In Pola Oloixaracs nun auf Deutsch erschienenem Roman "Wilde Theorien", versuchen Philosophie-StudentInnen und Nerds auf ungewöhnliche Weise die Welt zu retten. Foto: Verlag Klaus Wagenbach

Pola Oloixaracs - „Wilde Theorien“ Radikale Philosophie statt blinder Aktionismus

Als Pola Oloixaracs Debütroman im Jahr 2008 erschien, wurde die Autorin in Argentinien stark angefeindet. Das Buch, hieß es, kritisiere die argentinische Regierung, die die Montoneros, die Mitglieder der Stadtguerilla der 70er-Jahre, zu Helden verklärte. Diese Anfeindungen passten nur allzu gut zur Thematik des Buches, in welchem Philosophie-StudentInnen und Nerds versuchen, mit ungewöhnlichen Maßnahmen die Welt zu verändern. Nun ist das Buch unter dem Titel "Wilde Theorien" auf Deutsch erschienen. Vergesst blinden Aktionismus, geht mit Aristoteles!

 

Der Künstler Marcus Lüpertz sagte einmal in einer Diskussionsrunde abschätzig: "Wenn ich heute ins Museum gehe, wird 25 Mal die Welt gerettet, vom Walfisch bis ich weiß nicht was..." - und deutete damit die Schwäche dezidiert gesellschaftskritischer Kunstwerke an, da die Welt, in der diese entstehen und die zu retten sie vorgeben, ja weiterhin vor die Hunde geht. Das Werk ist da und verfehlt, wird aber dennoch - oder ausgerechnet deswegen? - gefeiert. Während viele westliche Künstlerinnen nach wie vor aus bequemer Position und als Teil des Problems auf die Ungerechtigkeit der Welt schauen, fordert Lüpertz Mut zur Radikalität; was auch bedeutet, nicht vor dem eigenen Scheitern zurückzuschrecken. Weniger am Scheitern, aber sehr wohl an Radikalität interessiert, ist auch die Philosophiestudentin aus Pola Oloixarac nun auf Deutsch erschienen Roman "Wilde Theorien". Stets schreitet sie mit einer dreisprachigen Ausgabe der "Metaphysik" des Aristoteles durch die Welt, und erklärt dabei selbstsicher, dass nur sie die Theorie ihres Professors zu etwas Bedeutsamen vervollständigen kann.

Aus zügellosen Taten werden Wilde Theorien

"Wilde Theorien" ist 2008 in Argentinien erschienen. Ein Debüt, dessen Erscheinen beinahe so radikal wie die Philosophiestudentin im Buch selbst daherkam. Schnell wurde die Autorin heftig angefeindet, denn ihr Roman machte deutlich, dass Oloixarac der Art und Weise, wie die argentinische Regierung die Montoneros, die Mitglieder der Stadtguerillia der 70er-Jahre, zu Helden verklärt, kritisch gegenübersteht. In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur fand sie hierzu einen passenden Vergleich:

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Anstelle einer blinden Radikalität, die das Ziel ihrer Anstrengungen vor Wut schämend verfehlt, setzt Pola Oloixarac Philosophie-StudentInnen und Nerds. Junge Kreative, die glauben, man könne die Welt mithilfe des Internets zu einen besseren Ort machen. Sie schreiben Blogs, programmieren moralische Computerspiele und hacken den virtuellen Globus von Google Earth. Auch verkrustete Rollenbilder werden dabei auf den Kopf gestellt. So verführt die junge hübsche Ich-Erzählerin an einer Stelle einen Ex-Guerillakämpfer, lässt ihn zappeln, macht ihn lächerlich, ist ihm in allen überlegen. Als er sich voller Lust - auch hier: vor Wut schäumend und daher verfehlend - auf sie stürzen will, lässt sie ihn Guerillalieder trällern.

"Wilde Theorien" ist ein kraftvoll geschriebener Roman, der zeigt, wie Wut ins Ideelle kanalisiert werden kann. Aus radikalem Handeln wird dann radikales Denken, aus bald schon zügellosen Taten eben solche "Wilde Theorien". Dabei vermischt die Autorin diverse Segmente: Die Guerilla, die 1976 begonnene Militärdiktatur, feministisches Selbstbewusstsein, Philosophie und ungewöhnliche Aufstände.


Pola Oloixarac, Wilde Theorien; 2021, 256 Seiten, 22 Euro

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