In seinem neuen Roman "Hard Land" schildert Benedict Wells das Verlieben vor dem Hintergrund des Todes. Foto: Diogenes Verlag

Buchrezension Benedict Wells - "Hard Land": Zum Beispiel letztes Jahr im Sommer

"Hard Land", so lautet der Titel des fünften Romans von Benedict Wells, der vor wenigen Tagen bei Diogenes erschienen ist. Er erzählt die Geschichte des fünfzehnjährigen Sams, für den sich innerhalb eines Sommers alles verändert. Der schmächtige Außenseiter wird plötzlich Teil einer Gruppe. Liebe, Trauer und Angst verweben sich in dieser Coming-of-Age-Geschichte auf sonderbare Weise.

 

Vor fünf Jahren erschien Benedict Wells letzter Roman "Vom Ende der Einsamkeit". Ein Bestseller, der mit folgenden Worten begann: "Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich." - Das Sterben, die Angst, die Einsamkeit; das sind Themen, die bei Wells immer wieder als Schwerpunkte auftauchen. Und auch in seinem neuen Buch "Hard Land", wird gleich zu Beginn das Sterben dem Verlieben an die Seite gestellt und somit einen Auftakt vorlegt, der klar macht, dass in allem Lebendigen immer auch schon der Verfall enthalten ist. Der 17-Jährige Sam erzählt von seinem letzten Sommer. Der Sommer, in dem seine Mutter starb und er sich zum ersten mal unsterblich verliebte.

Sam wächst in einem fiktiven Örtchen in Missouri auf. Es ist das 1985. Er ist ein schmächtiger Außenseiter, der unter Angs- und Panikattacken leidet. Sein Vater hat gerade seinen Job verloren, da die einzige Fabrik im Ort dicht gemacht hat, seine Mutter, die einen Buchladen betreibt, ist todkrank. Dieses furchtbare Rumoren ist der Grundtenor dieser Geschichte, das Scheitern und die Angst vor dem Tod liegen hinter jedem Satz des 352 Seiten starken Buches. Für Sam gibt es nur einen einzigen Ort, an dem er diese krächzenden Hintergrundgeräusche für einen kurzen Augenblick abstellen kann: Der Friedhof, der direkt hinter seinem Elternhaus liegt.

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Die große Unterbrechung

Der Junge soll das Sterben seiner Mutter nicht mitbekommen, daher soll er die Sommerferien bei seinen Cousins in Kansas verbringen. Doch nichts wäre schlimmer für Sam, für diesen Außenseiter, der auch von seinen Cousins alles andere als ernst genommen wird. Um bleiben zu können, macht er sich auf die Suche nach einem Aushilfsjob, den er auch schnell findet: Er beginnt in einem kleinen, ebenfalls kurz vor dem Bankrott stehenden, Kino zu arbeiten. Und hier passiert es nun, dass Sam, der Außenseiter im Morast zwischen Schmerz und Zerfall, neue Freunde findet: Hightower, Cameron und Kirstie, die ihn erst zögerlich, dann aber umso entschiedener in ihre Gruppe aufnehmen. Letztere, Kristie, ist die Tochter des Kinobesitzers und wird bald schon Sams erste große Liebe sein. Plötzlich wird das Leben des Teenagers, welches sich selbst wie ein stetiges Sterben anfühlt, mit bisher unbekannter Lebensfreude geflutet. Dort, wo bisher die Monotonie und der quälende Lauf der Dinge herrschten, scheint plötzlich ein Aufflackern die düstere Aussicht zeitweise zu unterbrechen. Doch da ist noch immer die Angst um die Mutter, die Angst vor der Leere.

Zwischen diesen beiden überwältigenden Gefühlslagen setzt Wells seine Coming-of-Age-Geschichte an. Die Zerrissenheit, die seine Lebenssituation zwangsläufig hervorbringt, spiegelt sich wunderbar in Sams Charakterentwicklung wieder. In seinen Überlegungen, die völlig entgegengesetzte Handlungen hervorbringen, in seiner Unsicherheit einerseits, und dem Versuch, selbstbewusst der zu sein, der er ist. Mit anderen Worten: Hier wird dargestellt, wie jemand auf zerrüttetem Boden hin und her gerissen zu sich selbst findet.

Zum Beispiel letztes Jahr im Sommer

Das ist der Clou an "Hard Land". Benedict Wells legt seine Geschichte in einer ungeheuren Tiefe an. Es ist nicht die übliche Coming-of-Age-Story, in der Einbrüche und Verwirrungen einen mehr oder weniger standfesten Charakter formen, der später aufgrund intensiver Lebenserfahrungen mehr weiß als zuvor. Sam ist bereits zu Beginn der Geschichte eingebrochen und verwirrt, befindet sich also im freien Fall. Das Scheitern der Vaterfigur, das Sterben der mütterlichen bringen eine Unsicherheit hervor, die gerade die Voraussetzung dafür ist, das Verlieben als Katastrophe ins absolut Positive zu rücken.

Gut denkbar, das Benedict Wells, der in seinen Büchern häufiger mit popkulturellen Anspielungen arbeitet, während des Schreibens das ein oder andere mal den Song "Letztes Jahr im Sommer" der Band Tocotronic im Kopf hatte. Dort heißt es gegen Ende des Liedes: "Es ist klar, ich hab' noch nie soviel gedacht, doch Irgendwann hatte ich mal mehr gelacht: Zum Beispiel letztes Jahr im Sommer" Aus der Perspektive des siebzehnjährigen Sams, der ja als Erzähler seiner eigenen Geschichte in diesem Buch auftritt, sehr gut denkbar.


Benedict Wells, "Hard Land"; Diogenes Verlag, 2021, 352 Seiten, 24 Euro


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