Die Stiftung Lesen findet für die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 ein Wort, das wenig Spielraum für Beschwichtigung lässt: katastrophal. Rund ein Drittel der 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland verfügt nur über sehr eingeschränkte Lesekompetenzen und hat erhebliche Schwierigkeiten, Texte zu verstehen, Informationen miteinander zu verknüpfen und sie einzuordnen. Im Lesen erreichen die Jugendlichen 465 Punkte; zugleich hat sich der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Kompetenzstufe II nicht erreichen, gegenüber 2015 verdoppelt. Auch an der anderen Seite der Skala geht etwas verloren: Der Anteil besonders lesestarker Jugendlicher auf den Kompetenzstufen V und VI sank von zwölf Prozent im Jahr 2015 auf sieben Prozent im Jahr 2025.
Für die Stiftung Lesen liegt die entscheidende Konsequenz aus diesen Zahlen jedoch nicht erst in der weiterführenden Schule. Wer verstehen will, warum Jugendliche mit 15 Jahren Texte nicht ausreichend erschließen können, muss viel früher beginnen, denn Lesekompetenz entsteht nicht plötzlich mit dem ersten Schulbuch, sondern entwickelt sich über Jahre hinweg – zunächst durch Sprache, Bilder, Vorlesen und Geschichten, später durch das eigene Lesen.
„Die katastrophalen Ergebnisse sind alles andere als eine Überraschung – überraschend wäre, wenn endlich politische Konsequenzen folgen würden“, sagt Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Seine Forderungen reichen entsprechend weit zurück: mehr frühkindliche Leseförderung in den Familien, Sprachförderung und Vorleseaktionen in allen Kitas, Sprachstandserhebungen mit verbindlichen Maßnahmen, mehr Lesezeit in der Grundschule und deutlich stärkere Investitionen in Familien, Kitas und Schulen.
Die PISA-Zahlen erzählen damit auch eine Geschichte, die lange vor PISA beginnt.
Lesekompetenz beginnt vor dem Lesenlernen
Noch bevor ein Kind einen einzigen Buchstaben entziffern kann, kann ein Bilderbuch zu einem ersten Zugang zur Sprache werden. Gemeinsam mit einem Erwachsenen betrachtet es Bilder, erkennt Gegenstände und Figuren wieder, hört ihre Namen und beginnt allmählich zu verstehen, dass sich aus einzelnen Szenen Zusammenhänge ergeben. Aus dem Zeigen wird Benennen, aus dem Benennen entsteht eine Frage, und irgendwann wird aus einer Folge von Bildern eine Geschichte.
Diese ersten Begegnungen mit Büchern wirken unscheinbar, bilden aber eine Grundlage für das spätere Lesen. Ein Kind lernt zuzuhören, einer Handlung zu folgen, sich an etwas zu erinnern und Erwartungen darüber zu entwickeln, was auf der nächsten Seite geschehen könnte. Sprache bezeichnet dann nicht mehr nur das unmittelbar Sichtbare, sondern kann etwas erzählen, das vorher geschehen ist, später geschehen wird oder nur in der Vorstellung existiert.
Genau deshalb setzt die Stiftung Lesen mit ihrer Forderung nach Leseförderung nicht erst in der Schule an. Die Voraussetzungen entstehen bereits in den ersten Lebensjahren, wenn Bilderbücher selbstverständlich werden und Erwachsene mit Kindern über das sprechen, was sie darin sehen. Später folgen kurze Geschichten, die zunächst vorgelesen werden und deren Handlung ein Kind über mehrere Seiten hinweg verfolgt. Mit jedem dieser Schritte wächst nicht nur der Wortschatz, sondern auch die Fähigkeit, Sprache als Zusammenhang zu verstehen.
Die IGLU-Studie zeigt nach Angaben der Stiftung Lesen, wie schwierig es wird, Versäumnisse später aufzufangen: Rund jedes vierte Kind verlässt bereits die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können. Wer an diesem Punkt zurückliegt, muss in den folgenden Schuljahren nicht nur Lesen nachholen, sondern gleichzeitig mit Texten lernen, die in nahezu allen Fächern zunehmend komplexer werden.
Vom Bilderbuch zum ersten selbst gelesenen Buch
Zwischen dem Bilderbuch eines Kleinkindes und der Lesekompetenz eines 15-Jährigen liegen viele Jahre, doch der Weg ist weniger abstrakt, als Bildungsstatistiken vermuten lassen. Er führt vom gemeinsamen Anschauen über das Vorlesen zu ersten kurzen Geschichten und schließlich zu jenem Moment, in dem ein Kind ein Buch selbst liest und bis zur letzten Seite gelangt.
