick in Sicherheit wägen kann, sich zurückziehen kann an einen ungefährlichen Ort.
Über allem schwebt jedoch eine ausweglose Situation. Die Quintessenz der Betrachtung von unterschiedlichen Milieus ist bei mir jedoch die persönliche Erkenntnis, dass unbegrenzter Reichtum kein unbegrenztes Glück oder sogar ein erfülltes Leben bedeutet.
Es ist eine andere Form der ungewollten philosophischen Auseinandersetzung mit sich selbst, die hochskaliert ist und uns deswegen wohl fantastisch erscheint, aber sie ist die Lebensrealität für immer mehr Milliardäre.
Mit Aaron haben Sie eine Figur geschaffen, die fast alles kaufen kann und trotzdem von ihrer eigenen Herkunft und Familiengeschichte geprägt ist. Was interessiert Sie an solchen Menschen, bei denen Geld und Macht kaum noch Grenzen kennen?
Frank Pulina:
Aaron ist eine reale Person aus dem richtigen Leben, wie man sagen würde. Alles an ihm ist so, wie ich es schreibe, ohne Übertreibungen. Können sich diese Menschen überhaupt in eine andere Richtung entwickeln? So sein, so werden wie wir? Wären wir in der Lage, einen Menschen zu akzeptieren, so wie er ist? Von unserem stetigen Gedanken abzulassen, ihn so zu formen, wie wir ihn uns wünschen?
Ob Sie reich oder arm sind, ist in diesem Kontext nicht wichtig. Für mich kommt ein Zeitphänomen hinzu, die Entfernung von Familie, von richtigen Freunden und gewohnten Orten. Die Heimatlosigkeit einer ganzen Generation, die an jedem Ort der Welt leben und existieren kann, als digitale Nomaden, als Künstler, IT-Spezialisten.
Ein Ort bedeutet zur persönlichen Entfaltung fast nichts mehr, aber für unsere persönliche Stabilität, unser Urvertrauen alles. Wo sind wir zu Hause, wenn wir überall leben können? Was bedeutet dann ein Zuhause noch?
Es geht also weniger um Aaron den Reichen, sondern mehr um das Phänomen, dass ein Mensch, der keinen Boden mehr unter den Füßen spürt, denkt, er könnte fliegen, aber das können wir nicht.
Ein weiterer interessanter Punkt ist für mich die Konzentration der Macht in so wenigen Händen. Es gibt dazu keine gesellschaftsfähigen Einlassungen. „Eat the Rich“ gehört meiner Meinung nach nicht dazu. An ihre Stelle würden andere treten. Eine Deckelung von Vermögen, Überbesteuerung, all diese naiven Ideen und Konstrukte würden das Problem der unbegrenzten Macht nicht lösen.
Es bedarf eines neuen Ansatzes, aber dafür wäre der Rahmen hier zu eng, und es würde in einen Bereich abdriften, der mit dem Essay noch weniger zu tun hat.
Dem Buch stellen Sie den Satz voran: „Diese Geschichte ist Fiktion. Doch manche Geschichten kann nur die Wirklichkeit schreiben.“ Wie viel Wirklichkeit steckt für Sie in Insel der Babys, und gab es bei diesem Roman einen Punkt, an dem Ihnen die Realität selbst zu unglaublich erschien?
Frank Pulina:
Ich finde, die Realität ist manchmal so unglaublich, dass wir uns scheuen, sie zu akzeptieren. Das ist ein Schutzreflex. Deswegen weiche ich zeitweise in Exkurse aus, weg von den Grausamkeiten, um dem Leser eine Tür zu öffnen, um den Raum, das Buch für einen Moment verlassen zu können, um an einen sicheren Ort zurückzukehren, an dem man alles mit Verstand und Logik erklären kann.
Aber unser Geist wird eben in den wichtigen Momenten unseres Lebens meist nicht vom Verstand geleitet. Die Liebe ist da ein schönes Beispiel. An dieses schöne Gefühl dachte ich stets, wenn die Realität meiner Charaktere selbst mir zu unglaublich erschien.
Dann weicht die Logik, der Verstand und der Roman kann wieder sprechen.
Unser Dank
Wir bedanken uns herzlich bei Frank Pulina für das offene Gespräch und die ausführlichen Antworten. Besonders danken wir ihm für die Bereitschaft, nicht nur über seinen Roman, sondern auch über dessen persönliche Hintergründe, reale Erfahrungen und die Fragen zu sprechen, die ihn beim Schreiben von Insel der Babys begleitet haben.
Und natürlich wünschen wir Insel der Babys viele neugierige Leserinnen und Leser – auch solche, die nach der letzten Seite noch ein wenig darüber streiten möchten, wo in dieser Geschichte die Fiktion aufhört und die Wirklichkeit beginnt.
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