Mehr als siebzig Jahre nach der Veröffentlichung von C. S. Lewis’ „Das Wunder von Narnia“ kommt die Entstehung der berühmten Fantasiewelt erstmals ins Kino. Netflix hat am 13. Oktober 2026 den ersten Trailer zu Greta Gerwigs Neuverfilmung veröffentlicht, die im Februar 2027 in den deutschen Kinos starten soll. Die ersten Bilder führen zurück an den Anfang der siebenbändigen Romanreihe, in eine Zeit, als es weder den berühmten Kleiderschrank noch das Königreich Narnia gab.
Ein alter Kleiderschrank, vier Kinder und ein Königreich, in dem es immer Winter ist, aber niemals Weihnachten wird. Mit diesen Bildern verbinden viele Leser die Chroniken von Narnia, die C. S. Lewis zwischen 1950 und 1956 veröffentlichte und die längst zu den Klassikern der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur gehören. Dass die Geschichten weit mehr erzählen als Abenteuer in einer magischen Welt, erschließt sich häufig erst bei einer späteren Lektüre, wenn hinter sprechenden Tieren, geheimnisvollen Wesen und den Kämpfen zwischen Gut und Böse jene religiösen und philosophischen Fragen sichtbar werden, mit denen sich Lewis zeitlebens beschäftigte.
Nun hat sich Greta Gerwig dieser Romanwelt angenommen. Die Regisseurin, die mit Little Women bereits einen literarischen Klassiker verfilmte und mit Barbie einen weltweiten Kinoerfolg erzielte, beginnt ihre Narnia-Adaption allerdings nicht mit dem berühmten Kleiderschrank, sondern mit Das Wunder von Narnia, jenem Roman, in dem Lewis die Entstehung seiner Fantasiewelt erzählt.
Der erste Trailer ist inzwischen veröffentlicht und lässt erkennen, welche Figuren und Schauplätze Gerwig für ihre Verfilmung aufgegriffen hat. Wie eng sich die fertige Geschichte an Lewis' Vorlage halten wird, bleibt vorerst offen.
Zwei Kinder auf dem Weg in eine andere Welt
Im Trailer begegnen wir Digory und Polly, gespielt von David McKenna und Beatrice Campbell, sowie Digorys Onkel Andrew, den Daniel Craig verkörpert. Andrew beschäftigt sich mit magischen Ringen, die Reisen in andere Welten ermöglichen, und bringt damit Ereignisse in Gang, deren Folgen er selbst kaum überblickt.
Auch Jadis, gespielt von Emma Mackey, ist in den ersten Bildern zu sehen. Leser der Chroniken kennen sie als jene Hexe, die später Narnia beherrschen und das Land in einen scheinbar endlosen Winter zwingen wird.
Die literarische Vorlage führt die beiden Kinder zunächst in den Wald zwischen den Welten, einen eigentümlichen Ort voller Teiche, die jeweils den Zugang zu einer anderen Wirklichkeit eröffnen. Von dort gelangen sie unter anderem in die verlassene Stadt Charn, deren letzte Herrscherin Jadis ihre eigene Welt vernichtet hat, weil sie ihre Macht um keinen Preis aufgeben wollte.
Lewis erzählt diese Vorgeschichte mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Die Kinder nehmen die Existenz anderer Welten zunächst staunend hin, während die Erwachsenen, allen voran Onkel Andrew, aus ihren vermeintlich überlegenen Kenntnissen das Recht ableiten, über andere zu verfügen. Andrew gehört zu jenen Figuren, die Lewis mit besonderer Ironie behandelt: ein Mann, der sich für außergewöhnlich klug hält und gerade deshalb erstaunlich wenig von den Konsequenzen seines Handelns versteht.
Wie viel von dieser Ironie in Gerwigs Film erhalten bleibt, lässt sich anhand des Trailers noch nicht beurteilen.
Am Anfang war ein Lied
Besonders eindrucksvoll ist die Vorstellung, mit der Lewis seine Fantasiewelt entstehen lässt. In völliger Dunkelheit erklingt der Gesang eines Löwen, und während seine Stimme immer mächtiger wird, erscheinen Sterne, Licht breitet sich aus, Landschaften entstehen und schließlich erwachen die ersten Lebewesen.
Aslan, der große Löwe, ist die zentrale Gestalt der Chroniken und zugleich deren deutlichstes christliches Symbol. Seine Rolle reicht von der Erschaffung Narnias bis zu jenem Opfer, das er später in Der König von Narnia auf sich nimmt.