Dieses erste selbst gelesene Buch muss weder umfangreich noch literarisch anspruchsvoll sein. Entscheidend ist eine andere Erfahrung: Das Kind merkt, dass es sich eine Geschichte aus eigener Kraft erschließen kann. Es braucht niemanden mehr, der ihm den Text vorliest und damit den Zugang vermittelt. Buchstaben werden zu Wörtern, Wörter zu Sätzen, Sätze ergeben eine Handlung – und am Ende steht das Wissen, eine ganze Geschichte selbst verstanden zu haben.
Dieser Erfolg ist für die weitere Lesebiografie kaum zu unterschätzen, weil er aus einer mühsam erlernten Technik eine Möglichkeit macht. Wer selbst lesen kann, ist nicht länger darauf angewiesen, dass ein anderer die Geschichte erzählt. Das Buch wird zum Zugang zu Welten, die weit über das eigene Umfeld hinausreichen: zu anderen Menschen und Lebensweisen, zu vergangenen Zeiten und erfundenen Orten, zu Wissen, Phantasie und Erfahrungen, die im eigenen Alltag nicht verfügbar sind.
Leseförderung bedeutet deshalb nicht nur, Kinder technisch sicherer im Entziffern von Texten zu machen. Sie soll ihnen ermöglichen, diesen Übergang zu erleben – vom Buch, das jemand anderes vorliest, zu dem Buch, das sie selbst öffnen und verstehen können.
Zehn Minuten Vorlesen als Teil des Alltags
Die Stiftung Lesen formuliert dafür eine bemerkenswert einfache Forderung: Eltern sollten ihren Kindern täglich zehn Minuten vorlesen. Vorlesen müsse so selbstverständlich werden wie das tägliche Zähneputzen, sagt Maas.
Der Vergleich nimmt der Leseförderung zunächst etwas von ihrem pädagogischen Gewicht. Gerade darin liegt seine Pointe, denn Vorlesen soll keine besondere Bildungsmaßnahme sein, die nur dann stattfindet, wenn genügend Zeit, Geld und pädagogisches Wissen vorhanden sind. Es soll zum Alltag gehören.
Zehn Minuten können mit einem Bilderbuch beginnen und später zu einer kurzen Geschichte werden, die am folgenden Abend weitergeht. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit und mit ihr die Erfahrung des Kindes, dass Geschichten, Bücher und gemeinsames Lesen einen festen Platz haben.
Allerdings weiß auch die Stiftung Lesen, dass sich die Verantwortung nicht einfach an Familien weiterreichen lässt. Gerade die PISA-Ergebnisse zeigen erneut, wie stark die Leistungen von Jugendlichen mit der sozioökonomischen Herkunft ihrer Familie zusammenhängen; dieser Zusammenhang hat sich sogar weiter verstärkt. Nicht jedes Kind wächst mit Büchern auf, nicht alle Eltern haben selbst positive Leseerfahrungen gemacht, und nicht in jeder Familie stehen dieselben zeitlichen, sprachlichen oder finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung.
Deshalb fordert die Stiftung neben der Förderung in Familien ausdrücklich Angebote in Kitas und Schulen sowie niedrigschwellige Programme, die Eltern und Kinder früh erreichen.
Warum „Lesestart 1–2–3“ gerade jetzt wichtig ist
Vor diesem Hintergrund wirkt es tatsächlich widersprüchlich, dass ausgerechnet Programme wie „Lesestart 1–2–3“ vor dem Aus stehen. Das Programm erreicht Familien früh über Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sowie Büchereien, stellt Buchgeschenke zur Verfügung und bietet Informationen in mehreren Sprachen.
Maas nennt ein mögliches Ende des Programms „geradezu absurd“. Seine Wortwahl erschließt sich aus den PISA-Zahlen: Wenn bekannt ist, dass Leseschwierigkeiten lange vor dem 15. Lebensjahr entstehen und bereits am Ende der Grundschule rund ein Viertel der Kinder nicht ausreichend lesen kann, erscheint es wenig plausibel, gerade jene Strukturen zu schwächen, die Familien erreichen sollen, bevor sich Schwierigkeiten verfestigen.
Frühe Leseförderung kann dabei nicht bedeuten, Kleinkinder möglichst früh zum Lesenlernen zu bewegen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Bücher müssen überhaupt erst als Teil des Lebens erfahrbar werden. Ein Bilderbuch, das gemeinsam angeschaut wird, eine Geschichte, die wieder und wieder vorgelesen werden soll, und später das erste Buch, das ein Kind selbst bewältigt, gehören zu einer Entwicklung, die Zeit braucht.
