Vielleicht bin ich nicht Gott von Stefania Gander: Die Welt gehört der Katze – der Mensch darf bleiben

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Wer mit einer Katze zusammenlebt, kennt die tatsächlichen Besitzverhältnisse. Der Mensch bezahlt Miete, kauft Futter und öffnet Türen. Die Katze entscheidet, wann all diese Dienstleistungen zufriedenstellend erbracht wurden. Dass wir uns trotzdem für ihre Besitzer halten, gehört vermutlich zu den erfolgreicheren menschlichen Selbsttäuschungen.

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VIELLEICHT BIN ICH NICHT GOTT: Chroniken einer Katze

Stefania Gander macht aus diesem Perspektivwechsel in „Vielleicht bin ich nicht Gott – Chroniken einer Katze“ eine kurze, humorvolle und zunehmend berührende Erzählung. Der Alltag einer Hauskatze wird konsequent aus Sicht des Tieres geschildert: von der Adoption über das Zusammenleben mit Menschen und anderen Katzen bis zu den kleinen Katastrophen, die Zweibeiner für vollkommen normale Bestandteile des Lebens halten. Die deutschsprachige Ausgabe erschien 2025 in der Übersetzung von Leila Ottavi bei Gander Books.

Das klingt zunächst nach einem netten Katzenbuch. Gander macht daraus jedoch etwas Interessanteres. Denn hinter den Missverständnissen zwischen Tier und Mensch steckt eine kleine Geschichte über Vertrauen, Zugehörigkeit und die begrenzte Zeit, die Lebewesen miteinander verbringen.

Worum geht es in „Vielleicht bin ich nicht Gott“?

Die Geschichte beginnt dort, wo für eine junge Katze eine ziemlich verstörende Veränderung stattfindet: Sie wird von ihrer vertrauten Umgebung getrennt und landet bei Menschen.

Was Menschen Adoption nennen, sieht aus Katzenperspektive zunächst verdächtig nach Entführung aus.

Von diesem Moment an erzählt die Katze ihr Leben selbst. Sie versucht, die eigenartigen Gewohnheiten ihrer neuen Mitbewohner zu verstehen, begegnet anderen Katzen und entwickelt nach und nach ihre ganz eigene Vorstellung davon, wie dieser Haushalt organisiert ist – und welche Position ihr darin selbstverständlich zusteht. Das Buch ist als langer Monolog angelegt und lebt davon, dass menschliche und tierische Interpretation derselben Situation regelmäßig weit auseinanderliegen.

Aus gewöhnlichen Situationen entstehen dadurch kleine Abenteuer. Was für einen Menschen ein Tierarztbesuch, ein neues Spielzeug oder eine geschlossene Tür ist, kann für eine Katze vollkommen anders aussehen. Gander muss dafür keine große äußere Handlung konstruieren. Ihr Material ist das Zusammenleben selbst.

Und dieses Zusammenleben verändert sich.

Aus anfänglicher Fremdheit entsteht Vertrautheit, aus Beobachtung Bindung. Der komische Katzenmonolog entwickelt dadurch zunehmend eine emotionale Ebene, ohne seinen Humor vollständig zu verlieren.

Eine Katze als Erzählerin: Der Mensch wird plötzlich merkwürdig

Die beste Idee des Buches ist gleichzeitig seine einfachste: Die Katze darf die Welt nach ihren eigenen Regeln erklären.

Menschen wissen, warum sie bestimmte Dinge tun. Die Katze weiß es nicht. Also interpretiert sie.

Genau aus dieser Differenz entsteht der Humor. Gegenstände bekommen eine andere Bedeutung, menschliche Verhaltensweisen wirken plötzlich irrational und alltägliche Routinen erscheinen erstaunlich kompliziert. Gander dreht damit den gewohnten Blick um. Nicht das Tier muss sich erklären. Der Mensch wird zum rätselhaften Wesen.