Greta Gerwig hat erklärt, dass sie gerade die Vorstellung eines Löwen, der eine Welt durch seinen Gesang erschafft, schon als Kind faszinierte. Für die Regisseurin war diese Idee einer aus Musik entstehenden Welt offenbar einer der Gründe, weshalb sie Lewis' Geschichte verfilmen wollte.
Der Trailer greift das Motiv einer kosmischen Schöpfung mit Bildern von Sternen, Licht und dem Löwen Aslan auf. Musikalisch begleitet wird er von Led Zeppelins Stairway to Heaven, einem Lied, dessen religiöse und mystische Anspielungen Gerwig nach eigenen Angaben mit den Themen der Geschichte verbindet.
Ob die Musik auch im fertigen Film eine vergleichbare Bedeutung erhält, ist damit noch nicht gesagt. Für den Trailer jedenfalls wurde eine Verbindung gewählt, die durchaus neugierig macht.
Lewis und die religiöse Welt hinter Narnia
C. S. Lewis war Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und christlicher Denker, dessen Beschäftigung mit religiösen Fragen weit über seine Kinderbücher hinausreichte. In den Chroniken von Narnia verband er biblische Vorstellungen mit antiken Mythen, mittelalterlicher Symbolik und Elementen des europäischen Märchens.
Gerade Das Wunder von Narnia zeigt, wie eng diese unterschiedlichen Traditionen miteinander verwoben sind. Der Gesang Aslans erinnert an die biblische Schöpfung durch das Wort, während die Entstehung einer Welt aus Musik zugleich auf ältere mythologische Vorstellungen verweist, in denen Klang, Harmonie und Ordnung untrennbar miteinander verbunden sind.
Bemerkenswert ist dabei, dass Lewis das Böse nicht als ursprünglichen Bestandteil seiner Schöpfung beschreibt. Jadis gelangt von außen in die junge Welt Narnia, und es sind Menschen, deren Neugier, Eitelkeit und mangelndes Verantwortungsbewusstsein ihr diesen Weg eröffnen.
Damit berührt der Roman eine Frage, die Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten beschäftigt: Wie lässt sich die Existenz des Bösen mit der Vorstellung einer ursprünglich guten Schöpfung vereinbaren?
Lewis verhandelt dieses Problem nicht in abstrakten Überlegungen, sondern lässt zwei Kinder erleben, wie leicht eine scheinbar unbedeutende Entscheidung Folgen haben kann, die niemand mehr rückgängig machen kann.
Ein neuer Film und sieben Bücher
Mit Das Wunder von Narnia hat Greta Gerwig einen Roman gewählt, der innerhalb der erzählten Chronologie am Anfang steht, obwohl Lewis ihn erst 1955 und damit als sechsten Band seiner Reihe veröffentlichte. Die Entscheidung bietet die Möglichkeit, Narnia von seinem Ursprung her kennenzulernen, bevor die Ereignisse einsetzen, die viele Leser aus Der König von Narnia kennen.
Auf Lesering haben wir bereits alle sieben Romane besprochen, darunter Das Wunder von Narnia, Der König von Narnia, Die Reise auf der Morgenröte und Der letzte Kampf, mit dem Lewis seine Fantasiewelt schließlich zu einem Ende führt, das ebenso stark von religiösen Vorstellungen geprägt ist wie ihr Anfang.
Der neue Film soll am 11. Februar 2027 in den deutschen Kinos starten und ab dem 2. April auf Netflix verfügbar sein. Zum Ensemble gehören neben den beiden jungen Hauptdarstellern unter anderem Daniel Craig, Emma Mackey, Carey Mulligan und Meryl Streep, die Aslan ihre Stimme leiht.
Was der erste Trailer bislang zeigt, ist vor allem die Absicht, Lewis' Schöpfungsgeschichte mit den Möglichkeiten des modernen Fantasykinos zu erzählen. Ob Gerwig dabei auch jenen eigentümlichen Ton trifft, mit dem Lewis kindliche Neugier, religiöse Vorstellungen und ziemlich ernste Fragen über menschliches Handeln miteinander verband, wird erst der fertige Film zeigen.
Bis dahin gibt es immerhin sieben Bücher, in denen man nachlesen kann, wie alles begann. Und weshalb ein singender Löwe bis heute mehr zu erzählen hat, als man zunächst vermuten würde.
Offizieller Trailer: Netflix – Narnia: The Magician’s Nephew
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