Mit Morgen, morgen und wieder morgen (Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow) gelang Gabrielle Zevin einer der meistbeachteten Romane der vergangenen Jahre. Das 2022 erschienene Buch erzählt von den Spieleentwicklern Sam Masur und Sadie Green, deren außergewöhnliche Freundschaft über Jahrzehnte hinweg von kreativer Zusammenarbeit, Missverständnissen, Erfolg und persönlichen Krisen geprägt wird. Obwohl Videospiele eine zentrale Rolle spielen, handelt es sich keineswegs um einen Roman ausschließlich für Gaming-Fans. Vielmehr nutzt Zevin die Welt der Spiele, um von Kunst, Beziehungen und der Suche nach Sinn zu erzählen.
Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin: Eine außergewöhnliche Geschichte über Freundschaft, Kreativität und das Leben dazwischen
Der Roman wurde international zum Bestseller, stand monatelang auf den Bestsellerlisten der New York Times und begeisterte sowohl Kritiker als auch Leser. Besonders gelobt wurden die fein gezeichneten Figuren, die ungewöhnliche Erzählstruktur und die Fähigkeit der Autorin, komplexe Themen mit großer emotionaler Leichtigkeit zu verbinden. Morgen, morgen und wieder morgen ist ein Buch, das sich klassischen Kategorien entzieht: Es ist Liebesgeschichte, Künstlerroman, Freundschaftsroman und Gesellschaftsporträt zugleich.
Manche Geschichten handeln von Liebe. Die schönsten erzählen von Freundschaft.
Die Literatur hat unzählige Liebesgeschichten hervorgebracht. Freundschaften hingegen stehen vergleichsweise selten im Mittelpunkt großer Romane. Dabei prägen gerade sie viele Lebenswege oft nachhaltiger als romantische Beziehungen. Freundschaften verändern sich, überstehen Konflikte, zerbrechen und finden manchmal Jahre später wieder zusammen. Sie sind selten geradlinig und gerade deshalb besonders menschlich.
Gabrielle Zevin macht genau diese Dynamik zum Zentrum ihres Romans. Morgen, morgen und wieder morgen fragt nicht, ob zwei Menschen füreinander bestimmt sind, sondern wie lange kreative und emotionale Verbundenheit bestehen kann, wenn Erfolg, Ehrgeiz und persönliche Verletzungen immer wieder zwischen sie treten. Die Liebe spielt dabei durchaus eine Rolle – doch sie erscheint in vielen unterschiedlichen Formen: als Freundschaft, als familiäre Nähe, als künstlerische Leidenschaft und als gemeinsame Begeisterung für Geschichten.
Zugleich erzählt der Roman von einer Generation, die mit Videospielen aufgewachsen ist. Zevin behandelt Spiele nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Kunstform, die Erinnerungen bewahren, Gefühle ausdrücken und Menschen miteinander verbinden kann. Damit gelingt ihr ein Perspektivwechsel, der in der Gegenwartsliteratur noch immer vergleichsweise selten ist.
Worum geht es in Morgen, morgen und wieder morgen?
Sam Masur und Sadie Green begegnen sich als Kinder in einem Krankenhaus in Los Angeles. Sam erholt sich von einem schweren Autounfall, während Sadie ihre Schwester besucht. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, die zunächst von gemeinsamen Videospielen lebt. Doch ein Missverständnis trennt sie für Jahre.
Erst während ihres Studiums begegnen sie sich zufällig wieder. Schnell entdecken beide, dass sie dieselbe Leidenschaft teilen: Sie wollen Videospiele entwickeln, die mehr sein können als bloße Unterhaltung. Gemeinsam gründen sie mit ihrem Freund Marx Watanabe ein kleines Entwicklerstudio und veröffentlichen ihr erstes Spiel. Der überraschende Erfolg verändert ihr Leben grundlegend.
Mit wachsendem Ruhm nehmen jedoch auch die Spannungen zu. Beruflicher Ehrgeiz, unausgesprochene Gefühle und persönliche Schicksalsschläge stellen ihre Freundschaft immer wieder auf die Probe. Über mehrere Jahrzehnte begleitet Gabrielle Zevin ihre Figuren durch Erfolge und Niederlagen und zeigt, wie eng Kreativität und Verletzlichkeit miteinander verbunden sein können.