Das funktioniert besonders gut, weil die Erzählerin selbst keineswegs an ihrer Urteilskraft zweifelt. Ihre Sicht auf die Welt besitzt jene Mischung aus Selbstbewusstsein, Neugier und milder Geringschätzung gegenüber menschlicher Inkompetenz, die Katzenhalter vermutlich nicht völlig unrealistisch finden werden.

Der Titel „Vielleicht bin ich nicht Gott“ spielt genau damit. Das „Vielleicht“ erledigt einen erheblichen Teil der Arbeit.

Die Katze bleibt Katze

Tiergeschichten geraten schnell in eine Falle. Tiere bekommen menschliche Gedanken, menschliche Moralvorstellungen und menschliche Probleme, bis von ihrem Tiersein kaum mehr etwas übrig bleibt. Die Katze wird dann zum Menschen im Fellkostüm.

Gander versucht einen anderen Weg.

Natürlich ist auch ihre Erzählerin literarisch vermenschlicht – eine Katze schreibt schließlich keine Memoiren. Entscheidend ist jedoch, dass ihre Wahrnehmung möglichst konsequent aus körperlichen Bedürfnissen, Instinkten, Beobachtungen und Missverständnissen entwickelt wird. Gerade deshalb funktionieren viele komische Situationen.

Die Katze versteht die menschliche Welt nicht vollständig. Sie muss sie sich erklären.

Dadurch entsteht neben dem Humor eine interessante Verschiebung: Unser völlig normaler Alltag wirkt plötzlich ziemlich sonderbar. Wir verschwinden jeden Morgen für Stunden, starren auf leuchtende Gegenstände, sprechen mit Wesen, die gar nicht im Raum sind, und reagieren erstaunlich empfindlich darauf, wenn jemand einen Gegenstand vom Tisch schiebt.

Aus Katzenperspektive besteht durchaus Erklärungsbedarf.

Vom Katzenwitz zur Geschichte über Vertrauen

Wer nur wegen des Humors weiterliest, bemerkt irgendwann, dass sich der Ton verändert.

Denn „Vielleicht bin ich nicht Gott“ begleitet nicht bloß einige lustige Tage im Leben einer Katze. Das Buch erzählt ein Katzenleben. Dadurch bekommt die zunächst einfache Ausgangsidee eine zeitliche Dimension.

Die Beziehung zwischen Tier und Mensch wächst langsam. Vertraute Abläufe entstehen, andere Katzen werden Teil dieser kleinen Welt, Erfahrungen sammeln sich an. Was anfangs fremd war, wird Zuhause.

Gerade diese Entwicklung verhindert, dass das Buch lediglich eine Sammlung bekannter Katzenwitze wird. Hinter der Komik entsteht eine Geschichte über Bindung.

Das ist auch der Grund, weshalb der emotionale Teil stärker funktioniert, als man nach den ersten Kapiteln vermuten könnte. Gander muss die Bedeutung der Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht ständig erklären. Sie lässt sie aus Gewohnheiten entstehen.

Das ist erstaunlich passend. Nähe zeigt sich schließlich selten in großen Gesten. Häufiger zeigt sie sich darin, dass jemand immer am gleichen Platz wartet.

Was Katzen über Menschen erzählen können

Unter seiner leichten Oberfläche berührt der Roman eine durchaus größere Frage: Wie nehmen wir andere Lebewesen eigentlich wahr?

Menschen interpretieren Tiere ständig. Wir erklären ihr Verhalten, schreiben ihnen Gefühle zu und entscheiden, was sie benötigen. Meist geschieht das aus Zuneigung, manchmal aus Bequemlichkeit. Fragen können wir sie bekanntlich nur mit begrenztem Erfolg.

Gander dreht dieses Verhältnis spielerisch um. Nun wird der Mensch beobachtet.

Dadurch wird das Buch zu einer kleinen Übung im Perspektivwechsel. Die Katze versteht vieles falsch – und erkennt manches vielleicht gerade deshalb erstaunlich genau. Menschliche Aufregung, Routinen und Selbstverständlichkeiten verlieren etwas von ihrer Bedeutung, sobald man sie vom Fußboden aus betrachtet.

