Aschenputtel, Frau Holle, Schneeweißchen und Rosenrot – es sind Geschichten, die wir seit unserer Kindheit kennen, deren Bilder sich irgendwo zwischen Erinnerung und Vergessen eingerichtet haben und die mit den ersten dunklen Herbstabenden eine erstaunliche Lebendigkeit zurückgewinnen. Vielleicht, weil wir mit ihnen aufgewachsen sind. Vielleicht aber auch, weil wir erst als Erwachsene verstehen, was uns damals eigentlich erzählt wurde.
Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in der die Nachmittage unmerklich kürzer werden, die Bäume ihre Blätter verlieren und man irgendwann feststellt, dass es draußen bereits dunkel ist, obwohl der Tag doch eben erst begonnen zu haben scheint. Die Fenster spiegeln nun häufiger das eigene Wohnzimmer als die Welt dahinter, und irgendwo zwischen dem ersten heißen Tee, einer Decke und dem vertrauten Geräusch des Regens erwacht die Lust auf jene Geschichten, die schon unsere Großeltern kannten und die wir längst zu kennen glauben.
Aschenputtel, Frau Holle, Schneeweißchen und Rosenrot. Schon die Namen genügen, und wir sehen die Bilder vor uns. Das Mädchen am Herd, dessen Hände vom Sortieren der Linsen müde geworden sind, die alte Frau, die ihre Betten ausschüttelt und damit den Schnee auf die Erde bringt, die beiden Schwestern, die an einem Winterabend einem großen Bären die Tür öffnen.
Wie merkwürdig doch unser Gedächtnis arbeitet. Wir vergessen Gespräche, die wir erst gestern geführt haben, suchen nach Namen und verlegen unsere Schlüssel, aber die Geschichten, die uns vor Jahrzehnten vorgelesen wurden, liegen irgendwo wohlgeordnet in uns und warten offenbar nur auf den richtigen Augenblick, um wieder hervorzutreten.
Und dann sitzen wir vielleicht selbst mit einem Märchenbuch in der Hand, während neben uns ein Kind darauf wartet, dass wir endlich weiterlesen. Wir kennen den Ausgang, wissen, wer belohnt und wer bestraft wird, und stellen dennoch fest, dass diese Geschichten inzwischen eine andere geworden sind. Nicht weil sich ihr Inhalt verändert hätte, sondern weil wir selbst nicht mehr dieselben sind.
Aschenputtel – von der Hoffnung, dass Unrecht nicht das letzte Wort behält
Nehmen wir Aschenputtel. Ein Mädchen, das seine Mutter verliert, im eigenen Elternhaus zur Dienstmagd wird und dessen Vater dem Treiben seiner neuen Frau und deren Töchtern wenig entgegensetzt. Die Stiefschwestern dürfen schöne Kleider tragen, Feste besuchen und sich auf eine Zukunft freuen, während Aschenputtel in der Asche sitzt und Linsen sortiert.
Als Kinder haben wir mit ihr gelitten und uns auf jenen Augenblick gefreut, in dem der Prinz endlich erkennt, wem der verlorene Schuh gehört. Dass sich die Stiefschwestern zuvor Zehen und Fersen abschneiden, um in diesen Schuh zu passen, war in der Grimm'schen Fassung eine Grausamkeit, über die man beim Vorlesen vermutlich lieber etwas schneller hinwegging.
Heute erscheint uns manches daran in einem anderen Licht.
Denn Aschenputtel ist keineswegs nur die Geschichte eines armen Mädchens, das durch die Heirat mit einem Prinzen zu Glück und Wohlstand gelangt. Es ist ebenso die Geschichte einer Familie, in der Macht missbraucht wird, in der Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist und in der ein Vater seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Die Demütigungen sind alltäglich, beinahe beiläufig, und gerade darin liegt ihre eigentliche Härte.