Lesen darf nicht zur Strafe werden
Die Stiftung Lesen richtet den Blick deshalb auch auf jene Kinder und Jugendlichen, die bereits lesen können, es aber ungern tun. Besonders ungünstig sei die verbreitete Reaktion: „Jetzt kommt das Handy weg. Setz dich hin und lies etwas.“
Damit wird Lesen ungewollt zur Sanktion, während das Smartphone für Freizeit und Vergnügen steht. Das Buch bekommt in diesem kleinen Erziehungsdrama die Rolle dessen, was man tun muss, nachdem einem das Angenehme entzogen wurde – keine besonders aussichtsreiche Werbung für Literatur.
Stattdessen empfiehlt die Stiftung Lesen, unterschiedliche Zugänge anzubieten und Kinder und Jugendliche bei der Auswahl mitentscheiden zu lassen. Wer mit einem Roman wenig anfangen kann, findet vielleicht über Comics, Mangas, Zeitschriften oder Buchcomics einen Zugang. Gerade kürzere Textabschnitte können Kindern helfen, denen längere Texte zunächst Schwierigkeiten bereiten.
Auch Bibliotheken bekommen dabei eine wichtige Funktion. Wo zu Hause Ruhe, Platz oder eine geeignete Leseumgebung fehlen, können sie einen solchen Ort anbieten und zugleich dabei helfen, das passende Medium zu finden.
Vorlesen wirkt über Generationen
Wie langfristig frühe Erfahrungen mit Büchern wirken können, zeigt nach Angaben der Stiftung Lesen auch der gemeinsam mit DIE ZEIT und der Deutsche Bahn Stiftung herausgegebene Vorlesemonitor. Eltern, denen in ihrer Kindheit vorgelesen wurde, lesen ihren eigenen Kindern später häufiger vor; auch Erwachsene lesen selbst mehr, wenn sie als Kinder Vorleseerfahrungen gemacht haben.
Damit entsteht eine Weitergabe, die nicht erst mit schulischer Bildung beginnt. Kinder beobachten, welchen Platz Bücher im Alltag der Erwachsenen haben, ob vorgelesen wird und ob Geschichten Aufmerksamkeit erhalten. Leseförderung besteht deshalb nicht allein darin, einem Kind ein Buch in die Hand zu geben, sondern auch darin, ihm zu zeigen, was sich damit anfangen lässt.
Die von der Stiftung Lesen gemeinsam mit Thalia initiierte Kampagne „Ich lese vor – du auch?“ setzt genau dort an. Mit prominenter Unterstützung soll Vorlesen als etwas sichtbar werden, das nicht allein Aufgabe von Eltern ist. Vorbilder können auch Großeltern, Geschwister und andere Erwachsene sein – jeder Mensch, der einem Kind zeigt, dass eine Geschichte die Zeit wert ist, die man ihr gibt.
Die PISA-Krise beginnt nicht mit 15
PISA 2025 misst die Fähigkeiten von 15-Jährigen, doch die Stiftung Lesen richtet den Blick konsequent auf die Jahre davor. Das ist vielleicht der wichtigste Gedanke ihrer Reaktion auf die katastrophalen Ergebnisse.
Lesekompetenz lässt sich nicht kurzfristig herstellen, wenn Jugendliche bereits Schwierigkeiten haben, Texte zu verstehen und Informationen einzuordnen. Sie entwickelt sich über viele kleine Erfahrungen, die zunächst kaum nach Bildungspolitik aussehen: ein Bilderbuch gemeinsam betrachten, Dinge benennen, eine kurze Geschichte vorlesen, Fragen beantworten, wieder von vorne anfangen, weil das Kind dieselbe Geschichte noch einmal hören möchte.
Später kommt das eigene Lesen hinzu und mit ihm jener erste kleine Erfolg, der in keiner PISA-Tabelle auftaucht: ein Buch allein bis zum Ende gelesen zu haben.
Von dort kann der Weg weiterführen, zu längeren Geschichten, zu Sachbüchern, Comics und Romanen, zu Wissen und Literatur und schließlich zu der Fähigkeit, Texte nicht nur zu entziffern, sondern sie zu verstehen, miteinander zu verbinden und einzuordnen.
Genau diese Fähigkeit fehlt nach PISA 2025 inzwischen rund einem Drittel der Jugendlichen in Deutschland. Die Stiftung Lesen fordert deshalb nicht einfach mehr Bücher, sondern Bedingungen, unter denen Kinder früh erfahren können, was Bücher vermögen.
Denn bevor Lesen zur Kompetenz wird, muss ein Kind überhaupt entdecken können, dass hinter einer Seite eine Welt beginnt.
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