Das ist keine große Gesellschaftsanalyse. Das möchte das Buch auch nicht sein. Aber darin steckt eine angenehme Erinnerung daran, dass unsere Perspektive nicht automatisch die einzig vernünftige ist.

Für eine Spezies, die sich selbst Homo sapiens genannt hat, ist gelegentliche Zurückhaltung ohnehin keine schlechte Übung.

Wie eine Katze den Menschen lesen lernt

„Vielleicht bin ich nicht Gott“ ist sehr kompakt und in kurzen Kapiteln erzählt. Die deutsche Ausgabe umfasst rund 120 Seiten; bibliografische Angaben variieren je nach Ausgabe leicht. Die Übersetzung stammt von Leila Ottavi.

Ganders Stil lebt weniger von sprachlicher Komplexität als von Stimme und Timing. Die Pointen entstehen aus falschen Schlussfolgerungen, ungewöhnlichen Bezeichnungen und dem Gegensatz zwischen dem, was Leser verstehen, und dem, was die Katze zu verstehen glaubt.

Das macht das Buch ausgesprochen zugänglich. Gleichzeitig liegt darin eine Grenze: Wer literarisch komplexe Prosa oder eine vielschichtige Romanhandlung erwartet, wird hier nicht fündig. Die Konstruktion bleibt bewusst einfach.

Gerade bei einem so kurzen Buch ist das allerdings sinnvoll. Gander zieht ihre Grundidee nicht künstlich in die Länge. Die Katze darf erzählen, beobachten und sich irren – und der Roman beendet seine Geschichte, bevor aus einem charmanten Einfall eine überstrapazierte Masche wird.

Humor und Traurigkeit liegen erstaunlich nah beieinander

Bemerkenswert ist die emotionale Bewegung des Buches. Der Anfang lebt stark von Situationskomik. Mit zunehmender Dauer bekommt die Geschichte jedoch einen anderen Klang.

Das liegt weniger an einer plötzlichen Wendung als an etwas viel Einfacherem: Zeit vergeht.

Wer ein Tier aufnimmt, entscheidet sich schließlich für eine Beziehung mit einem stillen Ablaufdatum. Darüber denkt man beim ersten Futternapf selten nach. Zum Glück.

Gander nutzt diesen Umstand nicht bloß für Sentimentalität. Das emotionale Gewicht entsteht vor allem deshalb, weil Leser die Katze zuvor in zahlreichen alltäglichen Situationen begleitet haben. Die kleinen Gewohnheiten, über die man gelacht hat, bekommen plötzlich eine andere Bedeutung.

Dass zahlreiche Leser gerade die emotionale Wirkung des Schlusses hervorheben, überrascht deshalb wenig.

Hier zeigt sich auch, weshalb das Buch besonders bei Menschen funktionieren dürfte, die selbst mit Tieren leben oder gelebt haben. Sie müssen kaum erklärt bekommen, wie viel Erinnerung in einem leeren Lieblingsplatz stecken kann.

Stärken und Schwächen von „Vielleicht bin ich nicht Gott“

Stärken

  • Konsequente Katzenperspektive: Der Blick auf menschliche Alltagsrituale erzeugt den stärksten Humor des Buches.
  • Sympathische Erzählstimme: Selbstbewusstsein und Missverständnisse geben der Katze einen eigenen Charakter.
  • Gelungener Tonwechsel: Aus einer leichten Komödie entwickelt sich allmählich eine Geschichte über Liebe, Vertrauen und Vergänglichkeit.
  • Kompakter Umfang: Die Grundidee wird nicht unnötig ausgewalzt.
  • Hoher Wiedererkennungswert: Katzenhalter dürften zahlreiche Situationen aus ihrem eigenen Alltag kennen.