Sam und Sadie gehören zu den stärksten Figuren der Gegenwartsliteratur
Eine der größten Qualitäten des Romans liegt in seiner Figurenzeichnung. Sam und Sadie wirken nie wie literarische Konstruktionen, sondern wie Menschen mit Widersprüchen, Fehlern und Hoffnungen. Beide sind hochbegabt, zugleich aber oft unfähig, offen über ihre Gefühle zu sprechen. Gerade diese emotionale Unvollkommenheit macht ihre Beziehung glaubwürdig.
Sam trägt körperliche und seelische Narben mit sich, die sein Leben dauerhaft prägen. Seine Schmerzen beeinflussen nicht nur seinen Alltag, sondern auch seine Beziehungen zu anderen Menschen. Sadie wiederum kämpft mit dem Wunsch, als Entwicklerin ernst genommen zu werden und sich gegen Erwartungen durchzusetzen, die sie aufgrund ihres Geschlechts immer wieder einschränken. Ihre Konflikte entstehen dabei selten durch äußere Gegner. Viel häufiger scheitern beide an Missverständnissen, Stolz oder unausgesprochenen Erwartungen.
Eine besondere Rolle spielt außerdem Marx Watanabe. Er bildet das emotionale Zentrum des Trios und bringt Wärme, Optimismus und Ausgleich in eine Freundschaft, die oft von Spannungen geprägt ist. Seine Präsenz verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe und verhindert, dass die Geschichte ausschließlich um Sam und Sadie kreist.
Videospiele werden zur Sprache der Gefühle
Wer beim Thema Videospiele zunächst an Action oder technische Details denkt, wird von diesem Roman überrascht sein. Gabrielle Zevin interessiert sich kaum für Hardware oder Programmierung. Stattdessen beschreibt sie Spiele als kreative Ausdrucksform. Für ihre Figuren sind sie eine Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, Erinnerungen zu verarbeiten und Welten zu erschaffen, in denen Dinge möglich werden, die im wirklichen Leben unerreichbar bleiben.
Besonders faszinierend ist dabei, wie selbstverständlich Zevin diese Welt erklärt. Auch Leserinnen und Leser ohne Gaming-Erfahrung finden mühelos Zugang zur Handlung, weil der Roman nie voraussetzt, bestimmte Spiele oder Fachbegriffe zu kennen. Die Entwicklung eines Spiels wird vielmehr mit dem Schreiben eines Romans oder der Regie eines Films vergleichbar. Es geht um Ideen, Zusammenarbeit und den schwierigen Prozess, aus einer Vision ein fertiges Werk entstehen zu lassen.
Dadurch gewinnt Morgen, morgen und wieder morgen eine universelle Dimension. Der Roman handelt letztlich von Kreativität selbst – unabhängig davon, ob sie sich in Literatur, Musik, Malerei oder eben Videospielen ausdrückt.
Erfolg verändert Menschen – aber selten so, wie sie erwarten
Ein weiteres zentrales Thema des Romans ist der Erfolg. Viele Geschichten enden dort, wo Träume wahr werden. Gabrielle Zevin beginnt an diesem Punkt erst richtig zu erzählen. Nachdem Sam und Sadie Anerkennung gefunden haben, entstehen neue Konflikte: wirtschaftlicher Druck, öffentliche Erwartungen und die Angst, den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden.
Dabei beschreibt Zevin Erfolg weder als Glück noch als Unglück. Er verändert Beziehungen, verschiebt Machtverhältnisse und macht sichtbar, was zuvor verborgen blieb. Gerade dadurch wirkt der Roman erstaunlich realistisch. Kreativität erscheint nicht als romantische Eingebung, sondern als harte Arbeit, die ebenso von Zweifeln wie von Begeisterung geprägt ist.