Dass ausgerechnet ein Schuh die Wahrheit ans Licht bringt, besitzt eine schöne Ironie. All die kostbaren Kleider, die gesellschaftlichen Unterschiede und die sorgfältig inszenierte Überlegenheit der Stiefschwestern verlieren ihre Bedeutung gegenüber einem Gegenstand, der sich nun einmal nicht beliebig anpassen lässt.
Freilich hilft das Märchen der Gerechtigkeit am Ende kräftig nach. Die bösen Schwestern werden bestraft, Aschenputtel erhält ihren Prinzen und die Welt ist wieder in Ordnung.
Wie bequem wäre es doch, wenn das wirkliche Leben ähnlich zuverlässig funktionierte.
Aber vielleicht liegt genau darin der Trost dieser alten Geschichte. Nicht in der Vorstellung, dass irgendwann ein Prinz erscheinen müsse, sondern in der Hoffnung, dass ein Mensch mehr ist als das, was andere aus ihm zu machen versuchen.
Frau Holle – wenn der Himmel noch wusste, wer Gold verdient
Bei Frau Holle ist die Sache zunächst noch übersichtlicher. Ein fleißiges Mädchen wird von seiner Stiefmutter schlecht behandelt, springt schließlich in einen Brunnen und gelangt in eine wundersame Welt, in der Brot sprechen kann, Äpfel darum bitten, gepflückt zu werden, und eine alte Frau mit großen Zähnen darüber entscheidet, ob es auf der Erde schneit.
Was für eine wunderbare Vorstellung, dass irgendwo über unseren Köpfen eine Frau ihre Betten ausschüttelt und wir deshalb im Winter die Schneeflocken tanzen sehen. Keine Wetterkarte, keine Kaltfront und keine komplizierte Erklärung atmosphärischer Vorgänge vermag diesem Bild seine eigentümliche Schönheit zu nehmen.
Natürlich wissen wir längst, wie Schnee entsteht. Aber das Wissen um die physikalischen Zusammenhänge macht die Vorstellung von Frau Holles Federbett nicht weniger reizvoll.
Auch hier geht es um Gerechtigkeit, allerdings um eine, die sich an Fleiß und Pflichterfüllung orientiert. Die eine Tochter arbeitet, hilft und wird mit Gold überschüttet, während die andere denselben Lohn erwartet, ohne sich dafür sonderlich anstrengen zu wollen, und schließlich mit Pech nach Hause zurückkehrt.
Als Kinder haben wir diese Ordnung ohne größere Einwände akzeptiert. Wer fleißig ist, wird belohnt, wer faul ist, bekommt eben Pech. So einfach konnte die Welt sein.
Erst später fällt auf, dass die fleißige Tochter bereits vor ihrer Begegnung mit Frau Holle unermüdlich gearbeitet hat, ohne dass ihr daraus irgendein Vorteil erwachsen wäre. Im Gegenteil, gerade ihre Bereitschaft, alle Aufgaben zu erfüllen, macht sie zur willkommenen Arbeitskraft einer Stiefmutter, die offenbar wenig Neigung verspürt, selbst Hand anzulegen.
Das Gold bekommt das Mädchen erst in einer Welt, die außerhalb der menschlichen Wirklichkeit liegt.
Man könnte darin eine recht ernüchternde Beobachtung über die Verteilung von Arbeit und Anerkennung entdecken. Die Brüder Grimm haben uns jedenfalls keine Geschichte hinterlassen, in der sich die irdischen Verhältnisse ganz von allein zum Guten wenden.
Und doch bleibt von Frau Holle vor allem jenes Bild der fallenden Federn, die sich in Schnee verwandeln. Vielleicht, weil wir als Kinder noch nicht wissen mussten, wie ungerecht die Welt sein kann, und als Erwachsene gelegentlich froh wären, wenn jemand da oben ein wenig Ordnung in die Dinge brächte.
