Die Zukunft steht fest. Und sie heißt Faschismus.
Mit diesem Satz ließe sich das Vorwort von Kohei Saitos Am Ende des Fortschritts zusammenfassen. Es ist kein vorsichtiges Herantasten an eine These, sondern eine Setzung. Gleich auf den ersten Seiten erklärt der japanische Philosoph, dass der Klimakollaps begonnen habe, die Welt auf eine dauerhafte Mangelwirtschaft zusteuere und der Faschismus die politische Form dieser Entwicklung werden könne. Der Leser begegnet keinem Gedankenexperiment. Er begegnet einer Diagnose, deren Ergebnis bereits feststeht.
Schon dieser Einstieg verrät viel über die Architektur des Buches.
Der Traum vom Überfluss
Saito eröffnet seine Argumentation nicht mit Karl Marx, sondern mit Elon Musk und Sam Altman. Beide stehen für den technologischen Optimismus des Silicon Valley. Musk entwirft die Vision einer Zukunft, in der künstliche Intelligenz und Automatisierung den Mangel überwinden und Arbeit zur freiwilligen Beschäftigung machen. Altman ergänzt diese Perspektive um den Hinweis, dass zwar viele Güter günstiger werden könnten, knappe Ressourcen wie Land oder Wasser jedoch deutlich teurer würden.
Ausgerechnet dieser Einwand bildet für Saito den Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Nicht der technische Fortschritt interessiert ihn, sondern seine Grenzen. Selbst wenn Maschinen Überfluss erzeugten, blieben natürliche Ressourcen begrenzt. Wasser, Nahrung, Energie und Boden lassen sich nicht beliebig vermehren. Damit verschiebt sich der Blick vom Versprechen technologischer Innovation auf die Frage der Verteilung.
Bereits hier zeigt sich die Grundbewegung des Buches. Fortschritt erscheint nicht als Lösung, sondern als Ablenkung von einem Problem, das tiefer reicht.
Der Mangel als neue Normalität
Im ersten Kapitel beschreibt Saito den Klimawandel nicht mehr als bevorstehende Entwicklung, sondern als eingetretene Realität. Er verweist auf Extremwetterereignisse, steigende Temperaturen und die Gefahr klimatischer Kipppunkte. Die Sprache ist deutlich. Der Klimakollaps habe begonnen, die Menschheit habe – mit einem Zitat des UN-Generalsekretärs António Guterres – »das Tor zur Hölle« geöffnet.
Bemerkenswert ist weniger die Beschreibung der ökologischen Krise als ihre Funktion innerhalb der Argumentation. Aus der Klimakrise wird eine Ressourcenkrise. Aus der Ressourcenkrise entsteht eine Mangelwirtschaft. Und aus dieser Mangelwirtschaft entwickelt Saito die politischen Konflikte der Zukunft.
Der Mangel ist dabei keine vorübergehende Phase. Er bildet den Ausgangspunkt einer neuen historischen Epoche.
Gramsci im Anthropozän
Um diese Entwicklung einzuordnen, greift Saito auf Antonio Gramsci zurück. Dessen berühmter Satz, dass das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren sei, dient ihm als Deutungsrahmen der Gegenwart.
Gramscis Begriff des Interregnums beschreibt eine Zeit, in der vertraute Ordnungen ihre Gültigkeit verlieren, ohne dass bereits neue entstanden wären. In solchen Übergangsphasen treten, so Gramsci, »Krankheitserscheinungen« auf. Für Saito ist der Faschismus eine solche Erscheinung.
Die historische Analogie erfüllt dabei eine doppelte Funktion. Sie verbindet die ökologische Krise mit einer politischen Theorie und verleiht der Gegenwart zugleich eine historische Tiefenschärfe. Der Klimawandel erscheint nicht als isoliertes Umweltproblem, sondern als Auslöser gesellschaftlicher Transformationen.
Die Sprache der Gewissheit
Auffällig ist die Art, wie Saito seine Gedanken entwickelt. Möglichkeiten treten in den Hintergrund. Stattdessen dominiert eine Sprache der Gewissheit.
Immer wieder begegnen Formulierungen, die keinen Zweifel zulassen. Der Klimakollaps hat begonnen. Die Zukunft sieht düster aus. Der Faschismus steht bevor. Solche Sätze strukturieren den Text. Sie erzeugen Dringlichkeit, indem sie den Raum zwischen Diagnose und Schlussfolgerung verkleinern.
Gerade dadurch gewinnt das Buch seine rhetorische Kraft. Gleichzeitig verändert sich die Rolle des Lesers. Er begleitet keine offene Untersuchung, sondern eine Argumentation, deren Richtung von Beginn an festliegt.
Das bedeutet nicht, dass Saitos Überlegungen beliebig wären. Im Gegenteil. Sie bauen konsequent aufeinander auf. Doch gerade diese Konsequenz macht sichtbar, wie eng Diagnose und politischer Ausblick miteinander verbunden sind.
Zwischen Analyse und Erzählung
Saito verbindet naturwissenschaftliche Erkenntnisse, philosophische Bezüge und politische Theorie zu einer großen Erzählung der Gegenwart. Klimawandel, Ressourcenknappheit, wirtschaftliche Ordnung und gesellschaftliche Machtverhältnisse erscheinen als Teile eines einzigen Zusammenhangs.
Diese Verbindung verleiht dem Buch eine ungewöhnliche Geschlossenheit. Gleichzeitig wirft sie Fragen auf. Wo historische Entwicklungen als weitgehend zwangsläufig beschrieben werden, geraten alternative Verläufe leicht aus dem Blick. Die Zukunft erscheint weniger als offener Möglichkeitsraum denn als logische Folge bereits eingetretener Prozesse.
Gerade darin liegt die eigentliche Provokation des Buches. Nicht einzelne Thesen wirken radikal, sondern der Anspruch, aus den gegenwärtigen Krisen einen nahezu eindeutigen historischen Verlauf ableiten zu können.
Ein erster Eindruck
Bereits Vorwort und erstes Kapitel machen deutlich, dass Am Ende des Fortschritts kein versöhnliches Buch werden möchte. Es sucht nicht nach Kompromissen, sondern nach Klarheit. Der Ton ist entschieden, die Argumentation konzentriert und die Diagnose umfassend.
Wer das Buch aufschlägt, begegnet keinem Plädoyer für technologischen Optimismus und auch keiner Fortschrittserzählung. Saito beginnt dort, wo diese Erzählung nach seiner Auffassung endet: bei der Knappheit.
Ob seine weiteren Schlussfolgerungen tragen, wird die Lektüre der folgenden Kapitel zeigen. Schon der Auftakt macht jedoch deutlich, dass dieses Buch weniger eine Debatte eröffnet als einen Deutungsrahmen anbietet, innerhalb dessen sich die Krisen der Gegenwart zu einer zusammenhängenden Geschichte fügen.
Über den Autor
Kohei Saito, Jahrgang 1987, ist Philosoph und Associate Professor an der Universität Tokio. Er promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt er 2018 den Isaac-Deutscher-Preis. Mit Systemsturz gelang ihm ein internationaler Bestseller.
Übersetzung: Gregor Wakounig studierte Japanologie in Wien, Sendai und Tokio. Er lebt als Übersetzer und freier Journalist in Wien.
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