Hildebrandslied, Gutenberg-Bibel und Willehalm-Kodex: Kassels Bibliothek öffnet ihre Schatzkammer

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Zwei Pergamentblätter, mehr als tausend Jahre alt, erzählen von einem Vater und seinem Sohn, die einander im Kampf gegenüberstehen. Das Hildebrandslied gehört zu den ältesten Zeugnissen deutscher Dichtung und ist nun erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder öffentlich zu sehen. Mit der vollständigen Wiedereröffnung der Murhardschen Bibliothek in Kassel kehren auch die Immenhäuser Gutenberg-Bibel und der Willehalm-Kodex an einen Ort zurück, der einige der bedeutendsten Zeugnisse deutscher Literatur- und Buchgeschichte bewahrt.

Erstes Blatt des Hildebrandsliedes Erstes Blatt des Hildebrandsliedes gemeinfrei wikipedia

Manchmal hängt das Überleben einer Geschichte an erstaunlich wenig Material. Im Fall des Hildebrandsliedes sind es gerade einmal zwei Pergamentblätter, auf denen im 9. Jahrhundert ein germanisches Heldengedicht niedergeschrieben wurde. Erzählt wird die Begegnung zwischen Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand, die einander nach langer Trennung als Gegner gegenüberstehen. Der Vater erkennt seinen Sohn, doch dieser glaubt ihm nicht. Was folgt, ist ein Konflikt zwischen familiärer Bindung, kriegerischer Ehre und einer Vergangenheit, die sich nicht mehr aufklären lässt.

Wie die Geschichte endet, wissen wir nicht. Der überlieferte Text bricht ab. Gerade dieses Fragment gehört heute zu den kostbarsten Beständen der Universitätsbibliothek Kassel.

Am 24. Oktober 2026, dem bundesweiten Tag der Bibliotheken, öffnet die Murhardsche Bibliothek nach umfassender Sanierung und Erweiterung wieder vollständig ihre Türen. Seit 2012 waren ihre wertvollsten historischen Bestände ausgelagert. Nun werden sie in einer eigens eingerichteten, 210 Quadratmeter großen Schatzkammer präsentiert.

Von mittelalterlichen Handschriften bis zu Gutenberg

Neben dem Hildebrandslied gehören die Immenhäuser Gutenberg-Bibel und der Willehalm-Kodex aus dem 14. Jahrhundert zu den herausragenden Exponaten der Ausstellung „Schätze aus Pergament und Papier“.

Der Willehalm-Kodex führt in die Welt der mittelalterlichen höfischen Literatur. Die Gutenberg-Bibel steht dagegen für einen der folgenreichsten technischen Umbrüche der europäischen Kulturgeschichte: den Buchdruck mit beweglichen Metalllettern, der die Herstellung und Verbreitung von Texten grundlegend veränderte.

Damit begegnen Besucherinnen und Besucher in einer einzigen Ausstellung ganz unterschiedlichen Epochen der Schriftkultur. Vom handgeschriebenen Heldengedicht über die aufwendig gestaltete mittelalterliche Buchhandschrift bis zum frühen Buchdruck lässt sich nachvollziehen, wie Literatur überliefert wurde, lange bevor Bücher zu selbstverständlichen Alltagsgegenständen wurden.

Eine Bibliothek aus dem Vermächtnis zweier Brüder

Die Murhardsche Bibliothek verdankt ihre Entstehung den Kasseler Brüdern Friedrich und Karl Murhard, die 1845 testamentarisch verfügten, ihr Vermögen für die Gründung einer wissenschaftlichen Bürgerbibliothek einzusetzen. Bildung und wissenschaftliche Literatur sollten damit auch außerhalb eines ausschließlich akademischen Umfelds zugänglich werden.

Das 1905 eröffnete Gebäude gehört heute zur Universitätsbibliothek Kassel. Seit 2017 wurde es in mehreren Bauabschnitten saniert und um einen Neubau erweitert. Während erste Bereiche bereits 2024 wieder genutzt werden konnten, sind nun auch der Mittelbau und der Südflügel fertiggestellt.

Rund 17,9 Millionen Euro investierte das Land Hessen in das Projekt. Neben der Schatzkammer entstanden moderne Magazine, ein heller Lesesaal, ein Sonderlesesaal und Schulungsräume. Auch der historische Eulensaal, der künftig wieder für Lesungen und Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen genutzt werden kann, ist zurück.

Insgesamt bietet die Bibliothek nun Platz für rund 700.000 Medien.

Geschichte, die sich wieder besichtigen lässt

Für die Präsentation des Hildebrandsliedes wurde eine besondere Vitrine angefertigt, die den konservatorischen Anforderungen der empfindlichen Pergamentblätter gerecht wird. Denn so selbstverständlich historische Texte heute digital betrachtet werden können, so selten ist die Gelegenheit, ihren materiellen Ursprung tatsächlich vor Augen zu haben.

Die Ausstellung „Schätze aus Pergament und Papier“ eröffnet dazu nun wieder die Möglichkeit. Geplant sind außerdem regelmäßige Ausstellungen, Lesungen und kulturelle Veranstaltungen, mit denen die Murhardsche Bibliothek ihre historischen Sammlungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen will.

Wer sich für die Anfänge deutscher Literatur interessiert, findet in Kassel damit nicht nur ein außergewöhnliches Original, sondern gleich mehrere Zeugnisse aus einer Zeit, in der das Schreiben, Abschreiben und Bewahren von Büchern noch eine Kunst für sich war.

Und wer vor den beiden Pergamentblättern des Hildebrandsliedes steht, begegnet einer Geschichte, die seit mehr als tausend Jahren auf ihre Fortsetzung wartet.

Quelle: Mitteilung zur vollständigen Wiedereröffnung der Murhardschen Bibliothek, Universität Kassel und Land Hessen

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