Schneeweißchen und Rosenrot – vom Bären, der eigentlich nur ins Warme wollte
Ein wenig anders verhält es sich mit Schneeweißchen und Rosenrot, einem Märchen, das schon in seinen ersten Bildern eine Wärme besitzt, die man beinahe körperlich spüren kann.
Da leben zwei Schwestern mit ihrer Mutter in einem kleinen Haus, vor dem ein weißes und ein rotes Rosenbäumchen wachsen. Die Mädchen sind unterschiedlich im Wesen, aber innig miteinander verbunden, und ihre Welt scheint zunächst von einer Selbstverständlichkeit getragen, die wir aus den anderen Märchen kaum kennen: Hier müssen sich die Kinder ihre Zuneigung nicht verdienen, niemand wird benachteiligt, und die Mutter begegnet ihren Töchtern mit Liebe.
Dann steht eines Winterabends ein großer Bär vor der Tür.
Man stelle sich das einmal vor. Draußen ist es kalt, das Feuer brennt im Ofen, und plötzlich begehrt ein Bär Einlass, weil er sich aufwärmen möchte. Die Mutter lässt ihn herein, die Mädchen verlieren bald ihre Furcht und spielen mit dem mächtigen Tier, als gehöre es schon immer zur Familie.
In dieser Szene liegt etwas, das weit über die spätere Enthüllung hinausgeht, dass der Bär in Wahrheit ein verwunschener Prinz ist. Es ist die Vorstellung eines Zuhauses, dessen Wärme nicht an der eigenen Tür endet und in dem sogar das Fremde seinen Schrecken verlieren darf.
Natürlich begegnen die Schwestern auch dem boshaften Zwerg, der ihnen trotz wiederholter Hilfe mit Undankbarkeit antwortet. Es wäre schließlich kein Grimm'sches Märchen, wenn die menschlichen Schwächen nicht irgendwo ihren Auftritt hätten.
Und gerade dieser Zwerg ist eine bemerkenswerte Figur. Er wird aus misslichen Lagen befreit, erhält Hilfe, die er weder verdient noch besonders freundlich erbeten hat, und reagiert dennoch mit Beschimpfungen. Offenbar war die Erkenntnis, dass Hilfsbereitschaft nicht zwangsläufig Dankbarkeit hervorbringt, bereits lange vor unserer Zeit bekannt.
Die beiden Schwestern lassen sich davon allerdings nicht beirren.
Vielleicht ist das der schönste Gedanke dieses Märchens. Dass man nicht erst die Gewissheit braucht, für seine Güte belohnt zu werden, um freundlich zu handeln.
Die Märchen unserer Kindheit waren nie ganz so unschuldig
Wenn wir heute die alten Märchenbücher wieder hervorholen, begegnen uns allerdings nicht immer jene Geschichten, die wir aus den Verfilmungen in Erinnerung behalten haben.
Die Brüder Grimm sammelten und bearbeiteten ihre Märchen, deren erster Band 1812 erschien, und veränderten im Laufe der verschiedenen Ausgaben manches an Sprache, Figuren und Handlung. Was uns heute als ursprüngliche Fassung gilt, ist deshalb selbst bereits Teil einer langen Geschichte des Erzählens und Weitererzählens.
Auch das Kino und das Fernsehen haben ihre eigenen Märchenwelten geschaffen. Besonders deutlich wird das bei Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, jener tschechoslowakisch-ostdeutschen Verfilmung von 1973, die für viele Menschen längst ebenso selbstverständlich zur Winterzeit gehört wie der erste Schnee.
Dieses Aschenbrödel wartet nicht einfach darauf, entdeckt und erlöst zu werden. Es reitet, schießt mit der Armbrust und begegnet seinem Prinzen mit einem Selbstbewusstsein, das der vertrauten Geschichte eine ganz eigene Lebendigkeit verleiht. Dass der Film bis heute immer wieder gesehen wird, obwohl sein Ausgang niemanden mehr überraschen dürfte, sagt einiges darüber aus, wie tief sich solche Erzählungen in unsere Erinnerung eingeschrieben haben.
