Literatur in aufgeregten Zeiten J.K. Rowling: "Böses Blut" im Sturm der Anklage

Im vergangenen Jahr wurde der Schriftstellerin J.K. Rowling Transphobie vorgeworfen. Innerhalb kürzester Zeit entfachte ein Shitstorm, der äußerst unangenehme und bedenkliche Aktionen wie Bücherverbrennungen und Todeserklärungen mit sich brachte. Auch in dem aktuellen Buch der Harry Potter-Autorin, dem Thriller "Böses Blut", erkennen Kritiker*innen transphobische Motive. Doch war die Lektüre nicht von vornherein von einem politischen Diskurs verfälscht?

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  	  	ISBN 978-3764507688
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Foto: Pixabay J.K. Rowling war und ist aufgrund ihres Frauenbildes heftigen Angriffen ausgesetzt. Auch ihr aktueller Thriller "Böses Blut" wird eher gewertet als gelesen. Und steht vielleicht schon bald in Flammen.

 

2020 war, wenn auch nicht sonderlich aufregend, ein weiteres Jahr der großen Aufregung. Wir sahen verwirrte Menschenmassen, die hierzulande für eine von ihren Mitläufern sogenannte demokratische Ordnung durch die Straßen zogen, Trillerpfeifen pfiffen und "Schuldig"-Plakate mit den Abbildungen von Politiker*innen und Virolog*innen in die Höhe hielten. Wir spürten die mittlerweile Alltag gewordene Grunderregungen im Netz, ahnten, dass Scharfschützen vor ihren Twitter-Accounts darauf warten würden, ihre vorgefertigten Meinungen kundzutun. Und schließlich geschah es nicht nur einmal in diesem Jahr, dass aus der besagten Grunderregung ein Feuergefecht wurde. Ziel war unter anderem die britische Schriftstellerin Joanne K. Rowling, der aufgrund mehrerer Äußerung auf Twitter Transphobie vorgeworfen wurde.

Rowling sprach sich auf dem Nachrichtendienst unter anderem dafür aus, dass "männliche Menschen keine Frauen sind", beziehungsweise sein können. Daraufhin warf man der Autorin - sicher zu recht - vor, ein beschränktes Verständnis des Frauenbildes zu haben. Ein Shitstorm entfachte. Nicht nur die LGBT-Community, sondern auch viele Rowling-Fans wandten sich, von den Aussagen der Autorin getroffen und enttäuscht, gegen sie. Nun liegt es jedoch in der "Natur" eines Shitstorms, dass dieser ein unkontrollierbares Werkzeug im Kampf für mehr Gerechtigkeit ist, und, paradoxerweise, ungerechte, totalitäre und ausgrenzende Züge annehmen kann. Der Wind kann sich von einer Sekunde auf die andere drehen, und was eben noch bekämpft werden sollte, wird plötzlich reproduziert. So auch im Fall Rowling.

"Böses Blut" - Rezension unter außerliterarischen Gesichtspunkten?

Auf der Spitze dieser durch die sozialen Medien aufgepeitschten und dadurch schnell zu einem Ausgrenzungsfeldzug gewordenen Bewegung, kam es zu Bücherverbrennungen und Todeserklärungen. "Rest in Peace, J.K. Rowling“ war unter anderem auf Twitter zu lesen, ein Grabschein mit der Aufschrift "Bedeutungslose Trans-Feindin" wurde gepostet. Rowling, die mit ihren Ansichten zum Thema Transgender Teil einer Mehrheit ist, wurde von der Minderheit, die in diesem Kontext zur Mehrheit wurde, als minder die Ecke gedrängt. Ein groß um sich greifender Ausgrenzungsmechanismus wurde also als Miniaturszenario schlicht wiederholt.

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Die Anfeindungen fanden auch Wiederhall in der Rezeption des aktuellen Rowling-Thrillers "Böses Blut". Der fünfte Band der Krimi-Reihe, so Kritiker*innen, soll klar transfeindliche Motive beinhalten. Dabei geht es insbesondere um den in "Böses Blut" auftauchenden Verdächtigen Dennis Creed. Creed ist ein Serienmörder und Vergewaltiger (nach historischem Vorbild), der seine Opfer damit täuscht, dass er eine Perücke und einen pinken Mantel trägt, sich also als Frau oder Drag ausgibt, um so näher an sie heran zu kommen. Rezensenten des Buches brachen den Inhalt auf eine einfache Former herunter. Die prägnante Aussage des Thrillers, so hieß es, sei: "Traue niemals einen Mann, der Frauenkleider trägt.", eine Lesart, die ebenso beschränkt ist, wie J. K. Rowlings Frauenbild.

Die Diktatur des Politischen

So reproduziert die Kritik also die bereits innerhalb der Debatte reproduzierte Ungerechtigkeit auf Kosten der Literatur. Ähnlich wie im Falle Peter Handke oder, ein jüngeres Beispiel, Martin Sonneborn, herrscht hier die politische Lesart über die künstlerische. Dabei zweifelt man im Grunde gar nicht an, dass "Kunst alles dürfen können muss", sondern, noch schlimmer, man nimmt Kunstwerke erst gar nicht also solche war, versperrt den hermeneutischen Zugang und lässt lediglich eine politische Fluchtlinie offen, auf der alles sogleich öffentlich ausgetragen wird. Müsste man dieses Szenario in ein greifbares Bild übertragen, dann würde dieses Abbildung genau das zeigen, was tatsächlich in der Rowling-Debatte ans Tageslicht kam: Bücher, die brennen.

 

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