Über Brüssel liegen Glockenklang und Unruhe. Auf den Straßen wird geschossen, getrunken, gestritten; in den Häusern gehen Gerüchte um, und über allem nähert sich die spanische Staatsmacht mit jener Ruhe, die besonders bedrohlich wirkt, wenn sie bereits Listen angefertigt hat. Goethes „Egmont“ beginnt in einer Stadt, die noch redet, singt und feiert, obwohl ihre politische Luft merklich dünner wird.
Das 1788 veröffentlichte Trauerspiel führt in den niederländischen Widerstand gegen die spanische Herrschaft des 16. Jahrhunderts. Goethe hatte das Werk bereits in den 1770er Jahren begonnen und erst während seiner italienischen Reise abgeschlossen. Den historischen Grafen Egmont verwandelt er dabei in eine jüngere, ungebundene Gestalt: einen Volkshelden, der seine Wirkung auf Menschen für eine Art politischen Schutzbrief hält.
Ein Held ohne Wetterbericht
Egmont besitzt Mut, Charme und ein beinahe körperliches Vertrauen in das Leben. Die Bürger bewundern ihn, die Regentin Margarete von Parma schätzt seine Bedeutung, und Klärchen liebt ihn mit jener vollständigen Hingabe, die im Drama selten eine Altersvorsorge einschließt. Nur Wilhelm von Oranien erkennt, dass Herzog Alba nicht gekommen ist, um Meinungen auszutauschen.
Goethe baut den politischen Konflikt als Gegensatz zweier Zeitgefühle. Oranien denkt voraus, Alba plant, Egmont lebt im Augenblick. Was ihn menschlich anziehend macht, wird politisch zu seiner Schwäche. Er verwechselt Popularität mit Macht und persönliche Furchtlosigkeit mit Sicherheit. Diktaturen sind für solche Verwechslungen wenig empfänglich.
Klärchens kleines Zimmer
Die Szenen mit Klärchen bilden das emotionale Zentrum. In ihrem bürgerlichen Zimmer begegnen sich große Politik und private Sehnsucht. Klärchen bewundert nicht nur den Mann, sondern auch das Freiheitsbild, das sie in ihm erkennt. Als Egmont verhaftet wird, versucht sie, die Bürger zum Aufstand zu bewegen. Ihr Ruf verhallt; Begeisterung erweist sich als weniger belastbar, sobald sie auf die Straße müsste.
Klärchens Tod durch Gift ist deshalb mehr als das Ende einer Liebesgeschichte. Mit ihr stirbt die volkstümliche Hoffnung, Egmont könne durch bloße Ausstrahlung gerettet werden. Goethe gibt ihr eine Handlungskraft, die der Held selbst zu spät entwickelt.
Alba stellt die Uhr
Albas Herrschaft funktioniert durch Kälte, Verzögerung und Verfahren. Während Egmont auf persönliche Begegnung und standesgemäße Rücksicht setzt, hat sein Gegner den Menschen bereits in einen Fall verwandelt. Die Gefängnisszene zeigt, wie schnell gesellschaftliche Größe schrumpft, sobald die Institutionen des Rechts verschwinden.
Der berühmte Schluss, in dem Klärchen Egmont als Erscheinung der Freiheit begegnet, hat seit Schiller Widerspruch provoziert. Der politische Gefangene wird in eine triumphale Vision entlassen, obwohl die historische Niederlage feststeht. Man kann darin eine Beschönigung sehen. Man kann aber auch erkennen, dass Goethe dem äußeren Untergang eine innere Bewegung entgegensetzt, ohne ihn rückgängig zu machen.
Die offene Stadt
„Egmont“ ist historisch unzuverlässig und politisch erstaunlich genau. Das Stück fragt, weshalb Gesellschaften an charismatische Einzelne glauben, wie spät Gefahr als Gefahr erkannt wird und wie leicht Freiheitsliebe mit Freiheitsfähigkeit verwechselt werden kann.
Am Ende läuten die Glocken weiter. Doch sie rufen nicht mehr zum Fest. Sie schlagen für eine Freiheit, die erst vermisst wird, als ihr Klang bereits von Stiefeln übertönt ist.
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