Vielleicht braucht jede Generation ihre eigene Vorstellung von Aschenputtel, Frau Holle und den beiden Schwestern mit dem Bären. Die Bilder verändern sich, die Sprache wird gelegentlich behutsamer, und manches, was früher ohne Widerspruch erzählt wurde, erscheint uns heute erklärungsbedürftig.
Nur die großen Fragen, die hinter diesen Geschichten stehen, haben erstaunlich wenig von ihrer Bedeutung verloren.
Warum wird der eine Mensch geliebt und der andere gedemütigt? Weshalb fällt es manchen so leicht, anderen Unrecht zuzufügen? Was bedeutet Gerechtigkeit, wenn diejenigen, die sie herstellen könnten, lieber wegsehen? Und warum vertrauen wir darauf, dass sich Güte irgendwann auszahlen müsse, obwohl uns das Leben dafür keineswegs immer überzeugende Beweise liefert?
Die Märchen geben darauf Antworten, die uns mitunter zu einfach erscheinen mögen. Aber sie haben immerhin den Mut, diese Fragen überhaupt zu stellen.
Ein Märchenbuch ist auch ein Stück gelebter Zeit
Vielleicht sollten wir uns gelegentlich daran erinnern, dass Märchen lange bevor sie zwischen Buchdeckeln verschwanden oder auf Kinoleinwänden erschienen, vor allem erzählt wurden. Von Menschen, die zusammensaßen, während draußen die Arbeit des Tages ruhte und das Licht gerade weit genug reichte, um einander ins Gesicht zu sehen.
Die Geschichten wanderten von einer Generation zur nächsten, veränderten sich mit ihren Erzählern und bewahrten dabei Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen, die offenbar so allgemein menschlich sind, dass sie auch nach Jahrhunderten noch verstanden werden.
Wenn wir heute unseren Kindern oder Enkelkindern vorlesen, setzen wir diese Tradition fort, auch wenn inzwischen elektrische Lampen brennen, die Heizung zuverlässig arbeitet und das Märchenbuch vielleicht längst auf einem Bildschirm erscheint.
Und manchmal geschieht dabei etwas Merkwürdiges. Während wir lesen, hören wir plötzlich wieder die Stimme eines Menschen, der uns dieselbe Geschichte vor vielen Jahren erzählt hat. Vielleicht erinnern wir uns an eine bestimmte Betonung, an das Rascheln der Buchseiten oder an die Ungeduld, mit der wir damals auf die nächste Wendung gewartet haben.
Es sind keine großen Erinnerungen, jedenfalls keine, die gewöhnlich Eingang in Familienchroniken finden. Aber sie gehören zu jenen unscheinbaren Dingen, aus denen sich unser Gefühl von Herkunft zusammensetzt.
Die alten Märchen verbinden uns auf diese Weise nicht nur mit einer weit zurückliegenden literarischen Überlieferung, sondern auch mit Menschen, die uns einmal nahe waren, mit Zimmern, in denen wir gesessen haben, und mit einer Zeit, in der wir die Welt noch nicht erklären mussten, um sie verstehen zu wollen.
Nun werden die Tage wieder kürzer, und vielleicht steht irgendwo im Regal noch das alte Märchenbuch, dessen Einband ein wenig abgegriffen ist und dessen Seiten längst nicht mehr ganz gerade liegen. Vielleicht läuft am Wochenende auch eine jener Verfilmungen, bei denen wir schon nach den ersten Bildern wissen, was als Nächstes geschehen wird.
Es spricht nichts dagegen, sich noch einmal darauf einzulassen.
Und wenn Frau Holle in diesem Winter ihre Betten ausschüttelt, werden wir natürlich wissen, dass der Schnee aus den Wolken kommt. Aber vielleicht denken wir trotzdem für einen Augenblick an die alte Frau mit den großen Zähnen, die irgendwo über unseren Köpfen für ein wenig Winterzauber sorgt.
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