Schwächen

  • Die Handlung bleibt bewusst episodisch: Wer einen komplex aufgebauten Roman erwartet, bekommt eher eine chronologische Sammlung von Lebensmomenten.
  • Die Grundidee trägt fast das gesamte Buch: Leser, die mit Katzenhumor wenig anfangen können, werden entsprechend weniger Zugang finden.
  • Manche Gedanken bleiben bewusst einfach: Die emotionale Wirkung steht stärker im Vordergrund als psychologische oder philosophische Tiefe.

Die Einfachheit ist dabei Stärke und Schwäche zugleich. Gander schreibt kein kompliziertes Buch über Mensch und Tier. Sie nimmt eine vertraute Beziehung und verändert den Blickwinkel. Manchmal reicht bereits ein anderer Standort, um dieselbe Wohnung neu zu sehen.

Für wen eignet sich „Vielleicht bin ich nicht Gott“?

Die naheliegende Antwort lautet: für Katzenmenschen.

Wer selbst mit einer Katze lebt, wird wahrscheinlich einiges wiedererkennen – einschließlich jener Situationen, in denen unklar ist, wer eigentlich wen erzogen hat. Auch als Geschenk für Katzenliebhaber eignet sich das Buch aufgrund seines kurzen Umfangs und der zugänglichen Geschichte gut.

Interessant kann es aber ebenso für Leser sein, die Tiergeschichten, humorvolle Perspektivwechsel und kurze emotionale Romane mögen. Man muss keine Abhandlung über Katzenverhalten erwarten. Gander erzählt eine Beziehungsgeschichte.

Wer dagegen einen umfangreichen Roman mit zahlreichen Figuren, Nebenhandlungen und literarischen Experimenten sucht, ist hier falsch. „Vielleicht bin ich nicht Gott“ möchte klein bleiben.

Gerade dadurch kann es treffen.

Über Stefania Gander

Stefania Gander ist die Autorin von „Vielleicht bin ich nicht Gott – Chroniken einer Katze“. Das Buch wurde zunächst in anderen Sprachen veröffentlicht und liegt inzwischen unter anderem auf Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch vor. Die deutschsprachige Fassung wurde von Leila Ottavi übersetzt.

Das Buch versteht sich ausdrücklich als Liebeserklärung einer Katzenliebhaberin an Katzen. Das merkt man der Erzählung an. Gander interessiert sich weniger für spektakuläre Tierabenteuer als für jene unscheinbaren Rituale, aus denen Zusammenleben besteht.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Geschichte trotz ihrer humoristischen Konstruktion emotional funktioniert. Man kann über Katzen schreiben, indem man sie möglichst außergewöhnliche Dinge erleben lässt. Oder man beobachtet lange genug, was sie ohnehin tun.

Ein kleines Buch über eine große Selbstverständlichkeit

„Vielleicht bin ich nicht Gott“ von Stefania Gander ist eine kurze, humorvolle und am Ende überraschend berührende Geschichte über das Zusammenleben von Mensch und Katze. Die konsequente Tierperspektive macht aus gewöhnlichen Situationen kleine Missverständnisse und aus den Menschen jene seltsamen Wesen, die plötzlich erklärt werden müssen.

Literarisch erfindet Gander das Tierbuch damit nicht neu. Die episodische Handlung bleibt überschaubar, die Sprache zugänglich und manche Gedanken sind bewusst schlicht. Entscheidend ist vielmehr, wie sich die Bedeutung der Geschichte während des Lesens verändert.

Am Anfang lacht man darüber, wie falsch eine Katze Menschen verstehen kann. Später erkennt man, wie richtig sie manches versteht: Nähe entsteht durch Wiederholung. Durch Füttern, Warten, Schlafen, Wiederkommen. Durch Tage, an denen scheinbar nichts Besonderes geschieht.

Bis irgendwann genau diese gewöhnlichen Tage fehlen.

Vielleicht ist die Katze tatsächlich nicht Gott. Für ein kleines Universum aus Sofa, Futternapf und zwei Menschen war sie aber offenbar wichtig genug.

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