Gabrielle Zevins Sprache verbindet Leichtigkeit mit Tiefe
Gabrielle Zevin schreibt klar, elegant und mit feinem Humor. Ihre Sprache wirkt zugänglich, ohne oberflächlich zu sein. Besonders beeindruckend ist ihr Gespür für Dialoge. Viele Gespräche wirken beiläufig und entfalten ihre emotionale Bedeutung erst im Nachhinein. Gleichzeitig gelingt es ihr, auch schwierige Themen wie Trauer, Behinderung oder Einsamkeit mit großer Sensibilität zu behandeln.
Der Roman springt über mehrere Jahrzehnte und wechselt gelegentlich die Erzählperspektive. Trotzdem bleibt die Geschichte jederzeit nachvollziehbar. Zevin vertraut ihren Figuren und verzichtet auf überflüssige Dramatik. Gerade diese erzählerische Ruhe verleiht dem Buch seine besondere Wirkung.
Stärken und Schwächen
Stärken
- Vielschichtige Figuren: Sam und Sadie gehören zu den glaubwürdigsten Protagonisten der aktuellen Gegenwartsliteratur. Ihre Beziehung entwickelt sich organisch und bleibt bis zum Schluss emotional nachvollziehbar.
- Originelles Thema: Videospiele dienen nicht als Kulisse, sondern als kreative Kunstform und Spiegel menschlicher Beziehungen.
- Einfühlsame Sprache: Gabrielle Zevin verbindet Leichtigkeit mit emotionaler Tiefe, ohne jemals kitschig zu werden.
- Ungewöhnliche Erzählweise: Der Roman erzählt über mehrere Jahrzehnte und schafft dabei ein beeindruckendes Gefühl für Zeit und Entwicklung.
Schwächen
- Gemächliches Erzähltempo: Wer einen spannenden Plot mit vielen Wendungen erwartet, könnte die ruhige Erzählweise als zu langsam empfinden.
- Zeitsprünge erfordern Aufmerksamkeit: Durch die großen zeitlichen Sprünge verliert man gelegentlich den Überblick.
- Gaming-Bezüge: Auch wenn kein Vorwissen nötig ist, könnten manche Passagen über Spieleentwicklung Leser weniger interessieren, die mit diesem Thema wenig anfangen können.
Über Gabrielle Zevin
Gabrielle Zevin wurde 1977 in New York geboren und gehört zu den vielseitigsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Sie studierte Englische Literatur an der Harvard University und veröffentlichte zunächst Romane für junge Erwachsene, bevor sie sich zunehmend der literarischen Gegenwartsliteratur widmete. Internationale Bekanntheit erlangte sie unter anderem mit Die Bücherdiebin von Tokio (The Storied Life of A. J. Fikry), einem Roman über Bücher, Verlust und zweite Chancen.
Charakteristisch für Zevins Werk ist ihr Interesse an Menschen, deren Beziehungen sich nur schwer in einfache Kategorien einordnen lassen. Ihre Romane beschäftigen sich mit Freundschaft, Kreativität, Identität und der Frage, wie Geschichten unser Leben prägen. Mit Morgen, morgen und wieder morgen gelang ihr der internationale Durchbruch. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und gilt bereits heute als einer der prägenden Romane der 2020er-Jahre.
Ein Roman über das Leben als unvollendetes Spiel
Morgen, morgen und wieder morgen ist weit mehr als ein Roman über Videospiele. Gabrielle Zevin erzählt von Menschen, die einander über Jahrzehnte begleiten, verletzen und immer wieder neu begegnen. Ihre Figuren suchen nicht nach Perfektion, sondern nach einem Weg, trotz aller Fehler kreativ zu bleiben und Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Gerade diese Offenheit macht den Roman so außergewöhnlich. Zevin verzichtet auf einfache Antworten und zeigt stattdessen, dass das Leben selten nach festen Regeln verläuft. Freundschaften verändern sich, Träume scheitern und Erfolg löst nicht alle Probleme. Doch gerade in diesen Brüchen entstehen die Geschichten, die uns lange begleiten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke dieses Romans. Wie ein gutes Spiel lädt er dazu ein, neue Wege auszuprobieren, Fehler zu machen und dennoch weiterzugehen. Nicht weil jedes Ende glücklich sein muss, sondern weil jeder neue Morgen die Möglichkeit bietet, noch einmal von vorn zu beginnen.